Jimi Hendrix, Randy Rhoads, SRV, Kurt Cobain – die üblichen Listen der früh verstorbenen Gitarristen wird oft von denselben berühmten Namen dominiert. Ihnen allen gemein ist, dass sie bereits zu Lebzeiten gefeierte Musiker waren, die selbst unter Nichtmusikern bis heute absoluten Legendenstatus genießen.
Doch was ist eigentlich mit all den Gitarristen, die zu früh von uns gegangen sind und trotz ihres ungeheuren Talents weitaus weniger Rampenlicht abbekommen haben als Jimi & co? In dieser Liste blicken wir bewusst in die zweite Reihe und stellen fünf früh verstorbene Gitarristen vor, deren Karrieren nicht nur viel zu kurz waren, sondern oft auch nie den Höhepunkt erreichten, den sie eigentlich verdient hätten.
1. Criss Oliva (1963 – 1993)

Criss Oliva zählt ohne Frage zu den Urgesteinen des Heavy Metal. Als Mitbegründer der Band Savatage, die er gemeinsam mit seinem Bruder Jon Oliva, Steve Wacholz und Keith Collins ins Leben rief, prägte sein Gitarrenspiel nachhaltig den Stil der Band. Viele Fans betrachten ihn sogar als unterschätztesten Metal-Gitarristen überhaupt. Auch das Trans-Siberian Orchestra, das zwischen klassischem Orchester und groß angelegter Rockband agiert und Klassik, Jazz und Broadway in den Mix wirft, wäre ohne sein Zutun nicht denkbar.
Obwohl er zunächst am Bass anfing, entdeckte er schon bald die Musik berühmter Gitarristen wie Ritchie Blackmore oder Michael Schenker von den Scorpions und wechselte zur E-Gitarre. Auch Rock-Ikone Eddie Van Halen hinterließ einen bleibenden Eindruck und prägte Criss Olivas talentiertes Spiel maßgeblich. Kein Wunder, dass er seine Stratocaster bald gegen seine ikonischen Modelle von Kramer, Charvel und Jackson ersetzte und mit ihnen zu seinem einzigartigen Stil bei Savatage fand.
Das letzte Savatage-Album, auf dem Criss Olivas Spiel zu hören ist, war das 1993 erschienene und in der Szene hoch gelobte Edge of Thorns. Nur wenige Monate später, im Oktober 1993, kam Criss Oliva im Alter von 30 Jahren bei einem Autounfall ums Leben.
2. Lenny Breau (1941 – 1984)
Leonard Harold Breau war ein absoluter Ausnahmemusiker. Der 1941 geborene Kanadier verdiente sich bereits mit zwölf Jahren in der Country-Band der Eltern seine Sporen am Instrument, das zunächst sechs, später auch sieben Saiten aufwies. Im Lauf der Jahre entwickelte der virtuose wie einfallsreiche Fingerpicker nämlich seinen ganz eigenen Stil zwischen Country, Jazz, Klassik und Flamenco. Seine durchdachten Akkorde, melodiösen Basslinien und künstlichen Flageoletts verliehen seinem Spiel einen hohen Wiedererkennungswert und machten Lenny zu einem der innovativsten Gitarristen seiner Zeit.

Lenny Breau wurde 1984 im Alter von 43 Jahren tot in einem Swimmingpool aufgefunden, die Umstände seines Todes sind jedoch bis heute nicht vollständig geklärt. Obwohl gestandene Legenden wie Tommy Emmanuel, Chet Atkins und George Benson sein Spiel stets bewunderten, konnte er zu Lebzeiten leider nie ein größeres Publikum erreichen. Durch die Dokumentation The Genius of Lenny Breau von 1999 sowie die Veröffentlichung zahlreicher verloren geglaubter Mitschnitte, unter anderem durch Rockmusiker Randy Bachman auf Guitarchives, und der ihm zu Ehren eingerichteten Homepage lennybreau.com konnte Lenny Breaus Schaffen jedoch posthum nachfolgenden Generationen zugänglich gemacht werden.
3. Denis „Piggy“ D’Amour (1959 – 2005)

Für unseren nächsten Listeneintrag der zu früh verstorbenen Gitarristen bleiben wir zwar in Kanada, kehren allerdings zum Metal zurück. Genauer zu den Thrash- und Prog-Ikonen von Voivod, deren Gitarrist und Gründungsmitglied Denis „Piggy“ D’Amour sicherlich zu den originellsten Gitarristen der Szene zählt. Der frankophone Kanadier interessierte sich bereits in seiner Jugend für progressive Bands wie Rush, Pink Floyd oder King Crimson. Kein Wunder, dass er im Rahmen seiner Griffbrettarbeit für Voivod weniger auf klassische Powerchords setzte und stattdessen mit ungewöhnlichen Intervallen und komplexen Akkorden seinen ganz eigenen Spielstil innerhalb des Metal schuf.
Denis „Piggy“ D’Amour starb im August 2005 an einer nur wenige Monate vorher festgestellten Darmkrebserkrankung im Alter von 43 Jahren. Ein Jahr zuvor erreichte er noch Platz 93 im Guitar World Ranking der Top 100 besten Metalgitarristen aller Zeiten. 2006 wurde das Voivod-Album Katorz veröffentlicht, das auf zahlreichen Demo-Songs basierte, die Denis gemeinsam mit Ex-Metallica-Bassist Jason Newsted auf seinem Laptop aufgenommen hatte.
4. Ollie Halsall (1949 –1992)

Vielen wird sein Name vielleicht kein Begriff sein, so mancher Musikerlegende allerdings durchaus: Gitarrist Peter John „Ollie“ Halsall war nämlich jemand, dem der große Durchbruch stets verwehrt blieb und der dennoch zahlreiche Musiker nachhaltig prägte. So benennen ihn Musiker wie Rick Nielsen von Cheap Trick, Kee Marcello von Europe oder auch Alvin Lee als einen absoluten Ausnahmekünstler, der großen Einfluss auf ihr musikalisches Schaffen nahm.
Der Karrierepfad des Engländers war besonders vielseitig und durch zahlreiche Bands geprägt, in denen er spielte. So auch die von Monty Pythons Eric Idle mitbegründete Parodieband The Rutles und die Psychedelic Rock-Formation Timebox, die sich später zur Prog-Rock-Band Patto entwickelte und sogar Ollies Fähigkeiten am Vibraphon unter Beweis stellte. Ebenfalls nennenswert ist seine Zusammenarbeit mit Kevin Ayers, der sich Ollies Griffbrettkünste seit dem Album The Confessions of Dr. Dream and Other Stories bis zu seinem Tod dankend zunutze machte.
Ollie Halsall starb unerwartet am 29. Mai 1992 mit 43 Jahren an einem Herzinfarkt in Madrid. Sein letztes musikalisches Zeugnis war ein unvollendetes Soloalbum, das von niemand Geringerem als King Crimsons Robert Fripp produziert werden sollte. Sein musikalisches Erbe wird im Rahmen des Ollie Halsall Archive gesammelt und für die Nachwelt festgehalten.
5. Tommy Bolin (1951 – 1976)

Die Geschichte von Tommy Bolin ist die eines der größten Gitarrentalente überhaupt. Dass er heute dennoch hinter vielen seiner Zeitgenossen zurücksteht und nicht den Bekanntheitsgrad erlangte, den er sicherlich verdient hätte, ist auf seinen tragischen Tod mit gerade einmal 25 Jahren zurückzuführen.
Der 1951 geborene Tommy sammelte in seiner Jugend Erfahrung in mehreren Bands und zeigte bereits früh sein einzigartiges Talent an der Gitarre. Nach seinem Umzug nach Boulder, Colorado gründete er die Band Zephyr, mit der er als Opener für Led Zeppelin spielte und so einen ersten Fuß in die Tür der professionellen Musikszene bekam. Nach einem einjährigen Job bei der James Gang, in der einige Jahre zuvor noch Joe Walsh spielte, konnte Drum-Legende Billy Cobham ihn für sein Solo-Album Spectrum gewinnen. Hier spielte er zusammen mit Größen wie Lee Sklar am Bass und Jan Hammer an den Keys und weckte das Interesse der Band Deep Purple, die ihn im Jahr 1975 schließlich als Gitarristen anheuerte. Hier war er bis zur Auflösung im Jahr 1976 Bestandteil der sogenannten ‚Mark IV‘-Besetzung und nahm mit ihr das kommerziell leider weniger erfolgreiche Album Come Taste the Band auf.
Trotz seiner rasanten Karriere fand Tommy Bolin ein jähes Ende, als er am 4. Dezember 1976 mit 25 Jahren an einer Überdosis Alkohol, Kokain und Barbituraten starb. Ritchie Blackmore, den Tommy 1975 bei Black Purple ersetzte, trauerte um den Verlust des noch jungen Talents: „Er war ein außergewöhnlich begabter Musiker, und es ist bedauerlich, dass er nie die Gelegenheit hatte, sich mit der Band Deep Purple zu entwickeln, wie ich es konnte.“
Zum Gedenken an Tommys Schaffen gründete sein jüngerer Bruder Johnnie Bolin den Tommy Bolin Memorial Fund, den er bis zu seinem Tod im Jahr 2024 verwaltete.
Fazit
Auch wenn es einige früh verstorbene Gitarristen und Musiker gibt, die zum Zeitpunkt ihres Ablebens bereits Legendenstatus erreicht haben, gibt es mindestens genau so viele, denen der große Durchbruch stets verwehrt blieb. Dennoch haben sie es geschafft, im Rahmen ihrer kurzen Lebensspanne einen nachhaltigen Eindruck in ihren jeweiligen Genres zu hinterlassen und ihr ganz eigenes musikalisches Erbe zu schaffen, das keinesfalls in Vergessenheit geraten sollte. Es lohnt sich also, hin und wieder auch den unbekannteren, jedoch vielversprechenden Musikern etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken und sich gelegentlich die Frage zu stellen: Was wäre, wenn … ?
