Schon mal aufgefallen? Gitarren-Equipment setzt für gewöhnlich voraus, dass man sehen kann: Displays an Stimmgeräten und Modelern, LEDs an Effektpedalen, Beschriftungen am Verstärker, Bundmarkierungen am und auf dem Griffbrett. Für sehende Musiker ist das so selbstverständlich, dass man gar nicht mehr darüber nachdenkt. Anthony Ferraro schon. Der US-Amerikaner ist seit seiner Geburt blind – und hat 2026 gleich dreimal gezeigt, wie leicht sich einige dieser Barrieren beseitigen lassen.
Amp mit Blindenschrift
„Könnt ihr euch überhaupt vorstellen, wie oft ich einen Freund fragen musste, welcher Regler für was zuständig ist?“ Im November 2025 wandte sich Ferraro an Victory Amplification. Er interessierte sich für einen Duchess MKII V40 Combo und erwartete offenbar ein ganz normales Testgerät. Victory hatte allerdings eine andere Idee und baute ihm heimlich eine Version mit Brailleschrift.
Dafür wurden die Funktionen auf der Vorderseite und die wichtigsten Anschlüsse auf der Rückseite in Blindenschrift übertragen. Ganz so simpel, wie es klingt, war das nicht, denn für Braille gelten feste Abstände und Mindestgrößen, zudem müssen die Punkte hoch genug sein, um sich sauber ertasten zu lassen. Victory druckte sie mit einem UV-Drucker reliefartig auf das Bedienfeld. Die vorgeschriebene Höhe liegt bei mindestens 0,5 Millimetern, erreicht wurden schließlich 0,8 Millimeter. Zusammen mit den Chickenhead-Reglern kann Ferraro seine Einstellungen nun allein mit den Fingern kontrollieren. Victory bietet die Braille-Bedienfelder inzwischen für alle Verstärker des aktuellen Programms als Direktbestellung an. Weltweit und ohne Aufpreis.
Vibrierendes Stimmgerät
Ein weiteres Problem ist für Menschen mit Einschränkungen des Sehens das Stimmen der Gitarre mit einem Stimmgerät. Natürlich kann Ferraro eine Gitarre nach Gehör stimmen. Auf der Bühne oder beim Wechsel auf eine offene Stimmung ist ein Tuner trotzdem die verlässlichere Lösung. Weil er mit den gängigen Geräten mit Display oder Leuchtdioden nichts anfangen kann, fragte Ferraro seine Instagram-Anhänger nach einer Alternative. Ein kanadischer Programmierer nahm ein handelsübliches Tuner-Pedal und baute es so um, dass es beim Erreichen der richtigen Tonhöhe vibriert. Ferraro spürt nun das Signal durch den Fuß. Bisher gibt es diesen Umbau nirgends in Serie, als Machbarkeitsnachweis taugt er allemal.
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Erhabene Sidedots
Die dritte Sache ist ein wenig kurios, denn erst in diesem Jahr erfuhr Ferraro, dass sich sehende Gitarristen an Punkten auf Hals und Griffbrett orientieren können. Er selbst erzählt, dass er beispielsweise den 12. Bund immer über das Suchen des richtigen Flageoletts finden muss. Denn die Griffbrettmarkierungen gehören seit Ewigkeiten zum Instrument, helfen aber ausschließlich denen, die sie sehen.
Der Gitarrenbauer Tristan Berg von NVision Guitars entwickelte deshalb den sogenannten „Sensory Navigation Neck“. Dabei werden die üblichen optischen Markierungen um tastbare Orientierungspunkte ergänzt. Ferraro kann nun mit der Greifhand feststellen, an welcher Stelle des Halses er sich befindet. Auch Volume- und Tone-Regler besitzen unterschiedliche Oberflächen und lassen sich dadurch voneinander unterscheiden.
Anthony Ferraro im Netz

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