Taucht man in die Welt der E-Gitarren-Tonabnehmer ein, gibt es zwei Pickups, die einen entscheidenden Einfluss auf die Geschichte der Rockmusik hatten. Während der PAF Humbucker aus dem Hause Gibson Ende der 1950er-Jahre den Humbucker etablierte, läutete der Super Distortion gut anderthalb Jahrzehnte später eine völlig neue Ära ein.

Er war nicht nur der erste serienmäßig erhältliche Replacement-Humbucker, sondern veränderte auch die Art und Weise, wie Musiker über ihre Instrumente dachten. Plötzlich musste man sich nicht mehr mit dem Klang einer Seriengitarre zufriedengeben. Stattdessen ließ sich der Sound nun an die eigenen Vorstellungen anpassen und modifizieren.
Heute gehört der Austausch von Pickups fast selbstverständlich zum Alltag von Guitar-Techs bis hin zu Hobbygitarristen und -gitarristinnen. Ob ein einfacher Pickup-Tausch oder gar eine komplett neue Elektronik: gerade dank des Internets sowie zahlreicher Ratgeber und Tutorial-Videos ist das heute kein Hexenwerk mehr. Anfang der 1970er-Jahre war diese Idee jedoch revolutionär. Genau diese Revolution ging von einem jungen Gitarrenreparateur aus New York aus: Larry DiMarzio.
Rockmusik wurde lauter – die Pickups blieben zurück
Ende der 1960er-Jahre hatte sich die Rockmusik grundlegend verändert. Bands spielten auf immer größeren Bühnen, Marshall-Full-Stacks wurden zum Standard und Gitarristen suchten nach einem fetteren, sustainreicheren Sound. Die werkseitigen Pickups vieler Gibson- und Fender-Gitarren stammten jedoch aus einer Zeit, in der cleane Verstärkersounds noch im Mittelpunkt standen.
Wer mehr Verzerrung wollte, musste seinen Röhrenverstärker entweder weit aufdrehen und bis an die Grenze der Endstufensättigung treiben oder zu den damals noch jungen Fuzz-Pedalen greifen. Durchsetzungsstarke Lead-Sounds, wie sie Ende der 1960er-Jahre unter anderem Jimi Hendrix populär machte, waren ohne entsprechend laute Verstärker oder zusätzliche Effektgeräte wie seinem Fuzz Face-Pedal kaum zu realisieren.
Neben den eher dünn klingenden Single Coils in Telecaster- und Stratocaster-Modellen sowie den PAF-Humbuckern aus dem Hause Gibson gab es schlichtweg keine Tonabnehmer, die speziell darauf ausgelegt waren, einen Röhrenverstärker früher in die Sättigung zu treiben. Larry DiMarzio erkannte diese Lücke während seiner Arbeit als Gitarrenreparateur und fing an zu experimentieren. Tag für Tag hatte er Instrumente auf der Werkbank, optimierte ihre Bespielbarkeit und hörte immer wieder dieselben Wünsche: mehr Output, mehr Sustain und mehr Druck.
Gleichzeitig beobachtete Larry DiMarzio, dass viele Gitarristen ihre Instrumente bereits modifizierten. Pickup-Kappen wurden entfernt, Humbucker in Stratocaster eingebaut und Schaltungen verändert. Für DiMarzio war klar: Die Gitarre musste sich an den Musiker anpassen und nicht umgekehrt.

Larry DiMarzio: Vom Reparateur zum Entwickler
Larry DiMarzios Weg begann keineswegs in einer großen Entwicklungsabteilung. Als Student beschäftigte er sich intensiv mit Elektronik und arbeitete in New Yorker Gitarrenwerkstätten, wo er unzählige – aus heutiger Sicht – Vintage-Gitarren reparierte. Dabei lernte er nicht nur den Aufbau verschiedenster Tonabnehmer kennen, sondern zerlegte defekte Pickups systematisch, analysierte deren Konstruktion und dokumentierte Unterschiede bei Wicklungen, Magneten und Materialien.
Während viele Hersteller ihre Konstruktionen geheim hielten oder einen Mythos um bestimmte Eigenschaften und Bauteile machten, entwickelte DiMarzio seine eigenen Ideen nach dem bewährten Trial-and-Error-Prinzip. Er experimentierte mit Wicklungen, Magneten und Schaltungen und baute sogar eigene Wickelmaschinen, um unabhängiger arbeiten zu können.
Besonders prägend war dabei seine Überzeugung, dass moderne Rockgitarristen andere Anforderungen an ihre Instrumente stellten als noch in den 1950er-Jahren. Die Telecaster und Stratocaster von Leo Fender waren schließlich nicht für stark übersteuerte Verstärker konzipiert worden, während die frühen PAF-Humbucker in erster Linie das Ziel verfolgten, Nebengeräusche zu reduzieren und nicht möglichst viel Ausgangsleistung zu erzeugen.
Anstatt die Konzepte der Vergangenheit möglichst originalgetreu zu reproduzieren, wollte DiMarzio einen Tonabnehmer entwickeln, der den Sound seiner Zeit widerspiegelte, in der moderne Rockmusik geboren wurde.
1972: Die Geburt des Super Distortion
1972 stellte DiMarzio schließlich den Super Distortion vor. Rückblickend wirkt das Konzept fast selbstverständlich, damals stellte es jedoch einen radikalen Bruch mit bisherigen Humbuckern dar.

Der neue Tonabnehmer setzte auf einen kräftigen Keramikmagneten und eine deutlich höhere Wicklungszahl als klassische PAF-Humbucker. Dadurch lieferte er wesentlich mehr Ausgangsspannung und konnte Röhrenverstärker erheblich schneller in die Verzerrung treiben.
Gleichzeitig blieb der Pickup als direkter Austausch für Gibson-Humbucker ausgelegt und war in entsprechenden Maßen konstruiert. Musiker mussten ihre Instrumente also nicht aufwendig umbauen, denn der Super Distortion passte in die vorhandenen Fräsungen und konnte bei Bedarf durch schnelle Lötarbeiten jederzeit wieder gegen den Original-Pickup getauscht werden.
Auch optisch setzte DiMarzio früh ein eigenes Markenzeichen. Während viele Gitarristen ohnehin die Metallkappen ihrer Humbucker entfernten, verzichtete der Hersteller von Anfang an auf Pickup-Cover. Die cremefarbenen Spulen wurden dadurch zum unverwechselbaren Erkennungsmerkmal der jungen Firma und prägten das Erscheinungsbild zahlloser Rockgitarren der 1970er- und 1980er-Jahre.
Der Beginn des Pickup-Tunings
Aus heutiger Sicht erscheint es selbstverständlich, eine E-Gitarre mit anderen Pickups auszurüsten. Für viele Gitarristen gehört der Austausch von Tonabnehmern heute fast genauso zum Instrument wie neue Saiten oder ein anderes Plektrum. Anfang der 1970er-Jahre war das jedoch keineswegs üblich. Zwar experimentierten viele Profimusiker und Gitarrentechniker mit Umbauten und Modifikationen, für die meisten Hobbygitarristen war der Austausch von Pickups jedoch noch kein Thema. Ein entsprechender Zubehörmarkt steckte ebenso wie das breite Schwarmwissen über Gitarrenmodifikationen noch in den Kinderschuhen.
Fender und Gibson verkauften ihre Gitarren mit fest verbauten Tonabnehmern, die kaum jemand als eigenständiges Bauteil betrachtete. Mit dem Super Distortion entstand erstmals die Idee eines Replacement-Pickups. DiMarzio entwickelte seinen Humbucker bewusst so, dass er sich ohne größere Modifikationen gegen einen vorhandenen Gibson-Humbucker austauschen ließ. Damit entstand praktisch über Nacht ein völlig neuer Markt. Gitarristen konnten ihre Instrumente individualisieren, ohne sie ersetzen zu müssen. Was heute selbstverständlich erscheint, war damals ein echter Paradigmenwechsel.


Mehr Output bedeutete mehr Rock’n’Roll?
Die technischen Eigenschaften des Super Distortion
Technisch unterschied sich der Super Distortion deutlich von den klassischen PAF-Humbuckern der späten 1950er-Jahre. Während diese auf einen dynamischen Klang mit moderatem Ausgangspegel und entsprechend viel Headroom ausgelegt waren, verfolgte Larry DiMarzio ein völlig anderes Ziel. Durch einige grundlegende Änderungen am Humbucker-Konzept wollte er deutlich mehr Leistung aus dem Tonabnehmer herausholen.
Der Alnico-Magnet wich einem kräftigen Keramikmagneten, während die deutlich höhere Zahl an Wicklungen für einen wesentlich höheren Output als bei klassischen PAFs sorgte. Dadurch wurde die Eingangsstufe eines Röhrenverstärkers wesentlich stärker angesteuert, sodass der Amp früher in die Sättigung ging und sustainreiche Overdrive-Sounds erzeugte. Und das lange bevor High-Gain-Verstärker wie beispielsweise der Mesa/Boogie Rectifier oder der Peavey 5150 den Markt für Metal-Gitarristen entscheident prägten.
Technik-Check: Was macht den Super Distortion so besonders?
Der Super Distortion war Anfang der 1970er-Jahre kein gewöhnlicher Humbucker. Larry DiMarzio entwickelte ihn gezielt, um Röhrenverstärker früher in die Sättigung zu treiben und Rockgitarristen einen druckvolleren Sound zu ermöglichen. Viele seiner technischen Eigenschaften unterscheiden ihn bis heute von klassischen PAF-Humbuckern.
| Merkmal | DiMarzio Super Distortion | Klassischer PAF |
|---|---|---|
| Magnet | Keramik | Alnico II, III, IV oder V |
| Gleichstromwiderstand | ca. 13,7 kΩ | ca. 7 bis 8,5 kΩ |
| Output | hoch | moderat |
| Klang | kräftige Mitten, straffe Bässe, komprimierter Attack | offen, dynamisch, luftige Höhen |
| Einsatzgebiet | Hard Rock, Metal, Classic Rock | Blues, Jazz, Classic Rock |
| Markteinführung | 1972 | 1957 |
Warum ein Keramikmagnet?
Während die meisten Humbucker der damaligen Zeit auf Alnico-Magnete setzten, entschied sich Larry DiMarzio bewusst für Keramik. Dieser Magnettyp liefert ein stärkeres Magnetfeld und ermöglicht zusammen mit der höheren Wicklungszahl einen deutlich höheren Ausgangspegel. Das Ergebnis ist ein früher zerrender Verstärker mit mehr Sustain und einer ausgeprägten Mittenpräsenz. Diese Eigenschaften prägten den Sound der 1970er-Jahre.
Mehr Wicklungen = mehr Verzerrung?
Der Super Distortion besitzt nahezu doppelt so viele Wicklungen wie viele frühe PAF-Humbucker. Dadurch steigt die Ausgangsspannung deutlich an, wodurch der Tonabnehmer den Eingang eines Röhrenverstärkers stärker „anschiebt“, sodass dieser bereits bei geringerer Lautstärke in die Sättigung geht. Genau das machte den Pickup für viele Gitarristen so interessant, lange bevor High-Gain-Verstärker auf den Markt kamen.
Gerade in Verbindung mit Marshall-Verstärkern entwickelte der Super Distortion seinen charakteristischen Sound. Statt den Verstärker ausschließlich über die Lautstärke an seine Grenzen zu bringen, übernahm nun der Tonabnehmer einen deutlich größeren Teil dieser Aufgabe.
Vom Ersatzteil zum Industriestandard
Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Schon wenige Jahre nach seiner Einführung tauchte der Super Distortion in immer mehr E-Gitarren auf. Zunächst rüsteten Musiker ihre vorhandenen Les Pauls, SGs oder Stratocaster nach, doch bald wurde der Tonabnehmer auch für Gitarrenhersteller interessant.
Gerade die aufstrebenden Marken der 1970er- und frühen 1980er-Jahre profitierten enorm davon. Unternehmen wie Ibanez, Hamer, B.C. Rich, Dean, Charvel oder später Jackson verfügten zwar über innovative Gitarrendesigns, konnten jedoch nicht auf die Pickups der etablierten Hersteller zurückgreifen. Fender und Gibson hatten naturgemäß kein Interesse daran, ihre Konkurrenten mit Tonabnehmern zu beliefern.
DiMarzio schloss genau diese Lücke, und sein Super Distortion ebnete damit den Weg für den modernen E-Gitarren-Markt. Seine Pickups wurden zur idealen Lösung für eine neue Generation von Gitarrenbauern, die leistungsfähige Instrumente für Rock- und Metalgitarristen entwickeln wollten. Der Super Distortion trug damit nicht nur zum Erfolg der Marke DiMarzio bei, sondern half indirekt auch dabei, zahlreiche heute legendäre Gitarrenhersteller überhaupt erst am Markt zu etablieren.
Berühmte Gitarristen hinter dem Super Distortion-Mythos

Kaum ein anderer Humbucker wurde von so unterschiedlichen Musikern eingesetzt wie der Super Distortion. Bereits in den frühen 1970er-Jahren gehörte Ace Frehley von KISS zu den bekanntesten Nutzern des Pickups. Seine Les Paul Custom mit drei Humbuckern wurde zu einem Markenzeichen der Band und machte den cremefarbenen DiMarzio-Tonabnehmer weltweit bekannt.
Kurz darauf setzte Joe Perry von Aerosmith auf den High-Output-Humbucker, gefolgt von Gitarristen wie Randy Rhoads, Rick Derringer, Tom Scholz, Mick Mars, Kerry King oder Dimebag Darrell, die den Super Distortion für ihren satten Rock- und Metalsound nutzten.
Bemerkenswert ist jedoch, dass der Pickup keineswegs auf Hard Rock und Heavy Metal beschränkt blieb. Auch Fusion-Größen wie Al Di Meola, Allan Holdsworth oder John Abercrombie wussten seinen durchsetzungsfähigen Klang zu schätzen. Selbst in den 1990er-Jahren blieb der Super Distortion aktuell und fand mit Musikern wie Kurt Cobain oder Kim Thayil seinen Weg in die Grunge-Szene.
Diese stilistische Bandbreite zeigt, dass der Super Distortion nie nur ein High-Gain-Pickup war. Vielmehr überzeugte er durch sein straffes Mittenbild, sein langes Sustain und seine Fähigkeit, unterschiedlichste Verstärker früh in die Sättigung zu treiben.

Mehr als nur ein erfolgreicher Tonabnehmer
Die eigentliche Bedeutung des Super Distortion lässt sich deshalb kaum allein an seinen Verkaufszahlen messen. Sein größter Einfluss lag vermutlich darin, dass er das Verhältnis vieler Gitarristen und Gitarrenbauern zu ihrem Instrument dauerhaft veränderte.
Vor seiner Einführung galt die Gitarre weitgehend als fertiges Produkt, dessen Eigenschaften von den Herstellern vorgegeben wurden. Danach entwickelte sich Schritt für Schritt eine Kultur des Modifizierens und Experimentierens. Neue Pickups, andere Schaltungen, alternative Magnete oder unterschiedliche Potentiometerwerte wurden zu festen Bestandteilen der persönlichen Klangsuche. Der heute selbstverständliche Begriff des „Moddings“ hat seinen Ursprung zu einem großen Teil in genau dieser Entwicklung, die Larry DiMarzio mit dem Super Distortion maßgeblich mitprägte.
Auch mehr als fünfzig Jahre nach seinem Erscheinen gehört der Super Distortion noch immer zum festen Sortiment von DiMarzio. Seine Konstruktion wurde im Laufe der Zeit behutsam weiterentwickelt, am Grundkonzept hat sich jedoch nichts geändert. Das ist ein deutlicher Beleg dafür, wie zeitlos Larry DiMarzios ursprüngliche Idee war.
Der Beginn einer neuen Humbucker-Generation
Der Gibson PAF definierte Ende der 1950er-Jahre den Humbucker und war technisch ein Meilenstein in einer Zeit, in der brummende Single Coils noch zum Alltag gehörten. Der DiMarzio Super Distortion definierte dagegen, was Gitarristen anschließend mit diesem Tonabnehmerkonzept machten.
Mit seinem hohen Output, dem charakteristischen Keramikmagneten und der konsequenten Ausrichtung auf die Bedürfnisse der Rockmusik traf Larry DiMarzio Anfang der 1970er-Jahre den Zeitgeist perfekt. Noch wichtiger war jedoch eine andere Innovation: Er machte den Tonabnehmer selbst zum kreativen Gestaltungsmittel. Erstmals konnten Musiker den Klang ihrer Gitarre gezielt verändern, ohne ein neues Instrument kaufen zu müssen.
Damit begründete der Super Distortion nicht nur den Markt für Austausch-Pickups, sondern beeinflusste auch Generationen von Gitarrenbauern und Musikern. Viele der berühmtesten Rockgitarren der folgenden Jahrzehnte verdankten ihren charakteristischen Sound genau diesem unscheinbaren Bauteil. Betrachtet man seinen Einfluss auf den Gitarrenbau, die Rockmusik und die Entwicklung der gesamten Zubehörindustrie, gehört der DiMarzio Super Distortion zweifellos zu den bedeutendsten Tonabnehmern der Musikgeschichte – und wohl zum wichtigsten Humbucker seit dem legendären PAF.


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Titelbild: DiMarzio: The Birth of theSuper Distortion
