Tone-Hunting: Gibt es den perfekten Gitarrensound?

Der „beste“ Gitarrensound

Wie wir Luft, Liebe und Schallwellen wahrnehmen

Die Suche nach dem „besten“ Gitarrensound führt viele Gitarristinnen und Gitarristen früher oder später an denselben Punkt: neues Gear, teurere Verstärker, hochwertigere Gitarre, noch ein Pedal mehr, bis es zum Gear Acquisition Syndrome kommt. Schnell entsteht dabei die Annahme, dass ein teureres Setup automatisch auch zu einem besseren Sound führt. Doch genau hier liegt eines der größten Missverständnisse beim sogenannten Tone-Hunting.

Denn so naheliegend es klingt: Teuer bedeutet nicht automatisch besser – zumindest nicht in jedem Kontext. Ich persönlich habe jahrelang nach dem „perfekten“ Gitarren-Tone gesucht und war früher oder später an einem Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass weder teures Gear noch die Menge an Equipment entscheidend ist. Vielmehr suchte ich nach allen möglichen Nuancen, die den Sound noch ein kleines Stückchen besser machen können, ohne zu merken, dass ich mich im Kreis drehe.

Welche Erfahrungen ich beim Tone-Hunting gemacht habe und wie ich meinen „perfekten“ Gitarrensound gefunden habe, erfahrt ihr in diesem Artikel!

High-End-Amps: Gute Referenz, aber kein Allheilmittel

Röhrenverstärker

Es steht außer Frage, dass hochwertige Röhrenverstärker klanglich oft das Maß der Dinge sind. Dynamik, Ansprache und das berühmte „Spielgefühl“ lassen sich mit vielen Transistor-Amps oder günstigen Lösungen nur schwer vollständig reproduzieren. Wer einmal vor einem gut eingestellten Röhrenamp gespielt hat, versteht schnell, warum diese Geräte mit ihrer analogen Technik seit Mitte des 20. Jahrhunderts so geschätzt werden.

Doch dieser Vergleich greift oft zu kurz. Denn was wir im Raum hören, ist nicht das, was später auf einer Aufnahme oder beim Live-Publikum im Ohr landet.

Ein Röhrenamp klingt allein im Wohnzimmer oder im Proberaum beeindruckend: groß, warm, dreidimensional und extrem authentisch. In einer Studio- oder Live-Produktion wird dieser Sound jedoch in der Regel durch Mikrofone eingefangen, gefiltert und je nach Bedarf mittels Equalizern und Kompressoren weiterverarbeitet. Das Ergebnis unterscheidet sich teilweise deutlich vom ursprünglichen „Amp-in-the-Room“-Sound.

Verschiedene Räume, verschiedene Produktionsumgebungen

Wie Lautsprecherboxen, Mikrofone und Räume deinen Sound beeinflussen

Nachdem ich meinen ersten Röhrenamp (ENGL Fireball 100) über ein paar Jahre für Proben und Gigs mit meiner Band eingesetzt habe, musste ich schnell feststellen, dass ein guter Sound keine Frage des Geldes sein muss. Vielmehr hatten unterschiedliche Konzerträume sowie Produktionsumgebungen mit verschiedenen Mikrofonen einen enormen Einfluss darauf, wie mein Amp am Ende des Tages klingt.

Mein Worst-Case-Tone entstand sogar, als ich ein fremdes 4×12“-Cabinet einer anderen Band mitbenutzt habe (aus Transport- und Anreisegründen) und ich beim Anspielen des ersten Tons merken musste, wie viel Transparenz und Höhen im Vergleich zu meiner eigenen Lautsprecherbox an diesem Abend verloren gingen. Auch das war eine Lektion, die mir gezeigt hat, wie viel Einfluss die Lautsprecherbox und die Mikrofonierung im Live-Kontext haben können.

Modeling: Fertiger Mix-Sound statt analoger Rohquelle

So fand ich meinen „perfekten“ Guitar-Tone

Auch wenn ich lange Jahre ein Verfechter des „echten Röhrensounds“ war, bin ich irgendwann zum Modeling gekommen. Die flexiblere Auswahl verschiedener Verstärker- und Cabinet-Simulationen sowie Effekte und andere Sound-Shaping-Tools haben mir enorm geholfen herauszufinden, welcher Sound am besten zu mir passt.

Neben meinem Fireball-Sound bin ich irgendwann weg von reinen High-Gain-Amps gekommen, da ich mit Modeling-Lösungen deutlich flexibler ausprobieren konnte, welche Amps wirklich zu mir passen. So habe ich den Sound vieler meiner Lieblingsbands „nachgebaut“, habe geschaut, welche Verstärker und Effekte genutzt werden, und hatte irgendwann eine kleine Auswahl an Presets, die ich mittlerweile für verschiedenste Zwecke – von Bandproben über Recording bis hin zum Live-Gig – nutze.

Fame URM-1000 Modeling-Floorboard
Fame URM-1000: Modeling-Floorboard mit zahlreichen Amps, Cabs, Effekten und mehr Features zum Ausprobieren, welcher Sound am besten für dich klingt.

Dabei bin ich statt auf komplexe Signalketten zu setzen in der Regel bei einfachen Setups hängen geblieben, die mir für verschiedenste Genres und Stile zur Verfügung stehen: Meine Les Paul Junior und Studio funktionieren mit einem einfachen Plexi-Amp-Model, während ich für High-Gain-Zwecke sogar lediglich ein einfaches JCM800-Low-Gain-Model benutze, das ich mit analogen Overdrive-Pedalen booste. Ein Klassiker, der immer funktioniert. Im Clean-Bereich nutze ich fast ausschließlich ein Vox AC30-Model, während ich für effektreiche Setups gerne auch auf einen einfachen Roland Jazz Chorus zurückgreife. Nahezu alle Amp-Modelle jage ich durch eine 4×12 ENGL-Cab-Simulation, die für meinen Geschmack das meiste aus meinem Modeler rausholt. Das funktioniert für nahezu alles, was ich zum Aufnehmen brauche.

Marshall "Plexi"
Marshall „Plexi“

Das hat mir letztendlich vor Augen geführt, dass ein teurer Röhrenamp nicht zwangsläufig der heilige Gral sein muss, sondern dass es viel mehr darauf ankommt, zu wissen, wie man mit unterschiedlichem Equipment in verschiedenen Situationen am besten arbeitet.

Modeling klingt für dich nicht „authentisch“? Daran kann es liegen:

Bei dieser Röhren-Modeling-Debatte kommen allerdings auch häufig Missverständnisse ins Spiel. Viele vergleichen Modeling-Sounds direkt mit einem echten Verstärker im Raum. Dabei simulieren moderne Modeler in der Regel nicht den Amp „im Raum“, sondern vielmehr einen bereits mikrofonierten Sound, den wir über Studiomonitore oder Kopfhörer anders wahrnehmen, als der rohe Sound aus dem Combo oder der großen 4x12er-Lautsprecherbox.

Das bedeutet: Du hörst beim Modeling oft schon das, was später im Mix funktioniert.

Im direkten Vergleich wirkt dieser Sound für viele zunächst „kleiner“, weniger druckvoll oder weniger „lebendig“ als das, was man aus einer echten Lautsprecherbox hört. Tatsächlich ist er aber oft näher an einer fertigen Produktion als der reale Amp, der Schallwellen ungefiltert in den Raum abstrahlt.

Zudem wird aufgrund von extrem eingestellten Werkspresets oft der Eindruck erweckt, dass Amp-Modeler von Grund auf „schlecht“ klingt. Dabei reichen häufig schon grundlegende Korrekturen aus, um selbst bei günstigen Modelern einen Ready-to-Record-Sound für ambitionierte oder sogar professionelle Anwendungen zu erzielen.Viele Modeling-Amps, Floorboards oder Modeling-Software bieten beispielsweise frei einstellbare Mikrofonierungen, wodurch sich ein authentisches „Raumgefühl“ mithilfe verschiedener Mikrofontypen oder durch die Entfernung zur simulierten Lautsprecherbox sehr realistisch reproduzieren lässt.

Genau deshalb können gut eingestellte Modeling-Sounds im Recording- oder Bandkontext hervorragend funktionieren – selbst im Vergleich zu deutlich teurererem  Analog-Equipment.

Transistor, Übungscombo & Co.: Unterschätzt, aber nicht irrelevant

Ein weiterer wichtiger Punkt in der Gear-Debatte: Nicht jeder gute Sound entsteht zwangsläufig auf High-End-Equipment.

Zahlreiche Produktionen – gerade im Indie-, Punk-, Alternative- oder Shoegaze-Bereich – wurden mit vergleichsweise einfachem Equipment aufgenommen. Alte Transistor-Amps, kleine Übungscombos oder günstige Setups haben dabei Sounds hervorgebracht, die heute als stilprägend gelten. Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich genau aus diesem Grund die Gitarren des ersten Albums meiner Punkband mit einem kleinen Peavey Rage 158-Combo aufgenommen habe. Der wahre Grund war jedoch der, dass ich mir aufgrund meiner damaligen Lebensumstände nichts „besseres“ leisten konnte. Aber genau dieser kleine 8“-Combo hat wunderbar für meinen Punkrock-Kontext funktioniert.

Peavey-Transistor mir frechem Klangcharakter für raue Angelegenheiten.

Der Grund liegt auf der Hand: Im Mix zählt nicht, wie „edel“ ein Sound alleine klingt, sondern wie gut er funktioniert. Ein einfacher Amp mit klarer Frequenzstruktur kann sich im Bandgefüge oft besser durchsetzen als ein überladener High-End-Sound.

Das bedeutet nicht, dass Transistor-Amps „besser“ sind als Röhrenamps – aber eben auch nicht automatisch schlechter. Zumindest je nach musikalischem Kontext, womit wir zum nächsten Punkt kommen.

Der musikalische Kontext entscheidet, nicht der Preis

Der vielleicht wichtigste Punkt beim Tone-Hunting ist daher das Verständnis für den Kontext. Ein Sound, der alleine gut klingt, ist nicht zwangsläufig der richtige für die Band oder die Aufnahme.

Viele Gitarristen neigen dazu, ihren Sound im Solo-Modus zu optimieren: viel Bass, breite Höhen, zurückgenommene Mitten für einen „Scooped“-Sound. Im Zusammenspiel mit Schlagzeug, Bass und Vocals führt genau das jedoch oft zu Problemen – der Sound wird undefiniert, geht im Mix unter oder überlagert die empfindlichen tiefen Frequenzen, in denen Kick und E-Bass ohnehin schon schwer zu kontrollieren sind.

Ein vermeintlich „einfacherer“ Sound mit klaren Mitten und kontrolliertem Low-End kann sich dagegen deutlich besser durchsetzen – unabhängig vom Preis des Equipments.

Der Faktor Mensch: Spielweise schlägt Equipment

Ein Aspekt, der in der Diskussion oft untergeht, ist die eigene Spielweise. Anschlag, Dynamik und Timing haben einen enormen Einfluss auf den Sound – oft sogar mehr als der Unterschied zwischen zwei Verstärkern.

Ein erfahrener Gitarrist wird auch aus einfachem Equipment einen überzeugenden Ton herausholen, während selbst teures Gear schlecht klingen kann, wenn die Grundlagen am Instrument nicht stimmen.

Fazit: Der beste Sound ist der, der funktioniert

Der perfekte Gitarrensound entsteht nicht durch den Preis eines Amps oder die Marke eines Pedals, sondern durch das Zusammenspiel vieler Faktoren. Hochwertiges Equipment kann inspirierend sein und bietet oft mehr Möglichkeiten, ist aber kein Garant für besseren Sound.

Wer versteht, wie sich Gitarren im Mix verhalten, wie Frequenzen zusammenspielen und warum Modeling-Sounds anders wahrgenommen werden als ein echter Amp im Raum, hat einen entscheidenden Vorteil. Tone-Hunting bedeutet dann nicht mehr, immer neues Gear zu suchen, sondern den vorhandenen Sound bewusst zu formen.

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Titelbild/Fotos: Marshall Amplification

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