London Calling
Am 24. September 1966 frühmorgens von New York in London angekommen, ändert Chas Chandler als erstes die Schreibweise von Hendrix‘ Vornamen: Jimi anstatt Jimmy hat seiner Meinung nach mehr Prägnanz, bleibt besser in Erinnerung – ein perfekter Markenname eben, der zum Aufbau eines Star-Images dazugehört. Und so wurde aus Jimmy James, wie der Künstler James Marshall Hendrix sich zuletzt nannte, Jimi Hendrix.
Chandler war ein Mann aus dem Musikvolk, ein Musiker mit Feeling für Trends und für das Business – er besaß also genau das, was bis heute ganz oft und immer wieder fehlt, wenn es darum geht, im Umfeld von Musik Geld zu verdienen. Und es ist ganz egal ob es dabei um Songs, Instrumente oder Fachmagazine geht: Insider-Wissen, Feeling, Liebe zur Kun$t und Respekt vor dem Publikum – ohne das geht gar nichts. Zumindest geht es sonst nicht lange gut. Chas Chandler wusste ganz genau, was er mit Jimi Hendrix erreichen wollte.
Jimi Jammin‘
Hendrix wird von Chas Chandler im Londoner Hyde Park Towers Hotel untergebracht. Die erste Jam-Session findet am selben Abend im Scotch Of St. James Club in London statt, wo Jimi allerdings nur als Gitarrist, instrumental, in Erscheinung tritt. In Jimi Hendrix’ ersten Tagen in der britischen Hauptstadt kommt es zu mehreren weiteren Jams, unter anderem mit dem Organisten Zoot Money und einem Gitarristen namens Andrew James Somers, der Ende der 1970er-Jahre als Andy Summers mit der Band The Police Erfolg haben sollte. Auch Jeff Beck wurde auf den Kollegen aus USA aufmerksam.
26.09. Chas Chandler und Jimi besuchen die Audition für Eric Burdon’s New Animals im Londoner Birdland Club. Hendrix jammt mit der Band. Eric Burdon meint später, ab diesem Moment sei er ein „Jimi Hendrix Addict“ geworden.
27.09. Jam im Scotch Of St. James Club mit The V.I.P.s, die ab 1968 unter dem Namen Spooky Tooth bekannt wurden.
28.09. Hendrix jammt im Jam im Les Cousins, London mit dem Alexis Korner Trio.
Experience Auditions
29.09. Jimi Hendrix trifft Noel Redding zum ersten Mal beim Vorspielen im Londoner Birdland Club. Redding war zu einer weiteren Audition für Eric Burdon’s The New Animals gekommen, die einen Gitarristen suchten. Seine Bewerbung hatte keinen Erfolg. Chas Chandler fragte ihn, ob er statt dessen nicht Bass für Hendrix spielen könne. Hendrix mochte angeblich Noels Frisur und sein dezentes Auftreten, weshalb er den Zuschlag erhielt. Zu einer der Auditions für die neue Hendrix-Band hatte Chandler u.a. auch Drummer Mitch Mitchell eingeladen. Bis zuletzt im Rennen war neben Mitchell noch Ansley Dunbar – beide spielten auf gleich hohem Niveau. Angeblich wurde schließlich eine Münze geworfen – und Mitch Mitchell wurde der Schlagzeuger der neu gegründeten The Jimi Hendrix Experience.
Ende September – über das genaue Datum sind sich Zeitzeugen und Experten uneinig – jammt Hendrix im Londoner Blaises Club mit The Brian Auger Trinity. Der französische Rock & Roller und Pop-Star Johnny Halliday ist im Publikum und lädt Hendrix ein in Frankreich mit ihm auf Tour zu gehen.
Im Blaises waren auch einige Größen der Londoner Musikszene anwesend, u.a. auch Andy Summers: „Jimi stellte damals die ganze Londoner Gitarrenszene auf den Kopf, mit dem was er da live machte …“ Und der ebenfalls anwesende spätere Pink-Floyd-Gitarrist David Gilmour meinte zu dieser Jam-Session: „Er war von Anfang an ein absolutes Phänomen.“
Right Time, Right Place
1965/66 waren Jahre, in denen die Popmusik, aber vor allem auch der Jazz und der Rock-Underground, sehr bunte Blüten trieben und aus allen möglichen Konventionen ausbrachen. Wenn man die ersten Aufnahmen von David Bowie (als Davy Jones mit den Bands Manish Boys und den Lower Third) hört, oder auch die fast zeitgleich in den USA entstandenen musikalischen Wahnsinns-Trips von The Velvet Underground, dann wird klar, dass der Punk der 70er Jahre keine Revolution war, sondern die etwas verspätete kommerzielle Verwertung dieser Art von wirklich schräger Mittsechziger-Außenseiter-Musik. Jimi Hendrix war so gesehen zur richtigen Zeit an beiden Orten – New York und London – wo gerade eine Menge passierte und die Akzeptanz von Publikum und Industrie relativ groß war.
Die großartigen Alben
- The Beatles – Revolver
- The Rolling Stones – Aftermath
- The Kinks – Face to Face
- The Beach Boys – Pet Sounds
- The Mothers of Invention – Freak Out!
- Bob Dylan – Blond On Blonde
- The Velvet Underground & Nico – dito.
- John Coltrane – A Love Supreme
- John Coltrane – Ascension
entstanden alle zwischen 1965 und 1966. Und was dann zwischen 1967 und 1970 passierte, mit den Beatles, mit der Tony Williams Lifetime in der Besetzung mit John McLaughlin und Jack Bruce, mit Miles Davis‘ Meisterwerk ,Bitches Brew‘ und natürlich mit den Alben von Jimi Hendrix, prägte den Ruf der 1960er-Jahre als legendäre Umbruch-Dekade absolut zu Recht.
Über Promotion
Resümiert man die Aktivitäten dieser ersten Woche von Jimi Hendrix in London, steht ohne Frage fest: Sein Entdecker Chas Chandler hatte in den USA nicht einfach nur einen besonders bunten und schrägen Vogel entdeckt, mit dem er sie britische Musikszene aufmischen wollte. Man darf nie vergessen: Jimmy Hendrix war damals nur ein Sideman, ein Tour-Gitarrist und Begleitmusiker, der es in einem Club in Greenwich Village, New York mal solo bzw. mit eigener Band versuchte. Das Interesse an seinen Shows hielt sich 1966 in Grenzen, wenn auch seine musikalische Genialität am Instrument klar erkennbar war. Aber in einer Stadt, die voller Musik ist, geht der Einzelne oft unter. Daran hat sich bis heute nichts geändert …
Chas Chandler Revisited
Bryan „Chas“ Chandler (*1938 +1996) war als Bassist der Animals einmal ein kompetenter Musiker, und war Mitglied einer der erfolgreichsten Rock-Bands der 1960er. Er kannte auch das Geschäft. Als er Hendrix im September 1966 im „Café Wha?“ im Greenwich Village live erlebt hatte, war er sich schnell sicher, diese Art von Musik, irgendwo zwischen Blues, Soul, Pop und Rock, in England erfolgreich präsentieren zu können. Die britische Szene hatte schon relativ früh eine ausgesprochene Affinität zum amerikanischen Rock & Roll und vor allem zum Blues entwickelt.
Chandler hatte von Anfang an einen Plan, der an Pragmatismus und Effizienz kaum zu überbieten war – und den zog er erfolgreich durch: Er nahm Hendrix unter Vertrag, brachte ihn nach London, besorgte ein Hotelzimmer, machte ihn in der Szene bekannt, ließ ihn in Jams für Furore sorgen, und suchte mit seinem neuen Künstler ganz schnell zwei Mitmusiker, um aus dem amerikanischen Gitarristen & Sänger einen Szene-kompatiblen Live-Act mit Charts-Potenzial zu machen. Und das alles, mehr oder weniger, in einer Woche. Da waren also mindestens zwei Könner am Werk: Einer an der Gitarre, der andere am Telefon. Kunst kommt eben immer auch von Machen.
Demnächst geht’s weiter mit JIMI 66 #3 Oktober!
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