Die KI kann auch Blues – und viele fallen darauf rein

305.000 Follower auf Instagram. 1,2 Millionen auf Facebook, 17.000 YouTube-Abonnenten. Stand jetzt, Tendenz steigend. Mmesoma Daniels sitzt mit geschlossenen Augen da, lächelt manchmal schelmisch, manchmal entrückt und zaubert Töne aus ihrer Gitarre, die aufhorchen lassen. In einigen Kommentaren wird sie bereits in die Nähe der ganz Großen gerückt. „She plays like Albert Kings daughter“, schreibt jemand. Ein anderer ist sich sicher: „BB King is smiling in heaven due to your talent“. Das Problem ist nur: Daniels spielt diese Musik gar nicht. Sie tut so als würde sie spielen, zu hören bekommt man allerdings von Künstlicher Intelligenz (KI) generierte Musik

Mmesoma Daniels (YouTube), Mmesomachukwu Onweh (Instagram) oder einfach Mmesoma (Facebook) erreicht mit ihren meist kurzen Gitarrenvideos ein Millionenpublikum. Mal klingt es überzeugend nach Blues, mal nach traditioneller westafrikanischer Musik. Ihre Videos bedienen dabei vertraute Bilder und Hörgewohnheiten: Eine junge Frau mit Gitarre, ein warmer, cleaner Blues-Sound, lange stehende Töne und eine überschaubare Sammlung an Licks, die seit Jahrzehnten als Ausdruck tief empfundener Emotionen herhalten. Daniels’ Hände bewegen sich zwar sinnvoll über das Griffbrett, was für den flüchtigen, vielleicht ungeschulten Blick reicht. Doch wer genauer hinsieht und -hört, bemerkt schnell, dass etwas nicht stimmt:

Bendings erklingen, ohne dass an einer Saite gezogen wird. Die zu sehenden Slides der Greifhand passen nicht zu den Noten, die man hört. Mitunter spielt die linke Hand weiter, obwohl die zu hörende Phrase längst an einer anderen Stelle angekommen ist. Bild und Ton erzählen zwei verschiedene Geschichten. Darüber hinaus stehen manche Einzeltöne mit einem derartigen Sustain im Raum, dass man neidvoll anerkennen muss, dass sich das selbst mit starker Kompression und einer umfangreichen Effektkette kaum nachbilden lässt.

Gefakete Live-Sessions

Besonders deutlich wird das in einer längeren Aufnahme, die zunächst wie eine professionell produzierte Live-Session wirkt. In der Videobeschreibung heißt es: „Performed live by Crank Band and led by Mmesoma, this session blends smooth lead guitar, heartfelt rhythm, and peaceful vibes that take you into a reflective musical journey.“

Zunächst wirkt es wirklich wie eine in einem Studio produzierte Live-Aufnahme. Viel Santana, weniger Blues. Die ersten zwei Minuten wirken auf den ersten Blick unverdächtig, doch dann setzt das Gitarrensolo ein: Bendings sind zu hören, die Mmesoma nicht spielt, die Synchronisation bricht sichtbar auseinander. Eine Live-Aufnahme ist das nicht, obschon die Beschreibung genau diesen Eindruck erweckt.

Miming allein wäre noch kein sonderlich großes Problem. Vor allem im Fernsehen wird ja seit  Jahrzehnten mit vorproduzierten Playbacks gearbeitet. Entscheidend ist, was dem Zuschauer dabei versprochen wird. Wer zu einer eigenen, vorher eingespielten Aufnahme mimt, zeigt immerhin noch das eigene Spiel. Wer fremde oder künstlich erzeugte Musik als persönliche Performance verkauft, behauptet eine Fähigkeit und eine Urheberschaft, die in diesem Moment nicht vorhanden sind. Im Falle von KI-Musik ist der Identitätsdiebstahl besonders paradox: Kann man sich eine Identität aneignen, die es gar nicht gibt?

Unmöglicher Gitarrensound

Man kann versuchen, den Sound aus Daniels’ Clips nachzubauen, aber man wird es nicht schaffen. Auffällig sind dieses extreme Sustain, und auch der Attack und die eigentümliche Ausformung einzelner Töne. Das klingt durchaus angenehm, aber körperlos: als seien die vertrauten Ausdrucksmittel eines gefühlvollen Blues-Solos präzise nachgebildet worden – nur ohne jedes Gespür dafür, wie eine Gitarrensaite tatsächlich auf einen Anschlag reagiert.

Um vollständig zu beweisen, dass die Musik und die Gitarrenspuren von Mmesoma Daniels KI-generiert sind, durchsuchte der britische YouTuber Danny Sapko nach eigener Aussage stundenlang Sammlungen KI-generierter Blues-Musik und fand schließlich eine Aufnahme, deren Gitarrenphrase mit einem Video von Daniels übereinstimmt. In ihrem Clip war das Material laut Sapko offenbar über einen Lautsprecher wiedergegeben und um drei Halbtöne nach oben transponiert worden. Nachdem Sapko die Tonhöhe entsprechend anglich, passten nicht nur die Phrasen, sondern auch die Wellenformen der Audio-Dateien zueinander. Und auch KI-Musik-Detektoren aus dem Internet sind sich einig, dass Mmesomas Musik nicht komplett menschengemacht sein kann.

Echte Gitarristin mit künstlichem Ton

Dass Daniels ein realer Mensch ist, steht nicht zur Debatte. Zwar schwingt der Verdacht immer mit, dass auch ihre Videos zumindest teilweise KI-generiert sein könnten, das trifft aber wohl nicht zu. Dafür gibt es in einigen frühen (die Profile von Mmesoma Daniels gingen Ende Januar 2025 online) Aufnahmen echtes Gitarrenspiel von ihr zu hören, zunächst noch auf einer schwarz-weißen Stratocaster. Sonderbarerweise kann Mmesoma Daniels offensichtlich richtig gut Gitarre spielen, sodass sie eigentlich ihre musikalische Identität gar nicht erfinden oder erzeugen lassen müsste. Sie besitzt bereits eine eigene.

Martin-Logo auf dem Headstock (Quelle: Instagram)
Martin-Logo auf dem Headstock (Quelle: Instagram)

Stutzig macht auch Mmesomas Gitarre, die mit ihrer Eigentümlichkeit einige Rätsel aufgibt, aber letztendlich als echt zu bewerten gilt. Man sieht sie in fast allen Videos mit einer in Sunburst lackierten Strat-Style-Gitarre mit einem auffälligen weißen Fleck auf dem Schlagbrett. Ungewöhnlich an der Gitarre ist zum einen der Hals mit 24 Bünden („normale“ Stratocaster haben nur 21 oder 22) sowie das Firmenlogo auf der Kopfplatte: CJM Martin & Co. – ein Hersteller, der bekanntlich keine elektrischen Gitarren im Programm hat.

Taugen diese Erkenntnisse zur Kritik an Mmesoma Daniels? Nicht an ihr als Person, nur an ihrer Vorgehensweise. Wir wissen nicht, wer dahinter steckt oder was der Sinn ist. Man weiß nicht, wer Mmesoma Daniels ist. Ihre Profile geben keine Infromationen preis, eine Kontaktaufnahme blieb unbeantwortet.

Wie berechenbar ist der Blues?

Doch letztendlich berührt der Fall aber auch einen ganz anderen wunden Punkt: Den Blues selbst. Kaum ein anderes Genre wurde und wird von den Genrehütern derart hartnäckig und klischeehaft mit Authentizität, Lebenserfahrung und einer beinahe mystischen inneren Wahrheit aufgeladen. Nach dieser Vorstellung reicht es nicht, das Vokabular zu beherrschen. Man muss den Blues „fühlen“, um ihn authentisch transportieren zu können.

Das ist mitunter romantisierender Unsinn und an der Realität vorbei. Der Blues ist vor vielen vielen Jahren in den Vereinigten Staaten entstanden. Sein Tonmaterial, seine Wendungen und seine Klangideale sind dokumentiert, gelehrt und längst weltweit verfügbar. Natürlich können junge Europäer wie Ben Poole oder Laura Cox überzeugend Blues spielen. Ebenso wie Mmesoma aus Nigeria. Wer ihnen diese Möglichkeit wegen ihrer Herkunft, ihres Alters oder ihres Geschlechts abspricht, verteidigt keine Tradition, sondern sein eigenes Klischee.

Der Blues ist nun mal über die Jahrzehnte in weiten Teilen berechenbar geworden. Zwölf Takte, vertraute Harmonien, ein paar Albert-King-Bendings, ein B.B.-King-Vibrato und genügend Raum zwischen den Tönen: Schon entsteht etwas, das nach Gefühl klingt. Der Blues hat sich eben Mitte des letzten Jahrhunderts von seiner Herkunft abgelöst und sich quasi selbst globalisiert. Menschen rund um den Globus haben gelernt, die vom Blues transportierten Emotionen zu reproduzieren, ohne sie zwangsläufig gelebt haben zu müssen. Das ist exakt das gleiche, zu dem nun auch die KI im Stande ist. Doch kann man ihr das zum Vorwurf machen? Eine KI fühlt nichts, kann aber offensichtlich Gefühle so vermitteln, dass viele darauf hereinfallen.


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