Kaum ein Material genießt unter Gitarristen einen so legendären Ruf wie Schildpatt. Vor allem Vintage-Fans erinnern sich an den warmen Klang und das Spielgefühl, das Plektren aus Schildpatt (genannt Tortoise) erzeugen. Aus diesem Grund galt Schildpatt lange als Maßstab für Präzision, Dynamik und ein besonders angenehmes Anschlagsgefühl. Doch seine Beliebtheit beschränkte sich nicht bloß auf Plektren, denn auch Schmuck, Brillenfassungen, Kämme und Alltagsgegenstände wie Knöpfe wurden aus dem edel aussehenden Material gefertigt. Heute gehört seine Verwendung jedoch aus gutem Grund der Vergangenheit an.
Warum Schildpatt so beliebt war, weshalb es heute kaum noch erhältlich ist und welche Materialien seinen Platz eingenommen haben, erfährst du in diesem Beitrag.
Warum Plektren aus Schildpatt so geschätzt wurden
Mit Schildpatt sind die Hornplatten bestimmter Meeresschildkröten, insbesondere die der Echten Karettschildkröte gemeint. Das Material besteht überwiegend aus Keratin und lässt sich unter Wärme formen. Dies in Kombination mit seiner edel aussehenden goldbraunen Farbe macht es nicht nur haptisch, sondern besonders auch optisch interessant.
Plektren aus Schildpatt boten gleich mehrere Eigenschaften, die Musiker schätzten. Es war robust, gleichzeitig leicht flexibel und glitt mit wenig Widerstand über die Saiten. Viele Gitarristen beschrieben den Anschlag als warm, kontrolliert und dynamisch. Vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörten Schildpatt-Plektren deshalb zur Standardausstattung vieler Profi-Musiker.

Der Preis der Beliebtheit
Mit steigender Nachfrage nach Schildpatt für unterschiedlichste Einsatzbereiche entwickelte sich ein weltweiter Handel mit dem Panzer der Karettschildkröte. Natürlich stand der Konsum über dem Erhalt der Art, weshalb die Schildkröte schon bald zur gefährdeten Tierart wurde. Zusätzlich zur Verarbeitung ihres Panzers kommen noch die Klassiker Lebensraumverlust, Umweltverschmutzung und Beifang, die ihre Situation einmal mehr verschärften. Dass nach wie vor illegaler Handel betrieben wird, bessert die Situation ebenfalls nicht. Die Weltnaturschutzunion IUCN stuft die Schildkrötenart entsprechend mittlerweile offiziell als Critically Endangered (vom Aussterben bedroht) ein (Quelle: IUCN Red List).
Zum Schutz der Art wurde der internationale kommerzielle Handel mit Produkten aus Meeresschildkröten durch das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES), in dem sie in Anhang I gelistet ist, strikt verboten (Quelle: cites.org). Damit verschwanden auch Plektren aus echtem Schildpatt nahezu vollständig vom Markt. Wenn heute noch Schildplatt-Plektren auf Sammlerbörsen oder in Nachlässen auftreten, handelt es sich dabei meist um historische Stücke, die vor Inkrafttreten der Artenschutzbestimmungen hergestellt wurden.
Moderne Alternativen überzeugen längst
Um das ursprüngliche Tortoise-Feeling jedoch nicht aufgeben zu müssen, begann bereits vor vielen Jahrzehnten eine intensive Suche nach Ersatzmaterialien, die mit Schildpatt gleichziehen konnten. Zunächst kamen vor allem Kunststoffe wie Zelluloid zum Einsatz, die das Aussehen von Schildpatt nachahmten. Für Nostalgiker produzieren Hersteller nach wie vor Plektren in der klassischen braun-gelben Optik, die jedoch kein echtes Schildpatt enthalten.

Das Sortiment hat sich durch intensive Forschung selbstverständlich deutlich erweitert. Gitarristen können heute zwischen verschiedensten Kunststoffen wählen, die alle ihre eigenen Vorzüge haben. So zeichnet sich Nylon durch seine Flexibilität aus, während Delrin und Acetal einen definierten Anschlag ermöglichen. Wer sich besondere Präzision beim Anschlagen der Saite wünscht, ist hingegen mit Ultem gut beraten. Näheres zu den verschiedenen Formen und Materialien von Plektren findest du auch in dem Beitrag Pick your Pick: Welches Plektrum soll es sein?
Dabei lässt sich kein eindeutig bestes Material identifizieren. Entscheidend für die Wahl des für den Spieler besten Plektrums sind vor allem Spieltechnik, Musikstil und persönliche Vorlieben.
Nachhaltigkeit hat immer Vorrang
Generell hat die aktuelle Klima- und Umweltsituation den Instrumentenbau zum Umdenken bewogen. Baumbestände müssen geschont werden, der Plastikverbrauch wird reduziert und Produktionsprozesse gehören bewusster gestaltet. Auch wenn sich bestimmte Materialien seit langer Zeit bewähren, steht der Artenschutz immer über dem vermeintlich perfekten Instrument oder Zubehörteil. Deswegen experimentieren einige Hersteller auch mit biobasierten Kunststoffen, recycelten Werkstoffen oder dem bewussten Verbrauch von Rohstoffen. Viele große Firmen betreiben sogar Projekte zur nachhaltigen Instrumentenfertigung.

