Die britischen Rock-Ikonen Freddie Mercury, Brian May, Roger Taylor und John Deacon – besser bekannt als Queen – haben in ihrer Karriere einen Sound geschaffen, der bis heute wohl zu den unverwechselbarsten der Rockgeschichte gehört. Neben immensen orchestralen Arrangements, gigantischen Chorwänden, die die vier Musiker selbst einsangen, und Freddie Mercurys unverwechselbarer Stimme ist vor allem Brian Mays Gitarrensound zu einem der größten Markenzeichen der Band geworden.
Nur wenige Gitarristen lassen sich bereits nach wenigen Tönen so eindeutig erkennen wie Brian May. Ob das gigantische Solo von „Bohemian Rhapsody“, das „boxy“ klingende Solo von „We Will Rock You“ oder die orchestralen Gitarrenarrangements zahlreicher Queen-Songs: Mays Gitarrensound ist seit den frühen Siebzigern ein wesentlicher Bestandteil des Sounds der britischen Rockband.
Dabei basiert sein Setup nicht etwa auf einer besonders großen Sammlung ständig wechselnder Gitarren und Verstärker. Ganz im Gegenteil: Brian May nutzt bis heute eine E-Gitarre, die er bereits als Teenager gemeinsam mit seinem Vater gebaut hat. Dazu kommen Vox AC30 Combos, wenige Effektpedale und einige ziemlich ungewöhnliche Lösungen, die teilweise ebenfalls in Eigenregie entstanden sind. Dazu aber später mehr!
Zeit also, einen genaueren Blick auf die wichtigsten Bestandteile des Brian-May-Sounds zu werfen.
Die Red Special: Eine selbstgebaute E-Gitarre wird zur Ikone
Als Brian May 1963 gemeinsam mit seinem Vater Harold mit dem Bau einer eigenen E-Gitarre begann, war zunächst keineswegs abzusehen, dass dieses Instrument einmal auf einigen der bekanntesten Rockaufnahmen überhaupt zu hören sein würde. Brian May war damals 16 Jahre alt und hatte ursprünglich von einer Fender Stratocaster oder Gibson Les Paul geträumt. Da eine entsprechende Gitarre jedoch außerhalb des Budgets lag, beschlossen Vater und Sohn kurzerhand, selbst ein Instrument zu bauen. In rund 18 Monaten war das Gitarrenbauprojekt der beiden schließlich abgeschlossen.

Heute können wir uns neben ganzen DIY-Bausätzen nahezu alle Ersatzteile einer E-Gitarre über einen mittlerweile großen Tuning- und Zubehörmarkt einfach selbst besorgen. In den 1960er-Jahren steckte dieser Markt jedoch noch tief in den Kinderschuhen, weshalb Brian May auf Materialien zurückgreifen musste, die heute wohl niemand auf der Einkaufsliste eines Gitarrenbauers erwarten würde.
Für den Hals verwendeten die beiden einen alten Mahagonibalken aus einem über 100 Jahre alten Kamin, während der Korpus unter anderem aus Eichenholz entstand und mit rot gebeiztem Mahagoni furniert wurde. Im Inneren befinden sich Hohlräume, sodass die Konstruktion gewisse Parallelen zu einer Semi-Hollow-Gitarre aufweist, jedoch entsprechend nur gekammert und nicht offen ist.
Noch kreativer wird es beim selbst konstruierten Tremolosystem. Zwei Federn aus dem Ventiltrieb eines alten Motorrads wirken hier dem Saitenzug entgegen, während als Messerkante tatsächlich ein Teil eines Brotmessers aus der hauseigenen Küche zum Einsatz kam. Um die Reibung der Saiten zu reduzieren und die Stimmstabilität zu verbessern, konstruierte Brian May außerdem eine Brücke mit kleinen Rollen.
Das Resultat erhielt später den Namen Red Special, wird von May selbst aber auch liebevoll „Old Lady“ genannt. Und obwohl mittlerweile zahlreiche Repliken und offizielle Signature-Versionen existieren, ist das Original bis heute seine bevorzugte Gitarre.
Drei Pickups und jede Menge Schalter
Ein entscheidender Bestandteil der Red Special sind ihre drei Burns Tri-Sonic Single-Coils. May hatte zunächst versucht, eigene Pickups zu bauen, griff schließlich jedoch auf drei Tonabnehmer aus einer Burns Vibra-Artist zurück. Um unerwünschtes mikrofonisches Pfeifen bei hohen Lautstärken zu reduzieren, wurden die Pickups zusätzlich in Kunstharz vergossen.
Besonders interessant ist allerdings die Elektronik des Instruments. Statt eines klassischen Drei- oder Fünfwegschalters besitzt die Red Special für jeden Pickup eigene On/Off-Schalter. Die Tonabnehmer können dadurch nicht nur einzeln aktiviert und deaktiviert, sondern zusätzlich in ihrer Phase umgekehrt werden, weshalb neben Tone- und Volume-Regler insgesamt sechs Schalter zu sehen sind. Das ermöglicht Kombinationen, die mit einer gewöhnlichen Stratocaster- oder Les-Paul-Schaltung zu dieser Zeit nicht ohne Weiteres möglich gewesen wären.

Zu Mays meistgenutzten Sounds gehört beispielsweise die Kombination aus Steg- und Mittelpickup in Phase, die einen kräftigen und mittigen Charakter entwickelt. Für andere Sounds nutzt May gezielt Out-of-Phase-Kombinationen. Auch der sahnige Solosound von „Bohemian Rhapsody“ wird mit einer solchen gegenphasigen Pickup-Kombination in Verbindung gebracht.
Wichtig zu erwähnen ist außerdem, dass May mit drei Vox AC30 Combos und separatem Treble Booster ein Setup fährt, dessen Clean- und Gain-Verhalten er zu einem großen Teil über den Volume-Regler seiner Gitarre steuert.
Damit besitzt die Red Special zwar eine außergewöhnliche Konstruktion, entscheidend ist aber, dass Brian May ihre Eigenheiten seit Jahrzehnten bis ins Detail kennt und zu nutzen weiß. Statt zwischen unterschiedlichen Gitarren zu wechseln, holt er einen großen Teil seiner Klangvielfalt aus ein und demselben Instrument heraus.

Auhtentische Kopien und besondere Varianten der Red Special
Im Laufe der Jahre wurden zahlreiche Kopien der Red Special von diversen Gitarrenbauern angefertigt. In Brian Mays Live-Setup finden sich dabei einige spannende Varianten des Instruments: Für den Song Fat Bottomed Girls nutzt May beispielsweise ein spezielles Drop-D-Modell mit einer festen Brücke. Andere Nachbauten von verschiedenen Gitarrenbauern wiederum sind so authentisch nah am Original konstruiert, dass sie auf Tour schlicht als Ersatzgitarren dienen.
Ein Instrument sticht jedoch besonders heraus: Die „The Archtop MkII“, auch „The Badger“ (der Dachs) genannt. Auffällig ist nicht nur die Wölkchenahorn-Decke mit dunklem Finish, sondern vor allem die Semi-Hollow-Konstruktion sticht hier direkt ins Auge. Brain und sein Vater wollten die erste Red Special ursprünglich als Semi-Hollow-Gitarre mit F-Loch entwerfen. Da diese Konstruktion für ihre begrenzten Mittel damals zu komplex war, wurde die originale Red Special schließlich als gekammerte Solidbody-Gitarre konstruiert.
The Archtop MkII (The Badger)

Der Gitarrenbauer Andrew Guyton konstruierte schließlich ein Semi-Hollow-Modell, welches Brian für Live-Einsätze testete. Basierend auf Brians Feedback während der Proben für die erste Tour von Queen + Adam Lambert, entschieden sich sein langjähriger Gitarrentechniker Pete Malandrone und der Gitarrenbauer für eine Überarbeitung der ursprünglichen BM Archtop.
Der erste Prototyp (Mk1) war Brian schlichtweg zu weit von seinem charakteristischen Live-Sound entfernt. Um das Instrument für die Tour 2014 bühnentauglich zu machen, wurde es so modifiziert, dass es näher am Orignal liegt: Es wurde ein dritter Burns Trisonic Tonabnehmer inklusive Mays Schiebeschalter-Elektronik integriert. Die alte Piezo-Brücke musste zudem einem zuverlässigeren Tonabnehmer-System weichen.
Laut Andrew Guyton war die Montage dieser Hardware auf einer gewölbten Decke (Arched Top) eine logistische Meisterleistung. Die Lösung war ein maßgefertigtes, handgeformtes Schlagbrett aus Acryl, das sich perfekt an die Konturen der Gitarrendecke anschmiegt. Die akustische Brücke wurde aus einem einzigen Stück brasilianischem Rosenholz gefräst. Zudem kamen Piezo-Saitenreiter von L.R. Baggs zum Einsatz.

Auch optisch gab es einen Neuanstrich: Die Ahorndecke wurde abgeschliffen und mit einem transluzenten, schwarzen Finish versehen. Da das Holz von Natur aus etwas dunkler war, traten nach dem Schliff gold- und bronzefarbene Highlights hervor, die der Wölbung eine schicke Tiefe verleihen.
Das optische Highlight – und der Namensgeber des Instruments – ist jedoch ein kleines, im Schlagbrett eingelassenes Dachsgesicht aus Perlmutt. Als Brian May das fertige Prachtstück in den Händen hielt, fand es sofort seinen festen Platz im Set: Seitdem ist es die gesetzte Gitarre für den Queen-Klassiker Crazy Little Thing Called Love.
Kein Plektrum: Brian Mays Sixpence
Brian May verwendet neben seinen Fingern statt eines gewöhnlichen Plektrums traditionell eine alte britische Sixpence-Münze. Für ihn bietet die Münze einen besonders direkten Kontakt zu den Saiten. Gleichzeitig lässt sich der Klang abhängig vom Winkel deutlich verändern: Mit einer relativ parallelen Haltung entsteht ein sauberer Anschlag, während die geriffelte Kante der Münze bei stärkerem Winkel einen raueren und obertonreicheren Attack erzeugt.

Gerade diese Anschlagtechnik sollte man beim Versuch, den Brian-May-Sound nachzubauen, nicht unterschätzen. Die charakteristische Artikulation entsteht eben nicht ausschließlich durch Gitarre, Verstärker und Effekte, sondern zu einem wesentlichen Teil an der rechten Hand.
Vox AC30 und Treble Booster: Das Fundament des Queen-Sounds
Brian Mays Name vor allem mit einem Gitarrenverstärker verbunden: dem Vox AC30. May entdeckte den Amp bereits in den frühen Queen-Jahren. Zusammen mit seinem damaligen Rangemaster Treble Booster probierte er gebrauchte AC30 aus und fand damit den Grundsound, bei dem er anschließend blieb.

Der Treble Booster ist dabei mindestens genauso wichtig wie der Verstärker selbst. Statt lediglich zusätzliche Höhen zu liefern, treibt er den Eingang des AC30 stärker an und prägt damit dessen Verzerrverhalten. Auf frühen Queen-Aufnahmen verwendete May einen Dallas Rangemaster, nachdem dieser bei einem Konzert jedoch verloren gegangen war, entstanden später unter anderem speziell für ihn gebaute Booster von Pete Cornish und Greg Fryer.
Der Treble Booster findet sich dabei in unterschiedlichen Formen in Brian Mays Rig. Neben einem Treble Booster mit rotem Metallgehäuse innerhalb seines Stage-Racks nutzt May speziell für ihn angefertigte Varianten, die sich direkt am Gitarrengurt seiner Haupt- und Ersatzgitarren befinden.

So beeinflusst das der Treble Booster bereits das unmittelbare Gitarrensignal, bevor das es in ein Senheise Wireless Pack läuft. Da das rote Treble Booster Pedal relativ schwer ist, wurde für die Varianten am Gurt der Schaltkreis in ein leichtes Kunststoffgehäuse gepackt. Je nach gewünschter Gain-Intensität kommt der Treble Booster innerhalb des Rigs hinzu.
Statt ständig zwischen unterschiedlichen Gain-Stufen umzuschalten, arbeitet er also hauptsächlich mit dem Volume-Regler der Red Special. Wird dieser zurückgenommen, gelangt weniger Pegel in den Treble Booster und der Sound wird cleaner.
Das Grundrezept des klassischen Brian-May-Sounds lässt sich damit ziemlich knapp zusammenfassen: Red Special, Treble Booster und ein weit aufgedrehter Vox AC30.

Drei AC30 für ein riesiges Stereo-Setup
Im Laufe der Jahre wurde das Live-Rig allerdings deutlich aufwendiger. Eine besonders typische Konfiguration besteht aus drei Vox AC30, wobei der mittlere Verstärker das trockene Gitarrensignal wiedergibt und die beiden äußeren Verstärker für die Effektsignale zuständig sind.
Dadurch bleiben Attack und Definition des Direktsignals in der Mitte erhalten, während Delays, Chorus und andere räumliche Effekte über die seitlichen Verstärker wiedergegeben werden. Mays Guitar-Tech beschreibt das Setup entsprechend als trockenen Center-Amp mit „wet“ betriebenen Verstärkern links und rechts.
Schon in den Achtzigern war das System erheblich komplexer. Ein von Pete Cornish dokumentiertes Rig von 1982 verteilte das Signal auf mehrere Gruppen von jeweils drei AC30. Zwei MXR Digital Delays erzeugten unterschiedliche Delay-Signale, während ein modifiziertes Roland CE-1 einen weiteren Verstärkerzweig mit Chorus versorgte.
Gerade diese gestaffelten Delays sind ein wichtiger Bestandteil von Mays größer klingenden Gitarrenarrangements. Anstatt lediglich einen einzelnen Echoeffekt hinter die Gitarre zu legen, lassen sich Wiederholungen räumlich voneinander trennen und so der Eindruck mehrerer Gitarrenstimmen erzeugen.

Brian Mays Modulationseffekte
Obwohl Gitarre, Booster und AC30 das Fundament bilden, kamen über die Jahre weitere Effekte hinzu. Besonders wichtig wurden dabei Delay-Effekte, mit denen May nicht nur räumliche Tiefe erzeugte, sondern auch mehrstimmige und kanonartige Gitarrenpassagen realisieren konnte.
In seinem dokumentierten 1982er-System finden sich unter anderem zwei MXR DDL II Digital Delays im Rack-Format, ein Foxx Phaser und ein stark modifiziertes Roland CE-1 Chorus Ensemble. Später gehörten auch Geräte wie der TC Electronic SCF Stereo Chorus/Flanger zu seinem Equipment.
Das Interessante daran: Die Modulationseffekte stehen bei May selten für sich, sondern erweitern den ohnehin stark charakteristischen Grundsound aus Red Special, Treble Booster und den beiden äußeren AC30 Combos. Chorus, Phaser und andere Effekte sorgen dabei je nach Einsatz für zusätzliche Bewegung und räumliche Tiefe. Besonders deutlich wird das im Zusammenspiel mit den beiden links und rechts positionierten Verstärkern, über die May zusätzliche beziehungsweise modulierte und verzögerte Signalanteile wiedergibt und seinen Gitarrensound so deutlich breiter erscheinen lässt.


Der Deacy Amp: Ein Verstärker aus Elektroschrott
Neben den großen Vox-Amps gehört vor allem ein winziger Verstärker zu den interessantesten Bestandteilen des Queen-Sounds. Der sogenannte Deacy Amp wurde von Queen-Bassist John Deacon aus Elektronikteilen gebaut, die er aus weggeworfenem Equipment gewonnen hatte.

Der kleine Transistorverstärker entwickelte sich im Studio zu einem wichtigen Werkzeug für Brian May. In Kombination mit der Red Special und einem Treble Booster ließ sich damit ein stark komprimierter, mittiger Sound erzeugen, den May für zahlreiche mehrstimmige Gitarrenarrangements einsetzte.
Besonders spannend ist, dass der Deacy Amp nicht nur für klassische Gitarrenklänge verwendet wurde. Durch unterschiedliche Mikrofonpositionen und den Einsatz eines Wah-Pedals als Klangregler erzeugte May damit Sounds, die an Trompeten oder Posaunen erinnern konnten.
Nach Mays eigener Beschreibung war dafür keine aufwendige elektronische Nachbearbeitung notwendig. Ein großer Teil entstand schlicht durch Amp, Mikrofonierung und Spielweise. Damit spielte der Deacy Amp eine wichtige Rolle bei dem Eindruck eines regelrechten Gitarrenorchesters, der viele Queen-Produktionen auszeichnet.
„Bohemian Rhapsody“ im Wohnzimmer: Es geht auch mit einem kleinen Vox
Dass man für einen überzeugenden Brian-May-Sound nicht zwingend eine Wand aus AC30 benötigt, zeigte May selbst während der Corona-Zeit. In einem Video, in dem er das Gitarrensolo von „Bohemian Rhapsody“ erklärt, spielt er zu Hause über einen kleinen Vox Mini5 Rhythm Modeling Combo.
Das ist eigentlich ein schönes Gegenstück zu seinem großen Bühnen-Rig. Denn obwohl die historischen Queen-Sounds mittels AC30, Treble Booster und kreativen Aufnahmetechniken entstanden sind, zeigt sich hier, wie viel von Mays Wiedererkennungswert letztlich aus Red Special und vor allem seiner Spielweise stammt.
Brian Mays Sound: Eigenbau statt Standardrezept
Brian Mays Setup ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. Die wichtigste Gitarre wurde gemeinsam mit seinem Vater aus verfügbaren Materialien gebaut, als Plektrum dient eine Münze und einer seiner berühmtesten Studioverstärker entstand aus weggeworfenen Elektronikteilen. Selbst viele seiner späteren Treble Booster und Live-Systeme wurden speziell für seine Anforderungen entwickelt oder modifiziert.
Trotzdem ist der grundlegende Brian-May-Sound über die Jahre erstaunlich konstant geblieben. Red Special, Sixpence, Treble Booster und Vox AC30 bilden seit Jahrzehnten das Fundament seines einprägsamen Queen-Sounds. Deacy Amp, Delays, Phaser und Chorus erweitern dieses Grundgerüst, ohne seinen eigentlichen Charakter zu ersetzen.
Brian May hat nicht über Jahrzehnte versucht, mit immer neuem Equipment einem bestimmten Klang hinterherzulaufen. Er hat sich bereits sehr früh ein eigenes System geschaffen und daraus einen der unverwechselbarsten Gitarrensounds der Rockgeschichte entwickelt.

Auch interessant:
Titelbild: Queen Official YouTube: Queen – Radio Ga Ga (Live in Budapest)

