159 Euro. Mahagonikorpus. Zweiteilige Ahorndecke. Eingeleimter Mahagonihals. Palisandergriffbrett. Knochensattel. Bei dieser Zutatenliste wandert der Blick unweigerlich noch einmal zum Preisschild. Doch da fehlt keine Ziffer. Die J & D LS II Blonde kostet tatsächlich weniger als so mancher Boutique-Humbucker, der sich in einer Gitarre dieser Bauart ausgesprochen wohlfühlen würde.
Dabei sieht sie keineswegs danach aus, als hätte jemand beim Bau jeden Cent zweimal umdrehen müssen. Das helle Blonde-Finish verleiht der klassischen Singlecut-Form einen angenehm frischen Auftritt, weißes Binding zieht die Konturen nach, Chrom-Hardware setzt die passenden Akzente. Natürlich ist sofort klar, welcher 1952 vorgestellte Gitarrentyp hier Pate stand. Doch für Geschichtsunterricht ist später noch Zeit. Erst einmal hängt man sich die LS II um und schaut, ob sie außer einem ziemlich wilden Preis-Leistungs-Verhältnis auch Rock ’n’ Roll kann.
Spoiler: Sie kann.
Kurzinfo auf einen Blick
Die J & D LS II Blonde bringt für 159 Euro erstaunlich klassische Zutaten mit: Mahagonikorpus mit Ahorndecke, eingeleimter Mahagonihals, Palisandergriffbrett und zwei Humbucker. Unser Testmodell ist sauber verarbeitet, stimmstabil, angenehm zu spielen und etwas leichter als eine Gibson Les Paul Standard. Auch klanglich gibt es angesichts des Preises wenig zu meckern.

Bewährtes Rezept
Die Zutaten der LS II lesen sich tatsächlich erstaunlich traditionell. Unter der zweiteiligen Ahorndecke sitzt laut Herstellerangaben ein Korpus aus Mahagoni, dazu kommt ein eingeleimter Mahagonihals mit C-Profil. Das Palisandergriffbrett trägt 22 Bünde und die obligatorischen Trapezeinlagen. Die Mensur beträgt 628 Millimeter, der Knochensattel ist 43 Millimeter breit.
Damit orientiert sich J & D ziemlich eng an jener Bauweise, die seit den frühen Fünfzigern unzählige Gitarristen beschäftigt. An der Tune-o-Matic-Bridge und Stopbar-Saitenhalter ist interessant, dass beide aus Aluminium. An der Kopfplatte sitzen dagegen vergleichsweise profane Druckgussmechaniken. Was auf dem Datenblatt wenig spektakulär klingt, macht in der Praxis genau das, was es soll: Die Gitarre hält zuverlässig die Stimmung. Auch nach Bendings oder etwas energischerem Zugriff besteht kein Anlass, zwischen zwei Songs hektisch an den Wirbeln zu kurbeln.
Elektrisch herrscht ebenfalls klassischer Viererbetrieb: zwei J-&-D-Humbucker, zwei Volume-, zwei Tone-Regler und der Dreiweg-Toggle. Kein Coil-Split, kein Push/Pull, so weit, so traditionell.
Nicht ganz klassisch
Es ist zwar rein subjektiv, aber besonders gelungen finde ich die Optik. Les-Paul-artige Gitarren verbindet man schnell mit den üblichen Verdächtigen wie Goldtop, Cherry Sunburst oder Schwarz. Die LS II Blonde spart sich das und kommt schlicht, aber edel daher. Durch die helle Decke wirkt die Gitarre etwas frischer und lässiger als viele klassische Singlecuts. Das weiße Binding liefert genügend Vintage-Flair, ohne dass die LS II aussieht, als wäre sie auf Blues-Jams in der Eckkneipe reduziert. Auch die Chrom-Hardware passt gut dazu.
Noch überraschender wird es beim genaueren Hinsehen. Denn irgendwo muss bei 159 Euro schließlich der Rotstift angesetzt worden sein. An der Verarbeitung des Testinstruments lässt er sich jedenfalls nicht ausmachen. Lackierung und Binding geben keinen Anlass zur Kritik (übrigens ist die LS II auch in den Farben Translucent White, Translucent Black, Sunburst Metallic, Flame Sunburst, Copper Gold. Cherry Sunburst und Black erhältlich). Die Hardware sitzt ordentlich und auch am Hals finden sich keine Nachlässigkeiten. Keine scharfen Bundkanten, keine Stellen, an denen die Greifhand beim Lagenwechsel unfreiwillig Bekanntschaft mit Metall macht. Die Bundierung ist sauber ausgeführt. Das klingt zunächst nach einer Selbstverständlichkeit. In dieser Preisklasse ist es aber durchaus eine Erwähnung wert.
Erstaunlich handlich
Mit 628-mm-Mensur und C-Profil-Hals bewegt sich die LS II auf vertrautem Terrain. Die kürzere Mensur sorgt für das typische geschmeidige Spielgefühl, das gerade Bendings entgegenkommt. Wer sonst auf einer längeren Fender-Mensur unterwegs ist, merkt schnell: Hier ist etwas weniger Zug auf der Kette.
Der Hals selbst macht dabei keine historischen Verrenkungen. Er versucht weder, ein bestimmtes Halsprofil von 1959 millimetergenau nachzubauen, noch schielt er übermäßig in Richtung Vintage-Vorbild. Das C-Profil ist unkompliziert und liegt angenehm in der Hand.
Überhaupt sammelt die LS II in Sachen Bespielbarkeit überraschend viele Punkte. Die Bundkanten sind sauber verrundet, die Saiten lassen sich komfortabel greifen und nichts stellt sich dem Spieler unnötig in den Weg. Das Instrument fühlt sich vom ersten Moment an unkompliziert und natürlich an.
Hinzu kommt das Gewicht. Eine klassische Les Paul kann am Gurt bekanntlich durchaus in der Gewichtsklasse Halbschwer antreten. Die LS II Blonde unseres Tests ist etwas leichter als eine Gibson Les Paul Standard. Sie wird dadurch natürlich nicht zur Federgewichtlerin, hängt aber angenehm am Körper und macht auch im Stehen nicht schon nach drei Songs einen Physiotherapeuten notwendig.

Trocken überzeugend
Unverstärkt sollte eine solche Konstruktion nicht nur lange schwingen, sondern vor allem schnell reagieren. Mahagoni, eingeleimter Hals und die kurze Mensur bilden schließlich seit Jahrzehnten ein ziemlich erfolgreiches Team. Die Klang der LS II fühlt sich dementsprechend kompakt an. Akkorde stehen satt im Raum, einzelne Noten haben Körper und die Gitarre vermittelt ein leicht federndes Gefühl unter den Fingern.
Natürlich sollte man bei Tonhölzern mit absoluten Klangversprechen vorsichtig sein. Zwei Stücke Mahagoni können sich stärker unterscheiden als zwei Gitarren aus unterschiedlichen Holzarten. Viel wichtiger ist deshalb, wie die gesamte Konstruktion zusammenspielt. Und hier macht die J & D einen erfreulich geschlossenen Eindruck.

Verstärkte Argumente
Am Verstärker geht es dann dorthin, wo eine Singlecut dieser Sorte ohnehin am liebsten wohnt: mitten ins Gitarrenbrett. Der Steg-Humbucker liefert ordentlich Schub und genügend Biss, um sich auch bei verzerrten Sounds durchzusetzen. Powerchords kommen kompakt, Palm Mutes besitzen Druck, und wer den Gain-Regler ein Stück weiter nach rechts dreht, bekommt schnell die Sorte Rocksound, bei der die rechte Hand automatisch etwas energischer arbeitet.
Dabei bleibt der Steg-Pickup brauchbar definiert. Gerade bei günstigen Humbuckern besteht mitunter die Gefahr, dass „fett“ irgendwann nur noch „viel“ bedeutet. Die LS II hält die Konturen ordentlich zusammen, was sie für Classic Rock, Alternative, Punk und härtere Gangarten prädestiniert.
Der Hals-Humbucker schaltet erwartungsgemäß einen Gang zurück. Hier werden die Kanten runder, Sololinien bekommen mehr Bauch und cleane Akkorde eine weichere Note. Mit etwas Gain lässt sich der klassisch singende Neck-Sound abrufen, der seit Jahrzehnten einen festen Stammplatz im Rock-Zirkus hat.
Und natürlich ist da noch die Mittelposition. Beide Pickups gemeinsam ergeben den schlankeren, transparenteren Gegenentwurf und erinnern daran, dass eine solche Gitarre mehr kann als Powerchords vor einer Marshall-Wand.
Bemerkenswert ist vor allem, dass sich auch verstärkt kein offensichtlicher Schwachpunkt meldet. Die Pickups wirken keineswegs wie jene obligatorische Sparmaßnahme, die man nach dem Kauf gedanklich bereits gegen ein teureres Set austauscht. Sie liefern stimmige, musikalisch brauchbare Sounds und passen zum Instrument. Wer später experimentieren möchte, kann das natürlich tun. Einen zwingenden Grund für einen sofortigen Wechsel liefert die LS II aber nicht.

Vier Regler, ein Kippschalter

Besonders schön ist, dass J & D das klassische Bedienkonzept unangetastet lässt. Zwei Volume- und zwei Tone-Regler wirken heute beinahe luxuriös, wenn man von Gitarren mit Master-Volume kommt. Dabei steckt darin eine Menge musikalischer Nutzen:
Wer beispielsweise den Hals-Pickup dunkel und etwas leiser einstellt und den Steg voll geöffnet lässt, bekommt über den Toggle zwei ziemlich unterschiedliche Sounds ohne Pedaltanz. Auch das klassische Spiel mit zurückgedrehtem Volume funktioniert: Amp ordentlich anfahren, Gitarrenlautstärke zurücknehmen und bei Bedarf wieder aufdrehen.
… und jetzt zum Preis
Und dann müssen wir doch noch einmal über diese Zahl sprechen. Zum Testzeitpunkt kostet die J & D LS II Blonde 159 Euro. Nicht 1.590. Auch keine 599. Hundertneunundfünfzig.
Das verschiebt zwangsläufig den Bewertungsmaßstab. Niemand sollte erwarten, dafür eine Historic Reissue mit handselektierten Hölzern, Boutique-Pickups und zehn Stunden finaler Handarbeit zu bekommen. Die spannendere Frage lautet also: Wie viel von dem, was eine gute klassische Singlecut ausmacht, lässt sich für dieses Geld tatsächlich bauen? Klare Antwort: Erstaunlich viel.
Allein die Konstruktion mit Mahagonikorpus, zweiteiliger Ahorndecke, eingeleimtem Mahagonihals, Palisandergriffbrett und Knochensattel ist in dieser Preisklasse bemerkenswert. Dazu kommen Aluminiumbrücke und -stopbar sowie die vollständige klassische Elektrik mit zwei Humbuckern und vier Reglern.
Noch wichtiger ist allerdings, dass die LS II ihre Preisklasse nicht als Ausrede benutzt. Das Testinstrument ist sauber verarbeitet, hält die Stimmung, lässt sich ausgesprochen angenehm spielen und liefert auch am Verstärker keinen Punkt, bei dem man automatisch den günstigen Preis als Entschuldigung hinterherschieben müsste. Im Gegenteil: Im Blindtest würde sie nicht als preiswerte Variante auffallen, sondern sie spielt in derselben Liga wie die dreimal so teuren Epiphones.
Die LS II kann also Erstgitarre sein. Sie kann Backup sein. Sie kann die Gitarre für die Probe sein, für offene Tunings oder schlicht für den Moment, in dem man Bock auf eine Singlecut hat, ohne dafür die Urlaubskasse plündern zu müssen.
Wobei „Einsteigergitarre“ der Sache beinahe schon nicht gerecht wird. Denn wer mit ihr zufrieden ist, muss nicht zwangsläufig irgendwann „auf etwas Richtiges“ umsteigen. Wenn Verarbeitung, Spielgefühl, Stimmstabilität und Sound so stimmen wie hier, verliert der niedrige Kaufpreis erstaunlich schnell an Bedeutung.
Fazit
Mahagoni, Ahorn, eingeleimter Hals, Palisandergriffbrett, zwei Humbucker – die J & D LS II Blonde bedient sich ziemlich unverfroren an einem Rezept, um das seit Jahrzehnten Mythen gepflegt und Preise aufgerufen werden, für die man andernorts einen Gebrauchtwagen bekommt.
J & D macht daraus eine 159-Euro-Gitarre. Und das eigentlich Erstaunliche daran ist nicht die Zutatenliste, sondern wie wenig man diesen Preis beim Spielen bemerkt. Unser Testinstrument ist einwandfrei verarbeitet, die Bundkanten sind sauber, die Stimmung hält und das Gewicht liegt etwas unter dem einer Gibson Les Paul Standard. Vor allem aber fühlt sich die LS II nicht nach einem Instrument an, bei dem man über kleine Unzulänglichkeiten hinwegsehen muss, weil es nun einmal günstig war.
Auch am Verstärker folgt kein ernüchternder Nachschlag. Die beiden Humbucker liefern druckvolle, brauchbare Sounds, die gut zum Charakter der Gitarre passen. Ein sofortiger Pickup-Tausch drängt sich ebenso wenig auf wie ein Austausch der Mechaniken. Auspacken, einstellen, spielen – so einfach darf es mitunter sein.
Natürlich ist die LS II keine 1959er Burst und möchte es auch nicht sein. Sie nimmt deren bewährtes Konstruktionsprinzip und macht daraus eine unkomplizierte, erstaunlich erwachsene Rockgitarre. Das Blonde-Finish sorgt dabei für eine angenehm frische Note zwischen all den Bursts, Goldtops und schwarzen Klassikern.
Für 159 Euro ist das nicht nur viel Gitarre fürs Geld. Es ist vor allem eine gute Gitarre, bei der der niedrige Preis nach den ersten Spielversuchen vermutlich schnell zur Nebensache wird.

