NO WAVE! Der Gitarrist James Blood Ulmer ist gestorben

James Blood Ulmer, geboren am 02. Februar 1942, gestorben am 03. Juni 2026. Das sind die Eckdaten des Lebens eines der originellsten Gitarristen zwischen Jazz, Funk, Free Feeling und Black Music. Eines Grenzgängers, wie es nur wenige an diesem Instrument gab: Sonny Sharrock und Vernon Reid gehörten dazu, Attila Zoller in seinen Aufnahmen mit Don Friedman und John McLaughlin bei Tony Williams Lifetime und Miles Davis.

Ulmer blieb ein Außensaiter der Szene, ein Avantgardist dem auch schon mal das Label „Punk Jazz“ verpasst wurde. Ein Instrumentalist, der zwischen Jazz und Blues-Tradition lebte und arbeitete. Der Gitarrist aus St. Matthews, South Carolina stand ab Ende der 1970er Jahre mit Saxophonist Ornette Coleman und Schlagzeuger Ronald Shannon Jackson im Mittelpunkt einer Szene, die aus Free Jazz und Jazz-Rock den Free Funk kreierte.

Das Leben des James Blood Ulmer

Ulmer spielte angeblich schon als Vierjähriger Gitarre. Mit 17 wurde er Berufsmusiker und trat mit R&B-Bands auf. Zwischen 1964 und 1966 spielte er in den damals angesagten Orgel-Trios den ebenfalls angesagten Soul-Jazz. Ab 1967 lebte er in Detroit, wo er u.a. mit Dionne Warwick, Chuck Jackson, George Adams und John Patton auftrat. 1971 zog er weiter nach New York, wo rer egelmäßig im legendären Minton’s Playhouse spielte. Er arbeitete in den folgenden Jahren mit der Band des Schlagzeugers Art Blakey, dem Pianisten Paul Bley, Organist Larry Young und Tenorsaxophonist Joe Henderson. Absolut prägend für seine weitere Entwicklung war der Unterricht bei Free-Jazz-Ikone Ornette Coleman, dessen „Harmolodics Concept“ Ulmers Musik von da an bestimmte. „Harmolodics“ ist eine musikalische Philosophie und eine Methode der Komposition und Improvisation, die Ulmer und Coleman dann gemeinsam in Richtung „Harmolodic Funk“ weiterentwickelten.

Ab 1980 leitete Ulmer sein eigenes Trio mit Calvin Weston (dr) und Amin Ali (b), mit dem er eigene Kompositionen spielte, die auf dem harmolodischen Konzept von Coleman aufbauten. Später arbeitete er auch mit George Adams (ts) und mit dem Music Revelation Ensemble, auf deren 1980 in Deutschland bei Moers-Music erschienenem Album ,No Wave‘ der Name des neuen Genres auftauchte, das aber weder Genre noch Bewegung oder Stilschublade sein wollte.


Ulmer hat auch in späteren Jahren regelmäßig in Deutschland gespielt und einige Alben beim Freiburger Label In+Out veröffentlicht. Neben vielen Solo-Alben hat er in den 80ern und 90ern auch einiges mit den Formationen Odyssey, Phalanx und dem bereits erwähnten Music Revelation Ensemble eingespielt. Weitere Aufnahmen entstanden mit Jazz-Größen wie Rashied Ali, Arthur Blythe, David Murray, Karl Berger und Jamaaladeen Tacuma.

Ulmer Guitar Style

James Blood Ulmers Gitarrenstil war absolut eigenständig – und oft auch eigenartig. Mit seiner Gibson Super 400 oder der Gibson Byrdland erzeugte er kantige, seltener auch leicht angezerrte Sounds mit WahWah-Einsatz. Die Saiten schlug er meist sehr perkussiv mit dem Daumen an, und er bevorzugte teils skurrile offene Stimmungen, darunter das von Ornette Coleman inspirierte „Harmolodic Tuning“. Dabei waren oft mehrere Saiten auf denselben Grundton gestimmt, andere in Quinten- bzw. Quarten-Abstand: E-A-E-A-E-E oder A-A-A-E-A-E waren solche Konstrukte. Aber auch der Blues, angezerrte Sounds, eigenwillige Bendings und geräuschhafte Einlagen prägten sein Spiel. Alles schwer zu beschreiben, und talking about music ist bekanntlich like dancing about architecture. Daher empfehle ich: Reinhören & entdecken!

 

Wie ich James Blood Ulmer entdeckt habe

Es gab nur wenige Musiker, die meine Sicht- und Hörweise der Gitarre im Jazz und des Jazz in der Musik überhaupt, so sehr geprägt und verändert haben, wie James Blood Ulmer.
>Mein Freund Jaque hatte Blood in Moers gesehen und mir dann begeistert ,Tales Of Captain Black‘ und ,Are You Glad To Be In America?‘ vorgespielt. 1981 kaufte ich mir die LP ,Free Lancing‘ und fuhr nach Frankfurt, wo James Blood Ulmer am 10. November im Sinkkasten spielte. Ich erlebte eines der intensivsten, verrücktesten und horizonterweiternden Konzerte meines Lebens. Ulmer spielte nicht besonders lange, und das Publikum schrie nach einer Zugabe. Daraufhin kam der Tour-Manager der Band auf die Bühne und erklärte, Mr. Ulmer sei gerade verstorben. Zu unserem Glück hat er das dann aber erst 45 Jahre später wahr gemacht.

Im Flyer des Sinkkasten war damals zu lesen: „James ‚Blood‘ Ulmer. Mehr als zehn Jahre nach Jimmi Hendrix‘ Tod steht ein neuer schwarzer Gitarrenkönig bereit. JAMES „BLOOD“ ULMER spritzt der schwarzen Musik, Funk und Jazz gleichermaßen, neue Kraft ein. Indem er ihre Stilelemente vereinigt und zugleich über sie hinausgeht. ULMER verschiebt die Grenzen, formt neue musikalische Weiten. Beim Jazz-Festival in Moers war er der faszinierendste Musiker und gefeierte Star und seine LP mit dem MUSIC REVELATION ENSEMBLE ist manifestiert ihn als Erfinder des NO WAVE. Und diese Erfindung lag in der Luft, denn die vor mehr als einem Dutzend Jahren initiierte Fusion von Rock und Jazz, die eine zeitlang schöne Resultate vorweisen konnte, ist zu einer unheilbar aseptischen Sackgasse degeneriert.

Parallel dazu verkam die Funk-Musik zu trist standardisierten Disco-Mustern.Die traditionelle Soulmusik erholte sich von den Disco-Niederschlägen, doch das war nur eine gelungene Reparatur. Wirklichen Neuheitenwert kann man heute nur noch von Fusionen erwarten. In New York sind solche Fusionen offenbar zwingender und werden härter durchgezogen als anderswo, von den Talking Heads, James White. JAMES BLOOD ULMER, Jahrgang 42, schwarzer Gitarrist, Gelegenheitssänger im Afro-Look. Aus Fusionen/Experimenten soll keine einkreisbare Welle destilliert werden. Daher NO WAVE!“
Es war eine andere Zeit.

 

 

Am 24.10.1991 traf ich James Blood Ulmer dann in einem Club in Essen oder Bochum zum Interview. Dabei erklärte er mir unter anderem, dass seine Familie aus Ulm, Germany stamme – daher der Name. Blood hätte sich bestimmt gut mit Helge Schneider verstanden. Thank you for the music!

 

Die Live-Fotos entstanden bei einem Konzert im Kölner Stadtgarten, am 18.01.2015 © Lothar Trampert

 

 

 

 

 

 

 

 

Plattentipps

+ James Blood Ulmer
Tales of Captain Black (Artists House, 1978)
Are You Glad to Be in America? (Rough Trade, 1980)
Freelancing (Columbia, 1981)
Black Rock (Columbia, 1982)
Blues Allnight (In+Out, 1989)
Live at the Bayerischer Hof (In + Out, 1994).
Memphis Blood: The Sun Sessions (M, 2001)
In and Out (In+Out, 2009)
Solos: The Jazz Sessions (2016

+ Mit Music Revelation Ensemble
No Wave (Moers, 1980)
Music Revelation Ensemble (DIW, 1988)
Electric Jazz (DIW, 1990)

+ Mit Odyssey
Odyssey (Columbia, 3–5/83)
Part Time (Rough Trade, 1983).
Reunion (Knitting Factory, 1997)

+ Mit Phalanx
Phalanx (Moers, 1985)
Original Phalanx (DIW, 1987)
In Touch (DIW, 1988)

+ Mit anderen
Rashied Ali: Rashied Ali Quintet (Knitting Factory, 1973)
Arthur Blythe: Lenox Avenue Breakdown (Columbia, 1979)
David Murray: Children (Black Saint, 1984)
David Murray: Recording N.Y.C. 1986 (DIW, 1986)
John Patton: Accent on the Blues (Blue Note, 1969)
Jamaaladeen Tacuma: Show Stopper (Gramavision, 1982–83).
Larry Young: Lawrence of Newark (Perception/Castle, 1973)
Karl Berger: Conversations (1994)

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