MIKAEL MÁNI: HALF SUN
Die ersten Töne dieses neuen Albums von Gitarrist Mikael Máni klingen noch geheimnisvoll und etwas bedrückt. Aber dann öffnet sich eine Klanglandschaft und man ist in einer anderen Welt. „Der alte Pat-Metheny-Trick“, denke ich einen Moment – eine wirklich nur formale Parallele. Denn schon von früheren Alben des isländischen Musikers weiß ich, dass er einen eigenen Weg geht. Mikael Máni ist ein Meister der Kontraste – und der musikalischen Überraschungen. Seine Instrumentals sind Songs, seine Melodien und Sounds haben oft eine vokale und erzählerische Qualität. Máni spielt Jazz-Gitarre mit Human Factor!
Mikael Máni Ásmundsson, so sein voller Name, wurde 1995 in Reykjavík in eine Familie von Musikern und Musikliebhabern hineingeboren: Sein Vater betrieb ein Label und einen Schallplattenladen, seine Mutter organisierte für ihn und die beiden Schwestern früh eine solide Musikausbildung, die Mikael dann ab seinem 16. Lebensjahr zu einigen isländischen Jazz-Musikern führte. Anschließend studierte er am Conservatorium van Amsterdam bei Gitarrist Jesse van Ruller. Ein Jahr nach seinem Bachelor-Abschluss erschien 2019 das mit Bassist Skúli Sverisson und Magnús Trygvason Elíassen an Schlagzeug und Vibraphon eingespielte Trio-Album ,Bobby’, ein Konzeptwerk, das das Leben des umstrittenen Schachgroßmeisters Bobby Fischer behandelt, der seine letzten Lebensjahre in Island verbrachte. Es folgten ,Nostalgia Machine’ (2021), ,Innermost’ (2023) – und zuletzt ,Guitar Poetry’ (2024), ein unbegleitetes Solo-Album, das einen wirklich unkonventionellen Gitarristen präsentiert, dem Ausdruck und Emotion über allem zu stehen scheinen.
Sein neues, fünftes Album ,Half Sun‘ hat Mikael Máni gemeinsam mit dem schwedischen Bassisten Henrik Linder, Schlagzeuger Magnús Trygvason Elíassen, Keyboarder Tómas Jónsson, sowie der Pianistin Lilja María Ásmundsdóttir, Mikaels Schwester, eingespielt. Die sehr abwechslungsreichen Arrangements sind geprägt von Mánis Interesse an Filmmusik; die blieb ihm schon immer bei Kinobesuchen stärker im Gedächtnis als die Handlung der Filme.
Stilistisch geben sich hier Jazz und der Rest der Welt die Klinke in die Hand: Folkloristische Atmosphären, Neo-Klassik-Ansätze, Walls Of Sound mit instrumental eingesetzten Vocals … – Filmmusik ohne Bilder eben. Aber nicht klischeehaft sondern immer dramaturgisch durchdacht, lebendig, sich entwickelnd.

Auf „seinem fünften Album, gestaltet der isländische Gitarrist und Komponist eine persönliche Klangwelt, in der sich Jazz, Filmmusik, nordische Melodien, Post-Rock und Impressionismus vermischen“, lese ich im Infotext zum Album. „Das Ensemble, ein von der Gitarre getragenes Jazz-Quintett, findet kreative Wege, Melodien, die normalerweise von einem Orchester gespielt werden würden, neu zu interpretieren, wodurch sie ihre Hörer auf eine außergewöhnliche Reise durch emotionale und klangliche Landschaften mitnehmen.“ Durchaus treffend für einige Tracks, wie zum Beispiel das opulente ,Cases‘, das im Kleinen schon ein Soundtrack für sich ist, eine Klangreise. Keine Frage: Mikael Máni kann mit unserem Lieblingsinstrument umgehen, ist ein virtuoser Solist, aber noch stärker ein musikalischer Maler.
Und da bin ich doch noch mal bei Pat Metheny und meinem 1992 erschienenen Lieblingsalbum ,Secret Story‘, wo der Künstler über sich hinauswuchs und sich ganz in den Dienst der Musik stellte. Diese Qualität hat Máni mit diesem neuen Album auf gleichem Niveau bewiesen, wenn auch in einer ganz anderen musikalischen Stimmung. Ein wirklich interessanter Gitarrist und Komponist mit Spektrum. Dazu gehört dann ein extrem gefühliger Soft-Track wie ,Höggið‘ genau so wie das folkig-monkige ,Hermes‘ oder das irgendwie zart jazzrockige ,By Request‘. Das Album endet mit dem klassisch-wuchtigen ,D.V‘. und der Track selbst endet absolut überraschend …
Mikael Máni ist schon ein sehr eigenwilliger Künstler, Gitarrist und Soundtrack-Nerd. The End.

ELLA ZIRINA & TEIS SEMEY: DARK YELLOW
Das vor drei Jahren erschienene ,Intertwined‘ war meine erste Berührung mit der Musik der 1997 in Lettland geborene Jazz-Gitarristin und Komponistin Ella Zirina. Damals hatte sie sich mit ihren Band-Projekten in der niederländischen Jazz-Szene weit nach vorne gespielt . In Amsterdam hat sie unter anderem bei Jesse van Ruller, Reinier Baas, Maarten van der Grinten und Martijn van Iterson gelernt und 2021 ihr Studium am Conservatorium mit der höchsten Auszeichnung abgeschlossen. Und ihr Debüt ,Intertwined’ wurde im Frühjahr 2023 mein „Jazz-Album des Monats“.
Während Ella damals mit wechselnden Besetzungen arbeitete, beschränkt sie sich bei ,Dark Yellow‘ auf das Zusammenspiel mit ihrem Gitarristenkollegen Teis Semey. Zwei Gitarren, OK. Möglichkeit A: Wettrennen. Möglichkeit B: Gemeinsam klangmalen. In letztere Richtung geht schon mal das erste Stück des Albums, ,Arpeggios for Two Guitars‘, das die beiden Gitarren-Parts absolut verschmelzen lässt. Alles andere hätte mich auch überrascht. Ella Zirina hat sich in den vergangenen Jahren als eigenständige Gitarristin etabliert, deren Spiel immer melodisch geprägt ist.
Der aus Dänemark stammende Teis Semey ist expressiver, spielt unberechenbarer und seine improvisatorische Energie kann Strukturen dominieren. Dieser großartige Kontrast wird dann direkt im zweiten Track, ,The Monsters Between Us‘ sehr deutlich. Absolut spannend spielen Ella Zirina und Teis Semey hier miteinander, gegeneinander und finden dann wieder zurück. Ebenso im düsteren, nur gut eine Minute kurzen ,Trapped In My Chest‘, einem Klangmoment, einem Soundtrack für ein Schwarzweißfoto. In , Augusts‘ erlebt man dann ein weiteres mal den Kontrast von Ellas mit Fingerpicking gespielten Arpeggios und den abgedrehten, verhallten und düsteren Soundscapes von Teis Semey.
Der Titeltrack des Albums ,Dark Yellow‘ hat wieder etwas mehr von Ella Zirinas folkloristischer Leichtigkeit, die aber auch hier von den eigenwilligen Linien ihres Mitspielers relativiert wird. Teis Semey reibt sich ständig, umspielt, greift an und zieht sich wieder zurück. Das klingt wie ein musikalisches Gespräch – mal lyrisch und schwebend, mal in zwei Sprachen, die sich nicht immer verstehen, mal dunkel, brüchig, mal voller Spannung. Und es gibt gemeinsame Ziele in vielen Stücken, wenn beiden Gitarrenwelten dann wieder zusammenfinden und, wie im Opener, fast zu einem Instrument verschmelzen. Teis Semey: „Bei diesem Album geht es mir vor allem um Klangtexturen und das Songwriting. Wir hätten auch einen düstereren und komplexeren Weg einschlagen können, aber ich glaube, wir wollten beide unbedingt, dass unser erster Versuch als Duo nur etwas geheimnisvoll und dabei auch melodisch ausfällt.”

Ella Zirina hat, bis sie 17 war und zur Gitarre wechselte, erst einmal klassisches Piano studiert – und nach und nach kamen zu Einflüssen wie Alexander Scriabin und Bill Evans auch noch Jim Hall, Wes Montgomery, und Joni Mitchell, Led Zeppelin – und ein paar Jazz-Rock-Alben hat sie offensichtlich auch gehört.
Auf ihrem Album ,Intertwined’ war die Gitarristin schon mal mit einer Solo-Interpretation von George Gershwins ,I Love You Porgy’ zu erleben. Und dieses Stück ist auch der einzige Jazz-Standard des neuen Albums, das ansonsten nur aus Eigenkompositionen von Semey und Zirina besteht. Und an diesem bekannten Material kann man den musikalischen Ansatz des Duos noch mal ganz deutlich erkennen: Sie interpretieren, spielen mit Tönen, verlassen stilistische und harmonische Räume, so wie es sich gerade beim Improvisieren ergibt: Aus Jazz wird Folk wird Kammermusik wird Freiheit. Kontraste mit musikalischer Kommunikation zu komponieren, also zusammenzubringen – das kann man hier wirklich miterleben.
www.ellazirina.com
www.teissemey.com

PETER ROM: WANTING MACHINE I & II
Schon nach ein paar Tönen des Albums ,Wanting Machine‘ ist klar: Hier zieht jemand sein ganz eigenes Ding durch. Peter Rom heißt der österreichische Jazz-Gitarrist und Komponist, der 2021 sein erstes Solo-Album veröffentlicht hat. Das hat er mir zusammen mit seinem aktuellen Werk zugeschickt, und da beide Veröffentlichungen vom Titel und auch von der schönen Cover-Gestaltung der zwei Vinyl-LPs offensichtlich zusammengehören, stelle ich hier auch beide vor.
Peter Rom, 1972 in Wien geboren, hat am dortigen Konservatorium und bei Mick Goodrick am Berklee College of Music in Boston studiert. 1998 wurde er u.a. mit dem „Berklee „Achievement“-Award, ein Jahr später mit dem „Quincy Jones Award“ des Berklee College ausgezeichnet. 2004 war er Mitgründer des Kollektivs JazzWerkstatt Wien. In diesem Umfeld entstanden verschiedene Produktionen. 2006 bekam die JazzWerkstatt den Hans-Koller-Preis als „Newcomer des Jahres“ zugesprochen.
Das bereits erwähnte Solo-Debüt von Peter Rom ist ein interessanter Klang-Trip und eines dieser seltenen Gitarren-Alben, bei denen man beim Hören garnicht ständig an das Instrument denkt. Was daran liegt, dass der Gitarrist so ziemlich alles einsetzt, was an Klangverformung in Zusammenhang mit diesem analogen Instrument möglich ist: Angefangen beim Violining, dem anschlagfreien Einblenden des Tons, über den Einsatz des e-Bow für stehende Töne und Klangflächen bis hin zu extremen Pitch-Shifting-Effekten, Backwards-Guitar etc. Das klingt dann im Resultat oft etwas nach früher elektronischer Musik, wobei aber Bass von Manu Mayr, Martin Eberles Trompete oder der warme Klarinettenton von Vincent Pongracz für jazzige Atmosphären sorgen. Und im irgendwie souligen ,Million Billion‘ klingt dann Peter Roms E-Gitarre plötzlich wie eine ganz normale, unverzerrte E-Gitarre, und man kann ein großartiges, virtuoses Solo erleben.
Insgesamt hatte Rom 14 Musikerinnen und Musiker, vier Co-Komponisten und gleich sieben Toningenieure für diese Produktion am Start. Neben den genannten instrumentalen Stimmen erlebt man hier noch Zither, Violine, Drehleier und Elektronik, und gelegentlich weiß man wirklich nicht, wer gerade welche Töne erzeugt. Eine absolut spannende Klangreise.

Peter Rom: „Ich bewundere die literarische Welt Kafkas. Stufen, die unter steigenden Füßen aufwärts wachsen, oder die Stufe über die man nicht hinauskommt, weil sie so hoch ist. Immer wieder müssen Kafkas Protagonisten feststellen: Sie haben eine Situation zu 100% falsch eingeschätzt. Die Welt wirkt, als stünde sie fest, in Wirklichkeit ist alles unsicher, weich, formbar und verschwimmt. Ich wollte immer, dass Musik auf vielen Ebenen funktioniert. Wie ein Hologramm, das man ansieht, dann sieht man durch es durch und von einer anderen Stelle sieht alles wieder ganz anders aus.“
Keine Frage, dass dieses großartige und extrem eigenständige Album dann große Lust auf mehr macht. Vor kurzem ist dann mit ,Wanting Machine II‘ endlich ein Nachfolger und damit neue Musik von Peter Rom erschienen. Einige Mitmusiker waren schon beim Debüt dabei – Manuel Mayr (b), Lukas König (dr), Vincent Pongracz (cl) – und auch hier sind wieder neun Tracks in wechselnden Besetzungen zu erleben. Weitere Farben kommen von Schlagzeuger Valentin Duit, der Thereministin Khadijah Pamelia Stickney, Matthew Halpin an Altsaxofon und Flöte, David Müller an der singenden Säge und Benny Omerzell am Piano.
Track 5 heißt ,Odeon‘ und erinnert in seiner schrägen Verspieltheit von Klarinette und Violine an das erste ,Wanting Machine‘-Album. Rhythmisch wirkt dieser Nachfolger aber etwas stringenter als das Debüt; gelegentlich erinnert dieser Aspekt dezent an das Spätwerk von King Crimson.
Peter Roms Gitarre kommt auch hier wieder gut getarnt ins Spiel, effektiv als Klangmal-Instrument verkleidet, eher selten mit konventionellen Solo-Spots. Konventionell ist hier überhaupt garnichts. Rom & Co. malen mit Sounds und Beats. Was hier Konzept, Komposition, Improvisation ist, was an konkreten Live-Aufnahmen zu hören ist und wie groß der Remix-Anteil an diesen Tracks ist, kann ich nicht nachzuvollziehen. Spielt auch eigentlich keine Rolle. Hier wurde jedenfalls kreativ „komponiert“, mit allen Mitteln.
Die B-Seite der LP liefert dann drei reine Trio-Aufnahmen, in denen Peter Roms Gitarrenspiel auch als solches erkennbar stärker hervortritt: ,Burgring‘, ,Mariahilf‘ und ,Greater Hope‘ heißen die drei Stücke, zwei davon gemeinsam mit Bassist Manu Mayr komponiert. Aber auch hier sind immer wieder, mal dezent, mal offensiv, Effektgeräte im Spiel. Der Bass ist die stabile Achse, das Schlagzeug so frei wie die Gitarre … – das alte Jimi-Hendrix-Experience-Konzept. Weitere Parallelen in diese Richtung erkenne ich aber keine.
Mit ,Take Leave‘ endet das Album ganz ruhig und ein bisschen sphärisch – das Trio Rom/Mayr/König wird hier noch mal von Khadijah Pamelia Stickney am Theremin ergänzt. Und Peter Roms Gitarre klingt wie ein geknebeltes Piano das dann zu einem Spinett mutiert … Cool.






