Tighter geht’s nicht: Lizard King Oktave Fuzz ohne Latenz und mit abgedrehtem Charme
Als Electro-Harmonix 2023 gemeinsam mit Josh Scott von JHS Pedals das Lizard Queen Octave Fuzz präsentierte, war schnell klar, dass es sich nicht um eine gewöhnliche Neuauflage eines Vintage-Klassikers handelte. Interessant wurde es allerdings erst, als Bassist Nate Navarro – bekannt für seine technisch anspruchsvollen YouTube-Demos – das ursprünglich für Gitarre gedachte Lizard Queen am E-Bass einsetzte.
In seinen Videos zeigte sich, dass hinter der scheinbar unkontrollierbaren Oktav-Fuzz-Struktur ein enormes klangliches Potenzial steckt – vorausgesetzt, man mischt ein sauberes Signal hinzu. Genau hier setzte Electro-Harmonix an: Aus der experimentellen Gitarrenschaltung wurde mit gezielten Anpassungen der Lizard King – ein auf Bass optimiertes Oktav-Fuzz mit integriertem Blend-Regler.

Doch wer beim Lizard King nun einen klassischen Bass-Octaver mit zusätzlicher Zerre erwartet, liegt falsch. Dieses Pedal funktioniert grundlegend anders – technisch, klanglich und im Spielgefühl.
Neben vielen weiteren Vertretern aus der Octaver/Harmonizer/Pitch-Shifter-Fraktion gibt es einige interessante Effektpedale, die mal mehr und mal weniger zuverlässig für zusätzliche Ober- und Untertöne sorgen. Klassiker wie das Whammy von Digitech oder das Boss OC-5 sind die erste Adresse, an die man sich wenden sollte, um zuverlässige Octave-Sounds zu bekommen.
Auch moderne Vertreter wie das Pitch Fork von EHX oder der Boss Poly Shifter (XS-1 & XS-100) ermöglichen saubere, getrackte Obertöne und Sub-Oktaven.
Diese Effekte sind preislich in der oberen Kategorie ab ca. 150 € (und weit darüber hinaus) angesiedelt, was ihre Zuverlässigkeit rechtfertigt. Aus eigener Erfahrung habe ich mit günstigen Octavern und Pitch Shiftern selten latenzfreie Ergebnisse erzielt. Auch wenn analoge Octaver in der Regel besser funktionieren, sollte bei diesen Effekten nicht gespart werden. Genau hier setzt das Lizard King an: Mit einem aktuellen Preis von ca. 125 € ankert sich das Octave-Fuzz-Pedal genau zwischen hochwertigen Boutique-Octavern und günstigen Alternativen ein.
Kein klassischer Octaver, sondern Oberton-Architekt
Der entscheidende Unterschied zu herkömmlichen analogen Bass-Octavern liegt in der Art, wie die Oktave erzeugt wird. Klassische Sub-Octaver – etwa nach dem Vorbild alter Frequency-Divider-Schaltungen – erkennen die eingehende Grundfrequenz, halbieren diese elektronisch und erzeugen daraus eine synthetische Sub-Oktave.

Solche Systeme benötigen Zeit, um die Tonhöhe zu erfassen, reagieren empfindlich auf Obertöne und können insbesondere bei tiefen Tönen oder komplexem Spiel unsauber tracken. Das bekannte „Glitchen“ günstiger Octaver ist genau diesem Prinzip geschuldet, während gerade bei günstigen Vertretern ein unnatürlicher Synth-Bass-Sound entsteht.
Der Lizard King hingegen besitzt keinen Frequency Divider und keine Tonhöhenerkennung im klassischen Sinne. Die Oktave entsteht hier als Produkt der Verzerrung selbst – genauer gesagt durch nichtlineare Clipping-Prozesse und Obertonerzeugung innerhalb der Fuzz-Schaltung. Es handelt sich also nicht um eine separat berechnete Oktavstimme, sondern um eine harmonische Struktur, die aus der Sättigung hervorgeht.
Das hat zwei unmittelbare Konsequenzen:
Erstens gibt es keine trackingbedingte Latenz oder synthetische Sub-Oktave. Zweitens verhält sich die Oktavstruktur extrem dynamisch – sie reagiert direkt auf Anschlagstärke, Spielposition und Interaktion mit dem Volume-Poti des Instruments. Gerade dieser Punkt macht das Pedal klanglich so spannend.
Kompression, Gating und dynamischer Fuzz
Was beim ersten Anspielen sofort auffällt, ist die ausgeprägte interne Kompression. Der Lizard King arbeitet mit festem Gain – es gibt keinen separaten Drive- oder Gain-Regler. Die Verzerrungsintensität ist konstruktiv definiert und kann lediglich über das Instrumenten-Volume beeinflusst werden. Diese Architektur sorgt für eine starke Sättigung mit begrenztem Headroom.
Je härter man anschlägt, desto deutlicher wird das Signal komprimiert. Transienten werden nicht einfach nur verzerrt, sondern regelrecht „eingefangen“. Je nach Einstellung und Spielweise entsteht dabei ein gated wirkendes Verhalten: Noten brechen kontrolliert ab, Obertöne kollabieren in sich, Sustain blüht hinter dem Clean-Signal auf. Dieses Verhalten ist kein klassisches Noise-Gate, sondern das Resultat harter Clipping-Dynamik. Dadurch entsteht ein fetter, nasty Bass-Fuzz-Sound, der wunderbar für Punk, Hardcore und sämtliche Metal-Genres funktioniert.
Der Blend-Regler als Allzweck-Kontrolle
Im Zusammenspiel mit dem Blend-Regler ergibt sich daraus eine bemerkenswerte Interaktivität. Der Fuzz kann nahezu komplett hinter dem Clean-Signal versteckt werden oder dominant darüberliegen, während das saubere Fundament Definition und Low-End-Stabilität liefert. Gerade auf Bass ist dieser Blend-Regler kein Luxus, sondern essenziell. Die richtigen Sweet-Spots müssen zwar individuell für jedes Setup gefunden werden, jedoch kann ein zusätzliches Gate hier noch sauberere Ergebnisse erzielen. Wer viel Wert auf einen dreckigen Bass-Fuzz hat und gleichzeitig auf präziseste Tightness setzt, der findet im Lizard King einen der besten Kollegen seiner Art.

Shadow vs. Sun
Ein weiterer zentraler Bestandteil der Schaltung ist der Shadow/Sun-Schalter. Anders als man zunächst vermuten könnte, beeinflusst er nicht ausschließlich den Fuzz-Anteil. Vielmehr werden Clean- und Fuzz-Signal gleichzeitig charakterlich verändert.
Im Shadow-Modus bleibt die Struktur natürlicher. Der Clean-Anteil wirkt unverändert, der Fuzz erscheint runder, organischer und etwas kontrollierter. Das Klangbild bleibt näher am Instrument, eignet sich hervorragend für tragfähige, aber dennoch differenzierte Sounds.
Im Sun-Modus verschiebt sich das Frequenzbild deutlich. Der Fuzz erhält einen ausgeprägten Mitten-Fokus, während das Clean-Signal in den Mitten leicht gescoopt und in Bässen sowie Höhen betont wird. Das Resultat ist aggressiver, präsenter und durchsetzungsstärker, allerdings auch ungestümer. Hier können Transienten regelrecht explodieren, bevor die interne Kompression sie wieder einfängt. Genau dieser Grenzbereich zwischen Kontrolle und Kontrollverlust macht den Reiz am Pedal aus.
Praxis: Ampeg Micro-Stack, Amp-Modeler und unterschiedliche Setups
Besonders interessant zeigte sich der Lizard King im Zusammenspiel mit einem Ampeg Micro VR Topteil und einer 2×10”-Box (SVT-210AV). Bereits moderate Blend- und Octave-Einstellungen reichten aus, um einen massiven, dichten Ton zu erzeugen. Der mittige Charakter des kleinen Ampeg-Stacks harmoniert hervorragend mit der komprimierten Obertonstruktur des Pedals. Im Shadow-Modus bleibt die Bassgrundlage natürlich und tragfähig, während der Sun-Modus mit deutlichem Mid-Push für Solo- oder Lead-Momente sorgt.

Auch über Modeling-Systeme – etwa dem Darkglass Anagram, Quad Cortex oder kompaktere Multieffektprozessoren – funktioniert das Pedal erstaunlich gut. Da die Oktavstruktur nicht auf synthetischer Tonerkennung basiert, sondern aus harmonischer Verzerrung entsteht, bleibt das Spielgefühl direkt und natürlich.
Selbst über kleinere Combos oder Modeling-Amps mit begrenztem Speaker-Volumen bleibt die Dynamik erhalten. Die starke interne Kompression sorgt dafür, dass der Sound auch bei geringerer Lautstärke präsent und dicht wirkt.
Interaktive Architektur statt „einfacher Fuzz“
Wichtig zu verstehen ist, dass beim Lizard King alle Regler miteinander interagieren. Es existiert keine isolierte Fuzz-Kontrolle. Octave, Blend, Tone und Shadow/Sun beeinflussen sich gegenseitig. Kleine Bewegungen am Octave-Regler verändern nicht nur die Oktavintensität, sondern auch die wahrgenommene Kompression.
Der Tone-Regler wirkt wie ein Low-Pass-Filter auf die Verzerrungsstruktur und verändert gleichzeitig die Wahrnehmung der Oktavanteile. Man sucht hier keine lineare Einstellung – man sucht die richtigen Sweet Spots.
Und genau darin liegt die Stärke des Pedals: Es ist kein neutraler Klangformer, sondern ein Charaktergerät. Es belohnt dynamisches Spiel, reagiert sensibel auf Anschlagsstärke und lässt sich über das Volume-Poti des Instruments zusätzlich feinfühlig kontrollieren. Mit aktiven Bässen wirkte es so, als würde die Preamp-EQ-Kontrolle einiges an Dynamik fressen. Ein klassischer passiver Preci jedoch behielt seinen fetten Charakter bei.
Fazit:
Der Electro-Harmonix Lizard King ist kein klassischer Octaver, kein typischer Fuzz und schon gar kein „Einstecken-und-fertig“-Effekt. Er verfolgt eine eigene Logik. Die Oktave entsteht nicht durch Tonhöhenerkennung oder Frequency-Divider-Technik, sondern aus der Verzerrung selbst – und genau dadurch bleibt das Spielgefühl unmittelbar, tight und frei von Latenz.
Die starke interne Kompression sorgt für enorme Durchsetzungskraft, verlangt aber gleichzeitig ein bewusstes, dynamisches Spiel. Wer hier nur nach einem subtilen Anzerren sucht, wird nicht glücklich. Wer jedoch einen kompromisslosen, komprimierten Oktav-Fuzz mit klarer Bass-Definition und erstaunlicher Interaktivität sucht, findet im Lizard King ein eigenständiges Werkzeug mit Charakter.
Besonders im Mix mit anderen Audioquellen überzeugt das Zusammenspiel aus Blend-Regler und Shadow/Sun-Schaltung. Zwischen natürlicher Struktur und aggressivem Mitten-Push lässt sich das Pedal gezielt anpassen – vorausgesetzt, man nimmt sich die Zeit, die richtigen Sweet Spots zu finden.
Kurz gesagt: Der Lizard King ist kein Effekt für Minimalisten. Er ist ein Charakterpedal für Spieler, die Dynamik, Kompression und kontrolliertes Chaos als Stilmittel einsetzen wollen.
Pro
- Sehr tightes, komprimiertes Octave Fuzz mit tollem Spielgefühl und fairem Preis-Leistungs-Verhältnis
- Keine trackingbedingte Latenz
- Blend-Regler macht das Pedal optimal für den Einsatz am E-Bass
- Shadow/Sun-Schalter erweitert den Klangbereich sinnvoll
Contra
- Kein separater Gain-Regler
- Erfordert Zeit, um Sweet Spots zu finden
- Regler beeinflussen sich stark gegenseitig, kann im Sun-Modus schnell ungestüm wirken
- Mit aktiven Bässen weniger dynamisch
Link zur Herstellerseite: Electro Harmonix Lizard King

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Fotos: Electro Harmonix
