Die Geschichte des Ibanez Tube Screamers – warum dieser Overdrive Kultstatus genießt

Ibanez Tube Screamer Banner

John Mayer, Kirk Hammett, Billie Joe Armstrong, Gary Moore, SRV. Sie sind nicht nur Legenden ihres Metiers, sondern auch allesamt riesige Fans der Ibanez Tube Screamer Pedale. Das Overdrive im knallgrünen Gehäuse, das mittlerweile schon seit über 40 Jahren die Pedalboards unzähliger Gitarristinnen und Gitarristen vom Blueser über den Classic Rocker bis hin zum modernen Metalhead bevölkert, gehört ohne Zweifel zu den berühmtesten Effektpedalen der Welt. Dabei war seine ursprüngliche Aufgabe im Vergleich zu all den wilden Modulationspedalen und abgefahrenen Effekten, die es so gibt, eigentlich erstaunlich unspektakulär: Er sollte nämlich einfach den Klang eines übersteuerten Röhrenverstärkers nachbilden.

Und doch zählt der Tube Screamer heute zu den einflussreichsten Overdrives aller Zeiten. Doch warum genießt ausgerechnet dieses vergleichsweise einfach aufgebaute Pedal einen derart legendären Ruf? Wir haben einen Blick auf den Sound und die bewegte Geschichte des grünen Schreihalses geworfen und genauer beleuchtet, was ihn bis heute so besonders macht.

Die Anfänge bei Maxon in den späten 1970er-Jahren

Anfänglich mit der Beatmusik der Sechzigerjahre, spätestens jedoch mit dem Rock n‘ Roll der Seventies begannen zerrende Gitarrensounds in Mode zu kommen. Während die Pioniere wie Dave Davies von The Kinks noch ihre Lautsprechermembran für Hits wie You Really Got Me zerschnitten, um den ikonischen Fuzz-Sound zu erreichen, kamen bald die ersten Effektpedale auf, die ähnliche Zerreffekte erzeugten, ohne hierfür das eigene Equipment beschädigen zu müssen. So lieferte Mike Matthews von Electro Harmonix mit dem LPB-1 einen simplen, jedoch effektiven Booster zum Übersteuern des Preamp. Keith Richards nutzte hingegen recht prominent ein Maestro FZ-1 Fuzz Tone auf dem Stones-Hit Satisfaction von 1965 und löste so einen regelrechten Hype um den damals völlig neuen Gitarrenklang aus.

Maxon OD808 – der erste Tube Screamer

Maxon OD808 Reissue
Maxon OD808 Reissue (Bild: maxon.com)

1979 entwarf Susuma Tamura, der damals als Ingenieur bei Elektronikhersteller Maxon arbeitete, den OD808-Schaltkreis. Im Vergleich zu anderen Pedalen der Zeit wie z. B. dem zwei Jahre zuvor erschienenen Boss OD-1 oder den damals erhältlichen Fuzz-Effekten sollte der Schaltkreis organisch klingen und in puncto Zerre nicht allzu dick auftragen: „Die eigentliche Herausforderung war es, einen allzu dramatischen Effekt zu vermeiden, der nichts mehr vom eigentlichen Gitarrensound übrig ließ“, beschrieb Tamura selbst den Entstehungsprozess des Pedals. „Ich wollte einen weicheren Distortion-Effekt erreichen, der den Originalsound der Gitarre beibehält“.

Hierfür setzte er auf einen Soft-Clipping-Schaltkreis, den er um einen Operationsverstärker herum entwickelte. Die ersten Prototypen nutzten hierfür importierte Op-Amps von Fairchild und Motorola, später kam schließlich der weitaus günstigere und bis heute gefeierte JRC4558D Chip zum Einsatz.

Susumu Tamura mit Maxon OD808 Pedal.
OD808-Erfinder Susumu Tamura (Bild: maxon.com)

Während sich Maxon mit dem OD808 auf den heimischen Markt konzentrierte, begann Hoshino Gakki – hierzulande besser bekannt unter dem Namen Ibanez – schon bald Interesse an dem Pedal zu zeigen und es in Lizenz unter dem Namen Ibanez TS808 Tube Screamer Pro auf internationaler Ebene zu vermarkten.

Ibanez TS9 Tube Screamer – der Topseller

Ibanez TS9 Tube Screamer
Ibanez TS9 Tube Screamer

Nach dem durchschlagenden Erfolg des TS808 und seinen anhaltend hohen Verkaufszahlen kam in den frühen Achtzigerjahren mit dem Ibanez TS9 Tube Screamer ein Nachfolger auf den Markt. Der TS9 präsentierte sich ebenfalls im knalligen Froschgrün, kam allerdings in einem neu gestalteten Gehäuse mit großer Fußwippe zum An- und Ausschalten des Effekts. Die unter der Haube befindliche Schaltung ist weitestgehend gleich geblieben, allerdings wurden zwei Widerstände in der Ausgangssektion minimal angepasst, wodurch der Sound etwas präsenter und direkter wurde.

Der TS9 avancierte schon bald zum Standardprodukt, das seit Einführung im Jahr 1982 zu den meistverkauften Pedalen der Serie zählte. Allerdings war der TS9 über all die Jahre hinweg auch nicht durchgehend beständig, was seine verwendeten Komponenten anbelangt. Während die früheren Modelle noch auf den aus dem 808 bekannten JRC4558D Operationsverstärker setzten, wurden zwischenzeitlich auch zahlreiche Modelle mit anderen Chips wie z. B. dem Toshiba TA75558 oder dem eher als minderwertig betrachteten JRC 2043DD gefertigt. Kein Wunder, dass die Preisunterschiede der verschiedenen Versionen unter Fans und Sammlern auf dem Gebrauchtmarkt teils gravierend ausfallen und zahlreiche Modelle nachträglich mit Mods verändert wurden.

TS5, TS10 & Co – die weniger bekannten Vertreter

Dass nicht hinter jedem Produkt der Tube-Screamer-Familie eine entsprechende Erfolgsstory steht, haben einige weniger bekannte und weniger beliebte Vertreter eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Beispielsweise der von 1986 bis in die frühen Neunzigerjahre angebotene Ibanez TS10. Das Modell aus der Power Series erschien im recht klobigen Gehäuse und setzte auf qualitativ minderwertige Teile, die häufiger für Ausfälle sorgten. Dementsprechend konnte der TS10 sowohl unter Screamer-Fans als auch bei Gitarristen im Allgemeinen keinen Blumentopf gewinnen.

Auch den bis zum Ende der Neunzigerjahre erhältlichen Modellen TS5 „Soundtank“ und dem darauffolgenden TS7 „TONE LOK“ waren nicht der Erfolg der ikonischen Vorgänger beschieden. Obwohl der TS5 als direkter Nachfolger des wenig geschätzten TS10 noch einige Fans finden konnte, war es wahrscheinlich das Kunststoffgehäuse und auch wieder die billigeren Komponenten, die Interessenten dazu brachten, sich eher nach gebrauchten TS9 umzuschauen. Insofern war klar, dass Ibanez zu Beginn der Neunzigerjahre wieder anfing, den populären TS9 zu produzieren.

TS9DX Turbo und TS-MINI – die aktuelle Generation

Spätestens ab hier war klar, dass die über lange Jahre etablierten Platzhirsche Erfolgsmodelle TS808 und TS9 die wahren Erfolgsmodelle sind, auf die sich Ibanez fortan konzentrieren sollte. Während der reguläre TS9 und der TS808 in zahlreichen Handwired- und Anniversary-Reissues angeboten wurde, erweiterte der Hersteller mit dem TS9DX Turbo die auf die beiden Klassiker konzentrierte Produktpalette. Dieser erweiterte das klassische Three-Knob-Layout zu um einen vierten Mode-Regler, der eigentlich ein Drehschalter mit vier Positionen ist. Diese eignen sich, um dem TS9 graduell mehr Bass und Lautstärke bei weniger Distortion zu verleihen. Ebenso kam eine Bassversion TS9B hinzu, die mit einer 2-Band-Klangregelung und Mix-Regler für das Clean-Signal sogar fünf Regler aufweist.

Ibanez TS9DX Turbo

Ibanez TS9DX Turbo

Ibanez TS9B Bass

Ibanez TS9B Bass

Für platzbewusste Pedalboard-Tüftler gibt es übrigens noch den Ibanez TS-MINI. Unter der Haube verbirgt sich ein vollständiger Tube-Screamer-Schaltkreis, der allerdings auf ein besonders platzsparendes Mini-Format eingedampft wurde. Auch für preisbewusste Spieler ist er durchaus interessant, da er die aktuell günstigste erhältliche Version des grünen Treters darstellt.

TS808 oder TS9? Die große Glaubensfrage

Eine grundlegende Frage, die man häufig in Online-Foren findet und unter TS-Fans oft sehr hitzig diskutiert wird: Ist der TS808 oder der TS9 das bessere Pedal? Und wo liegt überhaupt der Unterschied? Da die beiden Schaltkreise nicht nur sehr ähnlich sind, sondern auch aus analogen Komponenten mit bauartbedingten Toleranzen bestehen, ist es schwer, hier eine eindeutige Unterscheidung zu treffen. Viele Gitarristen beschreiben den Sound der jeweiligen Pedale jedenfalls wie folgt:

TS808:

  • Etwas weicher im Klang, mit warmem Vintage-Charakter
  • Runder Charakter mit subtilem Zerrverhalten
  • Ideal für Blues und Rock

TS9:

  • Präsenterer, moderner Sound
  • Etwas aggressiverer Charakter
  • Mehr Attack, ideal für Rock und Metal

Ob die Unterschiede tatsächlich hörbar sind oder ins Reich der Legenden gehören, ist seit jeher wie gesagt Gegenstand angeregter Diskussionen. Fakt ist jedenfalls, dass es entgegen der obigen Beschreibung zahlreiche Gitarristen gibt, die nachhaltig bewiesen haben, dass beide Pedale alles können. Wenn du also einen TS808 hast und damit Metal spielen möchtest, wird er dich sicherlich nicht enttäuschen.

Tube Screamer – Berühmte Klone und Nachbauten

Dass ein so erfolgreiches Pedal wie der Tube Screamer schon bald Nachahmer finden würde, sollte klar sein. Heutzutage gibt es etliche Pedale, die den simplen, jedoch effektiven TS-Schaltkreis nicht nur nachbauen, sondern ihm auch einige moderne Features und Vorzüge verpassen, die es wirklich in sich haben. Höchste Zeit, euch unsere beliebtesten TS-Style Pedale vorzustellen:

1. JHS The Bonsai

Das JHS The Bonsai zählt ohne Frage zu den versiertesten TS-Pedalen. Sage und schreibe 9 verschiedene Schaltungen, die allesamt den ikonischsten Screamer-Voicings nachempfunden sind, befinden sich hier gemeinsam unter einer Haube. Wer also nicht weiß, welches Tube-Screamer-Pedal das richtige für die eigene Effektkette ist oder es schlichtweg mag, eine üppige Auswahl an OD-Schaltkreisen zur Verfügung zu haben, wird das JHS Bonsai lieben!

  • Neun TS-Schaltungen unter einer Haube
  • Regler für Volume, Drive und Tone
  • Vollständig analog aufgebaut


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JHS Pedals The Bonsai

2. Way Huge Smalls Green Rhino Mk V

Allein die Tatsache, dass es von ihm mittlerweile schon die fünfte Überarbeitung gibt, sollte Beweis genug für die Popularität des Way Huge Green Rhino sein. Das Drive-Pedal, dass sowohl in Bezug auf Klangfarbe als auch  Gehäusefarbe so manches mit dem Vorbild gemein hat, erweitert die üblichen drei Regler um einen Freq- und einen Curve-Regler. Während ersterer bei wahlweise 100 oder 500 Hz anhebt oder senkt, bietet Curve die Möglichkeit, allzu harsche Höhen zu bändigen.

  • Mini-Version des Way Huge Green Rhino
  • Freq-Regler zur Anhebung oder Senkung bei 100 Hz oder 500 Hz
  • Curve-Regler als Lowpass-Filter


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Way Huge Smalls Green Rhino Mk V

3. Electro Harmonix East River Drive

Auch die New Yorker Effekttüftler um Pedallegende Mike Matthews haben sich an eine eigene Interpretation des Schaltkreises gewagt. Das Resultat nennt sich Electro Harmonix East River Drive und zählt ganz klar zu den günstigeren Designs. Es setzt ebenfalls auf den JRC4558-Chip und dasselbe Regler-Layout des Originals. Das Resultat sind sahnige Soft-Clipping-Sounds, die vom leichten Dynamik-Boost bis hin zum saftigen Drive-Sound reichen.

  • Günstige TS-Alternative
  • JRC4558-Chip
  • Regler für Volume, Drive und Tone


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Electro Harmonix East River Drive

4. Behringer TO800 Vintage Tube Overdrive

Noch günstiger wird es dann bei Behringer mit dem TO800 Vintage Tube Overdrive. Wer kein Problem mit dem Kunststoff-Gehäuse des Pedals hat, kann hier bereits für ca. 23 Euro einen richtigen Schaltkreis im TS-Stil erhalten, der alle klassischen Eigenschaften erstaunlich gekonnt abdeckt. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass der TO800 ganz klar zu den beliebtesten Pedalen im Taschengeld-Bereich zählt.

  • Günstigster TS-Schaltkreis
  • Regler für Volume, Drive und Tone
  • Originale 4558 IC und MA150 Dioden


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Behringer TO800 Tube Overdrive

5. Origin Effects Halcyon Green Overdrive

Wer hingegen Wertigeres sucht und eher in Richtung Boutique-Sparte schaut, wird beispielsweise das Origin Effects Halcyon Green Overdrive entdecken. Hier verbirgt sich unter dem Metallgehäuse quasi ein Tube Screamer auf Steroiden: Mit zwei grundlegenden Voicings, Adaptive Circuitry zur Anpassung des Sounds auf die jeweilige Anschlagsstärke und Dry-Regler zum stufenlosen Zumischen des Clean-Signals erweitert das Halcyon Green den elementaren Schaltkreis um einige besonders nützliche Features.

  • Made in England
  • Analoger Schaltkreis
  • Adaptive Circuitry mit dreistufigem Adapt Switch
  • Voice Switch mit zwei Voicings


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Origin Effects Halcyon Green Overdrive

Fazit

Der Ibanez Tube Screamer ist eine wahre Legende unter den Overdrives, die den Gitarrensound zahlloser Musiker geprägt hat. Zweifelsohne gehört es zu den wenigen Effektpedalen, die den Status einer echten Ikone erreicht haben. Seine charakteristische Mittenanhebung, das dynamische Ansprechverhalten und die Fähigkeit, Röhrenverstärker auf musikalische Weise anzuschieben, machen ihn seit Jahrzehnten zur ersten Wahl für Blues-, Rock- und Metal-Gitarristen gleichermaßen.

Auch nach über vier Jahrzehnten hat der grüne Klassiker nichts von seiner Faszination verloren. Ob als sanfter Overdrive, transparenter Clean-Boost oder Tightener, der den High-Gain-Amp in Richtung knalliger Zere schubst – der Tube Screamer kann all das und noch viel mehr. Wer also auf der Suche nach dem passenden Overdrive für erstklassige Sounds mit unverkennbarem Röhrencharakter sucht, wird mit einem Tube Screamer garantiert nichts falsch machen!

Quellen

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