„Das ist kein Hobby“: EytschPi42 im Interview (Teil 1)

Henning Pauly aka EytschPi42 aka HP42 ist ein extrem umtriebiger Gear-Nerd. Berufsbezeichnung unklar: „Was weiß ich, ich mache Reviews. Also YouTube-Influencer vielleicht, Sexy Beast kann man auch sagen, oder Fashion Icon“, sagt er selbst scherzhaft. Und das ist ein großer Trumpf bei seiner Art die Niesche des Equipment-Rezensions-Video-Erstellers zu besetzen: Henning Pauly ist eloquent in Deutsch wie Englisch, aufgekratzt, begeisterungsfähig und begeisternd. Und er ist trotz aller guten Laune in seinen Reviews ehrlich, schonungslos und transparent.

Doch was macht er eigentlich den ganzen Tag? Und warum überhaupt? Viele stellen sich das Leben eines Gear-YouTubers sicher als Dauerjam zwischen Vintage-Strats und Boutique-Amps vor. Henning Pauly beschreibt stattdessen einen Arbeitsalltag aus E-Mails, Schnittsessions und auch gewissem wirtschaftlichen Druck. Während eines Kurzurlaubs nahm er sich fast zwei Stunden Zeit für ein ausgedehntes Interview mit uns, in dem er erfrischend offen seinen Beruf, seine Haltung und seinen Werdegang darlegt.

In diesem ersten Teil versuchen wir zunächst mal seinem Berufsbild auf den verschiedensten Ebenen auf die Schliche zu kommen.

„Ich habe nur dann eine Gitarre in der Hand, wenn die Kamera läuft“

Henning, für dich ist es wahrscheinlich schon Urlaub, mal nicht von einem Haufen Gitarren und Equipment umgeben zu sein, oder?

Ja und nein. Mein Job hat ja nicht wirklich etwas mit Gitarre zu tun. Die Leute denken immer: „Boah, der sitzt da in einem Zimmer und hat die ganzen Gitarren um ihn rum…“ Wenn ich Musiker wäre, wäre das ein Schlaraffenland, weil du kannst da wirklich jede Gitarre in jeder Qualität in jeden Amp reinstecken. Gitarrensoundmäßig gibt es nichts Besseres. Ich habe über 100 Gitarren und 80 Amps. Aber der Job ist ja nicht Musiker sein, sondern zu testen.

Das heißt, ich teste momentan, was auf dem Tisch steht. Die Herausforderung ist also eine andere als beim Standardmusiker. Der Musiker muss versuchen, den bestmöglichen Sound oder „seinen“ Sound hinzubekommen. Und darum geht es bei mir nicht. Beim Testen überlege ich: Welches ist die beste Gitarre für genau diesen Kontext – aber ich fokussiere mich auf das, was getestet werden muss. Das bestimmt die Parameter. Viele verstehen das nicht. In den Kommentaren liest man oft Neid – oder die Vorstellung, ich sei so ein Trust-Fund-Baby, das sich den ganzen Kram kauft. Die raffen nicht, dass diese Sachen gar nicht wirklich „benutzt“ werden im Sinne von: Ich setze mich hin und spiele einfach.

Was ist denn der Job aus deiner Sicht?

Der Job ist nicht, in einem Raum zu sitzen und die ganze Zeit zu spielen. Ich habe nur dann eine Gitarre in der Hand, wenn die Zuschauer das sehen. Wenn die Kamera läuft. Das war’s. Der Rest ist Meetings, E-Mails, Editing, Manuals lesen. Ich würde sagen, 90 Prozent der Zeit, die ich mit der Gitarre verbringe, landet in Videos. Dass ich einfach so Gitarre spiele, das gibt es bei mir nicht.

Auch nicht mal privat für dich auf dem Sofa?

Nein. Wenn du den ganzen Tag mit Gitarren arbeitest, dann nimmst du keine mit in den Urlaub. Bei mir gibt es durch den Job kein Weihnachten, keine Geburtstage. Das ist halt, so blöd es klingt, mein Job und kein Hobby. Die Leute sehen das Hobby und denken: „Geil, der hat alles, womit ich spielen würde.“ Aber wenn du den ganzen Tag Spreadsheets machst, gehst du ja auch nicht nach Hause und machst weiter Spreadsheets.

Ich will nicht sagen, dass es kein geiler Job ist. Aber ein Job ist ein Job. Ich gehe auch nicht bei mir ins Studio, wo 50 hochwertige Gitarren hängen, und denke mir „boah, was bist du ein geiler Hengst, was hast du da für geile Gitarren“. Ich merke das gar nicht mehr. Es ist ein Raum wie jeder andere.

Aber ein Job, der dir Spaß macht und den du dir selber ausgesucht hast, den du dir selber einteilen kannst.

Einteilen ist schwierig, denn das ist ein 24/7-Job. Auch am Wochenende. Und so ein Urlaub hier – den kann ich mir eigentlich nicht leisten.

„Längst nicht alle Firmen haben noch Geld für Videos“

Meinst du „leisten“ im Sinne von Präsenz oder finanziell?

Über die Kohle kann ich mich momentan nicht beschweren, aber es ist schwieriger geworden. Die Klicks sind brutal rückläufig. Gear wird nicht mehr geklickt wie früher. Wo es mal 20.000 Klicks waren, sind es jetzt nur noch 2.000. Das geht vielen Kanälen so. Aber wenn die Klicks rückgängig sind, sind auch die Affiliate-Sales rückgängig. Und über Affiliate kam immer gut was rein, aber auch das ist momentan ordentlich zurückgegangen. Und dann fehlt auf einmal schnell ein Tausender.

Die Firmen zahlen aber trotzdem das, was sie vorher gezahlt haben, denn sie können ja nicht aufhören, Marketing zu machen. Und ich habe ja dieselbe Arbeit. Aber längst nicht alle Firmen haben noch Geld für Videos. Gerade bei Pedalfirmen ist das enorm zurückgegangen. Pedale sind halt einfach nicht mehr in. Das waren gute zehn Jahre, aber irgendwie haben die Leute jetzt keinen großen Bock mehr darauf.

Das Interesse ist, denke ich auch durch das Wachstum des Profiler-Markts, sehr zurückgegangen. Heute gibst du 49 Euro für irgendein Package von irgendwelchen Amps oder IRs aus und dann hast du halt wieder für die nächsten zwei Wochen ein neues Spielzeug.

Trotzdem gibt es noch diese Pedalsammler. Die haben dann zwei, drei Pedalboards mit Wet-Dry-Wet und was weiß ich was alles, für locker 10.000 Euro. Mit dem geilsten Zeug drauf. Und dann hörst du, was die damit machen… Die haben keine Ahnung, wie Musik funktioniert. Nicht mal im Ansatz. Der hat ein Wet-Dry-Wet-System und versteht nicht mal, was Stereo ist. Oder was Musik überhaupt ist. Aber das ist ja auch egal. Wenn er Spaß daran hat, dann soll er doch bitte machen. Das Hobby ist dann eben nicht Musik machen, sondern sich mit Pedalboards und der Technik und dem Verkabeln und diesem ganzen Kran zu beschäftigen. Das ist das, was Spaß macht.

Das gilt für das Thema Gitarre wahrscheinlich genauso, oder?

Ja. Ich habe letztens ein Video gemacht, das hieß „What kind of guitar player are you?“ Da gibt es einerseits die, die eine Gitarre haben und üben. Und die müssen keine Gear-Videos gucken, weil es interessiert sie einen feuchten Rotz. Die üben halt einfach und schauen sich lieber irgendwelche Lessons an oder kaufen Kurse.

Und dann gibt es welche, die machen weder noch. Die sind Teil einer Band, haben Spaß und wollen gerne mit den Kumpels Freitagsabends zusammen abhängen. Und dann gibt es die Jungs, die gerne ihre Gitarre modifizieren. Die spielen dann nicht viel, sondern schrauben lieber und diskutieren Pickups. Und dann gibt es noch so ein paar Neureiche, die 50 Gitarren zu Hause haben, aber nicht spielen können. Sie sammeln halt gern, weil sie das schön finden. Das ist Rock’n’Roll, das sieht gut aus. Es kommt in unserer Welt schnell dazu. dass man die Leute verurteilt, wie sie mit Gitarre umgehen. Dabei muss man verstehen, dass es ganz, ganz viele verschiedene Arten und Weisen gibt, das Instrument wahrzunehmen und es zu seinem Hobby zu machen.

„Warum sollte mir irgendeine Firma in der Welt Equipment umsonst geben?“

Nochmal zurück zu deinem Job und wie dich die Leute wahrnehmen.

Ich finde es schockierend, wie viele Leute diese Welt noch nicht verstehen. Man guckt sich YouTube an, aber man versteht nicht, wie Influencer damit Geld verdienen und wie das wirklich funktioniert. Viele denken tatsächlich, ich würde das ganze Zeug kaufen und dann Videos dazu machen. Aber das ist doch naiv bis zum Abbrechen! Das macht ja überhaupt keinen Sinn. Vielleicht denken sie, wenn man 200.000 Abonnenten hat, dass man von YouTube im Monat 20.000 Euro überwiesen bekommt. Das ist nicht der Fall. YouTube schickt mir im Monat ungefähr 1300 Euro – und das reicht nicht mal für meine Stromrechnung.

Ich kann mir das gar nicht alles kaufen, aber das denken viele. Und wenn es dann heißt, die Firma bezahlt dafür, wird sofort angenommen, dass ich dann nicht ehrlich sein kann. Das ist das Tragischste. Heutzutage wird sofort angenommen, dass jeder Mensch so schlecht ist, dass er für Geld alles tut und dass er für Geld einfach alles sagen würde. Aber schau dir mal zehn Videos von mir an, dann weißt du, wo der Haken hängt.

Du bekommst das Equipment aber schon umsonst, oder?

Nichts ist jemals umsonst. Sobald du ein Video zu etwas machst, war es ja nicht umsonst. Ich brauche Lampen, ich brauche Kameras, ich brauche Software, ich brauche Plug-ins, ich brauche meine Arbeitszeit, meine Expertise, die ich mir angearbeitet habe. Warum also sollte mir irgendeine Firma in der Welt Equipment umsonst geben? Wenn mir zum Beispiel Ibanez eine Gitarre gibt, kann ich die behalten. Aber „umsonst“ würde bedeuten, ich kann die morgen verkaufen, ohne sie in eine Kamera gehalten zu haben. Das wäre umsonst, aber die erwarten ja einen Service von mir, und der kostet Geld. Schätze mal, was ein Video von mir kosten würde, wenn du es auf dem freien Markt mit Grafik Designern, Musiker und Cuttern produzieren würdest.

Ich habe keinen blassen Schimmer.

Ich habe das mal zusammengerechnet: 9400 Euro kostet ein Video, wenn du als Firma solch ein Video produziert haben willst. Ein Video kostet bei mir 1200 Euro, was sehr sehr fair ist. Aber das muss es auch kosten, wenn du dir die Produktionskosten anguckst.

Versuchen die Firmen nicht manchmal, dir reinzureden?

Wenn Firmen das versuchen, kriegen sie etwas zu hören. Dann arbeite ich nicht mit denen. Die Leute müssten mal mitbekommen, wie ich mit Firmen kommuniziere und was ich Firmen sage. Wenn Firmen mich bitten, bestimmte Dinge zu sagen oder eben wegzulassen, dann mache ich das nicht. Ich arbeite auch nur mit ehrenwerten Firmen zusammen, soweit es irgendwie geht. Aber es gibt immer mal Firmen, die irgendwelchen Dreck am Stecken haben. Danelectro zum Beispiel ist für mich abgehakt, denn der Typ hat Geld investiert für eine Kampagne gegen die Schwulenehe in Kalifornien. Und ich sage immer wieder: Gibson könnte mir 50.000 Euro auf den Tisch legen für ein Video, und ich würde trotzdem sagen: „verzieht euch“. Wenn ihr hier durch die Weltgeschichte lauft und alle verklagt, dann nicht mit mir. Gibson ist wirklich einfach nur noch ein Konglomerat und nicht mehr an Gitarren interessiert. Die wollen das Logo stark machen und haben kein Interesse mehr daran, gute Gitarren für einen fairen Preis zu machen. Da geht es nicht mehr um Instrumente, sondern nur noch darum, die Marke groß zu machen, um von jedem Film, wo eine Les Paul vorkommt, Lizenzen zu kassieren.

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