Der JAM Pedals Tiny Amp Destroyer basiert auf einer Idee, die zunächst wie ein schlechter Scherz klingt: Ein aufwendig gebautes Boutique-Pedal für rund 359 Euro, dessen erklärtes Ziel darin besteht, einen guten Gitarrenverstärker nach einem billigen, völlig überforderten Übungsamp klingen zu lassen. Entwickelt wurde das Pedal gemeinsam mit Stu Mackenzie von King Gizzard & The Lizard Wizard. Ausgangspunkt ist ein kleiner Transistorverstärker, den Mackenzie nach eigener Aussage für rund 30 Dollar bei Cash Converters kaufte und anschließend regelmäßig bei Aufnahmen einsetzte.
Dabei geht es weniger um die exakte Simulation eines bestimmten Verstärkermodells als um dessen Verhalten an der Belastungsgrenze: Kompression, harsche Verzerrungen, ein eingeschränkter Frequenzgang und jene leicht instabile Ansprache, die normalerweise eher als technischer Makel gelten würde. Genau daraus macht JAM Pedals beim Tiny Amp Destroyer ein bewusst formbares Klangwerkzeug.
Vom 30-Dollar-Amp zum Boutique-Pedal
Die Geschichte hinter dem Tiny Amp Destroyer ist tatsächlich wichtiger als bei vielen Signature-Pedalen. Mackenzie verwendete vor seinem kleinen Amp zwei JAM Pedals Boomster und trieb damit dessen Eingang weit über den vorgesehenen Arbeitsbereich hinaus. JAM Pedals besorgte sich schließlich ein entsprechendes Exemplar und untersuchte, was klanglich passiert, wenn der kleine Verstärker beginnt, sich gegen das Eingangssignal zu wehren.
Das Ergebnis ist deshalb keine klassische Amp-Simulation. Der Tiny Amp Destroyer versucht vielmehr, das Verhalten einer überforderten Verstärkerschaltung nachzubilden. Das ist ein wichtiger Unterschied. Wer hier eine authentische Mini-Combo-Emulation für Direct Recording erwartet, liegt konzeptionell daneben. Das Pedal gehört weiterhin vor einen Gitarrenverstärker beziehungsweise in eine entsprechende Signalkette.
Der Grundgedanke lautet vielmehr: Was passiert, wenn man die vermeintlichen Fehler eines kleinen Verstärkers gezielt als Effekt verfügbar macht?
Drei Gain-Stufen unter einem Dach
Dafür bietet der Tiny Amp Destroyer drei separat schaltbare Bereiche. Zwei Gain-Stufen lassen sich einzeln verwenden oder miteinander kombinieren. Hinzu kommt ein separater Treble Booster, dessen Schaltung auf dem JAM Pedals Rooster basiert. Über interne DIP-Schalter kann dessen Charakter zwischen einer fokussierteren und einer breitbandigeren Abstimmung verändert werden.
Das macht aus dem Tiny Amp Destroyer deutlich mehr als einen einzelnen Distortion-Sound. Bereits die beiden Gain-Stufen ermöglichen unterschiedliche Abstufungen von leicht angezerrten Sounds bis zu dichter Sättigung. Werden sie gestackt, verändert sich nicht nur der Verzerrungsgrad. Kompression und Obertonstruktur nehmen ebenfalls deutlich zu.
Der Treble Booster erweitert dieses Prinzip nochmals. Gerade vor bereits verzerrten Sounds geht es weniger um zusätzliche Lautstärke als darum, welche Frequenzbereiche die nachfolgenden Gain-Stufen besonders stark anregen.
In der Praxis verhält sich der Tiny Amp Destroyer deshalb fast wie ein kleines analoges Gain-System auf dem Pedalboard.

Bass, Treble, Notch und Magic
Damit die Verzerrung nicht völlig unkontrolliert bleibt, stehen aktive Bass- und Treble-Regler zur Verfügung. Sie erlauben nicht nur eine Absenkung, sondern auch eine Anhebung der entsprechenden Frequenzbereiche.
Interessanter sind allerdings die beiden Funktionen Notch und Magic.
Notch verändert den Mittenbereich und damit den wahrgenommenen Charakter des virtuellen Mini-Amps. Gerade die hohlen, nasalen Frequenzen sind ein wichtiger Bestandteil des Konzepts. Ein kleiner Lautsprecher und ein kleines Gehäuse liefern schließlich nicht die gleichmäßige Übertragung eines großen Gitarren-Cabinets – und genau diese Einschränkung gehört hier zum gewünschten Sound.
Magic geht noch einen Schritt weiter. Die Funktion verstärkt den komprimierten und überforderten Charakter der Schaltung. Das Signal wirkt enger, kaputter und stärker nach einem kleinen Verstärker, der erheblich lauter betrieben wird, als es seine Konstruktion eigentlich zulässt.
Das Spannende daran: Die Klangregelung dient nicht primär dazu, einen möglichst ausgewogenen Gitarrensound herzustellen. Vielmehr lässt sich bestimmen, wie kaputt der Sound sein soll.

Klang: Schön ist hier ausdrücklich nicht das Ziel
Mit moderaten Einstellungen kann der Tiny Amp Destroyer durchaus überraschend konventionell arbeiten. Eine einzelne Gain-Stufe liefert brauchbare Breakup- und Overdrive-Sounds, die sich problemlos als Grundlage eines normalen Gitarrensounds einsetzen lassen.
Aber dafür kauft man dieses Pedal vermutlich nicht.
Interessant wird es, sobald die Gain-Stufen kombiniert werden und Magic beziehungsweise Notch ins Spiel kommen. Dann verliert der Klang zunehmend die Eigenschaften eines klassischen Boutique-Overdrives. Die Mitten treten eigentümlich hervor, der Bassbereich wird komprimiert und die Höhen können aggressiv aufbrechen.
Einzelne Akkorde beginnen regelrecht zusammenzukleben. Bei kräftigem Anschlag verdichtet sich die Verzerrung, während zurückgenommene Anschläge deutlich sauberer bleiben können. Das Ergebnis bewegt sich irgendwo zwischen Overdrive, Distortion, Fuzz und kaputtem Transistorverstärker.
Gerade deshalb reagiert der Tiny Amp Destroyer stark auf das Instrument und den Verstärker dahinter. JAM Pedals beschreibt ausdrücklich, dass sowohl cleane als auch bereits angezerrte Amps und unterschiedliche Pickups zu deutlich verschiedenen Ergebnissen führen.

Dynamik statt perfekter Kontrolle
Bemerkenswert ist, dass der Tiny Amp Destroyer trotz seines chaotischen Grundcharakters dynamisch bleibt. Das Pedal erzeugt nicht einfach eine statische Verzerrungsschicht über dem Gitarrensignal. Pickups, Anschlag und Gitarrenlautstärke beeinflussen deutlich, wie stark die einzelnen Gain-Stufen reagieren.
Gleichzeitig muss man akzeptieren, dass die Schaltung absichtlich nicht überall kontrolliert und glatt klingt.
Das unterscheidet den Tiny Amp Destroyer von einem klassischen Distortion-Pedal. Dort versucht man normalerweise, Gain, EQ und Pegel möglichst reproduzierbar einzustellen. Hier ist ein Teil des Reizes gerade die Interaktion der einzelnen Stufen.
Treble Booster plus zwei Gain-Stufen plus aktive Klangregelung plus Magic und Notch ergeben eine erstaunlich große Zahl möglicher Kombinationen.
Das macht das Pedal zunächst etwas weniger unmittelbar, als es seine wenigen Regler vermuten lassen. Kleine Änderungen am Gain-Staging können deutlich größere klangliche Folgen haben als eine vergleichbare Bewegung am EQ.
Im Bandkontext
Was alleine zunächst dünn, nasal oder geradezu falsch wirken kann, bekommt im Bandkontext einen anderen Stellenwert.
Die starke Mittenprägung hilft der Gitarre, sich in dichten Arrangements durchzusetzen. Gleichzeitig kann die begrenzte Tiefe des simulierten kleinen Amps Platz für Bass und Kick schaffen. Besonders für Garage Rock, Psychedelic Rock, Indie, Lo-Fi und experimentellere Produktionen kann genau das interessant sein.
Auch im Studio ergibt das Konzept Sinn. Statt einen Gitarrensound nachträglich mit EQ, Saturation und Filtern kleiner zu machen, entsteht die entsprechende Charakteristik bereits während des Spielens. Dadurch reagiert der Musiker unmittelbar auf die Kompression und Verzerrung.
Der Tiny Amp Destroyer ist damit weniger ein Problemlöser als ein Instrument innerhalb der Signalkette.
Verarbeitung und Bedienung
Das von Jason Galea, dem langjährigen visuellen Partner von King Gizzard & The Lizard Wizard, gestaltete Gehäuse passt hervorragend zum Konzept. Drei Fußschalter ermöglichen direkten Zugriff auf die einzelnen Sektionen, sodass sich verschiedene Gain-Stufen auch live kombinieren lassen.
Die grundsätzliche Bedienung ist schnell verstanden. Schwieriger ist es, die Wechselwirkungen der verschiedenen Stufen einzuschätzen.
Wer einfach einen bestimmten Verzerrungsgrad einstellen möchte, bekommt das problemlos hin. Wer dagegen gezielt mit den kaputten Mini-Amp-Texturen arbeiten möchte, sollte etwas Zeit investieren. Vor allem das Zusammenspiel von Gain-Staging, Treble Booster, Magic und EQ entscheidet darüber, ob der Sound interessant aggressiv oder schlicht unangenehm wird.
Das gehört allerdings zum Konzept. Der Tiny Amp Destroyer möchte nicht vollständig kontrolliert werden – ein Teil seines Charakters entsteht gerade an der Grenze zwischen brauchbarem Gitarrensound und kontrolliertem Zusammenbruch.

Der JAM Pedals Tiny Amp Destroyer macht aus den vermeintlichen Schwächen eines überforderten Mini-Amps ein eigenständiges Klangwerkzeug. Zwei kombinierbare Drive-Stufen, Treble Booster sowie Bass, Treble, Notch und Magic ermöglichen eine erstaunlich große Bandbreite zwischen Overdrive, Distortion und kaputten Lo-Fi-Texturen. Seine Stärke liegt dabei gerade im Unperfekten: Der Tiny Amp Destroyer klingt komprimiert, aggressiv und auf Wunsch herrlich überfordert. Mit rund 359 Euro ist dieser Spezialist allerdings teuer. Wer genau diese Garage-, Psychedelic- und Lo-Fi-Ästhetik sucht, bekommt dafür ein ungewöhnliches Pedal mit echtem Instrumentencharakter. Pro Contra Link zum Hersteller: JAM PedalsFazit: JAM Pedals Tiny Amp Destroyer

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