Nach geschlagenen acht Jahren meldet sich Ben Poole mit einem neuen Studioalbum zurück und rückt darauf hörbar vom klassischen Bluesrock ab. Über vier bis fünf Jahre entstanden die Songs auf ‚Post-Midnight Behaviour‘ (VÖ: 25.09.26) gemeinsam mit seiner Band und Oli Brown; im Studio trafen reale Verstärker und Gitarren auf Boxensimulationen und einzelne Plug-ins. Im Gespräch erzählt der im südenglischen Brighton ansässige Gitarrist außerdem von improvisierten Soli, seinem alten Orange Dual Terror, einem seltenen Mosrite Fuzzrite und der Tour, die ihn im Herbst auch nach Deutschland führt.
Interview
Post-Midnight Behaviour
„Die Leute wollen definitiv die Gitarre hören“
Ben, dein neues Album klingt weniger blues-rockig und dadurch fast mainstreamiger als deine früheren Sachen…
Ja, das würde ich auch sagen. Es ist definitiv ein Aufbruch in eine andere Richtung und passt nicht genau in diesen klischeehaften Bluesrock-Sound. Das war allerdings nicht unbedingt geplant, und ich bereue es kein bisschen. Wir haben einfach versucht, die bestmöglichen Songs zu schreiben, und uns dabei von unseren natürlichen Einflüssen sowie der Richtung leiten lassen, in die sich die Stücke entwickelten.

Das Bluesrock-Element wird durch meine Art zu spielen und zu singen ohnehin immer vorhanden sein. Die Songs gehen jedoch stärker in Richtung Alternative Rock, und ihr Aufbau ist wohl etwas mainstreamiger. Wir haben versucht, wirklich gute Refrains und richtige Songs zu schreiben, statt einfach das übliche Bluesrock-Ding zu machen, bei dem die eigentlichen Songs mitunter etwas zu kurz kommen. Vielleicht steht dort eher die Gitarre im Mittelpunkt. Wir werden sehen, was passiert.
Bislang sind die Reaktionen großartig. Natürlich hat der größte Teil des Publikums das Album noch nicht gehört, aber viele Rezensenten und Leute wie du haben es bereits gehört. Ich habe sehr viele Interviews geführt. Ich glaube, die Leute sind angenehm überrascht davon, wie anders es klingt.
Hattest du denn gar kein Konzept im Kopf, bevor du mit der Arbeit an dem Album begonnen hast?
Nein, eigentlich nicht. Wir sind einfach der Richtung gefolgt, in die sich alles bewegte. Wir haben zusammen gespielt, gejammt und sind auf coole Ideen gekommen. Ob etwas zu weit vom Bluesrock entfernt war oder nicht, spielte keine Rolle. Wenn wir dachten: „Das ist cool“, haben wir es weiterverfolgt. Deshalb finden sich auf dem Album viele verschiedene Stilrichtungen.
Einige Songs sind ziemlich kompromissloser Alternative Rock. Dann gibt es „Summer Haze“, das leicht und recht poppig klingt. „Runaway Souls“ geht eher in Richtung Country-Rock. Es stecken also viele verschiedene Einflüsse darin. Das Album ist nicht auf eine kleine dynamische Bandbreite, einen Stil oder ein Genre beschränkt.
Hast du die Songs gemeinsam mit der Band geschrieben, oder waren auch andere Songwriter beteiligt?
Es war im Grunde eine Gemeinschaftsarbeit. Ich brachte selbst viele Ideen mit. Bevor wir zum ersten Mal ins Studio gingen, hatten wir allerdings bereits ein paar Jahre daran gearbeitet. Insgesamt sprechen wir von vier oder fünf Jahren.
In den ersten Jahren sammelten wir Ideen, die unterwegs entstanden waren oder die ich selbst geschrieben hatte. Dann ging ich mit zwei Jungs aus der Band ins Studio, um gemeinsam an musikalischen Ideen zu jammen. Im nächsten Schritt kamen ein paar weitere Leute dazu, darunter Oli Brown. Wir versuchten, aus diesen musikalischen Ideen richtige Songs zu machen. Wir hatten coole Einfälle, aber sie waren rein instrumental. Eine gute Idee allein ist noch kein Song. Als Oli dazukam, arbeiteten wir beide sehr intensiv daran, daraus echte Songs zu machen, Melodien zu schreiben und ihnen eine Form zu geben.
Es war also ein langer Prozess, und jeder einzelne Schritt nahm viel Zeit in Anspruch. Überhaupt hat dieses Album lange gebraucht. Es dauerte, bis alles zusammenkam. Zum einen war es angesichts meines Tourplans und der Termine aller anderen Beteiligten schwierig, genügend Zeit zu finden. Zum anderen wollten wir nichts überstürzen.
Es lief nicht nach dem Motto: „Wir haben zwei Wochen, um ins Studio zu gehen, alles zu schreiben und aufzunehmen.“ Stattdessen waren es drei Jahre mit zahllosen Monaten des Schreibens und Aufnehmens. Wir wollten sicherstellen, dass wirklich alles so perfekt wie möglich war.
Konntet ihr die Songs vor den Aufnahmen live ausprobieren?
Nein. Ich glaube, das ist bei Bands allerdings eh recht selten. Natürlich ist es schön, wenn man die Gelegenheit bekommt, die Stücke auf der Bühne weiterzuentwickeln. Bei uns lief es aber nicht so. Wir haben bislang lediglich ein oder zwei der neuen Songs gespielt. Einen davon, „No Second Chances“, spielen wir seit ungefähr einem Jahr live. Das ist der erste Track des Albums. Ich freue mich auf jeden Fall darauf, die neuen Stücke live zu spielen.
Vielleicht entwickeln sie sich dann in eine völlig andere Richtung. Und irgendwann denkt man unweigerlich: „Könnten wir sie doch jetzt noch einmal aufnehmen…“ Denn dann habe ich das nötige Selbstvertrauen entwickelt und weiß, wie ich die Songs spielen und singen muss.
Aber es ist, wie es ist, und genau das macht den Reiz aus. Irgendwann werde ich ein Livealbum machen, auf dem einige dieser Songs zu hören sind. Sie werden dort nicht genauso klingen wie auf der Studioaufnahme, sondern andere Wendungen und ein paar Eigenheiten haben. Mit Sicherheit wird es auch einige schöne, ausgedehnte Gitarrensolopassagen geben.
Musst du beim Schreiben eines Songs daran denken, eine Stelle für dein Gitarrenspiel einzubauen? Ich vermute, das Publikum erwartet beides von dir, Songs und Soli…

Ja, die Leute wollen definitiv die Gitarre hören, das weiß ich. Während der Aufnahmen denke ich darüber allerdings nicht wirklich nach. Der gesamte Fokus lag darauf, den bestmöglichen Song zu machen. Jetzt, da wir die Stücke live umsetzen wollen, muss ich mir deshalb über ein paar Kleinigkeiten Gedanken machen. Ich muss lernen, einige dieser Songs gleichzeitig zu spielen und zu singen, denn die Rhythmen und Melodien kreuzen sich. Es ist für meinen Kopf schwierig, manche Parts zu spielen und gleichzeitig dazu zu singen. Beim Schreiben hätten wir natürlich darauf achten können, dass ich alles sofort spielen und singen kann. Aber daran muss ich jetzt eben arbeiten.
Was die Gitarrensoli betrifft, werden wir immer Stellen finden, an denen wir sie weiter ausbauen können. Ich bin sicher, dass das bei der Mehrzahl der Songs passieren wird. Wir verlängern die Gitarrenpassagen ein wenig und betonen vielleicht einige der schönen Riffs stärker. Bestimmte Abschnitte, die Spaß machen, könnten wir womöglich doppelt so lang spielen. Wir werden sehen.
Braucht ein guter Song überhaupt ein Gitarrensolo?
Nein, definitiv nicht. Für mich ist das Solo allerdings der Teil, der am meisten Spaß macht. Deshalb baue ich natürlich gern eines ein, ganz gleich, ob es kurz oder lang ist. Es ist schön, mich in den unterschiedlichen Umgebungen der einzelnen Songs auf der Gitarre ausdrücken zu können. Jedes Stück besitzt natürlich seine eigene Akkordfolge, aber ebenso seine eigenen Emotionen, sein eigenes Verhältnis von Dur und Moll, seine eigene Dynamik und Energie. Für mich besteht der reizvolle Teil darin herauszufinden, wie ich mich in diesen verschiedenen Situationen und Umgebungen auf der Gitarre ausdrücken kann. Ich glaube deshalb nicht, dass wir irgendeinen Song ganz ohne Gitarrensolo spielen, egal wie lang es ausfällt.
Beim Hören des Albums ist mir aufgefallen, dass du ungewöhnliche Soli spielst. Im ersten Song, „No Second Chances“, spielst du ein verzerrtes Riff und darüber ein cleanes Gitarrensolo.
Ja, ein wenig clean und jazzig. Das hat bei der Aufnahme Spaß gemacht, denn am Ende des Songs folgt noch das große Gitarrensolo. Das mittlere Solo ist eher clean, das letzte dagegen voller Fuzz und ziemlich heavy. Ich glaube, der Song fasst das gesamte Album gut zusammen. Es geht um die Dynamik: Am Anfang klingt es sehr clean und jazzig, am Ende gibt es vollen Fuzz und Rock. Klanglich liegt eine große Spanne dazwischen, und das innerhalb von zwei Minuten. Über das gesamte Album hinweg tritt dieser Gegensatz noch stärker hervor.
Wie habt ihr das Album aufgenommen? Habt ihr die grundlegenden Spuren live als Band eingespielt oder alles nacheinander aufgenommen?

Wir haben alles einzeln aufgebaut. Allerdings hatten wir zuvor Demos auf einem sehr hohen Niveau produziert. Wir programmierten die Drums, spielten aber Bass und Gitarren selbst ein und nahmen Gesang, Harmonien, Klavier und im Grunde alles andere ebenfalls auf. Als wir das Gefühl hatten, dass die Songs fertig waren, spielten wir alles noch einmal richtig ein. Wayne benötigte lediglich zwei Tage für sämtliche echten akustischen Drums, die er zu unseren Demos mit den programmierten Schlagzeugspuren spielte. Dann folgten ein paar Tage für den Bass, vermutlich ein oder zwei Wochen für die Gitarren und noch einmal ein oder zwei Wochen für den Gesang. Es war also ein langsamer, schrittweiser Prozess.
Den größten Teil der Zeit verbrachten wir also mit dem Schreiben und den Demos. Das waren etwa 80 Prozent, während das eigentliche Einspielen 20 Prozent ausmachte. Wenn man ein guter, versierter Musiker ist, und ich glaube, das trifft auf mich und die anderen Jungs zu, sollte das Einspielen der Parts der leichte Teil sein, sobald man auf Record drückt. Die kreative Arbeit ist der schwierige Teil, die Ausführung sollte recht schnell gehen.
Als guter Musiker kann man in diesem Moment nicht erst versuchen, sich an alles zu erinnern oder zu lernen, im richtigen Timing und mit dem richtigen Gefühl zu spielen oder Ideen für ein Gitarrensolo zu entwickeln. Nach so vielen Jahren, in denen man an seinem Handwerk gearbeitet hat, sollte einem das in Fleisch und Blut übergegangen sein.
Wie sehr sind die Soli improvisiert?
Zu 90 oder 95 Prozent, also größtenteils. Für das Solo in „Empty“ hatte ich ein paar Ideen. Während der Demoaufnahmen waren allerdings alle Soli improvisiert. Wenn mir bestimmte Stellen besonders gefielen, versuchte ich, sie bei den finalen Aufnahmen nachzuspielen.
Für die Demos ging ich direkt ins Aufnahmegerät und benutzte keine echten Verstärker. Bei den richtigen Aufnahmen setzte ich dann reale Amps ein, um einen besseren Sound zu bekommen. Einige Stellen habe ich möglicherweise von den zuvor improvisierten Parts übernommen. Ich habe mich aber nie hingesetzt und Soli ausgearbeitet oder komponiert. Das mache ich grundsätzlich nicht. Ich glaube, es ist besser, aus dem Instinkt heraus zu spielen und zu improvisieren.
Studio und Instrumente
„Boxensimulation ist ziemlich praktisch“
Wo du gerade von Verstärkern sprichst: Welche Amps hast du im Studio benutzt?
Wir arbeiteten mit einem Torpedo von Two Notes. Dabei verwenden wir ausschließlich echte Topteile, und dazu eine Boxensimulation. Man schließt alle Verstärker an dieses Gerät an und braucht deshalb keine großen echten Boxen.
Als Topteile benutzten wir einen Volt-Verstärker von Oli Brown, der großartig klang, meinen Hamstead und sehr häufig einen Orange, weil diese Amps fantastisch klingen. Ich bin ein großer Orange-Fan. Es war tatsächlich der Dual Terror, also nur dieses kleine Ding. Ich besitze den Amp seit ungefähr 15 Jahren und habe ihn auf allem eingesetzt, was ich seither gemacht habe, weil er verrückt gut ist. Er ist klein und war nicht übermäßig teuer. Er klingt riesig, voll und klar und besitzt gute Bässe und Höhen. Seit dem Album „Time Has Come“ habe ich ihn auf jeder meiner Platten verwendet, also seit zehn Jahren. Er klingt einfach fantastisch.
Die Boxensimulation ist ziemlich praktisch. Auf dem Bildschirm wischt man einfach weiter und wechselt von einer Mesa- zu einer Orange-, Marshall- oder Fender-Box, von Zwölfzöllern zu Zehn- oder Fünfzehnzöllern. Das lässt sich sehr leicht austauschen. Das echte Topteil bleibt erhalten, die echten Röhren werden weiterhin gefordert.


Was macht das mit deinem Spiel? Normalerweise spielen Leute anders, wenn ein echter Lautsprecher Luft bewegt.
Absolut. Es gibt wohl einen kleinen Unterschied zwischen dieser Lösung und einem sehr lauten Amp im Raum, neben dessen Box man steht. Das Feedback ist aber weiterhin da. Man kann das System wie eine echte Box im Raum einsetzen. Wir drehen die Lautstärke im Regieraum weit auf, und ich kann einen Ton halten und Rückkopplung erzeugen, auch wenn die Box technisch gesehen simuliert ist. Allzu groß ist der Unterschied also nicht.
Die Fuzzsounds auf dem Album gefallen mir ausgesprochen gut. Welches Fuzzpedal hast du benutzt?
Hauptsächlich war das ein Fuzzrite von Mosrite. Es ist ein wirklich großartiges Pedal, ich glaube aus den 60er-Jahren. Für mich ist es das beste Fuzz, das ich je besessen habe, und ich habe einige davon. Ich benutze es allerdings so, dass der Fuzz-Regler nahezu auf 0 steht. Dadurch klingt es eher wie ein Overdrive-Fuzz. Die Lautstärke ist voll aufgedreht, der Fuzz dagegen recht niedrig. So beginnt der Ton nicht zu stottern, wie bei manchen Fuzzpedalen, deren Signal immer wieder ein- und aussetzt. Es verhält sich eher wie ein Overdrive, klingt aber gewaltig.
Inzwischen sind diese Pedale recht selten. Man findet sie online, aber sie sind teuer, weil es echte Vintage-Pedale sind. Angesichts ihres unglaublichen Sounds wundert es mich, dass sie nicht noch mehr kosten. Das Fuzzrite kam überall dort zum Einsatz, wo man auf dem Album Fuzz und die großen Riffs hört, also bei etlichen Songs.
Was die Gitarren angeht, schwörst du immer noch auf deine Telecaster, richtig?
Ja, sehr viel Telecaster und Les Paul, vor allem die Gitarren, die ich auch live benutze. Ich habe zwei Telecasters. Eine klingt ein wenig heller und funkelnder, etwas typischer nach Telecaster, also eher so, wie man es von diesem Modell erwartet. Meine braune Tele ist schmutziger und hat kräftigere Pickups, nämlich gestackte Humbucker.
Dazu kam meine Gibson Les Paul mit den serienmäßigen BurstBuckern. Mit diesen drei Gitarren haben wir meines Wissens alles aufgenommen, abgesehen von ein wenig Akustikgitarre. Das war es.
Die Les Paul besitze ich seit 2002. Sie ist insofern ungewöhnlich, als dass sie kein Schlagbrett hat. Das Finish heißt Desert Burst, und die Gitarre befindet sich vollständig im Originalzustand. Ich habe nichts an ihr verändert. Die serienmäßigen Pickups haben für mich immer funktioniert. Ich hatte deshalb nie das Bedürfnis, sie aufzurüsten oder auszutauschen. Es sind BurstBucker V. Die Gitarre klingt großartig und lässt sich sehr angenehm spielen.

Ben Poole live:
08.10. Eventcenter, Hamburg
09.10. Hot Jazz Club, Münster
10.10. Heimathaus, Twist
11.10. Rockfabrik, Übach-Palenberg
14.10. Museumskeller, Erfurt
16.10. Musigburg, CH-Aarburg
17.10. Gare de Lion, CH-Wil
18.10. Village, Habach
