Als ich vor über 25 Jahren zum ersten Mal mit den berühmtesten Rock- und Metal-Klassikern in Berührung kam, war ich gleich hin und weg. Was gestandene Griffbrettüberflieger wie ein Eddie Van Halen oder Panteras Dimebag Darrell in ihren ikonischen Riffs so alles an abgefahrenen Techniken und Effekten abfeuerten, hatte ich nie zuvor gehört. Spätestens ab da war klar: so möchte ich auch spielen! Während ich die ersten simpleren Tricks noch recht schnell entziffern konnte, ließ mich eine Sache allerdings völlig ratlos zurück: Ab und an spielten Zakk, Eddie & co nämlich ganz besondere Töne in ihren Songs, die so schreiend hoch, so markdurchdringend und ausdrucksstark waren, dass ich sie nirgendwo auf dem Griffbrett finden konnte.
Erst Jahre später fand ich heraus, dass es sich bei diesem vermeintlich magischen Trick um künstliche Flageolett-Töne handelte, die man auch Pinch Harmonics nennt. Trotz all der damals verfügbaren Tutorials und Tipps waren sie am Anfang jedoch alles andere als leicht, sie konstant zu erzeugen. Mal funktionierten sie, mal nicht, und ich hatte keine Ahnung, warum. Heute weiß ich, dass es die richtige Kombination aus Anschlagtechnik, Fingerposition und einer klitzekleinen Prise Physik ist, die den schreienden Effekt garantiert jedes mal klappen lässt. Wir zeigen dir alles, was du zum Thema Pinch Harmonics wissen musst und wie du sie in deine Soli einbauen kannst!
Was sind Pinch Harmonics?
Natürliches Flageolett
Um Pinch Harmonics richtig spielen zu können, ist es zunächst hilfreich zu verstehen, wie natürliche Flageolett-Töne funktionieren. Wie bereits erwähnt, handelt es sich bei Pinch Harmonics nämlich um nichts anderes als eine besondere Art dieser Flageolett-Töne. Einen natürlichen Flageolett-Ton können wir recht einfach erzeugen, indem wir die Leersaite mit einem Finger der Greifhand an bestimmten Stellen leicht berühren (nicht greifen!) und dann die Saite anschlagen.
Die einfachsten Flageolett-Töne können wir erreichen, indem wir eine beliebige Saite über dem Bundstab des 12. Bunds – also genau in der Mitte der schwingenden Saite – kurz berühren. Wenn wir alles richtig gemacht haben, sollte hier die Oktave der Leersaite zu hören sein. Also im Endeffekt derselbe Ton, wie wenn wir die Saite auf herkömmliche Weise im 12. Bund greifen.

Weitere natürliche Flageoletttöne können wir auf gleiche Weise erzeugen, indem wir den Finger über dem 7. Bundstab (bei einem Drittel der schwingenden Saite) berühren und den gleichen Ton wie im gegriffenen 17. Bund (Oktave + Quinte) erhalten. Über dem 5. Bund (ein Viertel der schwingenden Saite) hören wir schließlich die doppelte Oktave, vergleichbar mit dem gegriffenen 24. Bund. Das klappt sogar, wenn unsere Gitarre nur 22 Bünde hat 😉
Es gibt noch weitaus mehr Punkte zwischen Sattel und Steg, die bei Berührung mit der Greifhand weitere Obertöne erzeugen. Die genannten sind jedenfalls die einfachsten, da sie konstant zu erzeugen und deutlich zu hören sind.
Künstliches Flageolett
Was ist jetzt aber ein künstliches Flageolett? Vom Prinzip her im Endeffekt nichts anderes als ein natürlicher Flageolettton, der allerdings nicht von der Leersaite, sondern von einer gegriffenen Saite aus gehend erzeugt wird. Hier ist eine einfache Methode, künstliche Flageolett-Töne zu erzeugen:
- Greife einen beliebigen Ton auf dem Griffbrett. Ein guter Ausgangspunkt ist die D- oder G-Saite im 5. Bis 12. Bund.
- Schlage die gegriffene Saite mit deinem Plektrum an.
- Berühre die Saite ganz leicht mit einem Finger deiner rechten Hand zwischen Brücke und Griffbrettende.
Es kann gut sein, dass der Ton am Anfang abrupt endet, sobald du die Saite berührst. Wenn du allerdings einige verschiedene Positionen durchprobierst, wirst du irgendwann einen Punkt finden, an dem sich ein höherer Oberton ergibt, nachdem du die Saite berührt hast. Präge dir diese Positionen im Zusammenhang mit dem jeweils gegriffenen Bund gut ein, denn wir werden sie später noch brauchen!
So weit, so gut. Doch wie funktioniert das alles in der Praxis, wenn wir diese Obertöne fließend in unsere Soli einbauen möchten? Wenn wir zunächst die Saite greifen müssen, zeitgleich den richtigen Flageolett-Punkt berühren und auch noch die Saite anschlagen sollen, benötigen wir ja insgesamt drei Hände! Dimebag, Eddie und Zakk haben aber nachweislich nur zwei davon. Wie zur Hölle machen die das?
Pinch Harmonics – der entscheidende Trick
Des Rätsels Lösung verbirgt sich im Begriff Pinch Harmonic, genauer gesagt im Wort „Pinch“. Pinch heißt in diesem Fall, dass wir die Saite mit der Picking-Hand sozusagen ‚kneifen‘, um sowohl den Anschlag der Saite als auch die Berührung der Saite in einer Bewegung durchzuführen. Hierfür ist eine besondere Technik mit dem Plektrum erforderlich:
- Greife die Saite wieder auf einem beliebigen Bund. Im Idealfall derselbe Bund, den du in der vorherigen Übung gegriffen hast.
- Halte dein Plektrum so, dass die Kuppe deines Daumens die Spitze des Plektrums leicht überragt.
- Spiele die Saite in einer schaufelnden Bewegung, sodass die Fingerkuppe gleich nach dem Plektrenanschlag die Saite berührt.
Probiere die Technik an denselben Stellen aus, an denen du eben erfolgreich Obertöne erzeugen konntest. Mit etwas Eingewöhnung kannst du schon bald Harmonics spielen, ohne dass du die Saite in getrennten Schritten anschlagen und berühren musst. Selbst wenn noch keine wirklichen Obertöne kommen: Sobald du spürst, dass die Fingerkuppe nach dem Anschlag mit dem Plektrum die Saite berührt, bist du schon Mal auf dem richtigen Weg!
Pinch Harmonics – Tipps & Tricks
Die richtige Position finden
Um die richtigen Positionen der rechten Hand für Pinch Harmonics zu ermitteln, gibt es leider keine einheitliche Lösung, da sie von vielen Aspekten wie dem gespielten Bund, der Mensur, der Pickup-Position und dem jeweiligen Gitarrenmodell abhängig sind. Probiere die oben genannte Bewegung an verschiedenen Stellen zwischen Bridge und Halstonabnehmer aus, bis du einen Oberton hören kannst und merke dir die Positionen.
Für jeden gegriffenen Ton gibt es meist mehrere Stellen, an denen du unterschiedliche Töne erzeugen kannst. Oft findest du sie in der Nähe des Halstonabnehmers, am Stegtonabnehmer oder genau dazwischen.
Die Greifhand spielt ebenfalls eine Rolle
Nicht zu unterschätzen ist übrigens die Rolle der linken Hand. Sie greift nicht nur den Grundton für den Pinch Harmonic, sondern kann auch maßgeblich Einfluss auf seinen Klang nehmen. Ein beliebtes Stilmittel, um Pinch Harmonics möglichst lebendig klingen zu lassen, ist das klassische Vibrato. Wenn du bereits eine gute Vibratotechnik entwickelt hast, hilft es nicht nur, dem Sound zusätzlichen Ausdruck zu verleihen, sondern kann auch helfen, den gespielten Harmonic länger klingen zu lassen.
Alternativ lassen sich Pinch Harmonics auch mit Bendings kombinieren. Im Gegensatz zu den sonst üblichen Flageoletts, die wir auf Leersaiten spielen, ermöglichen Pinch Harmonics nahezu alle Ausdrucksmöglichkeiten, die wir auch mit üblichen gegriffenen Tönen umsetzen können.
Den richtigen Sound einstellen
Manchmal kann es sein, dass man zwar alles richtig macht, aber trotzdem Kein wirklicher Ton zu hören ist. Daher solltest du sicherstellen, dass deine E-Gitarre, der Verstärker und die Pedale gut eingestellt sind, um Obertöne hörbar zu machen.
- Schalte deine E-Gitarre immer auf den Stegtonabnehmer. Drehe den Volume-Regler vollständig auf und lasse die Höhenblende immer vollständig geöffnet.
- Schalte deinen Verstärker auf einen Kanal, der den Sound verzerrt. Distortion sorgt nämlich dafür, dass Obertöne lauter und kräftiger klingen.
- Schalte dein Overdrive-Pedal an. Wenn du ein OD-Pedal hast, kannst du es nutzen, um dem Gitarrensignal mehr Power zu verleihen. Die besten Ergebnisse erzielst du, indem du die Ausgangslautstärke des Pedals erhöhst, das Gitarrensignal also schon verstärkt wird, bevor es den Verstärker erreicht. Alternativ kannst du hierfür auch andere Effektpedale mit regelbarer Ausgangslautstärke (z. B. Equalizer-Pedale) verwenden.
Pinch Harmonics in der Praxis: die besten Riffs zum Üben
1. Pantera – Cemetery Gates
Mit dem Song Cemetery Gates vom Album Cowboys From Hell hat die Band Pantera ein absolutes Paradebeispiel geschaffen, das vor verschiedenen Harmonic-Techniken wie Pinch Harmonics und Squeals nur so strotzt. Eine hervorragende Lektion für Pinch Harmonics stellt hier das Main Riff dar, das gleich nach dem Intro zu hören ist (ca. ab 1:32).
Das Besondere ist, dass Gitarrist Dimebag Darrell seine Pinch Harmonics nicht nur als einmaligen Effekt, sondern als gezielte Klangfarbe für die Melodie nutzt. Wir haben hier also viele aufeinander folgende Pinch Harmonics, die in unterschiedlichen Positionen gespielt werden. Insofern ist das Riff eine wahre Konsistenz-Übung, die dich lehrt, Pinch Harmonics zuverlässig zu treffen.
2. Black Label Society – Stillborn
Dass sich Pinch Harmonics auch in klassisches Alternate Picking einbauen lassen, beweist der Song Stillborn von Black Label Society. Das grundlegende Riff findet von der Greifhand her betrachtet nur im zweiten Bund auf der E-Saite statt, daher können wir uns also vollständig auf die Technik der rechten Hand konzentrieren.
Zakk Wylde spielt Pinch Harmonics ausschließlich auf den Downstrokes und trifft die Harmonics in der Nähe der Position des Mitteltonabnehmers. Lediglich der letzte Ton der Phrase findet auf der nächsttieferen Position in Richtung Halstonabnehmer statt. Wenn du zur Studioaufnahme spielen möchtest, musst du jede Saite um einen Halbton tiefer stimmen.
3. No More Tears – Ozzy Osbourne
Ebenfalls von Zakk Wylde, der dieses Mal allerdings für Ozzy Osbourne die Gitarre schwingt, stammt das nächste Übungsbeispiel. In No More Tears vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 1991 verwendet er ganz am Ende des ikonischen Riffs einen besonders prägnanten Pinch Harmonic, der sowohl einen Bend als auch expressives Vibrato verwendet.
Der Song ist in Drop C# gespielt, also die tiefe E-Saite um drei Halbtöne tiefer gestimmt, alle anderen Saiten um einen Halbton tiefer.
Fazit
Pinch Harmonics gehören ganz klar zu den eindrucksvollsten und spektakulärsten Spieltechniken im Werkzeugkoffer des Rock- und Metalgitarristen. Auch wenn sie anfänglich schwer zu meistern scheinen, lassen sie sich doch erstaunlich schnell in alle möglichen Riffs und Leads integrieren. Wichtig ist, dass du nicht mit Kraft, sondern lieber mit Präzision an die Sache herangehst und die Koordination zwischen Daumen, Plektrum und Anschlagsposition optimierst. Denn der Sound eines einzigen perfekt platzierten Pinch Harmonic kann faden Riffs Leben einhauchen und den entscheidenden Unterschied bedeuten.



