about a song: DAMIAN WOLF & SALLY

Vor zwei Jahren habe ich zum ersten Mal Musik von Damian Wolf gehört. Nicht in einem Club um die Ecke, denn der Künstler lebt in den USA, und im Netz habe ich ihn auch nicht entdeckt. Der Tipp kam damals von seinem Vater, selbst ein guter Musiker und Gitarrenexperte. Das fand ich irgendwie rührend, denn es muss ein schönes Gefühl sein, wenn man seine eigene Liebe zur Musik an den Nachwuchs weitergeben kann – und erlebt, wie sie eigene Wege geht.

Flying Colors

Das war im Juli 2024: Damian hatte gerade sein Debütalbum ,Flying Colors‘ fertiggestellt. Und das komplett in Eigenregie. „Written, played, sung, recorded, mixed und mastered, cover art, alles. Das hat er sich in den letzten zwei Jahren selbst beigebracht. Hör mal rein wenn Du Zeit hast!“, schrieb sein Vater. Das tat ich – und war absolut begeistert. Denn da hatten mindestens drei Leute einen guten Job gemacht: Erst die Eltern und jetzt Damian Wolf selbst.

,Flying Colors‘ ist ein mehr als gelungenes Alternative-Rock-Album, absolut energetisch und mit sehr coolen Gitarren-Sounds, intelligenten Arrangements, eigenwilligen Texten und einem Gesang, der wirklich originell rüberkommt. Musik, die ein ganz eigenwilliges Retro-Feeling rüberbringt, das beweist: So einiges aus den großen Jahren des Seattle-Sounds, aka Grunge, aus der Zeit zwischen 1985 und ’95, hat sich tief in die Klangästhetik der gitarrenorientierten Rock-Musik eingegraben und wird auch bleiben. Denn der Alternative-Mix aus Punk, Metal und Classic Rock mit härteren Singer/Songwriter-Qualitäten, allen voran vom Independent-Label Sub Pop Records, hat die Musikwelt verändert. Und um 1990 auch mal wieder Rock zu Popmusik gemacht: Als Pearl Jam, Soundgarden, Alice in Chains, Mudhoney, Melvins oder Green River groß waren und Nirvana & Kurt Cobain 1991 mit ,Nevermind‘ neben den Charts auch noch die Radio-Playlists enterten, war Damian noch gar nicht geboren. Aber er scheint diese Phase der klassischen Rock-Musik zu lieben – sonst würde ,Flying Colors‘ anders klingen.

Damian Wolf & Band in Alexandria, VA am 27. Februar 2026. Fotos © Pin Koy-Ou

Mortars

Und jetzt legt der inzwischen 21jährigen Sänger & Gitarrist aus Annapolis, Maryland noch mal nach. Sein neues Album ,Mortars‘ soll im Sommer 2026 erscheinen. Wieder aufgenommen und produziert von Damian Wolf. Und in den vergangenen zwei Jahren hat er noch mal so einiges an künstlerischer Reife und Experimentierfreude zugelegt. Keine Frage, Damian liebt weiterhin die Musik des Seattle-Dunstkreises der 90er-Jahre – „alternative-rock indie-rock post-hardcore progressive-rock“ verraten seine Bandcamp-Tags. Er hat es aber trotzdem geschafft, aus diversen Zutaten einen sehr eigenen atmosphärischen Sound zu kreieren. Und das ganz sicher mit einer Menge harter Arbeit. Die hat sich gelohnt. Do your own thing! Denn Kunst kommt bekanntlich von Mache(r)n.


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Fender Player II Jazzmaster RW Black

Sally

Irgendwie lustig, dass es in der entmaterialisierten, digitalen Musik-Parallelwelt, immer noch das Album und die Single gibt. Gut so, denn ein bisschen bewährte Kultur gegen die grassierende Playlistifizierung zu setzen, vermittelt vielleicht noch am ehesten, dass hier Menschen ihre Talente und Emotionen zu Kunst werden lassen, die Respekt verdient.

,Sally‘ heißt die Vorab-Single zu Damian Wolfs angekündigtem zweiten Studio-Album. „Ich habe den Song – sowie alles auf dem kommenden Album – geschrieben, aufgenommen und produziert und sämtliche Instrumente und Gesangs-Parts selbst eingespielt“, erzählt Damian. „Lediglich das Schlagzeug habe ich programmiert. Dan Dixon, Tontechniker und Mitglied der Rock-Band Dropsonic aus Atlanta, GA, hat alles abgemischt und gemastert.“

Der Song beginnt mit einem sehr coolen, schrägen Gesangs-Intro mit Schrammelgitarre – um dann nach vier Takten in die vollen zu gehen. Fette Gitarrenschichten, echte Walls of Sound, und eine absolut berührende Melodik, irgendwo zwischen Dur und Moll, zwischen Euphorie und Verlorenheit. 
Und dann ist da plötzlich dieser entspannte, transparente Part mit etwas Singer/Songwriter-Flair. Der wird ganz abrupt beendet von einer knallharten, riffigen instrumentalen Bridge, die wieder zurück nach Seattle führt, in diesen extrem ausdrucksstarken Song, der irgendwie schon fast eine kleine Suite ist. Mit harten Kontrasten, aber ohne Brüche. Das muss man können.

Und auch das Thema und die Lyrics sind stark. „Bei ,Sally‘ geht es im Grunde um jene bittere Pille die man schlucken muss wenn man erkennt dass jemand – der zum Mittelpunkt des eigenen Universums geworden ist – kaum weiß dass man überhaupt existiert“, erzählt Damian Wolf. „Es geht darum sich dieser Tatsache zu stellen und schließlich die eigene Kraft und den inneren Frieden zurückzugewinnen – indem man akzeptiert, ja sogar annimmt, dass der andere einen nicht wahrnimmt. Der Name ,Sally‘ fühlte sich einfach passend an. Er hat vielleicht etwas Unschuldiges an sich – was ich als einen interessanten Kontrast zum eigentlichen Thema empfand. Ich finde außerdem dass schon genug Lieder über Trennungen geschrieben wurden; ich wollte ganz bewusst über unerwiderte Liebe sprechen – über das Gefühl abgewiesen zu werden noch bevor man überhaupt die Chance hatte sich zu zeigen. Das ist eine ganz besondere Art von Schmerz.“

Drei Fragen an Damian Wolf

Welche Gitarren, Amps, Effekte hast du bei dieser Produktion eingesetzt?

Für die Gitarrenaufnahmen habe ich hauptsächlich meine Fender Jazzmaster und Telecaster verwendet und mich auf diesem Album – anstatt echte Amps oder Boxen abzunehmen – gänzlich auf Amp-Simulationen verlassen. Chorus, Flanger und Reverb sind meine bevorzugten Modulations- und Raumeffekte; sie sind mittlerweile zu einem festen und bedeutenden Bestandteil meines Songwritings geworden. Wobei ich allerdings versuche den Reverb nicht allzu exzessiv einzusetzen. (lacht) Aus Angst sonst vorschnell in die „Shoegaze-Schublade“ gesteckt zu werden.

Und welche Musik hast du in der Zeit gehört, als du dein Album ,Mortars‘ produziert hast?

Ich würde sagen die drei Bands die ich mir während der Arbeit an diesem Album am häufigsten angehört habe waren Me You Us Them, Shiner und – lustigerweise – Dropsonic, die Band von meinem Tontechniker Dan Dixon. Das war eines der Dinge die an der Zusammenarbeit mit Dan so großartig waren – er ist zu einem meiner Helden geworden. Und obendrein ist er ein unglaublich netter Mensch. Die Arbeit mit ihm an diesem Album war eine fantastische Erfahrung, und dafür bin ich sehr dankbar.

Was war das Wichtigste, dass du bisher als Musiker und Mensch gelernt hast?

Alles in allem würde ich sagen dass das Wichtigste die Erkenntnis ist, wie wichtig Beziehungen und Verbundenheit sind. Das Album thematisiert zweifellos das Gefühl der Entfremdung und des Übersehen werdens. Doch mir ist bewusst geworden, welch großes Glück ich habe, so viele großartige Menschen kennengelernt zu haben – und nach wie vor mit ihnen verbunden zu sein. Ich habe das Gefühl meine „Stammesgemeinschaft“ gefunden zu haben, und fühle mich heute wahrscheinlich weniger allein, als in früheren Jahren.

Das hört sich gut an. Und zu Damians Stammesgemeinschaft gehört inzwischen auch ein Kollege und Fan: Der englische Gitarrist & Sänger Billy Morrison, bekannt als Begleiter von Billy Idol, Royal Machines und The Cult ,findet ,Sally‘ absolut gelungen: „Sounds really authentic, nicely discordant where it needs it and great riffs throughout. Voice sounds killer and some of the changes are nicely unexpected and make for a well rounded, interesting and enjoyable listen. I’m a fan!“ Ich auch.

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