Gerade kam die Meldung rein, dass Roxette ihre Nordamerika-Tour abgesagt haben, oder besser: sie ihnen abgesagt wurde. Vierzehn Konzerte wollte man dort im September zum 40. Bandjubiläum spielen, dann sagte Live Nation US die Tour ab. „Aufgrund logistischer Probleme und enorm gestiegener Tourneekosten hat Live Nation US beschlossen, die Nordamerika-Tour zu verschieben. Hoffentlich sehen wir uns zu einem späteren Zeitpunkt.“, teilt die Band auf Instagram mit. Auf den Ticketportalen gelten die einzelnen Konzerte inzwischen als abgesagt, bereits gekaufte Tickets werden erstattet. Per Gessle (67, Gründungsmitglied von Roxette) stellt in einem Kommentar klar, dass die Entscheidung nicht von der Band getroffen wurde: „Diese Entscheidung wurde von Live Nation USA getroffen und beruhte vermutlich auf deren eigenen Kalkulationen.“ Konkrete Angaben zum Vorverkauf oder zu einzelnen Kostenpunkten veröffentlichte der Veranstalter nicht.
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Der nordamerikanische Konzertmarkt zeigt damit – ähnlich wie es in Deutschland der Fall ist – zwei sehr unterschiedliche Gesichter. Während die großen Stars weiterhin Rekorde brechen, geraten Tourneen eine Etage darunter ins Wanken.
Einmal quer über den Kontinent
Eine Nordamerika-Tour ist eine reisende Firma. Musiker, Techniker und Tourmanager brauchen Visa, müssen eingeflogen, bezahlt, untergebracht und von Stadt zu Stadt bewegt werden. Und gerade die Entfernungen in Nordamerika machen einen großen Unterschied. Zwischen zwei europäischen Konzertorten liegen häufig wenige Stunden, in Nordamerika können es schnell 1.500 Kilometer und mehr sein. Ein freier Tag spart dann kein Geld, sondern kostet zusätzlich: Bus, Crew und Hotels laufen weiter, auch wenn Day-Off ist und abends kein Ticket verkauft wird.
Und 2026 hat sich diese Rechnung noch einmal verschärft. Nach Angaben des US Bureau of Labor Statistics lagen die Benzinpreise im April 28,4 Prozent und die Flugpreise 20,7 Prozent über dem Wert des Vorjahresmonats. Hotels waren 4,3 Prozent teurer. Ausländische Künstler müssen zudem mit erheblichen Visakosten rechnen. Die regulären Gebühren für entsprechende Arbeitsvisa wurden 2024 von 460 Dollar auf mehr als 1.600 Dollar pro Antrag angehoben. Wer wegen langer Bearbeitungszeiten das beschleunigte Verfahren benötigt, zahlt seit März 2026 zusätzlich 2.965 Dollar. Da Musiker und unverzichtbare Crew-Mitglieder mitunter getrennte Anträge benötigen, kommen rasch fünfstellige Beträge zusammen – bevor auch nur ein Flug gebucht ist.
Verlust trotz Ausverkauf
Wie knapp eine Tour kalkuliert sein kann, hat die britische Indie-Pop-Band Los Campesinos! in einem Beitrag bei Pollstar.com offengelegt. Die britische Band verkaufte auf ihrer Nordamerika-Reise 2024 bei 11 gebuchten Shows insgesamt 12.687 von 12.787 verfügbaren Tickets. Das entspricht 99,2 Prozent. Trotzdem standen rund 99.700 Pfund an Einnahmen aus den Konzerten Ausgaben von etwa 101.800 Pfund gegenüber. Allein der Nightliner kostete knapp 45.900 Pfund. Ohne den Gewinn aus dem Merchandise-Verkauf wäre die nahezu ausverkaufte Tour mit einem Verlust zu Ende gegangen.
Blue Dot Fever
In den USA hat sich inzwischen der Begriff „Blue Dot Fever“ etabliert. Gemeint sind die blauen Punkte auf den Saalplänen von Ticketmaster, die noch verfügbare Plätze anzeigen. Füllen sie Wochen nach dem Vorverkaufsstart weiterhin weite Teile einer Arena, wird der Veranstalter nervös. Ein solcher Saalplan ist zwar nur eine Momentaufnahme. Viele Besucher kaufen ihre Karten inzwischen später, zudem können Wiederverkaufstickets das Bild verzerren. Trotzdem liefert der Vorverkauf eine Prognose. Zeichnet sich ab, dass die kalkulierte Auslastung deutlich verfehlt wird, muss der Veranstalter entscheiden: die Tour mit absehbarem Verlust durchführen oder aussteigen, bevor weitere Rechnungen fällig werden.
Das trifft vor allem Künstler unterhalb der absoluten Superstar-Liga sowie ältere Namen, deren Bekanntheit leicht mit aktueller Ticketnachfrage verwechselt wird. Millionen Streams bedeuten nicht zwangsläufig, dass in jeder Stadt mehrere Tausend Menschen dreistellige Beträge für einen Konzertabend ausgeben. Roxette bezeichneten die USA zwar als ihren größten Streamingmarkt. Wie viele zahlende Konzertbesucher sich daraus ergeben, steht jedoch auf einem anderen Blatt.
Von einem allgemeinen Zusammenbruch des Konzertgeschäfts kann dennoch keine Rede sein. Laut Pollstar erzielten die 100 größten Tourneen im ersten Halbjahr 2026 weltweit Rekordumsätze. In Nordamerika stagnierte der Gesamtumsatz allerdings nahezu, während 8,6 Prozent mehr Shows gemeldet wurden. Der durchschnittliche Umsatz pro Konzert sank um 7,8 Prozent, die Zahl der verkauften Tickets pro Show um 5,6 Prozent. Es wird mithin mehr gespielt, doch nicht jeder Termin trägt sich.

