Cory Wong ist ein 360-Grad-Gitarrist: Er spielt Gitarre in den unterschiedlichsten Konstellationen, tourt als Sideman, veröffentlicht Soloalben, entwickelt seine Instrumente, Pedale und Plug-ins mit und erstellt darüber hinaus Unterrichtsvideos. Dabei hat kaum ein Gitarrist den modernen Funk der vergangenen Jahre so geprägt wie Cory Wong. Als Mitglied von Vulfpeck und The Fearless Flyers, Bandleader, Produzent und gefragter Sideman – unter anderem für Dave Koz, Chris Thile und dem Metropole Orkest – hat sich der 41-jährige US-Amerikaner längst vom Rhythmusgitarristen zum eigenen Markenzeichen entwickelt. Sein trockener, federnder Anschlag, die perkussive Präzision und ein Ton, der gleichzeitig drahtig und warm wirkt, sind heute sofort wiederzuerkennen. Zuletzt zu erleben auf seinem aktuellen Soloalbum ‚Lost In The Wonder‘.
Dass dieser Sound nicht das Ergebnis einer akribisch geplanten Strategie, sondern einer vermeintlich falschen Plektrumhaltung ist, erzählt Wong mit sichtlicher Begeisterung. Im Gespräch, das wir vor seinem Konzert in Köln im Backstage-Bereich des Carlswerk Victoria führten, spricht er über den Einfluss der rechten Hand auf den persönlichen Klang, warum ihn seine Dozenten an der Universität zunächst umlernen wollten, weshalb seine Signature-Strat etwas kleiner ausfällt als das Original und wie aus der Zusammenarbeit mit Herstellern wie Fender, Ernie Ball Music Man, Seymour Duncan, Neural DSP oder Wampler Instrumente und Werkzeuge entstanden sind, die exakt seiner Vorstellung von Spielgefühl und Sound entsprechen.
Interview
Cory, bevor wir über deine Gitarren reden: Wie groß ist der Einfluss deiner Anschlagstechnik auf deinen Sound?
Die klassische Technik sieht ja vor, das Plektrum so zu halten, dass der Zeigefinger darunter liegt und das Plektrum gerade über die Saite geführt wird. Ich halte das Plektrum dagegen genau andersherum – und leicht schräg statt gerade. Wenn ich nach unten anschlage, drücke ich das Plektrum durch die Saite hindurch. Beim Upstroke ziehe ich die Saite gewissermaßen wieder nach oben. Ganz ähnlich wie ein Slap-Bassist. Dadurch hat mein Anschlag ganz automatisch einen anderen Attack als bei vielen anderen Gitarristen.
Lange Zeit habe ich selbst behauptet, die linke Hand spiele keine Rolle für den Sound. Ich dachte: Hauptsache, die rechte Hand läuft gleichmäßig. Dann habe ich großartige Gitarristen genau meine Parts spielen hören. Und ich dachte: Warum klingt das nicht wie ich? Technisch war alles korrekt – aber es klang eben nicht nach mir. Natürlich gibt es solche Phänomene immer. Niemand klingt wie Eddie Van Halen. Sie können seine Sachen spielen, aber sie klingen trotzdem nicht wie er. Irgendwann wurde mir klar, dass der Winkel meines Plektrums einen riesigen Anteil an meinem Sound hat.
Deine Musik verlangt viel Attack. Hast du deine Technik darauf ausgerichtet entwickelt oder ging das ganz natürlich?
Es hat sich einfach so ergeben. So halte ich das Plektrum eben. An der Universität haben meine Lehrer allerdings gesagt: „Du hast die schlechteste Technik der rechten Hand, die wir je gesehen haben. Das musst du ändern.“ Also habe ich anderthalb Jahre lang versucht, die „richtige“ Technik zu spielen. Das Ergebnis waren Probleme mit dem Handgelenk, weil sich diese Haltung für mich völlig unnatürlich anfühlte. Mein Handgelenk war ständig angespannt. Vor allem aber klang ich plötzlich nicht mehr wie ich selbst. Wenn ich mir Aufnahmen anhörte, dachte ich nur: Das bin ich nicht.
Irgendwann habe ich dann beschlossen: Egal. Ich spiele wieder auf meine Weise, weil das nach mir klingt. Es ist bequemer, lockerer und völlig mühelos. Außerdem gibt es viele andere Gitarristen, die das Plektrum ähnlich halten – etwa Pat Metheny, George Benson oder Isaiah Sharkey. Jeder Mensch hat eben eine etwas andere Anatomie von Handgelenk und Fingern. Deshalb fühlt sich für jeden etwas anderes natürlich an.
Dein Gitarrensound ist gleichzeitig dünn und warm. Wie lange hat es gedauert, bis du deinen Ton gefunden hast?
Das ist lustig, denn es hat ziemlich lange gedauert, und er ist eher zufällig entstanden. Ich war schon immer ein Strat-Typ. Ich habe viele Gitarren besessen – und besitze immer noch viele –, aber auf einer Strat habe ich mich immer am wohlsten gefühlt. In meiner Heimatstadt habe ich unzählige Gigs und Studiosessions gespielt und dabei nach und nach Dinge gefunden, die sich für mich irgendwie besonders angefühlt haben. Ich habe einfach so gespielt, wie ich die Gitarre hören wollte und wie ich mich auf dem Instrument ausdrücken wollte. Deshalb bin ich eher zufällig bei diesem Stil und dem Sound gelandet.
Ein Großteil meiner Harmonik stammt aus dem Jazz, den ich als junger Musiker gespielt und gehört habe. Der Rhythmus kommt aus Funk und R&B – aus diesem ganzen Feeling. Die Energie wiederum stammt aus meiner Zeit mit Punkrock. Und melodisch greife ich gerne auf meinen Pop-Hintergrund zurück. All diese Einflüsse zusammen haben letztlich ganz unbewusst meinen eigenen Stil geformt. Später, als Vulfpeck bekannter wurde und mehr los war, entwickelte sich auch dieser Sound in der vierten Pickup-Position. Ich mag diesen warmen, blubbernden Ton, der trotzdem noch genug Durchsetzungskraft besitzt.

Schaltest du nie aus Versehen auf die fünfte Position?
Doch, ständig. Genau deshalb hat meine Signature-Gitarre einen „Fourth Position Panic Button“. Man drückt einfach den Knopf und egal, wo sich der Pickup-Schalter gerade befindet – die Gitarre springt sofort auf die vierte Position. Das ist ein nettes Feature.
Die Stratocaster ist wohl die Funk-Gitarre schlechthin. Was macht deine Signature-Version im Vergleich zu einer normalen Strat für dich besonders?
Sie hat eine ganze Reihe moderner Features. Zum Beispiel den konturierten Hals-Korpus-Übergang. Dadurch kommt man sehr leicht und schnell in die hohen Lagen. Außerdem hat sie einen sehr schnellen Hals, der etwas schlanker ist – ähnlich wie bei der Fender American Ultra. Dazu kommt ein Compound-Radius, wodurch sich die Gitarre über das gesamte Griffbrett hinweg stimmstabiler spielt.
Die Pickups habe ich gemeinsam mit Seymour Duncan entwickelt. Sie basieren auf den Antiquity-Surf-Pickups, weil ich deren Clean-Sound liebe. Sobald ich bei diesen Pickups allerdings Overdrive zugeschaltet habe, war mir der Hochtonbereich etwas zu unsauber. Also haben wir verschiedene Magnete und Wicklungen ausprobiert. Am Ende sind wir bei Alnico-5-Magneten gelandet und haben die Pickups etwas heißer gewickelt. Außerdem haben wir am Steg einen gestackten Humbucker eingebaut.
Ich mag den Steg-Pickup einer Strat grundsätzlich sehr, aber oft ist er mir einfach zu hell und zu dünn. Der Wechsel von den anderen Pickup-Positionen zum Steg fühlt sich dann fast wie ein kompletter Szenenwechsel an.
Gleichzeitig mochte ich den Sound eines Humbuckers am Steg schon immer – fett, groß und trotzdem mit genügend Brillanz. Aber ich mag das Aussehen eines Humbuckers in einer Strat einfach nicht. Ich liebe den klassischen SSS-Look. Deshalb haben wir einen gestackten Humbucker entwickelt.
Und die Korpusform der Gitarre ist etwas anders, richtig?
Was die Korpusform betrifft, hatte ich eine Vermutung, die später – völlig unabhängig voneinander – durch Nile Rodgers bestätigt wurde: Ich wollte, dass der Strat-Korpus ungefähr zwei Prozent kleiner wird. Im Grunde dieselbe Form, aber so, als würde man sie beim Schleifen einfach noch fünf Minuten länger bearbeiten.
Es gibt ja ohnehin minimale Größenunterschiede zwischen verschiedenen Strats – allein durch den Schleif- und Lackierprozess. Mir war aber aufgefallen, nachdem ich so viele Strats gespielt hatte, dass die etwas kleineren Exemplare einen ganz bestimmten Attack hatten. Da war einfach etwas Besonderes.
Bei Fender reagierte man zunächst etwas skeptisch: „Wirklich? Dafür müssten wir neue Formen bauen und einiges ändern. Wir besprechen das und melden uns.“ Zwei Tage später riefen sie mich zurück. Sie sagten: „Du wirst es nicht glauben, aber Nile Rodgers hat exakt dasselbe verlangt.“ Auch er hatte beim Prototyp seiner Hitmaker gesagt: „Die ist zu groß.“ Fender antwortete ihm: „Nein, das ist die Standardgröße einer Strat.“ Und Nile meinte: „Nein. Ich spiele meine Gitarre seit Jahrzehnten. Diese hier ist größer als meine. Sie muss etwas kleiner werden – dann bekommt sie genau dieses gewisse Etwas.“ Daraufhin sagte Fender zu mir: „Du und Nile seid beide Rhythmusgitarristen mit einem sehr ausgeprägten Gespür für Spielgefühl und Klang. Wenn ihr unabhängig voneinander dasselbe fordert, muss etwas dran sein.“ Also haben wir das ausprobiert – und das Ergebnis war wirklich beeindruckend. Inzwischen haben mir viele Spieler gesagt, dass das für sie die beste Strat von der Stange ist, die sie seit Jahren gespielt haben – sowohl vom Spielgefühl als auch vom Klang.
Hast du schon mal Strat-Type-Gitarren anderer Marken ausprobiert?
Ja. John Mayer und ich haben sogar Gitarren getauscht. Er hat mir eine seiner Silver Skys geschickt – eine, die er selbst auf Tour gespielt hat. Eine fantastische Gitarre. Das Modell heißt Nebula und ist in einem schimmernden Blau-Lila, wirklich großartig. Im Gegenzug habe ich ihm eine meiner Strats gegeben, die ihm ebenfalls sehr gefallen hat. Die Silver Sky hat allerdings ihren ganz eigenen Klang. Sie sieht zwar wie eine Strat aus, klingt aber anders. Ich habe außerdem einige andere Strat-ähnliche Gitarren gespielt, etwa die Music Man Cutlass. Das sind für mich die beiden besten Instrumente dieser Art: die Music Man Cutlass und die Silver Sky. Beide fühlen sich großartig an.


Wie viele Gitarren hast du momentan auf Tour dabei?
Zwei. Meine Signature-Strat und die Music Man StingRay II. An dieser Gitarre habe ich ebenfalls mitentwickelt, weil ich auf der Suche nach einer Humbucker-Gitarre war. Ich habe damals viele verschiedene Humbucker-Gitarren ausprobiert, aber keine gefunden, die mich wirklich überzeugt hat.
Ich bin mit den Leuten von Ernie Ball gut befreundet – ihnen gehört ja auch Music Man. Also habe ich mit Brian Ball darüber gesprochen. Wir haben uns verschiedene Modelle angesehen. Ich wollte zum Beispiel die Luke ausprobieren oder vielleicht eine Valentine mit Humbuckern oder andere Gitarren aus ihrem Programm. Dabei fiel mir auf, wie cool ich die Korpusform der StingRay finde. Diese tropfenförmige Pickup-Einfassung und das ganze Design – ich hatte so etwas bei einer E-Gitarre noch nie gesehen. Brian fragte mich dann: „Wenn du so eine Gitarre bauen würdest – was müsste sie können?“
Wir haben einfach zusammengesessen und geplaudert. Irgendwann meinte er: „Du scheinst eine ziemlich konkrete Vorstellung zu haben. Wir wollen ohnehin so eine Gitarre entwickeln, haben aber niemanden, der das Projekt inhaltlich mit vorantreibt. Hättest du Lust, uns dabei zu helfen?“ Am Ende wurde daraus eine fantastische Zusammenarbeit. Ich liebe diese Gitarre.
Und dein Pedalboard? Es wirkt recht klein…
Ich benutze einen Quad Cortex, auf dem mein Archetype-Cory-Wong-Plug-in läuft. Dazu kommt der Wong Compressor, den ich gemeinsam mit Wampler entwickelt habe, das Hotone Wong-Press-Volume/Wah-Expression-Pedal und der Optimus Overdrive, den ich zusammen mit Jackson Audio entwickelt habe. Im Grunde besteht mein Board also fast nur aus Geräten, an deren Entwicklung ich beteiligt war. Wenn ich das laut ausspreche, klingt das eigentlich ziemlich verrückt. Ich bin unglaublich dankbar, dass ich solche Möglichkeiten bekommen habe. Das macht wirklich Spaß.
Mit diesem Equipment finde ich sehr unkompliziert einen professionellen Sound. Und für die Hersteller ist die Zusammenarbeit mit Musikern ebenfalls interessant, weil wir ihnen sagen können: „Das brauchen wir wirklich. Genau das wünschen wir uns draußen auf der Bühne.“ Dadurch entstehen letztlich bessere Produkte.
Hast du trotzdem Verstärker auf der Bühne?
Ja, aber nur, damit ich etwas Bühnenlautstärke habe. Die Verstärker werden nicht einmal mikrofoniert. Die beiden XLR-Ausgänge meines Quad Cortex gehen direkt an die PA. Die Ausgänge 3 und 4 gehen in die Verstärker. Benutze ich dabei Amp-Simulationen und schicke sie trotzdem in echte Amps? Ja. Aber das ist mir egal. Ich brauche lediglich etwas Lautstärke auf der Bühne. Breche ich damit irgendwelche Regeln? Klar.
Für manche schon allein dadurch, dass du überhaupt einen Quad Cortex benutzt…
Ja, wahrscheinlich schon. Aber ich bekomme dadurch Abend für Abend denselben Sound. Genau deshalb liebe ich das Gerät. Außerdem ist es ja mein Plug-in, das wir gemeinsam mit Neural DSP entwickelt haben. Das hat unglaublich lange gedauert, weil wir wirklich jedes Detail genau ausarbeiten wollten.
Ich habe bei vielen anderen Geräten den Eindruck: Entweder sie klingen hervorragend oder sie fühlen sich hervorragend an. Bei den Sachen von Neural DSP stimmt für mich beides. Sie klingen richtig und sie fühlen sich auch richtig an. Mir ist außerdem aufgefallen, dass ich bei manchen anderen Modelern zwar einen tollen Cleansound hinbekomme. Sobald ich aber Pedale oder Overdrive davor schalte, muss ich zu viele Kompromisse eingehen. Bei meinem Archetype-Cory-Wong-Plug-in haben wir genau dieses Problem gelöst. Ganz ehrlich: Das Ergebnis ist verrückt gut. Du wirst es heute Abend hören.
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