Kaum ein Gitarrist hat den modernen Fusion-Sound so geprägt wie Mike Stern. Seit seinen Jahren bei Miles Davis ab Anfang der 1980er verbindet der Amerikaner die harmonische Komplexität des Jazz mit der Direktheit des Rock und dem Ausdruck des Blues. Doch so virtuos seine Soli auch sein mögen: Sterns eigentliche Stärke liegt vor allem in seiner Phrasierung, seinem Timing und einem Ton, der oft eher an einen Sänger oder Saxofonisten erinnert als an einen klassischen Gitarristen.
Vom Saxofon zur Gitarre

Wer Mike Stern verstehen will, sollte nicht nur auf seine Gitarrenhelden schauen. Zwar haben Jimi Hendrix, Jeff Beck oder B. B. King deutliche Spuren in seinem Spiel hinterlassen, mindestens genauso wichtig waren aber Saxofonisten wie John Coltrane, Sonny Rollins oder Joe Henderson. Stern denkt in Melodien und nicht in Griffmustern. Sterns Soli beginnen oft mit einfachen Motiven, die sich allmählich weiterentwickeln. Statt möglichst viele Töne unterzubringen, baut er Spannung auf, wiederholt Ideen und verändert sie rhythmisch. Dabei wechseln sich jazzige Linien, bluesige Bendings und rockige Ausbrüche ständig ab.
Besonders charakteristisch ist sein Timing: Stern spielt häufig leicht hinter dem Beat und erzeugt damit einen entspannten Groove, selbst bei hohen Tempi. Seine Improvisationen wirken dadurch niemals gehetzt, sondern erzählen Geschichten.
Für Mike Stern steht die Melodie über allem. In einem Interview erklärte er einmal, dass er beim Komponieren häufig gleichzeitig singt: „Ich komponiere mit der Gitarre, singe aber oft die Melodie dazu, quasi wie ein Singer/Songwriter.“ Auch deshalb sucht er seit Jahrzehnten nach einem möglichst vokalen Klang, für den seiner Auskunft nach Jim Hall Pate stand.
Dieser gesangliche Ansatz prägt Sterns Spiel bis heute. Seine Bendings sind oft lang und expressiv, sein Vibrato erinnert eher an Bläser als an einen typischen Fusion-Gitarristen. Technische Perfektion scheint dabei zweitrangig zu sein – entscheidend ist der Ausdruck.
Equipment
Während viele Gitarristen ständig neue Verstärker, Gitarren oder Effektgeräte ausprobieren, verfolgt Mike Stern seit Jahrzehnten eine andere Philosophie: Wenn der Sound stimmt, wird nichts mehr verändert. Und tatsächlich haben sich seit Jahren sein Grundsound sowie sein Equipment kaum verändert. Stern verwendet bis heute sein Yamaha-Signature-Modell, das ursprünglich auf seiner alten Telecaster basiert. Wie er selbst erzählt, kopierte Yamaha seine damalige Fender und passte sie an seine Bedürfnisse an. Dass Stern trotz seiner Liebe zum Jazz auf eine Solidbody-Gitarre setzt, hat einen einfachen Grund: Er sieht sich als Rocker mit dem Tonmaterial eines Jazzers.
Sein Sound basiert auf einem breiten Stereo-Setup. Lange Zeit setzte Stern auf zwei Fender-Twin-Verstärker, die er über Chorus- und Delay-Effekte miteinander kombinierte. Zuvor kamen unter anderem Yamaha-G100-Combos und eine Roland-Power-Amp-Lösung zum Einsatz.

Der Stereo-Sound
Über viele Jahre basierte dieser Stereo-Klang auf einem Yamaha-SPX90, dessen Pitch-Shifting-Effekt für den berühmten Stereo-Chorus sorgte. Heute setzt er dagegen auf das Boss Multi Overtone. Ein Stereo-Effekt ähnlich wie ein Chorus, aber „es macht den Sound besser und fetter“. Das Boss MO-2 Multi Overtone erzeugt zusätzliche Obertöne und verbreitert den Klang, ohne den Gitarrenton zu stark zu verfremden. Genau diese Mischung aus Transparenz und Fülle ist ein wesentlicher Bestandteil seines Sounds.

Mike Sterns Pedalboard
Obwohl Stern nur selten neues Equipment ausprobiert, hat sich über die Jahre ein erstaunlich vielseitiges Pedalboard entwickelt, das komplett mit Boss-Pedalen bestückt ist:
Boss MO-2 Multi Overtone
Boss DD-3 Digital Delay
Boss DD-3T Digital Delay
Boss BD-2W Blues Driver
Boss SD-1W Super Overdrive
Boss AW-3 Dynamic Wah
Boss TU-3 Chromatic Tuner
Besonders wichtig sind dabei die beiden Delay-Pedale, die Stern meist sehr dezent einsetzt, um seinem Ton mehr Räumlichkeit zu verleihen. Die Verzerrung entsteht hauptsächlich durch die Kombination aus Blues Driver und Super Overdrive, während das MO-2 für die typische Breite seines Sounds sorgt. Interessant ist auch, dass viele der Effekte seit Jahren unverändert geblieben sind. Stern experimentiert zwar gelegentlich mit neuen Geräten, doch die meisten schaffen es nie auf die Bühne. Wer Mike Sterns Ton kopieren möchte, sollte also nicht nur auf Gitarren, Amps oder Effektpedale achten. Entscheidend sind vor allem seine Phrasierung, sein Timing und sein melodisches Denken. Seine Soli leben von Pausen, Dynamik und einer klaren melodischen Idee. Entscheidend ist bei ihm die Balance zwischen Jazz-Harmonik, Blues-Ausdruck und Rock-Energie. Seine Soli klingen gleichzeitig virtuos und zugänglich, komplex und melodisch.
Wer Mike Sterns Sound einfach und/oder mit kleinem Budget nachbilden möchte, braucht vor allem einen cleanen Verstärker, eine Telecaster-artige Gitarre und einen dezenten Overdrive. Modelle wie die Fame Custom TL oder eine Yamaha Pacifica in Kombination mit einem Boss Katana Verstärker und einem Boss SD-1 liefern bereits eine gute Grundlage. Ebenso wichtig sind ein kurzes Delay und ein Chorus-ähnlicher Effekt, die für die räumliche Breite und den charakteristischen, beinahe vokalen Klang sorgen. Entscheidend ist allerdings weniger das Equipment als Sterns Spielweise.
