Zwischen Tourabsagen und Stadionrekorden: Die zwei Gesichter der deutschen Konzertbranche

Nachrichten über Tourabsagen erzeugen derzeit regelmäßig Sorgenfalten bei Künstlern wie Veranstaltern. Prominente deutsche Artists wie Max Giesinger oder Wincent Weiss mussten aufgrund geringer Ticketnachfrage geplante Auftritte ersatzlos streichen. Dagegen erzielen große, alteingesessene Bands wie Die Toten Hosen, Annenmaykantereit oder Böhse Onkelz Rekorde bei ihren Stadiontourneen. Damit erlebt die deutsche Konzertbranche einen widersprüchlichen Sommer.

Noch vor wenigen Jahren schien der Live-Markt nahezu unaufhaltsam zu wachsen. Nach den pandemiebedingten Einschränkungen wollten viele Fans das nachholen, was ihnen lange verwehrt geblieben war. Inzwischen hat sich die Stimmung jedoch verändert. Steigende Lebenshaltungskosten, eine enorme Zahl konkurrierender Veranstaltungen und deutlich höhere Produktionskosten setzen sowohl Veranstalter als auch Publikum unter Druck. Branchenvertreter berichten seit Monaten von einer spürbaren Kaufzurückhaltung. Gerade Künstler der zweiten und dritten Reihe haben zunehmend Schwierigkeiten, Hallen wirtschaftlich zu füllen. Die Folge sind immer häufiger abgesagte oder verkleinerte Tourneen, kurzfristige Verlegungen in kleinere Locations oder zusammengelegte Konzerttermine.

„Mitten unter Euch“-Tour lockt über 400.000 Besucher an

Matt „Gonzo“ Röhr mit seiner Fame Forum Classic (© Christian Thiele)

Dass der Markt trotzdem keineswegs eingebrochen ist, zeigt jedoch ein Blick auf das andere Ende der Skala. Dort stehen Künstler, die über Jahrzehnte eine außergewöhnlich treue Fangemeinde aufgebaut haben und deren Konzerte längst zu Großereignissen geworden sind. Die Böhsen Onkelz gehören mit ihrer gerade beendeten „Mitten unter Euch“-Tour zu den aktuellsten Beispielen.

Für ihre diesjährige Stadiontour waren ursprünglich fünf Konzerte in Leipzig, Wien, Nürnberg, Frankfurt und Gelsenkirchen angekündigt. Aufgrund der enormen Nachfrage kamen Zusatzshows in Leipzig und Frankfurt hinzu, sodass die Tour schließlich sieben Stadionkonzerte umfasste. Bereits wenige Tage nach Vorverkaufsbeginn waren sämtliche Deutschland-Konzerte ausverkauft. Hinzu kommt die Dimension der Produktion. Erstmals in ihrer mehr als 40-jährigen Bandgeschichte spielten die Onkelz auf einer runden, in der Stadionmitte platzierten Bühne. Das Publikum umgab die Bühne vollständig – ein Konzept, das technisch aufwendig ist, gleichzeitig aber eine deutlich größere Nähe zwischen Band und Zuschauern schaffen sollte. Auch die Zahlen beeindrucken. Mit sieben Stadionkonzerten dürfte die Tour – je nach tatsächlicher Auslastung der einzelnen Spielorte – insgesamt mehr als 400.000 Besucher erreicht haben.

Teurere Produktionen, weniger Kaufkraft

Der Erfolg der Onkelz ist allerdings kein Widerspruch zur schwierigen Lage der Konzertbranche, sondern eher deren Bestätigung. Der Markt scheint sich stärker zu polarisieren als noch vor einigen Jahren. Auf der einen Seite stehen Künstler mit einer außergewöhnlich loyalen Fanbasis, für die ein Konzertbesuch oft Monate im Voraus fest eingeplant wird. Auf der anderen Seite kämpfen viele Acts um dieselben Freizeitbudgets eines Publikums, das heute deutlich genauer auswählt, wofür es Geld ausgibt.

Hinzu kommt, dass große Produktionen inzwischen häufig selbst zum Verkaufsargument geworden sind. Wer mehrere hundert Euro für Tickets, Anreise und Übernachtung investiert, erwartet mehr als nur ein gewöhnliches Konzert. Aufwendige Bühnendesigns, spektakuläre Lichtshows oder außergewöhnliche Konzepte wie die Center-Stage der Onkelz schaffen einen Eventcharakter, der viele Fans überzeugt.


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