GuitarFlow: Wie KI künftig realistisch E-Gitarren imitieren soll

Mit der bildlichen Darstellung von Gitarren und Tabulatur hat KI noch so ihre Probleme, beim Sound wohl weniger.

Die synthetische Erzeugung von Musik hat in den vergangenen Jahren zwar enorme Fortschritte gemacht, doch gerade Gitarren blieben ein Problemfall. Ihre Klangvielfalt, Spieltechniken, Phrasierungsnuancen sind nur schwer zu modellieren, vor allem wenn lediglich MIDI-Daten als Basis dienen. Ein Forschungsteam der Queen Mary University of London hat (in einem Paper mit dem Titel „GuitarFlow: Realistic Electric Guitar Synthesis From Tablatures via Flow Matching and Style Transfer„) nun ein Verfahren vorgestellt, das diese Schwierigkeiten auf überraschend effiziente Weise überwindet. Der Ansatz heißt GuitarFlow und basiert auf Flow Matching und einem gezielten Style-Transfer zwischen künstlich erzeugten und echten Gitarrensignalen. Klingt erstmal kompliziert, ist es nach Meinung der Verantwortlichen aber gar nicht.

Tablaturen statt MIDI

Denn während klassische KI-Modelle meist mit MIDI arbeiten, nutzen die Wissenschaftler für GuitarFlow ausschließlich Gitarren-Tabulaturen als Eingabe. Der Vorteil liegt auf der Hand: Tabs können Spieltechniken wie Bends, Slides, Legatos, Dead Notes oder Strumming detailreich abbilden. Solche Nuancen kommen in MIDI Daten nur sehr eingeschränkt vor. Die Forschenden erzeugen nun aus den Tabs zunächst ein einfaches, samplebasiertes Audiofile mittels eines virtuellen Instruments. Dieses dient jedoch nur als Rohmaterial.

Vom Rohklang zum realistischen DI-Signal

Im nächsten Schritt wandelt GuitarFlow diesen künstlichen Rohklang in ein realistisches E-Gitarren-DI-Signal um. Dazu setzt das Modell auf sogenanntes Flow Matching: Es lernt, wie sich ein synthetisches Beispiel über die Zeit hinweg in Richtung eines echten Gitarrensignals bewegen muss. Die Besonderheit: Als Trainingsmaterial genügen echte Gitarrenaufnahmen aus dem sogenannten GOAT-Datensatz. Dieser enthält „ungefähr 5,75 Stunden von bei 44,1 kHz aufgenommenem Gitarrensignal und die dazugehörigen Tabulaturen. Die KI benötigt lediglich zwölf Minuten Trainingszeit auf einer einzelnen GPU (Graphics Processing Unit). Das stellt im Vergleich zu bisherigen diffusionsbasierten Synthesemodellen einen drastisch reduzierten Aufwand dar.

Messbar besser – vor allem mit Verstärker

In objektiven Tests zeigen sich deutliche Verbesserungen gegenüber dem Ausgangsmaterial. Berechnungen zu Fréchet Audio Distance (FAD), Kernel Audio Distance (KAD) und Rekonstruktionsfehlern belegen, dass die erzeugten Signale näher am echten Gitarrensound liegen als die reine Tab-Rendering-Version aus Guitar Pro. Wie die Verantwortlichen ausführen bestätigt dies ein Hörtest mit 16 Teilnehmenden. Besonders mit Verzerrung über einen digitalen Gitarrenverstärker wird der Output als klar realistischer wahrgenommen. Verzerrung verdeckt hörbare Artefakte, die bei den rohen DI-Signalen die Illusion sonst stören würden.

Stärken und Schwächen

GuitarFlow überzeugt wohl vor allem bei Akkordspiel und Strumming, also einem Bereich, in dem viele virtuelle Gitarreninstrumente seit Jahren Schwierigkeiten haben. Bei einzelnen Noten treten dagegen gelegentlich hörbare KI-Artefakte auf. Die Forschenden vermuten Timing-Abweichungen zwischen den virtuellen und real aufgenommenen Einzelnoten als Ursache. Der Ansatz zeigt aber, dass realistische Gitarrensynthese nicht zwangsläufig auf gigantische Datenmengen und stundenlange Trainingsphasen angewiesen ist. Gleichzeitig bleibt die größte Hürde bestehen: Für noch bessere Ergebnisse müssten mehr Paardaten aus echten Gitarrenaufnahmen und präzisen Tablaturen gesammelt werden – ein zeitaufwendiges Unterfangen. Künftige Arbeiten könnten hier unüberwachte Lernverfahren oder größere synthetische Pretraining-Datensätze nutzen.

Auch interessant:

Vai, Govan, Slash und mehr: Bear McCreary kündigt neues Allstar-Album an

Da schöpft einer mal wieder aus dem Vollen… Wahrscheinlich hat jeder schon einmal (unbewusst) Musik [...]

> WEITERLESEN
Platte der Woche: SAMANTHA FISH „Paper Doll Live“

„Ich wollte einfach festhalten, was wir Abend für Abend machen. Es ging nicht darum, etwas [...]

> WEITERLESEN
WEITERHÖREN: Musiktipps zur Horizonterweiterung #2

CHRISTIAN KÖGEL: M Endlich mal wieder eine Doppel-CD und auch noch ein echtes Zwei-Gitarren-Album! Christian [...]

> WEITERLESEN
NO WAVE! Der Gitarrist James Blood Ulmer ist gestorben

James Blood Ulmer, geboren am 02. Februar 1942, gestorben am 03. Juni 2026. Das sind [...]

> WEITERLESEN
about a song: DAMIAN WOLF & SALLY

Vor zwei Jahren habe ich zum ersten Mal Musik von Damian Wolf gehört. Nicht in [...]

> WEITERLESEN
… macht Sachen: STEVE LUKATHER hilft bei posthumem Van-Halen-Album

Seit Jahren schon hoffen Van-Halen-Fans auf bislang unveröffentlichtes Material aus dem Archiv von Eddie Van [...]

> WEITERLESEN
Platte der Woche: WALLIS BIRD „I Can See Your House From Here“

Was haben die Band Camel, die Jazz-Gitarristen John Scofield und Pat Metheny sowie die irische [...]

> WEITERLESEN
Guitar Summit: Alle Infos zum Gitarren-Event in Mannheim

Guitar Summit 2026: Erste Künstler bestätigt Die Vorbereitungen für den Guitar Summit 2026 laufen bereits [...]

> WEITERLESEN
about a song: MORLEY & BLACKOUT

Morley? Das waren doch diese auf Hochglanz polierten, überdimensionierten elektro-optischen Effektpedale, die ab den frühen [...]

> WEITERLESEN

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert