Als einer der Wegbereiter des britischen Indie- und Alternative-Rock beeinflusste Johnny Marr in den Achtzigerjahren neben Morrissey als musikalischer Kopf von The Smiths eine ganze Generation von Musikerinnen und Musikern und zugleich zahlreiche nachfolgende Genres. Auch wenn sich die Band 1987 auflöste, bestritt Johnny Marr seinen musikalischen Weg weiter. So gehörten Engagements bei The The, Electronic, Modest Mouse und The Cribs ebenso zu seiner Karriere wie zahlreiche Kollaborationen und mittlerweile eine umfangreiche Solodiskografie.
Mit „The Age Of Everything“ erscheint am 2. Oktober nun Johnny Marrs fünftes reguläres Soloalbum über BMG. Dabei bleibt der Gitarrist auch nach Jahrzehnten ein Musiker, dessen eigene Handschrift sich schnell erkennen lässt. Gerade sein Gitarrenspiel hat mit seinen schimmernden Sounds, offenen Akkorden und einem melodischem Stempel einen Stil geprägt, der bis heute den Kreis mit dem britischem Gitarrenpop schlißt. Gleichzeitig hat Marr nie ausschließlich in dieser musikalischen Vergangenheit gelebt. Elektronische Einflüsse und Dance-Rhythmen gehörten spätestens mit Electronic, seinem gemeinsamen Projekt mit New-Order-Sänger Bernard Sumner, ebenso zu seinem musikalischen Vokabular. Genau diese beiden Seiten treffen auch auf den bisher veröffentlichten Songs des neuen Albums wieder aufeinander.
Songwriting zwischen London, Nordamerika und Manchester
Entstanden ist „The Age Of Everything“ an verschiedenen Stationen. Marr schrieb das Material zunächst in London, entwickelte Teile davon anschließend während einer Tour an der Ostküste Nordamerikas weiter und nahm das Album schließlich in seiner Heimatstadt Manchester auf. Das Ergebnis umfasst zehn Stücke und folgt auf das 2022 erschienene Doppelalbum „Fever Dreams Pts 1–4“. Marr selbst beschreibt die neue Platte als eine für ihn besonders kathartische Veröffentlichung.

Auch der Albumtitel entstand laut Marr bereits früh während des Schreibprozesses. „The Age Of Everything“ bezieht sich dabei auf ein Gefühl der Überforderung innerhalb einer zunehmend von Technologie geprägten Kultur, soll aber ausdrücklich nicht ausschließlich negativ verstanden werden. Marr stellt diesem Überfluss ebenso die Möglichkeiten gegenüber, die daraus entstehen können. Damit steht hinter dem Titel weniger eine konkrete Geschichte als vielmehr eine Beobachtung des gegenwärtigen Lebensgefühls.
Bereits 2024 berichtete er, dass ein Teil neuer Ideen unterwegs entstanden sei. Statt sich dabei vollständig auf moderne Produktionsumgebungen zu verlassen, kehrte er für erste Gitarrenideen zu einem vergleichsweise unmittelbaren Ansatz mit Looper und übereinandergeschichteten Gitarrenspuren zurück.

Typisch Johnny Marr – aber nicht ausschließlich Gitarrenpop
Einen ersten Eindruck davon liefern die drei vorab veröffentlichten Singles „Spin“, „Ophelia“ und „It’s Time“. Schon hier zeigt sich ein Stil, der ziemlich unmittelbar als Johnny Marr zu erkennen ist. Die Songs bewegen sich grundsätzlich in einem britisch geprägten Gitarrenpop, der immer wieder melancholische Akkordfolgen mit treibenden Rhythmen verbindet. Gleichzeitig wirken die Stücke nicht wie der Versuch, den Klang seiner früheren Bands einfach zu reproduzieren, sondern lässt durchaus seine eigene Handschrift erkennen.
Besonders charakteristisch bleibt natürlich Marrs Umgang mit der Gitarre. Statt sich mit großen verzerrten Riffs in den Vordergrund zu stellen, entstehen viele der prägnanten Momente durch cleane, räumliche und häufig Chorus-artige Gitarrensounds. Akkorde, kleine melodische Figuren und übereinandergelegte Gitarrenflächen greifen ineinander und übernehmen damit mindestens ebenso viel rhythmische wie harmonische Arbeit. Denken wir zurück an den Entwicklungsprozess mit Looper und mehrschichtigen Gitarrenspuren, so merkt man wie viele melodische Ideen im Mastering-Endresultat geblieben sein müssen.
Es ist genau jene Art von Gitarrenspiel, bei der nicht unbedingt ein einzelnes Riff heraussticht, sondern mehrere vergleichsweise einfache Elemente gemeinsam einen wiedererkennbaren Sound ergeben. Daraus resultieren eben solche Ohrwürmer, die gerne etwas länger im Kopf verweilen dürfen.

Abwechlungsreiche Nummern
Schon der Opener „Spin“ legt mit ordentlich Groove vor und gibt dem Album einen entsprechend treibenden Dance-Beat-Einstieg. Etwas ernster und düsterer präsentiert sich dagegen „Fire With Fire“, bei dem vor allem das Riff und das generelle Arrangement für eine dichte Atmosphäre sorgen. Einen deutlichen Kontrast dazu bildet „In And Out Of Love“: Der Song schlägt als klassischer Lovesong ruhigere und gefühlvollere Töne an und entwickelt durch seinen 6/8-Takt einen leicht wiegenden Charakter, der fast schon zum Walzer einladen möchte.
„It’s Time“ zeigt wiederum eine etwas direktere Seite des Albums. Marr beschreibt den Song als Reaktion auf gesellschaftlichen Zynismus und Korruption, dem er bewusst einen gewissen Idealismus entgegenstellen wollte. Musikalisch fällt das Stück entsprechend energisch und beinahe hymnisch aus.
Eine lange Geschichte nach The Smiths
Dass Johnny Marr noch immer so unmittelbar mit The Smiths verbunden wird, ist keine Überraschung. Gemeinsam mit Morrissey prägte er innerhalb weniger Jahre einen Gitarrenstil, dessen Einfluss sich weit über die eigentliche Lebensdauer der Band hinaus bemerkbar machte. Marrs Karriere nach deren Ende zeigt allerdings ebenso deutlich, dass er sich nie auf diese Rolle beschränkt hat.
Neben seiner Arbeit mit The The gründete er zusammen mit Bernard Sumner Electronic und war später unter anderem Mitglied von Modest Mouse und The Cribs. Hinzu kommen zahlreiche Arbeiten mit anderen Künstlern sowie Projekte außerhalb klassischer Bandstrukturen. Seine eigentliche Solokarriere nahm spätestens mit „The Messenger“ von 2013 dauerhaft Fahrt auf. „The Age Of Everything“ führt diese Entwicklung nun als fünftes Solo-Studioalbum weiter.
Dabei scheint Marr heute weniger daran interessiert zu sein, seine musikalische Vergangenheit hinter sich zu lassen, als deren unterschiedliche Bestandteile selbstverständlich nebeneinanderzustellen. Gitarrenpop, Alternative Rock und elektronische Einflüsse müssen sich bei ihm nicht gegenseitig ausschließen. Gerade die ersten Songs von „The Age Of Everything“ vermitteln deshalb den Eindruck eines Musikers, der seinen charakteristischen Stil längst gefunden hat, sich innerhalb dieses Rahmens aber weiterhin genügend Freiheiten lässt.
The Age Of Everything: Starke Mischung mit Johnny Marr-Siegel
Insgesamt umfasst das neue Album zehn Songs. Neben den drei bereits bekannten Singles warten damit sieben weitere Stücke darauf, zu zeigen, wie weit Marr die bisher erkennbare Mischung aus melancholischem Gitarrenpop, treibenden Rhythmen und elektronischen Einflüssen auf Albumlänge ausbaut.
„The Age Of Everything“ erscheint am 2. Oktober 2026 über BMG.
Tracklist:
1. Spin
2. Beyond The Rain
3. It’s Time
4. How Come
5. Ophelia
6. That Feeling
7. In And Out Of Love
8. Just Once More
9. Fire With Fire
10. All In A Life
Album-VÖ: 2. Oktober 2026
Label: BMG


