Jedes Jahr, wenn die Temperaturen wieder steigen und der Sommer beginnt, wird bekanntermaßen auch die Grill-Saison eingeläutet. Auf dem Grillabend eines guten Bekannten habe ich neulich die Gelegenheit genutzt, trotz anfänglicher Skepsis eine seiner hochgelobten veganen Burgerkreationen zu probieren – und was soll ich sagen, er hat es tatsächlich geschafft, mich aus den Socken zu hauen! Was vor einigen Jahren noch als absolutes Sakrileg für jeden selbsterklärten Burger-Enthusiasten galt, funktioniert mittlerweile anscheinend so gut, dass ich mich tatsächlich frage, wie lange es wohl noch dauern wird, bis ich mir im Supermarkt den Umweg zur Fleischtheke sparen kann.
Doch wie sieht es aktuell eigentlich bei uns in der Gitarrenwelt aus, in der eine ähnliche Debatte über die ‚fleischlose Alternative‘ ebenfalls jahrzehntelang recht angeregt, oft sogar hitzig geführt wurde? Richtig, es geht um klassisch röhrengetriebene Amps und ihre digitalen Simulationen. Und hier hat sich bekanntermaßen ja schon vor vielen Jahren so einiges getan. Gerade die letzten Modelling-Generationen wie die zahlreichen Headrush Floorboards oder das recht umfangreiche Helix-Sortiment von Line 6 haben längst eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass gut gemachtes Modelling der in die Jahre gekommenen Röhrenbauweise schon seit längerem problemlos das Wasser reichen kann.
EVH 5150III Hypersonic 6L6 1×12 Combo

Da es gerade einfach viel zu warm für laute und schwere Röhrenamps ist, habe ich spontan den Entschluss gefasst, mir einen der zahlreichen luftig-leichten Digitalversionen meines geliebten 5150-Verstärkers vorzunehmen. Der 5150 ist nicht irgendein Verstärkermodell, er ist der Urvater einer ganz eigenen Gattung. Nämlich jener gnadenlos zerrenden Röhrenboliden, die nicht nur den Sound ihres Taufpaten Eddie Van Halen, sondern auch den Klang einer ganzen Rock- und Metal-Generation geprägt haben.
Mit dem EVH 5150III Hypersonic als jüngste Ausführung bleibt Eddies Company EVH dem 5150-Ethos treu, schlägt aus technischer Sicht jedoch neue Wege ein. Denn im Gegensatz zu den restlichen Familienmitgliedern verzichtet die Hypersonic-Ausführung gänzlich auf Vor- und Endstufenröhren und setzt stattdessen vollständig auf digitales Modelling. Dennoch verspricht der Hersteller authentische Sounds, die sich nahtlos in die Tradition der Serie einfügen. Ob das Konzept wie bei veganen Burgern wirklich aufgeht und inwieweit sich der Neuzugang im Vergleich zu einem klassisch gebauten 5150-Röhrenverstärker behaupten kann, schauen wir uns im Test genauer an!
Der 5150-Sound – die Geschichte hinter der Legende
Um den 5150III Hypersonic Combo ausreichend bewerten zu können, müssen wir uns vorab auf einen kurzen Exkurs in die Geschichte des Kultverstärkers begeben. Diese beginnt nämlich bei niemand Geringerem als Eddie Van Halen, der mit sensationellen Tapping-Einlagen und blitzschnellen Shred-Künsten in den Achtzigerjahren weltweit für Furore sorgte. Dabei hat allerdings nicht nur sein höchstvirtuoses Spiel, sondern auch sein ikonischer „Brown Sound“ Geschichte geschrieben: Hierfür nutzte Eddie anfänglich seinen britischen Marshall 1959 Super Lead „Plexi“, den er der Legende zufolge mithilfe eines Variac-Trafos von 240 Volt Betriebsspannung auf die für die USA üblichen 110 Volt drosselte. Anschließend drehte er alle Regler am Verstärker auf Anschlag, um so die maximale Endstufensättigung für seine einzigartige Zerre und Kompression zu erreichen.

Zu Ende der Achtzigerjahre begann Eddie schließlich, gemeinsam mit Peaveys Lead Engineer James Brown ein eigenes Signature-Modell zu entwickeln. Hierfür nahm man sich den Schaltkreis des Soldano SLO-100, der wiederum auf einem gemoddeten Marshall-Top basierte, zur Vorlage. Das Ergebnis war der 1990 vorgestellte Peavey 5150 mit monströsem 12AX7-Röhrenquintett in der Vorstufe und brachialen 120 Watt Leistung aus vier 6L6-Endstufenröhren. Insofern ist es wirklich kein Wunder, dass der Amp im Hard Rock, Hardcore, Death Metal und generell allem, was deftige Zerre voraussetzt, quasi über Nacht seinen bis heute währenden Legendenstatus erreichte.
Nachdem der Vertrag zwischen Eddie Van Halen und Peavey im Jahr 2004 schließlich ausgelaufen war, trennten sich die Wege von Endorser und Endorsee. Eddie nahm den Namen 5150 mit zu seiner frisch gegründeten EVH Company, wo der Amp nach leichten Anpassungen auch wieder als 5150 erhältlich war. Peavey behielt hingegen die Rechte am Schaltkreis und bot ihn fortan baugleich in Anlehnung an Peaveys 40. Geburtstag (1965 bis 2005) unter der Bezeichnung Peavey 6505 an.
EVH 5150III Hypersonic – hochqualitatives Modelling und Digitalendstufe
Der EVH 5150III Hypersonic ersetzt die klassische 12AX7-Vorstufe durch zeitgemäßes Verstärker-Modelling. Auch die sonst übliche 6L6-Röhrenendstufe ist beim 5150III Hypersonic einer digitalen Endstufe gewichen. Mit 50 Watt Leistung reicht sie zwar nicht an die enormen Leistungsreserven des klassischen 5150 Power Amp heran, der im Ursprungsmodell bis zu 120 Watt aus seinen vier 6L6-Strahlpentoden bezogen hat. Doch seien wir ehrlich: Wer braucht in Zeiten von Home Recording und fortschrittlicher PA- und Monitoring-Systeme noch derart viel Leistung? Vor allem der Roadie wird den Verzicht auf Röhrenpower dankend annehmen, denn der 5150III Hypersonic bringt mit seinen knapp unter 20 Kilogramm statt der sonst üblichen 35 kg erstaunlich wenig Gewicht für einen typischen 1x12er-Amp auf die Waage.
Dennoch lässt sich in der Produktbezeichnung des Verstärkers der Zusatz „6L6“ erkennen. Die Digitalendstufe des Hypersonic zielt also ganz klar darauf ab, das charakteristische Verhalten der 6L6 authentisch zu reproduzieren. Je nach Einsatzbereich lässt sich die Endstufenleistung übrigens in verschiedenen Schritten von voller 50-Watt-Power auf 35, 25, 10, 5 oder 1 Watt reduzieren, das Dynamikverhalten der 6L6 ist hier vollständig nachgestellt, so das Versprechen des Herstellers.
Dreikanaliger Aufbau von Clean bis Abrissbirne
Vor allem alte 5150-Veteranen werden sich schnell in der Bedienung des EVH 5150III Hypersonic zurechtfinden. Denn hier ist eigentlich alles beim Alten geblieben: Kanal 1 bietet klare Cleans, Kanal 2 dringt hingegen in Crunch- und Mid-Gain-Gefilde vor. Das richtige Zerrgewitter entlädt sich schließlich in Kanal 3. Allen drei Kanälen gemein sind ihre separaten Regler für Gain und Volume sowie ebenfalls voneinander unabhängige 3-Band-Klangregelungen. Diese sind für die ersten beiden Kanäle als Doppelstock-Potis ausgeführt, was auf den ersten Blick zwar recht smart wirkt, in der Praxis jedoch einige Schwächen mit sich bringt. Die momentane Einstellung des äußeren Rings ist nämlich nur schwer ablesbar, zusätzlich läuft man Gefahr, bei Bedienung der Regler ungewollt die Settings für den jeweils anderen Kanal zu verstellen.

Als global einstellbare Parameter gibt es zusätzlich noch die berühmten Presence- und Resonance-Regler sowie einen Onboard-Reverb-Effekt. Besonders praktisch für die High-Gain-Fraktion: Jeder Kanal verfügt über ein eigenes Noise Gate, mit dem sich das berüchtigte Grundrauschen des Verstärkermodells gut bändigen lässt. Wer also vom aggressiv eingestellten Kanal 3 auf den vergleichsweise zahmen Kanal 2 wechselt, kann für beide Gain-Settings optimierte Noise Gates verwenden und muss nichts zwischenzeitlich verstellen.
Praktische Features per MIDI und USB
Ein weiterer Vorteil der digitalen Bauweise des Hypersonic ist die Möglichkeit, unterschiedliche Ausgangssignale für alle erdenklichen Einsatzbereiche bereitzustellen. Für Fans komplexer Schalt-Setups befindet sich ein MIDI-Eingang zur Kanalumschaltung oder zur Steuerung der Effektschleife an Bord. Die Home-Recorder unter uns werden hingegen den symmetrischen Ausgang mit zwei schaltbaren Cabinet-Simulationen sicherlich zu schätzen wissen. Ein besonders praktisches Feature, das wohl die wenigsten Röhrenverstärker bieten können, ist der Kopfhöreranschluss. Wenn der Amp nicht nur im Proberaum sondern auch in der Mietwohnung zum Einsatz kommen soll, ist ein Headphone-Ausgang nämlich ein absolutes Must-Have!


Sound-Test: 5150 vs. 5150
Nachdem die Rahmenbedingungen soweit geklärt sind, kommen wir ans Eingemachte: den Sound-Check! Als Referenz nutze ich meinen eigenen Peavey 6505+, der im Jahr 2010 in den Vereinigten Staaten gebaut wurde und vor kurzem erst einen frischen Vorstufenröhrensatz erhalten hat (was bei sechs 12AX7-Röhren in der Vorstufe heutzutage keineswegs günstig ist!).
Channel 1 – Klare Cleans
Der Clean-Sound des ersten Kanals spaltet seit jeher die Gemüter. Während die einen nur wenig mit den unverzerrten Klängen des 5150 anfangen können und sie als historische Schwachstelle des ikonischen High-Gain-Boliden betrachten, sehen ihn andere hingegen als absoluten Geheimtipp und solide Basis für Effektpedale. Die besten Ergebnisse lassen sich erzielen, wenn man ihn etwas in die Endstufensättigung fährt. Auf diesem Weg kann man ihm nämlich eine natürlich klingende Kompression entlocken. Hierfür lässt sich der 5150III Hypersonic aber glücklicherweise in der Leistung reduzieren, um auch auf geringeren Lautstärke-Levels den Effekt einer gesättigten Endstufe erzeugen zu können. Das macht der 5150III Hypersonic tatsächlich so gut, dass man schnell vergessen kann, dass im 5150III Hypersonic gar keine echten 6L6-Röhren arbeiten.
Channel 2 – von Crunch bis Drive

Etwas rockiger wird es dann im zweiten Kanal, dessen Stärken ganz klar im berühmten ‚Edge-of-Breakup‘-Bereich liegen. Vor allem in Kombination mit externen Drive-Pedalen lässt sich hier ein breit aufgestelltes Klangspektrum abdecken, das den 5150 durchaus versierter erscheinen lässt, als sein Ruf der reinen High-Gain-Schleuder vermuten lässt. Auch hier weiß der 5150III Hypersonic Combo im Vergleich mit seinem röhrenbestückten Vorfahren wirklich zu überzeugen. Lediglich auf höheren Gain-Settings macht sich ein leichtes Grundrauschen bemerkbar. Dank separatem Noise Gate lässt sich aber auch dieses recht gut in den Griff kriegen.
Hier profitiert der Amp übrigens auch sehr von seinem integrierten Reverb-Effekt, der der klassischen Vollröhrenausführung leider fehlt. Auch wenn der Effekt nur global steuerbar und sehr rudimentär gestaltet ist, sorgt er doch für eine gewisse Raumfülle, die so manchem Riff etwas mehr Plastizität verleiht.
Channel 3 – High-Gain bis zum Abwinken
Der eigentliche Star ist jedoch ganz klar der dritte Kanal, der absolut alle Gain-Reserven des 5150III freigibt. Hier zeigt sich im Endeffekt der wahre Charakter des 5150, der hier voll und ganz in seinem Element ist. Mit bis zur Hälfte aufgedrehtem Gain-Regler sind die meisten Tonabnehmer-Typen schon bestens bedient. Vor allem mit aktiven EMG-Pickups, die für ihren starken Output bekannt sind, wird nur vergleichsweise wenig vom enormen Gain-Spektrum des dritten Kanals benötigt, um noch mit einigermaßen ausreichender Definition den Zerrbereich zu bedienen.
Für das klassische Metal-Setup drehen wir den Gain-Regler allerdings nur ein wenig auf, maximal zu einem Viertel. Den Rest übernimmt ab hier dann ein externes Overdrive-Pedal, das genutzt wird, um den High-Gain-Kanal ‚anzupusten‘. Und das ist wirklich Wahnsinn, wie gut das digitale Abbild des Originals hier reagiert! Egal ob ich mich mit Palm Mutes in die Saiten grabe, schnelle perkussive Thrash-Riffs spiele oder mich an flinken Leads versuche, der EVH 5150III Hypersonic macht absolut alles mit. Auch hier ist die regelbare Endstufenleistung wirklich Gold wert. Denn wo das Röhren-Topteil auf maximale Lautstärke gefahren oder mit einem externen Attenuator gedrosselt werden muss, zeigt sich die Hypersonic-Variante jederzeit und in jedem Einsatzbereich stets von ihrer Schokoladenseite.
Symmetrischer Recording-Ausgang mit Boxensimulation

Bisher haben wir uns für den Sound-Test auf den Klang des verbauten Celestion EVH G12H Anniversary Lautsprechers mit 30 Watt Belastbarkeit und 12 Zoll großer Membran konzentriert. Der stellt auch tatsächlich eine gelungene Ergänzung zum Sound des 5150III Hypersonic dar und weiß den 5150-Sound gekonnt in Szene zu setzen. Die Höhen sind definiert, die Mitten werden konturiert wiedergegeben und der Bassbereich ist straff. Hier gibt es also nichts zu beanstanden.
Wer die klanglichen Qualitäten des Verstärkers auch digital nutzen und aufnehmen möchte, kann hierzu auf den rückseitigen XLR-Anschluss zurückgreifen. Bei Betätigung des Mute-Schalters wird der integrierte Lautsprecher des Verstärkers stummgeschaltet, sodass wir auch nachts um 3 Uhr lautlos üben und recorden können. Zur Wahl stehen zwei verschiedene Cabinet-Simulationen, die über den XLR-Ausgang verwendet werden können. Seit dem Firmware-Update der Version 1.1.1.4, das sich übrigens ganz entspannt über den rückseitigen USB-C-Anschluss durchführen lässt, besteht auch Support für den EVH IR Manager. Hierüber lassen sich die beiden IR-Slots mit einer Auswahl verschiedenster Lautsprecher- und Mikrofonkombinationen belegen, die garantiert für jeden Stil den passenden Klangcharakter bereithalten. Alternativ lässt sich die Cabinet-Simulation am Verstärker selbst auch gänzlich abschalten, sodass wir ebenfalls eigene IR-Lösungen weiter flussabwärts in der Signalkette verwenden können.
Fazit:
Der EVH 5150III Hypersonic ist wirklich eine nette Überraschung, die auch alteingesessene 5150-Veteranen wie mich, der schon so manche historische Blockletter-Ausführung des Peavey 5150 sowie einige 6505-Derivate und die neueren EVH-Ausführungen spielen durfte, überzeugen kann. Die Bedienung erweckt sofort das Muskelgedächtnis, die erweiterte Ausstattung macht den Verstärker hingegen für unterschiedliche Einsatzbereiche attraktiv. Lediglich den Preis empfinde ich als etwas zu hoch angesetzt, wenn man ihn mit anderen Digital-Modellern ähnlichen Umfangs vergleicht. Dennoch ist der EVH 5150III Hypersonic ein absoluter Tipp für Metal-Heads auf der Suche nach modernen High-Gain-Sounds im praktischen Combo-Format.
Pro
- Authentische 5150-Sounds
- Klassischer Aufbau mit leichter Bedienbarkeit
- Moderne Features (Leistungsreduktion, MIDI, USB)
- Gut klingende Cabinet-Simulationen
Contra
- Etwas hoher Preis (ca. € 1490,-)
- Bedienbarkeit der Doppelstock-Potis für Channel 1 und 2 umständlich
- Reverb-Effekt sehr rudimentär umgesetzt
Link zur Herstellerseite: https://www.evhgear.com

