Das Griffbrett der Gitarre wirklich verstehen: Töne, Oktaven und Skalen lokalisieren

Warum das Griffbrett am Anfang wie Chaos wirkt

Viele Gitarristinnen und Gitarristen kennen das Problem: Die Grundakkorde sitzen, Barré-Griffe klappen ebenfalls, aber die höheren Lagen wirken oft wie ein unübersichtliches Geflecht aus Mustern und Positionen. Wirft man dann noch einen Blick auf die Töne des Griffbretts, fühlt man sich schnell erschlagen (besonders dann, wenn Musiktheorie bislang eher ein blinder Fleck war). Die Noten scheinen willkürlich verteilt, Soli oder komplexere Riffs werden mithilfe von Tabs auswendig gelernt, ohne wirklich zu verstehen, was harmonisch eigentlich passiert. Das kann auf Dauer frustrierend sein. Genau deshalb wollen wir in diesem Artikel Abhilfe schaffen.

Wer vorher noch einmal sein musiktheoretisches Verständnis auffrischen möchte, findet alles dazu in diesem Beitrag: Musiktheorie für Gitarre: Tonarten, Intervalle & Akkorde

Hat man erst einmal verstanden, wie die Töne auf dem Griffbrett funktionieren, wirkt dessen Aufbau plötzlich alles andere als chaotisch. Tatsächlich folgt das Griffbrett klaren Mustern, die sich ständig wiederholen. Zahlreiche Eselsbrücken liegen dabei direkt vor deiner Nase – beziehungsweise unter deinen Fingern. Wer diese Zusammenhänge erkennt, kann sich deutlich schneller orientieren, Songs einfacher lernen und beginnt schließlich, die Gitarre wirklich zu verstehen.

Wo liegt welcher Ton auf dem Griffbrett? – Quelle: Fender/Jackson

Grundsätzlich wiederholen sich alle Töne und Halbtöne auf dem Griffbrett mehrfach. Auch saitenübergreifend lassen sich dadurch schnell wichtige Orientierungspunkte erkennen. So entsteht nach und nach ein nachvollziehbares System, in dem sich Powerchords, Skalen oder komplette Akkordfolgen deutlich leichter einordnen lassen.

Wichtige Erkenntnis: Du musst nicht das gesamte Griffbrett beziehungsweise jede einzelne Note stumpf auswendig lernen. Viel wichtiger ist es, die sich wiederholenden Muster und Zusammenhänge zu verstehen. Besonders sinnvoll ist es, sich zunächst auf die beiden tiefen Saiten – also die E- und A-Saite – zu konzentrieren. Kennst du dort die wichtigsten Töne, lassen sich Intervalle, Akkorde und Skalen deutlich einfacher über das gesamte Griffbrett hinweg nachvollziehen.

Wo fange ich an, mich zu orientieren?

Grundsätzlich wird das Griffbrett durch die metallischen Bundstäbchen in einzelne Bereiche unterteilt. Diese nennt man „Bünde“. Je nachdem, an welcher Position gegriffen wird, spricht man vom ersten, zweiten oder dritten Bund und so weiter. Wichtig dabei: Mit jedem Bund bewegt man sich musikalisch um einen Halbtonschritt weiter. Überspringt man zwei Bünde, entsteht entsprechend ein Ganztonschritt. Dieses Prinzip zieht sich konsequent über das gesamte Griffbrett und bildet die Grundlage für Tonleitern, Akkorde und Intervalle.

Damit man sich auf dem Griffbrett besser orientieren kann, besitzen die meisten Gitarren sogenannte Inlays beziehungsweise Griffbretteinlagen. Diese kleinen Punkte oder Markierungen verraten zwar nicht direkt, welcher Ton dort liegt, helfen aber enorm dabei, Positionen und Intervalle schneller zu erkennen. Typischerweise befinden sich diese Markierungen im dritten, fünften, siebten, neunten und zwölften Bund sowie in weiteren höheren Lagen.

Besonders auffällig ist der zwölfte Bund, da er meist mit zwei Punkten markiert ist. Das hat einen einfachen Grund: Ab hier beginnt das Tonsystem erneut. Spielt man im zwölften Bund alle sechs Saiten, erklingen dieselben Töne wie bei den Leersaiten, lediglich eine Oktave höher.

Die Tonleiter einer Klaviatur auf das Griffbrett übertragen

Genau dieses Prinzip macht das Griffbrett deutlich übersichtlicher, als es zunächst erscheint. Statt unzählige einzelne Positionen auswendig zu lernen, reicht es oft, grundlegende Muster und Zusammenhänge zu verstehen.

Klaviatur mit den Tönen C, D, E, F, G, A , H

Besonders hilfreich ist dabei die sogenannte Stammtonreihe mit den Tönen C, D, E, F, G, A und H. Zwischen E und F sowie zwischen H und C liegt jeweils nur ein Halbtonschritt. Alle übrigen Töne besitzen einen Ganztonabstand zueinander. Dieses Muster wiederholt sich auf allen Saiten der Gitarre und hilft enorm dabei, sich schneller zu orientieren.

Zusätzlich kommen auf dem Griffbrett noch die sogenannten Zwischentöne hinzu. Diese entstehen durch das Erhöhen oder Erniedrigen eines Tons mithilfe von Kreuz- oder b-Vorzeichen. Dadurch entsteht die chromatische Tonleiter mit insgesamt zwölf verschiedenen Tönen pro Oktave.

Für viele wirkt diese vollständige Darstellung des Griffbretts allerdings schnell überladen. Gerade am Anfang ist es deshalb sinnvoller, sich zunächst auf die Stammtöne und grundlegende Orientierungspunkte zu konzentrieren. Dabei reichen lediglich die ersten beiden Saiten, also die tiefe E- und A-Saite aus, um sich nahezu vollständig auf dem Griffbrett zurechtzufinden.

Oktaven lokalisieren

Oktaven-Dreieck in F auf der E-Saite: 1. Bund der tiefen E-Saite, 3. Bund der D-Saite und 1. Bund der hohen e-Saite.

Eine besonders praktische Methode zur Orientierung sind sogenannte Oktavmuster oder „Oktaven-Dreiecke“. Dabei wiederholt sich ein Ton in festen geometrischen Formen über mehrere Saiten hinweg. Kennt man die Töne auf der tiefen E- und A-Saite gut (Grafik oben), lassen sich identische Töne auf anderen Saiten deutlich schneller finden. Verschiebt man dieses Dreieck nach oben, so bleiben die Intervalle logischerweise gleich und Oktaven jedes Tons der E- und A-Saite können blitzschnell identifiziert werden.

Oktaven-Dreieck in F auf der A-Saite: 8. Bund der A-Saite, 10. Bund der G-Saite und 6. Bund der hohen H-Saite.

Genau solche Muster helfen vielen erfahrenen Gitarristinnen und Gitarristen dabei, sich intuitiv auf dem Griffbrett zu bewegen. Darüber hinaus lässt sich das Griffbrett auch in verschiedene Bereiche oder „Blöcke“ unterteilen. Statt jede einzelne Note isoliert zu betrachten, denkt man dabei eher in zusammenhängenden Formen, Bewegungsmustern oder Rastern. Gerade beim Improvisieren oder beim Lernen von Skalen entsteht dadurch ein deutlich besseres Gefühl für das Instrument.

Der Vorteil liegt dabei wortwörtlich auf der Hand: Visuelle Muster lassen sich deutlich leichter lernen und behalten, als sämtliche Töne blind auswendig lernen zu wollen. Besonders das Muskelgedächtnis profitiert davon, weil sich eingeübte Skalen, Bewegungsabläufe und Muster wesentlich besser verinnerlichen lassen.

Weitere Intervalle verstehen

Worauf bauen Tonleitern und Skalen auf?

Ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis des Griffbretts liegt außerdem in den Intervallen und der Stimmung der Gitarre selbst. Die sechs Saiten sind größtenteils in Quarten gestimmt: E, A, D, G, H und E. Die einzige Ausnahme bildet der Abstand zwischen G- und H-Saite, der einer großen Terz entspricht.

Genau dieses System sorgt dafür, dass sich viele Akkord-, Skalen- und Arpeggio-Formen relativ einfach über das gesamte Griffbrett verschieben lassen. Deshalb arbeiten viele Gitarristinnen und Gitarristen weniger mit einzelnen Notennamen, sondern vielmehr mit wiederkehrenden Mustern und Formen.

Tonleitern

Gerade bei Tonleitern zeigt sich dieses Prinzip besonders deutlich. Viele Skalen funktionieren auf der Gitarre nach identischen Bewegungsmustern und verändern sich lediglich durch ihre Position auf dem Griffbrett.

Spielt man beispielsweise eine Dur-Tonleiter oder in einer bestimmten Lage, lässt sich dieselbe Form einfach verschieben, um eine andere Tonart zu erzeugen. Dadurch entsteht mit der Zeit ein deutlich intuitiveres Verständnis für das Instrument, weil man Zusammenhänge erkennt, anstatt jede Tonleiter komplett neu lernen zu müssen.

Griffbrett Gitarre mit Tönen der G-Dur Tonleiter
G-Dur Tonleiter

Für die Orientierung auf dem Griffbrett sind besonders die tiefe E-Saite sowie die A-Saite entscheidend. Wer die Töne auf diesen beiden Saiten sicher kennt, kann daraus viele weitere Positionen ableiten. Gerade Powerchords, Oktavmuster oder Barré-Akkorde orientieren sich häufig an diesen Grundtönen.

Statt das komplette Griffbrett auswendig zu lernen, reicht es deshalb oft aus, einige zentrale Orientierungspunkte wirklich zu verstehen. Der Rest ergibt sich mit zunehmender Spielerfahrung beinahe automatisch.

Die Blues-Skala

Die Blues-Skala ist eine Erweiterung der Moll-Pentatonik und charakterisiert sich durch ihren frechen Stil, der vor allem von rhythmischen Aussetzern und freier Improvisation lebt. Deshalb wird sie häufig auch als „Blues-Pentatonik“ bezeichnet. Sie besteht aus denselben fünf Tönen wie eine Moll-Pentatonik, wird jedoch um die verminderte Quinte ergänzt und ist somit strenggenommen eine Hexatonik. Dadurch entsteht eine sechstönige Skala mit dem typischen Blues-Charakter.

Beispiel: Die Töne der A-Blues-Skala: A – C – D – E♭ – E – G

Tipp: Improvisation mit der Blues-Skala

Die sogenannte Blue Note – in diesem Fall das E♭ – sorgt für den charakteristischen bluesigen Klangcharakter der Skala. Wenn du besonders bluesig klingen möchtest, kannst du diesen Ton gezielt betonen und länger ausklingen lassen.

Für rockigere Spielweisen eignet sich die Blue Note dagegen oft eher als Durchgangston. Experimentiere damit, sie auf unbetonte Zählzeiten zu platzieren oder als Übergang zwischen zwei anderen Tönen einzusetzen.

Üben, Verknüpfen, Improvisieren: Am Ende bleibt alles im Muskelgedächtnis. Wie Fahrradfahren.

Letztlich geht es beim Lernen des Griffbretts nicht darum, jede Position sofort perfekt benennen zu können. Viel wichtiger ist es, die wiederkehrenden Muster und Zusammenhänge zu erkennen.

Wer versteht, wie sich Töne, Intervalle und Oktaven auf der Gitarre bewegen, entwickelt mit der Zeit automatisch mehr Orientierung und beginnt das Griffbrett nicht mehr als Chaos, sondern als logisch aufgebautes System wahrzunehmen und provitiert von einem trainierten Muskelgedächtnis.

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