Die Entwicklung des Humbucker
Der Humbucker gehört seit den frühen Tagen der E-Gitarre zu den wichtigsten Bauteilen des Instruments. Nicht umsonst überwiegen die Vorteile des Doppelspulers im Vergleich zum Single Coil, wenn es in höhere Drive-Regionen geht: Der Humbucker unterdrückt das Brummen deutlich zuverlässiger als Single Coils, wodurch sich diese Tonabnehmer besonders seit dem Aufkommen härterer Stilrichtungen für Genres von Classic Rock bis Metal etabliert haben.

Taucht man noch tiefer in das Thema und vor allem in dessen Historie ein, so begegnen einem Begriffe wie PAF-Style, Vintage PAF oder PAF-Replika, die längst zum festen Sprachgebrauch vieler Gitarristinnen und Gitarristen gehören. Zahlreiche Hersteller – von Gibson und Seymour Duncan bis hin zu Bare Knuckle, DiMarzio oder EMG – orientieren sich bis heute an den Eigenschaften dieses legendären Tonabnehmers. Doch was steckt eigentlich hinter dem Begriff PAF, warum gilt er bis heute als Referenz für klassische Ur-Humbucker und wer war der Mann, der ihn entwickelte?
Seth Lover und die Suche nach einem brummfreien Tonabnehmer
Anfang der 1950er-Jahre dominierten Single-Coil-Pickups den Markt. Gibson setzte auf den breiteren, aber dennoch einspuligen P-90, Fender etablierte parallel seine Telecaster- und Stratocaster-Single-Coils. Klanglich überzeugten diese Tonabnehmer mit Transparenz und Dynamik, hatten jedoch einen entscheidenden Nachteil: das typische 60-Hz-Netzbrummen, das besonders bei höheren Lautstärken und der damit einhergehenden Übersteuerung der Verstärker deutlich hörbar wurde.

Genau diesem Problem nahm sich Seth Lover an. Der Ingenieur arbeitete damals als Entwickler bei Gibson und beschäftigte sich bereits mit Schaltungen zur Unterdrückung von Störgeräuschen in Verstärkern. Seine Idee war ebenso simpel wie revolutionär: Statt einer einzelnen Spule kombinierte er zwei Spulen mit entgegengesetzter Wickelrichtung und umgekehrter Magnetpolarität. Das Brummen wurde dadurch gegenseitig ausgelöscht, während das Nutzsignal erhalten blieb – der erste serienreife Humbucker war damit geboren.
Warum heißt der Pickup eigentlich „PAF“?
Bereits 1955 reichte Gibson gemeinsam mit Seth Lover das Patent für den neuen Tonabnehmer ein. Da sich die Erteilung des Patents jedoch mehrere Jahre hinzog, versah Gibson sämtliche Humbucker zunächst mit einem kleinen Aufkleber auf der Unterseite, auf dem „Patent Applied For“ stand.

Aus dieser unscheinbaren Beschriftung entwickelte sich später die bis heute bekannte Bezeichnung PAF. Obwohl das Patent schließlich nach etwa vier Jahren offiziell 1959 erteilt wurde, verwendete Gibson die entsprechenden Aufkleber noch bis Anfang der 1960er-Jahre weiter. Heute bezeichnet der Begriff vor allem die zwischen 1956 und 1962 produzierten Original-Humbucker, die unter Sammlern Höchstpreise in vier- bis fünfstellige Regionen erzielen.

Der Sound einer ganzen Generation
Besonders eng verbunden ist der PAF mit den legendären Gibson Les Paul Standards von 1957 bis 1960. Die Kombination aus Mahagonikorpus, Ahorndecke und den neuen Humbuckern prägte den Look und Sound dieser Zeit und beeinflusste zahllose Blues-, Rock- und spätere Hardrock-Aufnahmen.
Im Vergleich zu Single Coils lieferten die PAFs mehr Ausgangsleistung, ein kräftigeres Mittenbild und deutlich weniger Nebengeräusche. Gleichzeitig blieben sie enorm dynamisch und reagierten sensibel auf Anschlagstärke sowie auf das Volume-Poti der Gitarre. Gerade in Verbindung mit den damals aufkommenden Röhrenverstärkern, die zunehmend in die Verzerrung gefahren wurden, entstand jener warme, offene und dennoch durchsetzungsfähige Klang, der bis heute als klassischer PAF-Sound bezeichnet wird.
Interessant ist dabei, dass frühe PAFs keineswegs alle identisch waren. Unterschiedliche Wicklungszahlen, Fertigungs- und Bauteiltoleranzen sowie verschiedene Alnico-Magnete – darunter Alnico II, III und V – sorgten dafür, dass kaum zwei Originale exakt gleich klangen. Gerade diese kleinen Unterschiede tragen bis heute zum Mythos der frühen Gibson-Humbucker bei.
Was zeichnet einen PAF Humbucker technisch aus?
Ein charakteristisches Merkmal der frühen PAF-Humbucker ist ihr vergleichsweise moderater Gleichstromwiderstand. Die ersten Exemplare aus den Jahren 1956 bis 1961 lagen je nach Wicklungszahl und Fertigungstoleranz meist zwischen 7,5 und 9,5 kΩ, spätere Versionen pendelten sich bei rund 7,3 bis 7,7 kΩ ein. Diese relativ niedrigen Werte gelten bis heute als typisch für klassische Vintage-Humbucker und tragen maßgeblich zu ihrem offenen Klangbild bei. Im Gegensatz zu moderneren High-Output-Humbuckern wie beispielsweise dem Seymour Duncan SH-4 setzen PAFs weniger auf eine maximal „heiße“ Ausgangsleistung, sondern vielmehr auf Transparenz, ausgeprägte Obertöne und eine hohe Dynamik. Aus diesem Grund orientieren sich zahlreiche heutige PAF-Repliken noch immer an diesem Impedanzbereich und versuchen, den Charakter der historischen Originale möglichst authentisch nachzubilden.



Vom PAF zum T-Top
Nach den ersten PAF-Generationen entwickelte Gibson den Humbucker kontinuierlich weiter. Zunächst folgten die sogenannten Patent Number Pickups, die technisch stark an den ursprünglichen PAF angelehnt waren. Ab 1967 führte Gibson schließlich die bekannten T-Top-Humbucker ein, deren Fertigung stärker standardisiert wurde und die bis Mitte der 1970er-Jahre in zahlreichen Gibson-Modellen zum Einsatz kamen.
Trotz dieser Weiterentwicklungen blieb der ursprüngliche PAF für viele Gitarristinnen und Gitarristen das klangliche Ideal, an dem sich unzählige spätere Humbucker orientieren sollten.

Seth Lovers Innovationen neben dem PAF-Humbucker
Obwohl Seth Lover vor allem als Erfinder des PAF-Humbuckers bekannt wurde, prägte er die Gitarrenwelt noch weit darüber hinaus. Während seiner Zeit bei Gibson entwickelte er unter anderem den Maestro Fuzz, eines der ersten serienmäßig erhältlichen Fuzz-Pedale überhaupt.
1967 wechselte Lover schließlich zu Fender und entwarf dort den bis heute geschätzten Wide Range Humbucker, der unter anderem in der Telecaster Deluxe, Telecaster Custom, Telecaster Thinline und Starcaster zum Einsatz kam. Anders als klassische Humbucker setzte dieser auf CuNiFe-Magnete und verlieh den Instrumenten einen deutlich transparenteren Grundcharakter.
Deshalb gilt er bis heute als beliebte Alternative für Gitarristinnen und Gitarristen, die den Humbucker-Sound mit mehr Brillanz bevorzugen. Heute findet man Wide Range Humbucker unter anderem wieder in zahlreichen Fender-Custom-Shop-Modellen sowie in aktuellen Neuauflagen der klassischen Telecaster-Modelle.
Nachdem Seth Lover für Fender Verstärker und Pickups entwickelt hatte, arbeitete er später außerdem eng mit Seymour Duncan zusammen. Gemeinsam entwickelten Seth Lover und der Tonabnehmerhersteller Mitte der 1990er-Jahre den Seymour Duncan SH-55 Seth Lover, der eine möglichst originalgetreue Neuauflage des historischen Gibson PAF darstellen sollte.

Bis heute Vorbild für unzählige Humbucker
Auch fast 70 Jahre nach seiner Entwicklung zählt der PAF-Humbucker zu den einflussreichsten Tonabnehmern der Gitarrengeschichte und wird bis heute gerne und häufig kopiert. Ob Boutique-Hersteller oder große Marken – kaum ein klassischer Humbucker kommt heute ohne den Verweis auf den legendären „Patent Applied For“-Tonabnehmer aus. Was einst als technische Lösung gegen störendes Netzbrummen begann, entwickelte sich zu einem der prägendsten Sounds der Rock- und Bluesgeschichte und machte Seth Lover zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten des modernen Gitarrenbaus.


