WEITERHÖREN: Musiktipps zur Horizonterweiterung #8

Diesmal mit C.A.R., Carla und Caris! Die Gitarre auf dem Titelbild stammt von Lab-C und ist ein Unikat: Das Modell heißt Princess II und ist von 2010.

C.A.R.: BÄCKEREI 2000

Bei dem langen stehenden Ton, der dieses Album einleitet, fühlte ich mich kurz an Genesis und ,And Then There Were Three‘ (1958) erinnert. Das hatte sich dann aber schnell erledigt. Denn C.A.R. gehen auch diesmal wieder in eine ganz andere Richtung als Prog-Traditionalisten und Art-Rock-Retromanen.

,Bäckerei 2000′ heißt ihr neunter Tonträger – das C.A.R.-Debüt ,Beyond The Zero‘ erschien 2014. Wenn es um die Stilschublade geht, wurden immer wieder Labels wie Krautrock, Jazz und Electronica kombiniert. Und da die Band aus Köln stammt bzw. einige Musiker dort ansässig sind, fällt auch schon mal der Name CAN. Was die Musik von Holger Czukay, Jaki Liebezeit, Michael Karoli und des einzigen Überlebenden, Keyboarder Irmin Schmidt, angeht, haben C.A.R. vielleicht die Vorliebe für hypnotische Grooves mit ihnen gemeinsam, wobei ihr Sound-Design aber meist in eine ganz andere Richtung geht. Da denke ich, aus aktuellem Anlass, dass vermutlich auch die Berliner Kult-Kapelle Agitation Free hier und da inspiriert haben könnte.

Extreme Individualität zeigt schon die Palette der Instrumente, die die vier C.A.R.-Künstler ins Spiel bringen: Und Leonhard Huhn (Saxophone, Klarinette, Voice, Prepared Piano, Percussion, FX), Christian Lorenzen (Synthesizer, Fender Rhodes, Prepared Piano, Percussion, FX), Kenn Hartwig (Bass, Nintendo GameBoy, Guembri, Prepared Piano, Electric Guitar, Drums, Percussion, FX) und Johannes Klingebiel (Schlagzeug, Synthesizers, Prepared Piano, Percussion, Voice, FX) gelingt damit, das Beste aus der analogen Klangwelt mit sphärischer Elektronik zu kombinieren. Vor allem sind es die coolen Saiten-Sounds von Bassist Kenn Hartwig, die hier immer wieder für Bodenhaftung sorgen.

PHOTO © Frederike Wetzels

Für ,Bäckerei 2000′ haben die Musiker vier Tage lang ohne Absprachen im eigenen Studio improvisiert, das Ganze aufgenommen und ein Doppelalbum daraus gemacht. Was hier live eingespielt oder später noch editiert wurde weiß ich nicht – die überwiegend instrumentale Musik ist jedenfalls absolut spannend, und nur darum geht es. Dieses Album ist eine Klangreise, ein Sound-Trip durch Klangräume, oft abstrakt, dann wieder groovend, manchmal berührend, dann auch mal kalt und beängstigend. Dass Album ,Bäckerei 2000′ ist ein Kinofilm ohne Bilder – die malt man sich selbst beim Hören. Intensiv! Die gut 76 Minuten Klangkunst gibt es auf zwei Vinyl-LPs oder als Stream bzw. Download. Ich empfehle den Kauf beim Erzeuger, in der Bäckerei Bandcamp, direkt um die Ecke: thisiscar.bandcamp.com

www.thisiscar.de

CARLA KÖLLNER BIG BAND: NOT OBSESSED BUT KINDA INTO IT

„Nach zehn Jahren Schreiben für Big Bands komme ich jetzt nicht mehr drum herum: Es wird Zeit für ein komplettes Big-Band-Album – und das wird dann auch mein Debüt-Album.“ Das Zitat stammt von Carla Köllner, „Trombonist – Composer/Arranger – Teacher“ ist ihre Homepage untertitelt. Und wenn man dann noch liest, dass ihr neues Album ,Not Obsessed but Kinda Into It‘ heißt, gehe ich mal davon aus, dass diese Musikerin auch noch Humor hat. Sympathisch!

Carla Köllner (*1993) hat Jazz-Posaune und Komposition studiert, war im JugendJazzOrchester NRW und leitete eigene Bands. Sie spielte u.a. in der Funk-Formation Tilar, mit AnnenMayKantereit und seit 2024 ist sie auch Teil der Live-Band von Sängerin Nina Chuba.

Bei so viel Flexibilität wundert es nicht, dass diese Künstlerin und Komponistin auch im Big-Band-Format ihr eigenes Ding durchzieht. Sie ist eine absolut energetische Klangmalerin, die klassische Swing-Big-Band-Klischees vermeidet und statt dessen immer wieder Roughness und Präzision kombiniert, was mich dezent an Bands wie Blood Sweat & Tears oder Chase erinnert. Ihr Schwerpunkt sind ganz klar die fetten, treibenden Bläsersätze: Jazz kann eben auch rocken, ohne Jazz-Rock zu sein. Und ein bisschen Flair von cooler US-TV-Musik der 1970er-Jahre kommt in der Musik der Carla Köllner Big Band auch rüber. Seit Claudia Döffinger & Torso Ventunos ,Nachtwache‘ (2025) hat mich kein Album in großer Besetzung mehr so fasziniert wie dieses.

Carla Köllner ist eine beeindruckende Komponistin und vor allem auch Arrangeurin ihrer Musik. Dass sie hier selbst nicht als Posaunistin zu hören ist, ist vielleicht sogar konsequent, denn Komposition, Arrangements und Band-Leitung sind ja schon drei starke Jobs. Und diese Band ist ihr höchst lebendiges Instrument! Außerdem hat sie sich für die neun Album-Tracks von ,Not Obsessed But Kinda Into It‘ auch noch so originelle Titel wie ,XXX‘ oder ,bitte nicht schubsen, habe joghurt im rucksack‘ ausgedacht bzw. ausgeliehen – was ja auch noch mal Zeit und Energie kosten kann. Insbesondere, wenn man von der Musikerpolizei, die keinen Spaß versteht, dann doch geschubst wird und die Sauerei wegmachen muss. Aber das gehört nicht hier her …

An diesem energetischen Debüt waren insgesamt 25 Musikerinnen und Musiker beteiligt. Seit weder zu bedruckendes Papier, noch übereifrige Redakteure nicht mehr den Umfang einer Album-Rezension vorgeben, kann man endlich auch mal die kreativ Beteiligten an Sinfonie-Orchestern oder Big-Band-Produktionen komplett auflisten – sie haben es verdient:

+ Saxophone, Flöten & Klarinetten: Julius van Rhee, Paula Steimer, Lennart Allkemper, Lucie Graehl, Wim Schulze, Roman Fritsch
+ Trompeten: Cay Schmitz, Matthias Schwengler, Franziska Becker, Benjamin Stanko, János Löber, Marie Tjong Ayong
+ Posaunen: Philipp Schittek, Paul Lüpfert, Jonathan Böbel, Philipp Hayduk, Tobias Herzog, Günter Bollmann
+ Und dann sind da noch Carlotta Ribbe am Vibraphon, Benedikt Göb am Piano, Schlagzeuger Niklas Walter und Caris Hermes am Bass.
Und von den vielen tollen Solistinnen & Solisten fielen mir besonders Flügelhornistin Lisa Buchholz und Gitarrist Paul Prassel auf.

Eine wirklich extrem beeindruckende Band mit großartiger Musik. Absolutely obsessed by Carla K.!

www.carlakoellner.de

 

CARIS HERMES & WDR BIG BAND: RISE

2022 erschien ihr Debüt-Album ,Caris Hermes‘, jetzt ist die gleichnamige Kölner Bassistin mit der international hoch geschätzten und Grammy-prämierten WDR Big Band zu erleben. Wer Caris Hermes (*1991) schon mal live erlebt hat, weiß mit welcher Konzentration und Hingabe diese Künstlerin spielt. Sie ist eine großartige Band-Musikerin, und immer wieder auch eine spannende Solistin. Für dieses neue Album hat sie sechs ihrer Kompositionen bearbeitet, die von Altsaxophonist Steffen Schorn für diese 17köpfige Formation arrangiert wurden; er leitete auch die WDR Big Band bei diesen Aufnahmen.. Swingender Jazz mit sehr schönen orchestralen Farben ist hier zu hören, sehr räumlich aufgenommen und mit wirklich großartig tragendem Bass-Sound.

 

PHOTO Billy Test, Andy Haderer & Caris Hermes © Lothar Trampert

Zwei Tracks stammen von Saxophonist Paul Heller (,Caris Bounce‘) und Sängerin Maika Küster (,Wyan‘); die weiteren Musiker sind Ben Fitzpatrick, Johan Hörlén, Martin Gasser, Jens Neufang (Saxophone), Wim Both, Andy Haderer, Rob Bruynen, Ruud Breuls (Trompeten), Ludwig Nuss, Raphael Klemm, Andy Hunter, Mattis Cederberg (Posaunen), und schließlich noch der immer wieder spannende Pianist Billy Test, Schlagzeuger Hans Dekker und Caris am Kontrabass. Sie spielt übrigens auch E-Bass und stand zuletzt mit Künstlerinnen und Künstlern wie Nils Landgren, Ida Sand, Jocelyn Gould, Paulo Morello, Chris Hopkins und Marc Marshall auf der Bühne. Mit diesem Album und der WDR Big Band hat Caris Hermes einmal mehr bewiesen, was für eine flexible, kreative Künstlerin und ausgezeichnete Komponistin sie ist.

www.carishermes.de

 

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