Rickenbacker 330 Mapleglo im Test: Der legendäre Jangle-Sound auf dem Prüfstand

Spätestens durch die Beatles und Motörhead-Bassist Lemmy Kilmister erlangte Rickenbacker Kultstatus, doch die Geschichte des amerikanischen Herstellers begann bereits Jahrzehnte zuvor. Schon Anfang der 1930er-Jahre entwickelte das Unternehmen mit der legendären „Frying Pan“ eine der ersten serienreifen elektrischen Gitarren überhaupt. Später folgten Instrumente, die den Sound ganzer Musikgenerationen prägen sollten. Als John Lennon Anfang der 1960er-Jahre zu einer Rickenbacker griff und George Harrison kurz darauf mit einer 360/12 den berühmten Eröffnungsakkord von A Hard Day’s Night einspielte, war der charakteristische Rickenbacker-Sound endgültig in der Pop- und Rockgeschichte angekommen.

Mit der 330 Mapleglo führt der amerikanische Traditionshersteller dieses Erbe bis heute fort. Doch kann die Semi-Hollow-Gitarre auch abseits von Beatles, Byrds oder Tom Petty überzeugen? Für unseren Test musste sie sowohl an einem Vox AC30 als auch an einem Marshall JVM antreten.

Rickenbacker 330 Mapleglo
Rickenbacker 330 Mapleglo

Verarbeitung und erster Eindruck

Bereits beim ersten Auspacken hinterlässt die Rickenbacker 330 Mapleglo einen hervorragenden Eindruck. Während viele Gitarristinnen und Gitarristen die ikonische Fireglo-Lackierung mit dem Hersteller verbinden, wirkt das naturbelassene Mapleglo-Finish deutlich dezenter und lässt die Maserung des Ahorns hervorragend zur Geltung kommen. Gerade live entwickelt die Gitarre dadurch einen ganz eigenen Charme und hebt sich von den bekannteren Farbvarianten der Marke ab.

Hals aus Ahorn/Walnuss und Headstock mit Gotoh-Mechaniken und „R“-Logo

Besonders der eingeleimte Ahorn-/Walnuss-Hals fügt sich harmonisch in das Gesamtbild ein und vermittelt sofort den hochwertigen Eindruck, für den Rickenbacker seit Jahrzehnten bekannt ist. Auch das unlackierte Caribbean-Rosewood-Griffbrett passt hervorragend zum natürlichen Erscheinungsbild der Gitarre und fühlt sich ausgesprochen hochwertig an.

Auch die Hardware passt hervorragend zum Natural-Look der 330. Das verchromte „R“-Tailpiece gehört zu den Markenzeichen des US-Herstellers und verleiht der Gitarre ihren unverwechselbaren Vintage-Look. Zusammen mit der klassischen 6-Saddle-Bridge und den stabilen Gotoh-Mechaniken ergibt sich ein stimmiges Gesamtbild.

Rickenbacker „R“-Tailpiece
„R“-Tailpiece

Mit rund 3,34 Kilogramm bringt die Semi-Hollow ein angenehmes Gewicht auf die Waage. Lediglich die werkseitige Saitenlage fühlte sich zunächst etwas ungewohnt an. Nach einer kleinen Nachjustierung spielte sich die Gitarre jedoch ausgesprochen komfortabel und vermittelte schnell ein angenehmes Spielgefühl.

Bespielbarkeit

Obwohl ich normalerweise eher Solidbody-Gitarren bevorzuge und Semi-Hollow-Instrumente nur selten spiele, hat mich die 330 schneller überzeugt, als ich gedacht hätte. Der Hals liegt angenehm in der Hand und das Caribbean-Rosewood-Griffbrett fühlt sich in jeder Lage hochwertig an. Dank der etwas kürzeren 24,75″-Mensur gelingen Bendings mühelos, während die 21 Bünde ausreichend Platz für Soli und Akkordarbeit bieten.

Die Rickenbacker spielt sich insgesamt direkter, als man es aufgrund ihrer halbakustischen Bauweise zunächst vermuten würde. Gerade offene Akkorde profitieren von der schnellen Ansprache der Semi-Hollow-Konstruktion, während sich auch Lead-Lines präzise umsetzen lassen.

Einzig der große Korpus wirkte auf mich zunächst etwas wuchtig. Das ist jedoch weniger ein Kritikpunkt an der Gitarre selbst, sondern vielmehr meinen persönlichen Vorlieben geschuldet, da ich normalerweise ergonomisch geformte Solidbody-Gitarren mit Belly Cut und schlankerem Korpus präferiere.


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Rickenbacker 330 Mapleglo

Rickenbacker Elektronik: Der „Fifth Knob“ und seine flexiblen Vorzüge

Ein echtes Alleinstellungsmerkmal der Rickenbacker 330 Mapleglo ist ihre Elektronik. Neben den klassischen zwei Volume- und zwei Tone-Reglern besitzt sie den berühmten Blend-Regler, den viele Gitarristen zunächst als fünften Lautstärkeregler missverstehen.

Tatsächlich übernimmt dieser Regler eine deutlich interessantere Aufgabe. Er beeinflusst das Mischungsverhältnis der beiden Hi-Gain-Single-Coils in der Mittelstellung des Dreiwegschalters. Während viele Gitarren in dieser Schalterposition lediglich beide Pickups parallel betreiben, lässt sich bei der 330 der Anteil des Hals-Pickups stufenlos anpassen beziehungsweise zum Steg-Tonabnehmer hinzu mischen. Dadurch entstehen zahlreiche fein abgestufte Klangvarianten, die auf jedes Verstärker-Setup wunderbar abgestimmt werden können.

Schaltplan der Rickenbacker 330 Mapleglo
Der Schaltplan der Rickenbacker 330 Mapleglo zeigt den „Fifth Knob“ (Mixer), der in der Mittelstellung das Mischungsverhältnis beider Tonabnehmer regelt und darüber hinaus den Pegel des Hals-Pickups in dritter Schaltposition beeinflusst.

Hat man das Prinzip nach einigen Minuten einmal verinnerlicht, möchte man den „Fifth Knob“ kaum noch missen. Gerade im Zusammenspiel mit Backing-Tracks oder im Bandkontext erlaubt die Schaltung deutlich präzisere Klangabstimmungen als klassische Zwei-Pickup-Konzepte. Der Blend-Regler ermöglicht es, beide Tonabnehmer sehr fein aufeinander abzustimmen und erweitert die ohnehin große Klangpalette der 330 noch einmal deutlich.

Ist ausschließlich der Halstonabnehmer ausgewählt, lässt sich dessen Ausgangspegel über den Blend-Regler beeinflussen. Dabei handelt es sich jedoch nicht um einen klassischen Volume-Regler. Der „Fifth Knob“ dient in erster Linie dazu, in der Mittelstellung des Pickup-Wahlschalters das Mischungsverhältnis beider Tonabnehmer fein abzustimmen. Außerhalb dieser Schalterstellung wirkt er sich ebenfalls auf die Lautstärke des Hals-Pickups aus, da er immer noch in dessen Signalweg liegt und reduziert entsprechend dessen Pegel.

Der „Fifth Knob“ ist eben kein zweiter Volume-Regler, sondern ein Blend-Poti, das über einen Serienwiderstand den Hals-Pickup belastet. Dadurch „zieht“ er den Pegel herunter, schaltet den Pickup aber nicht direkt hart gegen Masse wie ein normales Volume-Poti.

Sound

Klangtest am Vox AC30

Kaum eine Kombination besitzt einen ähnlichen Kultstatus wie Rickenbacker und Vox AC30. Entsprechend gespannt war ich auf diesen Teil des Tests! Bereits im Low-Input des AC30 entfaltet die 330 genau den Sound, den man mit dem Namen Rickenbacker verbindet. Im High-Input sorgt der Top-Boost des AC30 für die charakteristische Brillanz und den obertonreichen Chime-Sound, die den typischen Rickenbacker-Jangle prägen. Die Hi-Gain-Pickups liefern brillante, perlende Höhen, ohne dabei unangenehm scharf zu wirken. Genau dieser Eindruck zog sich durch den gesamten Test. Gleichzeitig sorgt die Semi-Hollow-Konstruktion für eine angenehme Wärme, wodurch Akkorde wunderbar offen und transparent klingen.

Gerade bei Clean- und leicht angezerrten Sounds zeigt die Gitarre ihre größten Stärken. Komplexe Akkorde bleiben sauber definiert, einzelne Saiten setzen sich hervorragend voneinander ab und der berühmte Jangle-Sound ist sofort präsent.

Überraschung am Marshall JVM

Mindestens genauso interessant war jedoch der Test am Marshall JVM. Hier zeigte sich schnell, dass die 330 deutlich vielseitiger ist, als ihr Ruf zunächst vermuten lässt.

Die Hi-Gain Single Coils liefern spürbar mehr Ausgangsleistung als klassische Vintage-Single-Coils und harmonieren hervorragend mit Crunch- und Rock-Sounds. Riffs besitzen ausreichend Druck, Powerchords setzen sich mühelos durch und auch Soli profitieren von der direkten Ansprache der Pickups.

Mit höheren Gain-Einstellungen im vierten Kanal des JVM überraschte mich die 330 dann endgültig. Trotz der Single-Coils entwickelte die Gitarre einen erstaunlich fetten Sound. Dabei spielt vor allem der Fifth Knob seine Stärken aus, da sich der Hals-Pickup sehr fein dosieren lässt und dem Klang zusätzliches Bass-Fundament verleiht. Gerade komplexere Riffs profitieren von der hervorragenden Notentrennung der Hi-Gain-Single-Coils. Statt in einer Wand aus Verzerrung unterzugehen, bleiben selbst schnelle Passagen sauber definiert. Für mich zeigt genau das, dass Heavy-Sounds nicht zwangsläufig Humbucker benötigen.

Fazit: Brillanz mit dem richtigen Mischverhältnis

Die Rickenbacker 330 Mapleglo ist weit mehr als eine Beatles- oder Indie-Gitarre. Wer sich auf ihre Eigenheiten einlässt, erhält ein Instrument mit außergewöhnlichem Charakter, das sich deutlich von den üblichen Solidbody-Modellen abhebt. Die hochwertige Verarbeitung, die interessante Elektronik und die vielseitigen Hi-Gain-Pickups machen sie zu einer eigenständigen Alternative für Gitarristinnen und Gitarristen, die bewusst nach einem unverwechselbaren Sound mit spannender Historie suchen.

Vor allem am Vox AC30 spielt die 330 ihre Stärken voll aus und liefert den obertonreichen, perlenden Klang, für den man Rickenbacker schätzt. Gleichzeitig zeigte der Test am Marshall JVM, dass deutlich mehr in ihr steckt, als ihr Ruf zunächst vermuten lässt. Gerade diese Vielseitigkeit hat mich während des Tests besonders positiv überrascht.

Pro

  • Charakterstarker Rickenbacker-Sound mit tollem Höhenbild
  • Vielseitige Blend-Schaltung
  • Hochwertig verarbeitete Hardware
  • Edle Tonhölzer und starke Semi-Hollow-Konstruktion

Contra

  • Gewöhnungsbedürftiger, großer Semi-Hollow-Korpus für meinen Geschmack
  • Werkseitige Saitenlage könnte je nach persönliche Vorliebe angepasst werden


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