Paoletti Guitars und das Custom-Konzept: Individuelle Gitarren ohne feste Grenzen
Kastanienholz, Weinfässer und frei wählbare Spezifikationen? Das ist das Konzept des italienischen Familienunternehmens Paoletti Guitars. Die Custom-Gitarrenschmiede steht wie kaum ein anderer Hersteller für hochwertige Boutique-Instrumente mit einem stark eigenständigen Charakter. Paoletti hat sich auf handgefertigte E-Gitarren spezialisiert, deren Korpusse aus massivem Kastanienholz gefertigt werden, das aus historischen Weinfässern gewonnen wird. Diese Holzbasis bringt nicht nur eine besondere Optik mit sich, sondern auch eine interessante Geschichte: Die verwendeten Hölzer sind häufig 130 bis 170 Jahre alt, werden in traditioneller Handarbeit verarbeitet und verleihen jedem Instrument eine individuelle Ausstrahlung.

Ein zentrales Element der Marke ist das umfangreiche Custom-Konzept. Paoletti versteht seine Gitarren nicht als standardisierte Serienprodukte, sondern als individuell konfigurierbare Instrumente.
Über ein entsprechendes Formular lassen sich nahezu alle Komponenten frei bestimmen – von der Korpusform über Hals- und Griffbrettoptionen (Inlay-Form und -Material) bis hin zu Pickups, Hardware und Finish (selbst hier lassen sich nicht nur simple Natural- oder Relic-Finishes auswählen – sogar bestimmte Drucke können individuell eingereicht werden).
Die im Handel erhältlichen Modelle stellen daher meist konkrete Beispielkonfigurationen dar, die einen Eindruck davon vermitteln, was konfigurationstechnisch alles möglich ist.
Auch die hier getestete Paoletti 112 Lounge Heavy White ist genau so ein Instrument: ein Modell, das typische Spezifikationen der 112-Serie abbildet, gleichzeitig aber als Ausgangspunkt für eigene Custom-Wünsche dient. Wer sich für eine Paoletti entscheidet, bekommt also nicht nur eine Gitarre von der Stange, sondern ein einzigartiges Einzelstück, das sich individuell weiterdenken lässt.
Mit der Paoletti 112 Lounge Heavy White konnte ich einige spannende Eindrücke sammeln, wie der italienische Gitarrenbauer seine Instrumente fertigt und wie hochwertig die Qualität wirklich ist. Wer sich also näher mit Paoletti Guitars auseinandersetzen möchte und selbst überlegt, eine individuelle Custom-E-Gitarre aus seltenem Kastanienholz anfertigen zu lassen, der bekommt im folgenden Testbericht einen Eindruck von Verarbeitung, Spielgefühl und Sound.
Spezifikationen der Paoletti 112-Lounge
Semi-Hollow-Korpus aus Kastanienholz
Die hier getestete Paoletti 112 Lounge Heavy White basiert auf einer klassischen Offset-Form mit moderner Ausstattung und kombiniert Boutique-Features mit einem eigenständigen Semi-Hollow-Design inklusive F-Loch. Der Korpus besteht aus massivem Kastanienholz (Chestnut), das aus historischen Weinfässern gewonnen wird und mit einem auffälligen Heavy-Relic-Finish in Heavy White versehen ist. Für ein vertrautes Spielgefühl sorgt ein geschraubter Hals aus geröstetem, kanadischem Ahorn im Medium-‚C‘-Profil, der in Kombination mit dem Ebenholzgriffbrett eine direkte Ansprache und präzise Spielbarkeit ermöglicht. Das Griffbrett besitzt einen 12″-Radius und ist mit 22 Bünden ausgestattet, während die klassische 25,5″-Mensur ein ebenso vertrautes Feeling liefert.

Klanglich setzt die 112 Lounge auf eine vielseitige Pickup-Kombination aus einem Paoletti P-90 in der Halsposition und einem Paoletti Humbucker am Steg, der mit einem eloxierten Nickel-Cover versehen ist, was besonders in Kombination mit dem Heavy-Relic-Finish ziemlich gut aussieht. Gesteuert wird das Setup über einen 3-Wege-Schalter sowie einen Volume- und einen Tone-Regler. Ergänzt wird das Ganze durch hochwertige Hardware wie eine Paoletti OEM 6-Saddle Bridge und Schaller Deluxe Mechaniken.
Features dieses Modells im Überblick:
- Custom-Shop E-Gitarre aus der Paoletti 112 Lounge Series, handgefertigt in Italien
- Korpus aus massivem Kastanienholz (Chestnut) mit Heavy Relic-Finish in Heavy White
- Geschraubter Hals aus geröstetem, kanadischem Ahorn mit Medium-‚C‘ Profil
- Ebenholzgriffbrett mit 22 Bünden und 12″ Radius
- 25,5″ Mensur (648 mm)
- Paoletti P-90 Tonabnehmer in Halsposition
- Paoletti Humbucker mit eloxiertem Nickel-Cover in Stegposition
- 3-Wege-Schalter
- Volume- und Tone-Regler
- Paoletti OEM 6-Saddle Bridge
- Schaller Deluxe Mechaniken
- Inklusive Koffer und Zertifikat
Weitere Infos zum Instrument und zum Paoletti Konfigurationsformular gibt es hier.

Verarbeitung, Spielgefühl und Sound im Praxistest
Schon beim ersten Anspielen hinterlässt die 112 Lounge Heavy White einen sehr positiven Eindruck. Das Instrument fühlt sich direkt hochwertig an, ohne dass man sich erst daran gewöhnen muss, wie es bei mir persönlich bei anderen Custom-Shop-Instrumenten häufiger der Fall ist. Auffällig ist dabei vor allem der Korpus aus Kastanienholz, der trotz der Semi-Hollow-Konstruktion ein relativ hohes Gewicht mitbringt. In der Praxis erweist sich das jedoch nicht als Nachteil – zumindest im Sitzen. Die Gitarre liegt dank ihrer Offset-Form sehr angenehm auf dem Schoß und wirkt hervorragend ausbalanciert.

Besonders gelungen ist die rückseitige Fräsung des Korpus. Diese sorgt dafür, dass sich das Instrument spürbar an den Körper anschmiegt, was man in dieser Form bei Semi-Hollow-Gitarren nur selten findet und konstruktionstechnisch gar nicht so leicht umsetzbar ist. Gerade hier zeigt sich, dass Paoletti nicht einfach klassische Bauformen kopiert, sondern eigene ergonomische Lösungen umsetzt.
Im Stehen könnte das höhere Gewicht allerdings ein Faktor sein, den man berücksichtigen sollte. Für statisches Spielen oder Studioarbeit ist das definitiv kein Problem, bei sehr bewegungsintensiven Live-Performances könnte das Instrument jedoch etwas fordernder sein.
Gerösteter, kanadischer Ahorn-Hals: Geschmeidig in jedem Register!
Der Hals aus geröstetem, kanadischem Ahorn gehört hier ganz klar zu den Highlights der Gitarre. Das Material fühlt sich nicht nur hochwertig an, sondern vermittelt auch ein sehr angenehmes Spielgefühl, egal, ob in tiefen Lagen oder in den höchsten Registern – hier fühle ich mich überall extrem wohl. In Kombination mit dem Medium-‚C‘-Profil ergibt sich eine ausgewogene Mischung aus Komfort und Kontrolle. Das Ebenholzgriffbrett mit 12″-Radius wirkt dabei vertraut, insbesondere für Spieler, die eher moderne Radien gewohnt sind.
Es geht weniger in eine ausgeprägte Vintage-Richtung, bietet dafür aber eine sehr direkte Ansprache und eignet sich hervorragend für präzises Spiel sowie Bendings oder andere technische Eigenheiten. Beispielsweise habe ich persönlich meine Pinch-Harmonic-Sweet-Spots ziemlich schnell gefunden und habe gerade in High-Gain-Settings tolle Klänge aus dem Instrument holen können.
Sound und Hardware
P-90-Power und satte Humbucker-Action
Klanglich zeigt sich die 112 Lounge äußerst vielseitig. Getestet wurde das Instrument unter anderem an einem Mesa Boogie Mark VII 1×12 Combo, einem Marshall JVM410H mit 4×12 Cabinet sowie einem Fender ’65 Princeton Reverb. Diese Kombination deckt ein breites Spektrum von Clean bis High Gain ab und gibt einen guten Eindruck davon, wie flexibel die Gitarre einsetzbar ist.
Der P-90 am Hals ist dabei ein echtes Highlight. Er liefert genau das, was man von einem guten P-90 erwartet: Der locker gewickelte Pickup liefert einen knackigen Ton mit einem artikulierenden Höhenbild. Gerade im Clean- und Crunch-Bereich spielt dieser Pickup seine Stärken voll aus und transportiert eine offene Dynamik. Akkorde wirken breit und lebendig, während sich einzelne Noten klar und präsent durchsetzen.
Der Humbucker in Stegposition ergänzt das Setup sinnvoll und erweitert das Klangspektrum deutlich in Richtung Rock und moderner High-Gain-Sounds. Der Bridge-Pickup wirkt naturgemäß deutlich mittenbetonter, liefert mit Clean-Einstellungen dennoch super Ergebnisse. Richtig interessant wird es jedoch in verzerrten Overdrive- und High-Gain-Settings: Hier zeigt der Pickup eine hohe Durchsetzungskraft und ausreichend Output, um auch anspruchsvollere Settings mit diversen Boosts problemlos umzusetzen.
Trotz des stark ausgeprägten Vintage-Flairs der Gitarre ist sie somit keineswegs auf klassische Genres beschränkt, sondern kann durchaus auch in modernen Kontexten stark überzeugen.
Edle Hardware mit hoher Verarbeitungsqualität
Auch die verbaute Hardware hinterlässt einen durchweg positiven Eindruck. Die Paoletti OEM 6-Saddle Bridge ist sauber verarbeitet und trägt zur stabilen Intonation bei. Die Schaller Deluxe Mechaniken arbeiten zuverlässig und unterstreichen den hochwertigen Gesamteindruck. Gleiches gilt für Details wie das Pickguard oder die goldenen Regler, die nicht nur optisch überzeugen, sondern sich auch haptisch extrem hochwertig anfühlen. Insgesamt zeigt sich hier, dass bei der 112 Lounge viel Wert auf Qualität und Verarbeitung gelegt wurde.
Fazit: Vom Weinfass zur Boutique-Gitarre
Die Paoletti 112 Lounge Heavy White hinterlässt im Praxistest einen durchweg positiven Eindruck und präsentiert sich als hochwertiges Boutique-Instrument mit starkem eigenständigem Charakter. Besonders die Kombination aus traditioneller Materialwahl, individueller Handfertigung und moderner Bespielbarkeit macht die Gitarre zu einem spannenden Werkzeug für unterschiedlichste Einsatzbereiche. Dabei fällt schnell auf, dass viele der verbauten Spezifikationen sehr geschmackssicher gewählt sind und sich in der Praxis als äußerst stimmig erweisen.
Ein entscheidender Punkt ist jedoch das Custom-Konzept: Das getestete Modell stellt letztlich nur eine mögliche Konfiguration dar. Wer sich mit bestimmten Eigenschaften – etwa Pickup-Bestückung, Halsprofil oder Hardware – nicht vollständig identifizieren kann, hat bei Paoletti die Möglichkeit, diese Details individuell anzupassen. Dadurch relativieren sich potenzielle Kritikpunkte schnell, da das Instrument im Idealfall exakt auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten werden kann.
Das vergleichsweise hohe Gewicht des Kastanienholzkorpus kann je nach Einsatzbereich ein negativer Punkt sein. Während die Gitarre im Sitzen hervorragend ausbalanciert ist und sich sehr angenehm spielen lässt, könnte sie im Live-Einsatz bei viel Bewegung etwas fordernder sein. Da Kastanienholz grundsätzlich ein höheres Gewicht mitbringt, ist dies jedoch kein modellbedingter Einzelfall, sondern eher eine materialtypische Eigenschaft.
Preis gerechtfertigt?
Auch der Preis bewegt sich mit rund 4.500 € im gehobenen Segment. In Anbetracht der handgefertigten Fertigung, der hochwertigen Komponenten und vor allem des individuellen Custom-Ansatzes erscheint dieser jedoch durchaus gerechtfertigt. Verglichen mit anderen Custom-Shop-Instrumenten großer Hersteller wie Fender, Gibson oder PRS bietet Paoletti ein sehr eigenständiges Konzept und eine Qualität, die sich keineswegs verstecken muss und meiner Meinung nach teils deutlich hochwertiger daherkommt im Vergleich zu eben jener großen Marken, die teils weitaus höhere Preise von 5.000 € oder mehr verlangen.
Insgesamt überzeugt die Paoletti 112 Lounge Heavy White als charakterstarke Boutique-Gitarre mit hoher Verarbeitungsqualität, vielseitigem Sound und einem klaren Fokus auf Individualität. Wer ein Instrument sucht, das sich sowohl klanglich als auch optisch vom Standard abhebt und gleichzeitig auf höchstem handwerklichen Niveau gefertigt ist, findet hier nicht nur eine äußerst interessante Option, sondern kann von Grund auf seine individuellen Wünsche am Instrument umsetzen lassen.
Pro
- Hochwertige handgefertigte Boutique-Qualität
- Einzigartiger Kastanienholz-Korpus mit eigenständigem Charakter und spannender Historie
- Sehr angenehmes Spielgefühl durch wunderbar verarbeitetem Roasted Maple Neck
- Umfangreiches Custom-Konzept zur individuellen Anpassung nahezu aller Spezifikationen
Contra
- Hohes Gewicht, trotz Semi-Hollow-Konstruktion (nicht unbedingt optimal für agile Bühnenperformance)
- Hoher Preis, wenn auch im Custom-Shop-Kontext gerechtfertigt aufgrund von individueller Konfigurationsfreiheit
Link zur Herstellerseite: paolettiguitars.com


