CHRISTIAN KÖGEL: M
Endlich mal wieder eine Doppel-CD und auch noch ein echtes Zwei-Gitarren-Album! Christian Kögel ist hier gleich mit einer ganzen Reihe diverser Saiteninstrumente zu erleben: Neben E-Gitarre und Nylonstring sind hier noch eine Baritone-Gitarre, Pedal Steel, eine Dobro und auch noch die seltene 12-string-Dobro im Einsatz. Kögels gitarristischer Mit- und Gegenspieler ist Kalle Kalima, ein Finne in Berlin, der aus seinen Bands La Marama, Klima Kalima, K-18 oder Kuu! bekannt ist. Ein eigenwilliger, moderner Jazz-Ausbrecher mit originellem Sound. Bandleader Christian Kögel hat u.a. mit seinem Wood & Steel Trio und Jerry Granellis Band UFB gespielt – da mit Kai Brückner als zweitem Gitarristen. Mit Sängerin Britta-Ann Flechsenhar arbeitet er in deren Band Flexkögel zusammen – sie ist auch hier in einem Track zu hören. Und mit Paul Kleber („Höfner Electric Bass“ und Kontrabass) und Schlagzeuger Hans Otto hat Kögel die wohl entspannteste Rhythm-Section der Hauptstadt am Start. Die beiden Herren verbreiten auf CD1 eine absolut sedierende, extrem hypnotische Slow-Groove-Welt, die perfekt zu den Saitenkontrasten passt und diesen ein weiches Bett bereitet. Extrem langsam, aber nie langweilig.

,M‘ ist ein Album, das leisen Spaß macht: Ganz sicher nichts für Satriani- oder Snarky-Puppy-Fans, eher schon für Frisellianer und Menschen, die sich noch an die legendären Friends Of Dean Martinez erinnern. In den Liner-Notes des schönen Digipaks lese ich, dass das Instrumental ,Ich Steine, Du Steine‘ auf einem Song von Peter Fox basiert und die diversen ,Eclairs‘ von dem legendären Komponisten Olivier Messiaen (*1908 +1992) inspiriert sind.
Solche unerwarteten Einflüsse machen die Musik dieses Albums aus. Und manchmal ist man sich ganz sicher, dass gleich Tom Waits um die Ecke kommt. Oder wundert sich über beatleske Vibes im nächsten Track. Überhaupt können Kögel, Kalima, Kleber & Otto eines perfekt: immer wieder überraschen. Und das mit diesem coolen Understatement-Sound, der wirklich individuell gelungen ist. Und Spaß macht. Der wird dann noch mal gesteigert, wenn das weirde Quartett im Track ,Yurt Rock‘ gekonnt wie Led Zeppelin abrifft, um sich in Breaks mit Pedals-Steel-Chords zu kontrastieren. Und ab hier geben dann alle Beteiligten erst mal richtig Gas und rocken, jazzen & jazzrocken was das Zeug hält … OK, ich muss hier nicht alles verraten, nur soviel: Es geht unberechenbar, spannend, bunt, schräg und virtuos weiter. ,M‘ ist jetzt schon mein Gitarren-Album des bisherigen Jahres. More please!
SHAKE STEW: TEN ONE TWO
Mehr Bass! Auch Shake-Stew-Bandleader Lukas Kranzelbinder (b) beglückt uns diesmal gleich mit einem Doppelalbum; in der CD-Fassung stecken die beiden Scheiben auch noch in einem sehr schön designten Digipak. Ob Oldschool oder nicht – so ein Kunstobjekt zum Anfassen betont weiterhin die Wertigkeit von Musik, die als Stream irgendwie auf den Strich geht.
Direkt der erste Track ,Wood‘ zieht einen absolut hypnotisch in die Klangwelt von Shake Stew. Zur Band gehören Yvonne Moriel (as), Mario Rom (tp), Johannes Schleiermacher (ts, fl), Oliver Potratz (b), Nikolaus Dolp und Herbert Pirker (dr, perc). Richtig gelesen: Zweimal Schlagzeug & Percussion, wobei die beiden Instrumentalisten sauber im Stereoklangbild zu identifizieren sind. Und auch zwei Bässe sind hier zu hören, mal E-, mal Kontrabass, divers kombiniert. Wobei Bandleader Lukas Kranzelbinder auch mal mit der in Nordafrika verbreiteten aber aus Guinea stammenden dreisaitigen Laute Guembri (auch als Gimbri oder Gmbri bekannt) und am Mellotron zu hören ist.

Die österreichische Formation hat sich mittlerweile einen festen Platz in der europäischen Jazz-Szene erspielt, und wurde u.a. mit dem Amadeus Music Awards 2023 und dem Deutschen Jazzpreis 2021 ausgezeichnet. „Man muss Jazz nicht mögen, um Shake Stew zu lieben: Die Band um Lukas Kranzelbinder ist von Kopf bis Fuß auf Ekstase eingestellt. Oder frei nach Nietzsche: Das ist keine Musik, sondern Dynamit!“ schrieb die Wiener Zeitung treffend. Denn mit dieser eigenwilligen Band kann man stilistisch offene Musik mit hypnotischen Klangflächen entdecken, sehr dichte Grooves erleben auf die dann wieder ganz transparente, beatfreie Passagen. Und immer wieder treffen sich die beiden Bässe – ungewohnt und inspirierend. Reinhören! Zum zehnjährigen Bestehen soll später in diesem Jahr nach ,Ten One Two‘ auch noch eine dritte CD erscheinen.
JONAS SORGENFREI: CRACKS IN THE SILENCE
Mit Florian Trübsbach (as, ss), Philipp Brämswig (g), Matthias Akeo Nowak (b), sowie Rainer Böhm (p) und Wanja Slavin (synth), hat der in Nürnberg lebende Schlagzeuger Jonas Sorgenfrei einige sehr kompetente Musiker der deutschen Szene um sich versammelt. ,Cracks In The Silence‘ ist sein fünftes Album als Bandleader – und sehr abwechslungsreich gelungen.
Nach ,Elephants Marching On‘ (2021), ,Moods‘ (2022) und den beiden Konzertmitschnitten ,Live‘ (2023) und ,Live Quintet‘ (2025), zeigt das neue Album noch stärker die Vielseitigkeit dieser Band. Die Besetzung variiert leicht in den zehn Stücken, ebenso die Klangfarben und spielerischen Ansätze. Die ersten beiden Album-Tracks kommen noch etwas sperrig und eckig rüber, mit dem coolen Thema von ,In Flight‘ ist die Band dann aber in einem ersten, groovenden Höhenflug. Die Musik swingt, pulsiert, die Soli sind spannend, das Schlagzeug kommt extrem eigenwillig, fast explosiv rüber – der Groove ist wirklich komplex, gleichzeitig aber organisch. Das muss man können. Gitarrist Philipp Brämswig und Kontrabassist Matthias Akeo Nowak liefern immer wieder spannende Saitenbeiträge. Beide sind extrem banddienliche Player, wobei Nowaks wunderbar tiefgehender, tragender Bass-Sound ein besonderer Genuss ist. Tolle Musiker!

In den Album-Tracks 6 bis 10 (der B-Seite der Vinyl-LP) integriert Jonas Sorgenfrei erstmals Live-Electronics in sein Schlagzeugspiel. Und auch das gelingt ihm organisch und wirkt in Zusammenhang mit dem mehr oder weniger akustischen Jazz-Sound dieser Band nie aufgesetzt, erweitert aber deren Spektrum enorm. Interessant ist auch, dass man hier keinen wirklichen Bruch wahrnimmt, was auf die starke Handschrift des Drummers und Komponisten zurückzuführen ist. Dieses auch improvisatorisch freiere Setting eskaliert dann im gut vierminütigen ,Jungle After Dusk‘ absolut spannend. Das Finale heißt ,Pacman’s Revival‘ und bringt noch mal stärker die Band der ersten Album-Tracks zurück, mit einem vertrackten, fast post-boppigen Thema und schönen Soli.
