Platte der Woche: SiM „HOOMAN AFTER ALL“

Wer in den vergangenen Jahren auch nur halbwegs Berührungspunkte mit Anime und härterer Musik hatte, dürfte an „The Rumbling“ kaum vorbeigekommen sein. Mit dem brachialen Opening zu Attack on Titan: The Final Season Part 2 landeten SiM 2022 einen internationalen Überraschungserfolg, der die japanische Band weit über ihre Heimat hinaus bekannt machte. Der Song gewann später bei den Crunchyroll Anime Awards sowohl den Preis für das Best Opening als auch den Best Anime Song und dürfte für viele westliche Hörer der erste Kontakt mit SiM gewesen sein.

Dabei existiert die Band um Frontmann MAH, Gitarrist SHOW-HATE, Bassist SIN und Drummer GODri bereits seit 2004 und hat sich musikalisch nie besonders gerne in eine einzelne Schublade stecken lassen. Metalcore und Alternative Metal treffen bei SiM auf Punk, Reggae, Ska und gelegentliche Hip-Hop-Einflüsse. Harte Breakdowns stehen neben Offbeat-Gitarren, eingängigen Refrains und elektronischen Elementen. Dieser teilweise ziemlich wilde Stilmix ist längst zum Markenzeichen der vier Japaner geworden.

Mit HOOMAN AFTER ALL erschien diese Woche das neue Studioalbum der Band. Zwölf Songs umfasst die Platte, die laut MAH gleichzeitig einen Blick zurückwerfen soll: SiM verstehen das Album als Hommage an die große Rock-Ära der späten Neunziger und frühen Zweitausender, was ziemlich gut zu einer Band passt, deren Musik ohnehin seit jeher zwischen unterschiedlichen Genres hin und her springt.

SiM
SiM v.l.n.r.: Shin’ya „SIN“ Shinohara (E-Bass), Shōhei „SHOW-HATE“ Iida (E-Gitarre), Manabu „MAH“ Taniguchi (Vocals), Yuya „GODri“ Taniguchi (Schlagzeug). – Foto: SiM

Inspiration aus den späten Neunzigern und frühen Zweitausendern

Songtitel wie „FIVE TIMES DEAD (by my wallet)“, „HOLD MY BEER“, „Karen’s Son“ oder „The Sniffling Cats Ska“ lassen kaum vermuten, dass die Band auf ihrem neuen Album plötzlich einen bierernsten Kurs einschlägt.

Vielmehr geht es um eine Zeit, in der die Grenzen zwischen Punk, Metal, Alternative Rock, Nu Metal und anderen Stilen ohnehin zunehmend verschwammen. Genau in diesem Umfeld fühlen sich SiM hörbar wohl. Das Spannende daran ist, dass sich die Band für diesen Rückblick nicht komplett neu erfinden muss. Schließlich gehört das Vermischen eigentlich gegensätzlicher Genres schon seit Jahren zur eigenen musikalischen DNA.

Dass dabei trotzdem ordentlich nach vorne gespielt wird, zeigt bereits „FIVE TIMES DEAD (by my wallet)“. Der Opener setzt auf satte Riffs, abrupte Wechsel und Metalcore-Energie, verliert zwischen all dem Chaos aber nicht den Blick für eingängige Momente. Dieser Kontrast ist eine der großen Stärken von SiM: Ein Song kann im einen Moment ziemlich heavy in Richtung Moshpit marschieren und kurz darauf mit einer Melodie um die Ecke kommen, die sich deutlich schneller im Kopf festsetzt, als einem vielleicht lieb ist.

„BLiNDEYES“ mit Yukina von HANABIE.

Noch deutlicher wird dieser Ansatz bei „BLiNDEYES“, für das sich SiM Unterstützung von Yukina von der japanischen Hardcore-Band HANABIE. geholt haben. Die Kombination ist eigentlich ziemlich naheliegend. Schließlich gehören auch HANABIE. zu jener Generation japanischer Heavy-Bands, die keinerlei Probleme damit hat, extreme Härte mit Pop-Appeal und bewusst überzeichneten Stilwechseln innerhalb eines Tracks zusammenzubringen.

Entsprechend treffen in „BLiNDEYES“ aggressive Passagen auf einen beinahe schon verspielten und eingängigen Charakter. Yukinas Growl-Vocals liefern dabei nicht einfach nur einen kurzen Gastauftritt, sondern passen hervorragend zu der hektischen Energie des Songs. Inhaltlich steckt dahinter allerdings ordentlich Wut: Die von MAH aufgegriffene japanische Zeile „Mou sumimasen deha sumimasen“ lässt sich sinngemäß damit übersetzen, dass eine Entschuldigung die Sache inzwischen auch nicht mehr geradebiegen kann.

Yukina bleibt übrigens nicht der einzige Gast auf dem Album. Bei „The Sniffling Cats Ska“ sind HEY-SMITH dabei, während Masato von coldrain auf „ZiON“ zu hören ist. Gerade Letzteres passt gut zur gemeinsamen Geschichte der Bands: Bereits 2013 gingen SiM und coldrain zusammen als Co-Headliner auf Japan-Tour.

Mehr als nur die Band hinter „The Rumbling“

Natürlich schwebt über einer neuen SiM-Platte zwangsläufig der riesige Erfolg von „The Rumbling“. Der Song hat der Band international Türen geöffnet, die zuvor vermutlich deutlich schwerer aufgestoßen wären. SiM lieferten mit „Under the Tree“ später sogar noch einen weiteren Song für Attack on Titan und steuerten darüber hinaus Musik zu anderen Anime- und Videospielproduktionen bei.

HOOMAN AFTER ALL ist deshalb auch eine gute Gelegenheit, SiM nicht ausschließlich als „die Band mit dem Attack-on-Titan-Opening“ wahrzunehmen. Denn so massiv und effektiv „The Rumbling“ auch funktioniert: Die eigentliche Stärke der Japaner liegt in ihrer stilistischen Unberechenbarkeit.

Metalcore darf bei SiM genauso selbstverständlich neben Ska stehen wie ein Reggae-Offbeat neben einem massiven Gitarrenriff. Dazu kommt MAHs Wechsel zwischen brachialen Vocals, melodischen Passagen und einem teilweise fast lässigen Reggae- beziehungsweise Punk-Flow. Was bei anderen Bands schnell nach zusammengewürfeltem Genre-Mix klingen könnte, gehört bei SiM längst zum eigenen Stempel.

Gerade die von MAH für HOOMAN AFTER ALL genannte Inspiration durch Rockmusik der späten Neunziger und frühen Zweitausender ergibt vor diesem Hintergrund Sinn. Es geht weniger darum, eine bestimmte Band oder ein einzelnes Genre dieser Zeit nachzuahmen. Vielmehr passt die damalige Offenheit für Crossover ziemlich gut zu einer Band, die sich selbst nie besonders stark um Genregrenzen gekümmert hat. Und genau das funktioniert eben auch nur, wenn man es so gut umsetzt wie SiM.

HOOMAN AFTER ALL: Kontrolliertes Chaos mit zahlreichen Ohrwürmern

HOOMAN AFTER ALL setzt auf die stilistische Wandelbarkeit, die die Band schon lange auszeichnet: harte Gitarren, Breakdowns und Punk-Energie auf der einen, Ska-, Reggae- und Alternative-Einflüsse sowie eingängige Refrains auf der anderen Seite.

SiM können ernsthaft heavy sein, ohne sich selbst permanent ernst nehmen zu müssen. Hinter dem Chaos steckt eine Band, die ziemlich genau weiß, wann ein Breakdown sitzen muss, wann ein Refrain hängen bleiben soll und wann es Zeit ist, einfach komplett die musikalische Richtung zu wechseln.

Tracklist:

  1. FiVE TiMES DEAD (by my wallet)
  2. BLiNDEYES (feat. HANABIE.)
  3. DALALA
  4. HOLD MY BEER
  5. Karen’s Son
  6. The Sniffing Cats Ska (feat. HEY-SMITH)
  7. HOOMAN AFTER ALL
  8. GHOST iN TOKYOZiON (feat. Masato(coldrain))
  9. BLACK SUBMARiNE
  10. FREEZE ME UP
  11. Sailing On

Album-VÖ: 02.09.2026
Label: Pony Canyon

sxixm.com

hoomanafterall.com

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Fotos: SiM

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