Electro Harmonix Pico Shimmer Cosmic Reverb im Test: Effektkosmos im Hosentaschenformat

Shimmer Reverbs und wilde Multieffektkombinationen sind immer wieder eine spannende Angelegenheit für Fans ausgefallener Klangtexturen und wilder Modulationsspielereien. Besonders Electro Harmonix, die Effektpedalpioniere um Mike Matthews aus New York, haben dieses Jahr wieder einen interessanten Konsorten für Soundtüftler auf den Markt gebracht: Der Pico Shimmer Cosmic Reverb versteht sich als Kombination aus Hall, Delay und Pitch-Shifter, die maßgeblich auf bereits bekannten EHX-Pedalen beruht. Dabei greift Electro Harmonix auf reichlich Erfahrung aus dem eigenen Portfolio zurück. Die Engine der Oceans-Reverb-Serie, der POG-Pitch-Shifter sowie der hauseigene Memory Man-BBD-Delay-Avantgardist bilden die Grundlage für drei unterschiedlich ausgerichtete Shimmer-Szenen.

Das Grundrezept des Pico Shimmer ist dennoch ziemlich simpel: Ein Hall wird mit Pitch-Shifter und Delay kombiniert, wobei dem Effektsignal unter anderem zusätzliche Oktaven hinzugefügt werden und dadurch granular wirkende Texturen entstehen, die definitiv Lust auf stundenlanges Ausprobieren machen.

Neben Reverb, Delay und Pitch-Shifting kommen weitere Klangelemente zum Einsatz, die im wahrsten Sinne Synth- und Modulationssounds ermöglichen. Dadurch deckt das Pedal weit mehr als klassische Shimmer-Reverb-Sounds ab und erweitert die ohnehin bereits große Spielwiese des Pico Shimmer noch einmal um ein ganzes Stück.

Entsprechend reicht das Klangspektrum von bekannten oktavierten Hallfahnen über breite Synthesizer-artige Pads bis zu experimentellen Glitch- und Granular-Sounds, was auf dem Papier erst einmal nach viel klingt. Wie vielseitig sich diese Mischung in der Praxis einsetzen lässt, haben wir uns im Test genauer angesehen und gecheckt, ob sich in dem kompakten Pico-Gehäuse wirklich ein solch gigantischees Universum an Vielfalt versteckt, oder ob wir nur eine weitere überladene Effektschleuder bekommen.

Electro Harmonix Pico Shimmer Cosmic Reverb im Tonstudio

Electro Harmonix Pico Shimmer Cosmic Reverb

Aufbau und Bedienung

Trotz des kompakten Formats bietet das Pico Shimmer mit Blend, Tone, Time und Voice vier Regler sowie einen zentralen Scene-Taster. Blend bestimmt das Verhältnis zwischen Direkt- und Effektsignal, Tone beeinflusst die Klangfarbe und Time reicht von vergleichsweise kurzen Hallfahnen bis hin zu ausgedehnten Reverb-Flächen. Eine zentrale Rolle übernimmt der Voice-Regler, über den sich der Charakter des Effekts zwischen Plate-artigem Reverb, klassischem Shimmer und zunehmend flächigen String-Synth-Texturen verschieben lässt.

Electro Harmonix Pico Shimmer Cosmic Reverb
Electro Harmonix Pico Shimmer Cosmic Reverb

Unter der Oberfläche steckt allerdings noch deutlich mehr. Über Sekundärfunktionen lassen sich unter anderem Reverb-Mix, Delay-Zeit sowie Tiefe und Geschwindigkeit der Modulation bearbeiten. Hinzu kommen drei Buffered-Bypass-Varianten in Form von Digital, Analog und Hybrid.

Auch der Fußschalter übernimmt mehr als die reine Bypass-Funktion: Wird er gehalten, lässt sich der aktuelle Hall über die Momentary-Infinite-Reverb-Funktion praktisch einfrieren und als stehende Fläche unter das weitere Spiel legen.

Die Effektbasis: Drei Scenes von klassisch bis experimentell

Über den Scene-Taster stehen Intergalactic, Off-World und Etherdust zur Auswahl, die sich im Charakter deutlich voneinander unterscheiden und quasi als erste Effektbasis dienen können. Intergalactic kommt dem klassischen Shimmer-Konzept am nächsten und kombiniert polyphones Pitch-Shifting mit Reverb, moduliertem Delay, Kompression und einer String-Synth-Engine, die wirklich fantastisch klingt. Gerade über den Voice-Regler lässt sich hier erstaunlich weit zwischen einem vergleichsweise konventionellen Hall und ausgeprägten synthetischen Klangflächen morphen und dank Zweitbelegung der Regler auch die Modulationstiefe weitreichend einstellen.

Off-World geht etwas weicher zu Werke und legt einen stärkeren Fokus auf die Delay-Modulation. Dadurch entstehen warme Texturen, die stellenweise eher an ältere Synthesizer-Pads als an einen klassischen Gitarrenhall erinnern. Etherdust schlägt schließlich die experimentellste Richtung ein: Randomisierte Delay-Zeiten erzeugen unregelmäßige Wiederholungen und Stutter-Effekte, die je nach Einstellung von kurzen granularen Klangpartikeln bis hin zu deutlich wahrnehmbaren Glitch-Echos reichen.

Als Lofi-Liebhaber bieten die drei Voicings für meinen Geschmack jede Menge Spielraum für Experimente. Gerade in Kombination mit anderen Pedalen liefert das Pico Shimmer einen echten Mehrwert, um bereits bestehende Pedalboards in die Extreme zu treiben: Meine Lieblingskombination bestand letztendlich aus einem Small Clone Chorus, dem Canyon und eben dem Pico Shimmer. Gerade aus bereits gefärbten Sounds – in meinem Fall nutzte ich den Chorus als Always-On-Sound – bekommt man wirklich saftige Klänge aus der E-Gitarre.


Affiliate Link:

Electro Harmonix Pico Shimmer Cosmic Reverb

Sound und Praxis

Mit cleanem Grundsound zeigt das Pico Shimmer erwartungsgemäß besonders eindrucksvoll, was in seinen drei Algorithmen steckt. Akkorde und einzelne Noten lassen sich mit breiten Hallflächen unterlegen, wobei das Pitch-Shifting zusätzliche harmonische Ebenen erzeugt. Interessant ist vor allem, wie weit sich das Pedal vom typischen Shimmer-Klang entfernen lässt. Mit entsprechender Kombination aus Voice, Delay und Modulation entstehen orgelartige Sounds, synthetische Pads oder granulare Texturen, die das ursprüngliche Gitarrensignal teilweise nur noch als Ausgangspunkt verwenden und wirklich schöne Klangwelten erzeugen.

Granularsynthese für E-Gitarre – Die besten Tools für Grain-Texturen und Klangexperimente

Gleichzeitig muss das Pico Shimmer keineswegs permanent den gesamten Sound einnehmen oder präsent im Vordergrund stehen. Mit zurückhaltendem Blend und passend gewählter Voice-Einstellung lässt sich der Effekt extrem subtil unter das trockene Signal mischen. Gerade das erwies sich im Test auch mit verzerrten Lead-Sounds als ziemlich spannende Option. Statt den eigentlichen Gitarrensound in einer riesigen Hallwolke verschwinden zu lassen, kann im Hintergrund eine leicht synthetische Fläche entstehen, deren Tonhöhe dem gespielten Material folgt. Dadurch erhalten Soli zusätzliche räumliche und harmonische Tiefe, ohne ihren eigentlichen Charakter zu verlieren. Vor allem mit Drive-Effekten oder einem in die Sättigung getriebenen Verstärker lassen sich auch Setups mit deutlich aufgedrehterem Gain wunderbar vom Pico Shimmer untermalen, ohne dass es matschig klingt.

Wer es extremer möchte, bekommt auf der anderen Seite genügend Spielraum für unendlichen Hall und besonders verspielte Modulation. Gerade das Etherdust-Voicing kann mit höheren Effektanteilen sehr schnell in abstrakte Klangwelten abdriften, während Intergalactic mit ausgeprägtem Pitch-Anteil den typischen großen Shimmer-Sound liefert. Das eigentliche Vergnügen besteht daher weniger darin, eine einzelne optimale Einstellung zu finden, sondern vielmehr im Ausprobieren der unterschiedlichen Wechselwirkungen zwischen Reverb, Pitch-Shifting, Delay und Modulation.

Infinite Reverb

Auch die Momentary-Funktion macht in der Praxis Sinn und ist weit mehr als eine nette Dreingabe. Besonders das Infinite Reverb reagiert angenehm direkt und erlaubt es, Akkorde oder einzelne Töne als stehende Fläche festzuhalten und anschließend darüber weiterzuspielen. In Kombination mit den stärker synthetisch ausgelegten Einstellungen entsteht so beinahe eine zusätzliche Pad-Ebene, ohne dass dafür ein separater Looper oder gar ein Synthesizer benötigt wird.

Gerade hier spielt das kompakte Pedal seine umfangreiche Konzeption aus. Ein gehaltener Akkord kann beispielsweise als atmosphärischer Hintergrund dienen, während darüber ein weitgehend trockenes oder nur dezent mit Effekt versehenes Signal gespielt wird. Für Ambient, Post-Rock und experimentelle Sounds ergeben sich dadurch zahlreiche Möglichkeiten, die über einen gewöhnlichen Shimmer-Reverb hinausgehen.

Fazit: Bunte Effekttüte mit vielen Geschmäckern

Das Electro Harmonix Pico Shimmer erweist sich im Test als vielseitige Ambient-Maschine im Miniaturformat. Wer lediglich einen klassischen Shimmer-Reverb sucht, findet diesen mit Intergalactic problemlos. Wirklich interessant wird das Pedal jedoch dort, wo Pitch-Shifting, Delay, Modulation und Synth stärker ineinandergreifen. Von dezenten Halltexturen über orgelartige Hintergründe und breite Synth-Pads bis zu glitchigen Klangexperimenten bietet das Pico Shimmer reichlich Raum zum Ausprobieren.

Besonders gefallen hat mir, dass diese Möglichkeiten nicht zwangsläufig in riesigen Ambient-Flächen enden müssen und man hier keinen weiteren „Friss-oder-Stirb“-Effekt bekommt. Dank des Blend-Reglers funktioniert das dezent eingestellte Pedal ebenso als atmosphärische Ergänzung für Clean- und Lead-Sounds, während die gut umgesetzte Infinite-Funktion weitere kreative Möglichkeiten eröffnet. Wer gerne mit ungewöhnlichen Texturen experimentiert und dafür möglichst wenig Platz auf dem Pedalboard opfern möchte, bekommt mit dem Pico Shimmer somit einen bemerkenswert umfangreichen kleinen Klangbaukasten für alles von subtiler Untermalung bis hin zu völlig abgedrehten Grain-Synth-Flächen.

Pro

  • Kreative Mischung aus bekannten EHX-Pedalen, die ein eigenständiges Pedal-Konzept abgibt
  • Kompaktes Pico-Format
  • Breites Spektrum an verschiedenen Hall- und Modulationskombinationen möglich
  • Momentary-Infinite-Reverb-Funktion dient als praktisches Live-Feature

Contra

  • Das kompakte Format verlangt zwar nur wenig Platz, jedoch fällt die Steuerung durch den kleinen Scene-Button sowie den eng aneinanderliegenden Reglern etwas sperrige aus


Affiliate Link:

Electro Harmonix Pico Shimmer Cosmic Reverb

Auch interessant:

Electro Harmonix Pico Shimmer Cosmic Reverb im Test: Effektkosmos im Hosentaschenformat

Shimmer Reverbs und wilde Multieffektkombinationen sind immer wieder eine spannende Angelegenheit für Fans ausgefallener Klangtexturen [...]

> WEITERLESEN
Squier Paranormal Baritone Jazzmaster im Test: Offset-Klassiker auf Tiefgang

Als Fender die Jazzmaster 1958 vorstellte, war sie ursprünglich – und wie der Name es [...]

> WEITERLESEN
Godin Artisan ST-II EN Whisky Burst Test – Premium-ST mit moderner Vielseitigkeit

Die Godin Artisan ST-II EN Whisky Burst richtet sich an Gitarristen, die klassische ST-Formen schätzen, [...]

> WEITERLESEN
Test: Córdoba Abasi Stage 7 – Moderne Nylonstring neu gedacht

Tosin Abasi gehört zu den Gitarristen, die sich nie mit dem Status quo zufriedengeben. Ob [...]

> WEITERLESEN
Crazy Tube Circuits White Whale Jr. Test: echter Federhall

Federhall und Tremolo gehören zu jenen Effekten, die weniger durch spektakuläre Parameter als durch ihr [...]

> WEITERLESEN
Litejam Smart Guitar RGB24/WH White im Test: Licht an! Lernerfolg auch?

Einfacher E-Gitarre lernen mit einem leuchtendem Griffbrett? Die Litejam Smart Guitar RGB24/WH White verfolgt genau [...]

> WEITERLESEN
Ibanez LD303 Layer Delayer Test: Rhythmische Echos mit eigener Handschrift

Ein Delay wiederholt Töne. Das Ibanez LD303 Layer Delayer organisiert diese Wiederholungen zu rhythmischen Strukturen. [...]

> WEITERLESEN
Rickenbacker 330 Mapleglo im Test: Der legendäre Jangle-Sound auf dem Prüfstand

Spätestens durch die Beatles und Motörhead-Bassist Lemmy Kilmister erlangte Rickenbacker Kultstatus, doch die Geschichte des [...]

> WEITERLESEN
Fender Godzilla Distortion Test – Distortion mit Charakter statt High-Gain-Einheitsbrei

Mit dem Fender Godzilla Distortion wagt sich Fender in ein Terrain, das man nicht automatisch [...]

> WEITERLESEN

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert