Ob der Hals-Korpus-Übergang am vierzehnten oder am zwölften Bund liegt, klingt doch zunächst wie ein unwichtiges Detail, oder? Schließlich hat die Gitarre noch mehr Bünde, weshalb es doch völlig egal ist, an welchem der Korpus beginnt. Weit gefehlt! Auch wenn dies zunächst nach einem unbedeutenden Unterschied klingt, kann die kleine konstruktive Veränderung einer 12-Fret überraschend große Auswirkungen haben. Während die 14-Fret-Konstruktion bei Westerngitarren heute der Standard ist, sind 12-Fret-Modelle gerade bei kleineren Korpusformen wie der Concert-Westerngitarre anzutreffen.
Doch was verändert sich dadurch tatsächlich?
Die Unterschiede in der Konstruktion
Zwölf oder vierzehn Bünde klingen zwar zunächst nach einem kleinen Unterschied, allerdings geht es nicht um die Gesamtzahl der Bünde, sondern darum, an welchem Bund sich der Hals-Korpus-Übergang befindet. Bei einer 12-Fret-Westerngitarre trifft der Hals am zwölften Bund auf den Korpus, bei einer 14-Fret entsprechend am vierzehnten.
Der offensichtlichste Unterschied liegt also in der Erreichbarkeit der Bünde. Somit sind bei einer 14-Fret zwei Bünde mehr frei zugänglich, was gerade für Solospieler, die sich gerne in den oberen Lagen austoben, vorteilhaft ist. Bei einer 12-Fret kann ein Cutaway zwar Abhilfe schaffen, was jedoch nichts an der Tatsache ändert, dass der Korpus bereits am zwölften Bund beginnt.
Das bedeutet jedoch keineswegs, dass die Mensur kürzer ist. Als Mensur bezeichnen wir die Länge der schwingenden Saite vom Sattel bis zur Stegeinlage. Eine 12- Fret und eine 14-Fret können also durchaus eine gleichlange Mensur besitzen. Der Unterschied liegt dabei nämlich in der Positionierung des Stegs.
Der Steg macht den Unterschied
Genau hier wird es spannend. Da die Mensur einer 12-Fret nicht zwingend kürzer ist als die einer 14-Fret, wandert der Steg. Bei vielen 12-Fret-Designs sitzt dieser weiter Richtung Korpusmitte als bei der entsprechenden 14-Fret-Konstruktion.

Das hat Auswirkungen auf den Klangcharakter einer Gitarre. Der Steg überträgt die Schwingungen der Saiten auf die Gitarrendecke, das Herzstück der Klangproduktion. Somit bestimmt seine Position, an welcher Stelle die Decke angeregt wird. Schließlich handelt es sich bei ihr nicht um eine einfache, starre Platte. Je nachdem wo die Decke in Bewegung gesetzt wird und wie sie an dieser Stelle verstrebt ist, verändert sich die Art der Energie der Saiten.
Das zeigt deutlich, dass sich der Konstruktionsunterschied zwischen einer 14- und einer 12-Fret ganzheitlich auf das Instrument auswirkt und komplexer ist, als er zunächst erscheint.
Klingen 12-Fret-Gitarren anders?
12-Fret-Westerngitarren wird häufig eine hohe Reaktionsfreude und ein kräftigerer Bassbereich nachgesagt. Über eine lebendige Reaktion bei leichtem Anschlag freuen sich besonders Fingerpicker, während die stärkeren Bässe gerade die Klangfülle einer kompakten Gitarre erhöhen.
Daraus lässt sich jedoch keine allgemeingültige Regel ableiten. Der Klang einer Gitarre ist nicht von einem einzelnen Faktor abhängig, sondern vielmehr ein Zusammenspiel aus ihren verschiedenen Konstruktionsmerkmalen. Dazu zählen Korpusgröße, Mensurlänge, Deckenbeleistung, Tonhölzer und viel mehr. Hieran siehst du, dass der Hals-Korpus-Übergang den Sound zwar modifizieren, aber definitiv nicht gänzlich allein bestimmen kann.
Besonders aussagekräftig ist der Vergleich, wenn ein Hersteller dasselbe oder zumindest ein sehr ähnliches Grunddesign in beiden Varianten anbietet. So zum Beispiel die Taylor 512ce Next Generation.


Auch das Spielgefühl verändert sich
Besonders deutlich wird der Unterschied, wenn man beide Varianten nacheinander spielt. Bestimmte 12-Fret-Designs sind deutlich kompakter, was gerade bei kleinen Korpusformen sehr bequem ausfällt. Spieler von kleiner Statur und jene, die einfach eine handlichere Gitarre bevorzugen, fühlen sich mit einer 12-Fret häufig ausgesprochen wohl.
Alledings darf dies nie mit der Saitenspannung verwechselt werden. Wie schon beschrieben, bedeutet ein Hals-Korpus-Übergang am zwölften Bund nicht automatisch, dass auch die Mensur kürzer gehalten ist. Wer also nach einem weicheren Spielgefühl sucht, sollte einen Blick ins Datenblatt werfen und die Mensurlänge überprüfen.

12-Fret oder 14-Fret – für wen eignet sich was?
Eine 12-Fret-Gitarre ist besonders interessant, wenn du bevorzugt in den unteren und mittleren Lagen spielst oder auch ein kompaktes Spielgefühl schätzt. Fingerstyle-Spieler finden unter diesen Instrumenten viele spannende Modelle.
Die 14-Fret-Konstruktion hingegen zeichnet sich durch ihre Vielseitigkeit aus und erleichtert den Zugang zu den höheren Lagen. Aus diesem Grund dominiert sie heute auch den Markt. Dennoch sollte der Hals-Korpus-Übergang nicht zum alleinigen Kaufkriterium werden. Eine Gitarre muss sich für den Spieler sowohl gut anhören als auch gut anfühlen. Und das ist von vielen Faktoren abhängig.
Zwei Bünde mit erstaunlich großen Folgen
Auf dem Papier wirkt der Unterschied zwischen einer 12-Fret und einer 14-Fret nahezu unbedeutend. In der Praxis sieht es dann aber ganz anders aus.
Die Position von Hals und Steg verändert sich, die Gewichtsverteilung und Spielhaltung fallen anders aus und auch der Klang kann durch die veränderte Konstruktion beeinflusst werden.
Aus diesem Grund lohnt es sich, eine 12-Fret-Gitarre einmal im Vergleich zu einer 14-Fret-Gitarre anzutesten. Vielleicht beeinflussen sogar zwei Bünde deine Entscheidung, welches Instrument die richtige Wahl für dich ist.
Titelbild: Taylor

