Platte der Woche: WENDY EISENBERG „Wendy Eisenberg“

Wendy Eisenberg Cover

„Ich muss gleichzeitig in einer Punkband sein, gleichzeitig freie Improvisation spielen und gleichzeitig Songs schreiben und spielen. Alles zur selben Zeit – sonst funktioniert keines dieser Felder für mich.“ Eine der derzeit spannendsten 360-Grad-Musikerinnen veröffentlicht am 03. April ein neues Album, das nicht einfach nur eine weitere Facette dieser Chameleon-haften Gitarristin und Sängerin präsentiert, sondern als so etwas wie die Verdichtung ihrer Essenz zu verstehen ist. Oberflächlich betrachtet, kann man die zehn neuen Songs der 34-jährigen New Yorkerin, die sich als queer und nonbinär versteht und die Pronomen ‚they/them‘ verwendet, als Indie-Folk bezeichnen. Andy Shauf, Snail Mail oder Courtney Barnett kommen in den Sinn. Doch unter der Oberfläche schlummert viel viel mehr.

In den vergangenen Jahren hat sich Eisenberg als ebenso versierte Gitarristin wie als stilistisch offene Songwriterin zwischen Art-Rock, Jazz, freier Improvisation und Folk positioniert. Alben wie ‚Auto‘ (2020) oder das ausufernde ‚Viewfinder‘ (2024) standen für diese Suchbewegung. Oft sind diese Aufnahmen anspruchsvoll, verquer, manchmal bewusst überfordernd. Das neue Album erscheint dagegen wie eine klare Entscheidung: weg von der Zerstreuung, hin zu stärkerer Konzentration.

Wendy Eisenberg (© Eleanor Petry)
Wendy Eisenberg (© Eleanor Petry)

Schräger Folk

Ausgangspunkt dieser Neuorientierung ist ein Ortswechsel und eine damit verbundene ästhetische Verschiebung. Nach dem Umzug von Massachusetts nach Brooklyn begann Eisenberg, sich stärker mit traditionellen amerikanischen Songformen auseinanderzusetzen. Referenzen wie John Prine oder Willie Nelson sind dabei weniger als stilistische Zitate zu verstehen, sondern als Zugang zu einer anderen Form von Zeitlosigkeit. Gleichzeitig bleibt der Blick eigenwillig: Auch Figuren wie Joanna Newsom oder Richard Dawson dienen als Referenzpunkte für ein Folk-Verständnis, das das Schräge, Unaufgelöste immer mitdenkt.

Diese Offenheit prägt auch die Produktionsästhetik. Das Album verabschiedet sich weitgehend von der Idee, die Gitarre als virtuoses Zentrum auszustellen. Stattdessen rückt das Zusammenspiel in den Vordergrund. Mit Musikern wie Trevor Dunn und Ryan Sawyer sowie Co-Produzentin Mari Rubio entsteht ein fast kammermusikalischer Ensembleklang, der bewusst organisch gehalten ist. Viele Aufnahmen entstanden im häuslichen Umfeld – eine Entscheidung, die sich unmittelbar in der Fragilität und Intimität der Stücke niederschlägt. Nichts wirkt überinszeniert.

Wunsch nach Stabilität

Inhaltlich ist das Album stark von einer Phase der Selbstbefragung geprägt, die Eisenberg selbst als „Exorzismus“ beschreibt. Zwischen 2023 und 2024 vollzieht sich eine Art Neujustierung des eigenen Selbstbildes, die sich in den Texten als Suche nach Klarheit und Akzeptanz niederschlägt. Stücke wie ‚Old Myth Dying‘ oder ‚Will You Dare‘ verhandeln Fragen von Kontrolle, Liebe und Zeit, ohne dabei eindeutige Antworten zu liefern. Stattdessen entsteht eine Spannung zwischen Auflösung und dem Wunsch nach Stabilität – ein Motiv, das sich durch das gesamte Album zieht.

Musikalisch zeigt sich diese Spannung in der Balance zwischen Struktur und Offenheit. ‚Meaning Business‘ etwa entwickelt sich von tastenden Akkorden zu einer beinahe barock anmutenden Pop-Form, während ‚Vanity Paradox‘ die Unsicherheit künstlerischer Selbstvergewisserung thematisiert. Das Zentrum des Albums bildet mit ‚Another Lifetime Floats Away‘ ein Stück, das die Zeit selbst zum Thema macht. In lose verbundenen Bildern – familiäre Erinnerungen, Tour-Erfahrungen, Gegenwartsmomente – entfaltet sich eine Reflexion über Vergänglichkeit und Selbstwahrnehmung. Die Perspektive verschiebt sich dabei subtil: vom Kind, das beobachtet, hin zu einer Instanz, die das eigene Leben aktiv mitgestaltet. Es ist einer der wenigen Momente auf dem Album, in denen sich so etwas wie emotionale Eindeutigkeit einstellt.

Tracklist

01. Take A Number
02. Meaning Business
03. Old Myth Dying
04. Another Lifetime Floats Away
05. It’s Here
06. Vanity Paradox
07. Curious Bird
08. The Ultraworld
09. Will You Dare
10. The Walls

Album-VÖ: 03.04.2026
Label: Joyful Noise Recordings
www.wendyeisenberg.com

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