„Mir ist sehr bewusst, dass Musik für mich größer ist als nur das, was ich selbst mache. Ich möchte Musik schaffen, die Menschen erreicht, ohne sie dafür zu verwässern oder zu etwas zu machen, das sie ohnehin erwarten. Sie muss aus mir selbst kommen und aus den Ideen, die ich habe.“ Der Gitarrist, Komponist und Tortoise-Mitbegründer bewegt sich seit Jahren irgendwo zwischen Jazz, Ambient, Minimal Music, Post-Rock und improvisierter Groove-Musik. Auch auf ‚Happy Today‘ entzieht sich Parker konsequent jeder klaren Genre-Zuordnung. Das Album besteht im Grunde nur aus zwei langen, live eingespielten Stücken, die jeweils eine komplette LP-Seite einnehmen. Was zunächst sperrig wirken könnte, entfaltet schnell eine fast meditative Wirkung.

Gemeinsam mit Drummer Jay Bellerose, Bassistin Anna Butterss und Saxofonist Josh Johnson entwickelt Parker aus kleinen rhythmischen und harmonischen Fragmenten langsam pulsierende Klanglandschaften. Vieles passiert beinahe unmerklich: ein leicht verschobener Groove, ein wiederkehrendes Gitarrenmotiv, ein Saxofon-Ton, der plötzlich im Raum stehen bleibt. Statt klassischer Dramaturgie lebt die Platte von Bewegung innerhalb der Wiederholung.
Zwischen den Stühlen
Dabei wirkt nichts verkopft. Trotz aller Offenheit bleibt die Musik erstaunlich warm und zugänglich. Gerade Parker spielt wieder auf seine ihm ganz eigene Art auf seiner 1983er Gibson ES-335: sparsam, clean, leicht verhallt, oft eher Textur als Leadinstrument. Seine Linien schweben über dem Groove. Teilweise erinnert das an Bill Frisell, dann wieder an Dub, Krautrock oder an die hypnotischen Wiederholungsschleifen von Tortoise.
Entstanden ist ‚Happy Today‘ unter schwierigen Umständen. Parker spricht offen darüber, wie belastend die Monate nach den Eaton Fires für ihn und seine Familie waren. Die Aufnahme im Lodge Room in Los Angeles versteht er deshalb bewusst als Gegenpol, als „statement of joy“. Und tatsächlich liegt über dem gesamten Album eine eigenartige Mischung aus Melancholie, Ruhe und vorsichtiger Zuversicht.

Live-Aufnahme auf Band
Interessant ist außerdem der Sound der Aufnahme selbst. Engineer Bryce Gonzales nahm das Konzert mit einem eigens gebauten Analog-Mixer und einer Nagra-Tonbandmaschine direkt vor Ort auf. Das Ergebnis klingt entsprechend offen und organisch. Man hört Luft, Raum und Dynamik, fast so, als säße man mit den rund 400 Besuchern mitten im Kreis der Band. Und dass das ETA IVtet ursprünglich aus einer jahrelangen Monday-Night-Residency im inzwischen geschlossenen Los-Angeles-Club ETA entstanden ist, hört man der Musik ebenfalls an. Diese Band funktioniert weniger wie ein klassisches Quartett, sondern eher wie ein eingespieltes Ökosystem, in dem jeder permanent auf jede kleine Bewegung der anderen reagiert.
‚Happy Today‘ verlangt Aufmerksamkeit und Geduld. Wer sich allerdings auf diese langsame, minimalistische Form der Improvisation einlässt, findet eines der faszinierendsten Gitarrenalben des bisherigen Jahres.
Tracklist
01. Like Swimwear
02. Happy Today
Album-VÖ: 15.05.2026
Label: International Anthem / Nonesuch Records
www.jeffparkersounds.com
