21, 22 oder 24 Bünde gehören heute zu den üblichen Spezifikationen einer E-Gitarre und werden beim Blick auf das Datenblatt gerne einfach zur Kenntnis genommen. Dabei sagt die Bundzahl durchaus einiges über die Konstruktion und teilweise sogar über die klangliche Ausrichtung eines Instruments aus. Während eine klassische Fender Stratocaster traditionell mit 21 Bünden auskommt, gehören 24 Bünde bei PRS-, Ibanez- oder Jackson-Gitarren zum gewohnten Bild. Und selbst dort ist noch lange nicht Schluss: Mit Sonderkandidaten wie der 27-bündigen Jackson Brandon Ellis Kelly KE27 oder der Ibanez RG550XH mit sage und schreibe 30 Bünden geht es sogar weit über die übliche Norm hinaus.
Doch warum besitzen Gitarren überhaupt unterschiedlich viele Bünde? Woher kommen die klassischen 21 und 22 Bünde, warum wurden 24 Bünde gerade bei modernen Gitarren so populär und was passiert mit Hals-Tonabnehmer, Spielgefühl und der eigentlichen Konstruktion, wenn das Griffbrett immer länger wird? Dafür lohnt sich zunächst ein Blick zurück in die Geschichte der E-Gitarre.
21 Bünde: Der Fender-Standard aus den Fünfzigern
Frühere Jazz- und Akustikgitarren besaßen in den 1940er-Jahren in der Regel 18 bis 20 Bünde. Mit den ersten Solid-Body-E-Gitarren wie Telecaster und Stratocaster etablierte Fender in den 1950er-Jahren Konstruktionen, die bis heute zu den wichtigsten Blaupausen der E-Gitarre gehören. Die klassische Stratocaster kam dabei mit 21 Bünden aus. Diese historische 21-Bünde-Spezifikation wird bei den meisten Custom-Shop- und Vintage-Modellen von Fender immer noch umgesetzt. Core-Serien oder modernere Ausführungen werden jedoch herkömmlich mit 22 Bünden bestückt.

Aus heutiger Perspektive könnte man sich natürlich fragen, warum Leo Fender das Griffbrett nicht gleich einfach etwas länger gestaltete. Drei zusätzliche Bünde hätten schließlich drei weitere Halbtöne ermöglicht. Allerdings entstand die Stratocaster 1954 in einer völlig anderen musikalischen Welt. Virtuose Metal-Soli in den höchsten Registern, Tapping und moderne Shred-Techniken spielten bei der Konstruktion zu dieser Zeit schlicht keine Rolle.
21 Bünde wurden damit zu einem Bestandteil dessen, was wir heute als klassische Fender-Konstruktion verstehen. Moderne Stratocaster-Varianten zeigen gleichzeitig, dass diese Zahl keineswegs fest mit der Korpusform verbunden ist: Fender selbst bietet beziehungsweise bot je nach Stratocaster-Modell Instrumente mit 21, 22 und sogar 24 Bünden an.

22 Bünde: Ein Ton mehr, ohne das Rad neu zu erfinden
22 Bünde sind heute bei zahlreichen klassischen und modernen Gitarrenkonstruktionen zu finden. Während Fender mit Telecaster und Stratocaster in den 1950er-Jahren die 21-bündige Solidbody-Konstruktion etablierte, setzte Gibson bei Modellen wie der Les Paul auf 22 Bünde. Diese beiden Konzepte sollten viele klassische E-Gitarren der folgenden Jahrzehnte prägen, obwohl es abseits davon durchaus Instrumente mit anderen Bundzahlen gab. Gegenüber einer 21-bündigen Gitarre erweitert sich der Tonumfang auf der hohen E-Saite lediglich um einen Halbton – vom C# bis zum D. Besonders Gitarristen wie Slash, Jimmy Page oder Billy Gibbons waren für ihre Les Paul-Vorliebe bekannt und haben mit 22 Bünden Rockggeschichte geschrieben.

Wie der zusätzliche Bund konstruktiv umgesetzt wird, hängt dabei auch von der Halskonstruktion ab. Während Modelle mit geleimtem Hals wie die Les Paul entsprechend auf 22 Bünde ausgelegt sind, lässt sich ein zusätzlicher Bund bei Bolt-on-Konstruktionen vergleichsweise unkompliziert realisieren. Das Griffbrett kann hierfür über das Halsende hinausragen und den zusätzlichen Bund als sogenannten Overhang aufnehmen, ohne dass die grundlegende Halskonstruktion verändert werden muss. Interessanter wird die Sache jedoch spätestens beim Sprung auf 24 Bünde.

24 Bünde: Zwei komplette Oktaven, aber wenig Platz für den Neck-Pickup
Der entscheidende Reiz von 24 Bünden liegt zunächst in einer ausgesprochen einfachen Rechnung: Zwölf Bünde entsprechen einer Oktave, 24 Bünde entsprechen zwei vollständigen Oktaven über der jeweiligen Leersaite. Auf der hohen E-Saite erreicht eine 21-bündige Gitarre ein C#, mit 22 Bünden kommt ein D hinzu und am 24. Bund landet man wieder beim E, diesmal jedoch zwei ganze Oktaven über der Leersaite.

Wichtig ist dabei eine häufige Fehlannahme: Eine 24-bündige Gitarre besitzt bei gleicher Mensur keine enger zusammenliegenden ersten 22 Bünde. Die Positionen der Bünde ergeben sich aus der Mensur. Das Griffbrett wird für Bund 23 und 24 vielmehr weiter in Richtung Bridge fortgeführt, was zum kritischsten Argument gegen 24-Bund-Konstruktionen führt: Der Halstonabnehmer hat weniger Platz und liegt enger am Griffbrett. Doch dazu später mehr!

24 Bünde gab es schon zu Beginn der Sechzigerjahre
Heute verbinden wir 24-bündige E-Gitarren gerne mit Superstrats, modernen Metal-Gitarren und der Shred-Welle der 1980er-Jahre. Tatsächlich ist die Idee einer 24-bündigen E-Gitarre aber wesentlich älter. Ein spannender früher Name in dieser Geschichte ist der britische Gitarrenbauer Jim Burns. Bereits um 1959/1960 experimentierte Burns mit Instrumenten, die weit über das hinausgingen, was damals bei den großen amerikanischen Herstellern üblich war.

Zu den frühen Modellen gehörten die Ormston Burns De-Luxe Artistes beziehungsweise die daraus hervorgegangene Burns Vibra Artist. Während ein Ende 1959 beworbener Prototyp noch 22 Bünde besessen haben soll, wurden frühe Serieninstrumente bereits mit 24-bündigen Griffbrettern gebaut.
Damit tauchte die Zwei-Oktaven-Konstruktion bereits zu einer Zeit auf, als die Stratocaster selbst gerade einmal wenige Jahre auf dem Markt war. 24 Bünde sind also keineswegs eine Erfindung der späteren Heavy-Metal-Generation. Sie blieben zunächst lediglich eine deutlich seltenere Alternative zu den Konstruktionen, die Fender und Gibson im Massenmarkt etablierten.
Brian May wollte in den Sechzigern auch zwei Oktaven
Ein noch prominenteres frühes Beispiel liefert Queen-Gitarrist Brian May. Gemeinsam mit seinem Vater Harold begann May Anfang der 1960er-Jahre mit dem Bau seiner später weltberühmten Red Special. Neben ihrer außergewöhnlichen Schaltung, selbst entwickelten Vibrato-Konstruktion und zahlreichen improvisierten Materialien aus Küche und Garage erhielt die Red Special ebenfalls 24 Bünde. May beschrieb den daraus resultierenden Tonumfang später treffend als einen „nice, neat double octave“. Die Red Special kombiniert die 24 Bünde zudem mit einer kurzen Mensur von rund 24 Zoll.

Gerade Brian May ist für diese Retrospektive interessant: Seine Gitarre entstand lange bevor 24 Bünde zu einem typischen Merkmal moderner Lead-Gitarren wurden. Die Motivation war dabei denkbar logisch: 24 Bünde ergeben zwei vollständige Oktaven und damit einen erweiterten Tonumfang, den Brian May später für seine besonders kreativen Queen-Soli effektiv zu nutzen wusste.

Warum hatten dann nicht einfach alle Gitarren 24 Bünde?
Mehr Tonumfang klingt zunächst ausschließlich nach einem Vorteil. Konstruktiv benötigt ein längeres Griffbrett jedoch logischerweise mehr Platz.
Besonders interessant wird das beim Hals-Pickup, wenn ein verlängertes Griffbrett mit dem Platz des Tonabnehmers konkurriert. Werden die zusätzlichen Bünde in Richtung Korpus fortgeführt, befindet sich das Ende des Griffbretts dort, wo bei zahlreichen traditionellen Konstruktionen bereits der Hals-Tonabnehmer sitzt. Bei einer entsprechend konstruierten 24-Bund-Gitarre muss dieser deshalb häufig weiter in Richtung Bridge wandern.
Und das ist klanglich nicht völlig belanglos. Ein Pickup nimmt die Schwingung der Saite an seiner jeweiligen Position ab. Wird der Hals-Pickup näher zur Bridge versetzt, erfasst er die Saite an einem Punkt mit einem anderen Schwingungsverhalten. Der typische warme Neck-Pickup-Sound einer traditionellen 21- oder 22-bündigen Konstruktion lässt sich deshalb nicht ausschließlich auf den verwendeten Pickup reduzieren, sondern hängt natürlich auch mit seiner Position zusammen.
24 Bünde sind also nicht automatisch „besser“ als 22. Sie stellen vielmehr eine andere konstruktive Priorität für Genres und Stile dar, die nach mehr Tonumfang für Lead-Soli in besonders hohen Registern verlangen.
Die 1980er machen 24 Bünde zum modernen Standard
Was Anfang der 1960er-Jahre noch unkonventionell war, passte einige Jahrzehnte später perfekt zu einer neuen Generation von Gitarristinnen und Gitarristen. Mit Hard Rock, Fusion und schließlich der Shred- und Metal-Welle wurden hohe Lagen zunehmend wichtiger. Gleichzeitig entwickelten Hersteller immer ergonomischere Hals-Korpus-Übergänge und Instrumente, die gezielt auf schnelle Lead-Techniken ausgelegt waren.
Ein hervorragendes Beispiel für diese Entwicklung ist Paul Reed Smith. Als PRS 1985 offiziell an den Start ging, gehörten 24 Bünde bereits zum Standard der Marke. Die ursprüngliche Custom 24 besaß eine 25″-Mensur und 24 Bünde; PRS bezeichnet sie bis heute als das Instrument, mit dem alles begann. Die Custom 24 wurde auf der ersten Winter NAMM des Unternehmens 1985 der Öffentlichkeit vorgestellt.

Paul Reed Smith hatte bereits vor der Firmengründung mit einem 24-bündigen „PRS Custom“-Prototyp gearbeitet, aus dem die spätere Custom 24 hervorging.
Parallel entwickelten Hersteller wie Jackson, Ibanez und andere ihre eigenen modernen Gitarrenkonzepte. Damit wurden zwei volle Oktaven zunehmend mit Superstrats, Metal und technisch anspruchsvollem Lead-Spiel verbunden, obwohl die Idee selbst bereits Jahrzehnte alt war.

Warum bei 24 Bünden aufhören, wenn auch 30 oder 35 gehen?

Vergangene E-Gitarrenkonstruktionen wie beispielsweise die 2013 veröffentlichte Ibanez RG550XH ist mit 30 Bünden ausgestattet und trägt eine herkömmliche 25,5 Zoll Mensur. Zusätzliche Bünde bringen allerdings immer neue konstruktive Herausforderungen mit sich. Wie bereits erwähnt: Das Griffbrett reicht weiter in den Korpus hinein, der Zugang zu den höchsten Bünden muss gewährleistet bleiben und irgendwann stellt sich endgültig die Frage, wo noch Platz für einen Hals-Pickup bleibt.
Eastwood BG64: 30″-Baritone-Brett mit 35 Bünden
Ein besonders extremes Beispiel dafür, wie weit sich die Bundzahl treiben lässt, liefert die Eastwood BG64 Baritone Guitarlin. Das gemeinsam mit Musiker und Content-Creator Michael Weber entwickelte Instrument kombiniert eine lange 30″-Baritoe-Mensur mit insgesamt 35 Bünden. Hintergrund war ein praktisches Problem: Weber schätzte zwar den tiefen Klang von Bariton-Gitarren, stieß bei Soli jedoch regelmäßig an das obere Ende des Griffbretts. Die BG64 verbindet deshalb das tiefe Register einer in Standard-H gestimmten Baritone mit einem enorm erweiterten Tonumfang für Lead-Spiel und hohe Lagen.

Die Idee entstand zunächst aus einer modifizierten Danelectro-Bassgitarre, bevor Eastwood daraus ein Serienmodell entwickelte. Trotz der extremen Bundzahl orientiert sich die BG64 optisch an experimentellen Instrumenten der 1960er-Jahre und kombiniert einen Erlekorpus mit eingeleimtem Ahornhals, zwei speziell entwickelten Single Coils und einer bewusst traditionell gehaltenen Schaltung.
Damit zeigt die Guitarlin ziemlich gut, dass zusätzliche Bünde nicht nur als technische Spielerei dienen müssen: In diesem Fall sollen die 35 Bünde vor allem den großen Tonumfang einer Bariton-Gitarre nach oben erweitern und den Wechsel zwischen tiefen Rhythmusparts und hoch gespielten Leads auf demselben Instrument ermöglichen.
Jackson Brandon Ellis Kelly KE27 mit 27 Bünden

Ein interessantes aktuelles Beispiel eines Serienmodells liefert die bereits erwähnte Jackson Brandon Ellis Kelly KE27. Schon die Modellbezeichnung verrät, wohin dieses Modell hin möchte: 27 Bünde erweitern den Tonumfang auf der hohen E-Saite noch einmal um F, F# und schließlich G.
Bei einem Instrument, das auf experimentelles Lead-Spiel ausgelegt ist, ergibt das natürlich durchaus Sinn. Während der 24. Bund die zweite Oktave markiert, erlauben die drei zusätzlichen Bünde Läufe und Bendings noch oberhalb dieses Bereichs.
Gleichzeitig zeigen solche extremen Konstruktionen sehr gut, wie weit sich moderne High-Performance-Gitarren von den ursprünglichen 21-Bund-Konzepten der 1950er-Jahre entfernt haben und wo es vermutlich Grenzen für Serienmodelle gibt – zumindest, wenn es über die 30 Bünde hinaus gehen soll 😀

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Verändert die Bundzahl das Spielgefühl?
Nicht automatisch. Hier muss vor allem zwischen Mensur und Bundzahl unterschieden werden. Eine Stratocaster mit 25,5″-Mensur und 21 Bünden besitzt beispielsweise nicht deshalb größere Bundabstände als eine Gitarre mit 24 Bünden bei gleicher Mensurlänge. Bis zum 21. Bund befinden sich die Bünde grundsätzlich an denselben mathematisch bestimmten Positionen. Die zusätzlichen Bünde verlängern lediglich den nutzbaren Bereich des Griffbretts.
Das Spielgefühl in den hohen Registern hängt deshalb mindestens genauso stark vom Hals-Korpus-Übergang, den Cutaways und der gesamten Konstruktion ab. 24 Bünde auf dem Papier bringen wenig, wenn Bund 24 nur mit akrobatischen Verrenkungen erreichbar ist.
Umgekehrt kann eine gut konstruierte 24- oder 27-Bund-Gitarre den Zugang zu den hohen Lagen erheblich komfortabler gestalten, gerade wenn die Mensur – wie etwa bei der Brandon Ellis Kelly KE27 – mit 25,1″ sogar etwas kürzer ausfällt.
Fazit: Brauche ich überhaupt 24 oder mehr Bünde?
Ob 24 (oder mehr) Bünde wirklich nötig sind, hängt letztlich stärker vom persönlichen Spielstil ab als von einer grundsätzlichen Qualitätsfrage. Wer hauptsächlich Blues, Classic Rock, Indie oder traditionelle Sounds spielt, wird mit 21 oder 22 Bünden vermutlich kaum etwas vermissen. Schließlich entstand ein erheblicher Teil der Gitarrengeschichte auf genau solchen Instrumenten.
Wer dagegen häufig in hohen Lagen spielt, moderne Lead-Techniken verwendet oder schlicht gerne den vollständigen Zwei-Oktaven-Bereich jeder Saite zur Verfügung hat, findet in 24 Bünden einen praktischen Vorteil. Und für Gitarristinnen udn Gitarristen, denen selbst das nicht reicht, zeigen Instrumente mit 27 oder mehr Bünden, dass auch oberhalb der zweiten Oktave noch Luft vorhanden ist.
Damit erzählt die Bundzahl letztlich auch ein kleines Stück Geschichte der E-Gitarre: von den 21 Bünden der frühen Fender-Ära über Pioniere wie Jim Burns und Brian May bis hin zur Custom 24 und heutigen 27-Bund-Metal-Brettern.
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Titelbild: Fender/Jackson
