Es ist schon ein Elend mit diesen Vintage-Instrumenten: Da macht man nach zwei Jahren mal wieder den verstaubten Tweed-Koffer auf, und sieht eine alte Gitarre, die schon wieder teurer geworden ist. Das macht schon was mit einem – schließlich verpflichtet Besitz ja irgendwie. Und irgendwann will man mit dem altersgeadelten Instrument, das man damals unbedingt haben wollte, gar nicht mehr unter Menschen, Neider und Musikerpolizisten.
Aber es gibt eben auch Kofferöffnungserlebnisse der ganz anderen Art, mit eher unangenehmen Überraschungen. Und G.A.S. steht dann an dieser Stelle mal nicht für „Gear Acquisition Syndrome“ (aka Gitarrenkaufsucht) sondern für „Größte anzunehmende Sauerei“. Denn was man erleben kann, wenn man seine geliebte, aber jahrelang nicht mehr gespielte alte Ibanez-Semiacoustic, Aria-Archtop, Yamaha-L5-Kopie, Hopf Saturn, Gibson L-5 oder Musima-Halbresonanz-Elektrogitarre aus dem verstaubten Koffer befreit, lässt einem eventuell das Blut gefrieren …
Gemeinsam haben die oben genannten Instrumentengruppen, dass sie teils über braun gemaserte Tortoise-Style-Pickguards verfügen – Schlagbretter, die nicht aus den heute bekannten Kunststoffen oder z.B. aus dem alten Perloid bestehen, sondern aus Celluloid. Aus dem Material, das man eigentlich lieber im Kino genießt. In Zusammenhang mit dem Instrumentenbau ist es allerdings auch für den ein oder anderen Horrorfilm gut: Denn Celluloid hat die unangenehme Eigenschaft, sich über Jahrzehnte erst mal unauffällig zu verhalten, sich dann zu verändern und sich irgendwann zu zersetzen. Dieses Material ist aber nicht nur instabil, sondern auch noch chemisch aggressiv und brennbar …



Das Celluloid Drama
Mir ist das „Celluloid Virus“ erstmals bei einer „Made in GDR“ Musima-E-Gitarre aus den 70er-Jahren aufgefallen, die ich via Online-Auktion erbeutet hatte: Die verchromten oder vernickelten Hardware-Teile waren extrem oxidiert und hatten Grünspan angesetzt, die Bünde in der Nähe des Hals-Pickups waren komplett grün vergammelt, zwei hohe Saiten waren total verrostet und gerissen, der Lack im Bereich des Schlagbretts war angelöst, weich, matschig und nach einem Polierversuch komplett verschandelt – und meine Laune dementsprechend am Tiefpunkt. Was war da passiert?
Als ich mit der Fingerkuppe über das Schlagbrett der angeschlagenen Ost-Agentin strich, bemerkte ich auch noch eine leicht ölige Schicht auf dem Kunststoff … Ich reinigte die betroffenen Parts, mit dem Gefühl, gleich selbst die Farbe zu wechseln, brachte den Lack soweit es ging wieder in Ordnung, neue Saiten drauf, fertig. Geht doch!
Es war keine große Liebe, die Musima & ich. Als ich die Gitarre dann nach circa vier Wochen noch mal aus dem Koffer nahm, traute ich meinen Augen nicht: Die Saiten waren wieder verrostet, das Schlagbrett wieder ölig, der Lack sah an den bereits angegriffenen Stellen jetzt ganz fies aus, und ich glaubte sogar einen merkwürdigen, nussigen Geruch wahrzunehmen … Keine Frage, dass ich der Musima sofort und unbürokratisch via eBay die Ausreise gestattete.
Irgendwann war das Trauma dann überwunden und fast vergessen, bis ich meine, geliebte aber jahrelang kaum gespielte alte Ibanez-Semiacoustic, eine 2630 von 1978, im schönen Antique-Violin-Finish aus dem Koffer ans Tageslicht beförderte. Das war meine erste gute E-Gitarre, bei der ich die Bünde so runtergespielt hatte, dass sie nicht mehr wirklich einsetzbar war. Nightmare revisited: Ich sah ein öliges Schlagbrett mit Rissen, grün oxidierte Hardware und Bünde, rostige Saiten und eine schmierige Schicht auf dem Lack unter dem Pickguard …
Später entdeckte ich dann immer wieder bei japanischen Instrumenten der Phase von circa 1976 bis ‘82 exakt dieses Phänomen. Die japanischen Lacke hielten dem Celluloid-Angriff allerdings stand, dafür löste sich hin und wieder auch mal die innere Kofferverkleidung aus Plüsch auf, oder Pickguards lagen komplett zerbröselt in und um die Gitarre verteilt. Letzteres soll angeblich durch Kälte begünstigt werden, während bei eher warmer Lagerung eines Instruments sich das Celluloid-Pickguard auch mal leicht verbiegt und vielleicht erst Jahre später auseinander fällt.



Katastrophenschutz
- Ich glaube beobachtet zu haben, dass Instrumente, die offen rumstehen – Stichwort: Freilandhaltung – von diesem Phänomen weniger stark betroffen sind. Die Ausdünstungen können sich so ja auch frei verteilen, wogegen die Konzentration der Schadstoffe in einem geschlossenen Gitarrenkoffer immer weiter steigt.
- Bei ersten Anzeichen oben genannter Symptome hilft erst mal nur eine komplette Reinigung des Instruments und des Koffers und dann die offene Aufbewahrung im Gitarrenständer, inklusive Langzeitbeobachtung.
- Sollte das Pickguard weiter stark ausdünsten und die Hardware angreifen, hilft nur die sofortige Amputation. Und nach der anschließenden Reinigung des Instruments wird dann ganz sicher nichts mehr passieren. Das Schlagbrett sollte man in einem luftdicht verschlossenen Glas unterbringen und sich in den folgenden Jahren am Verfall erfreuen. Dafür sind z.B. Instant-Kaffe-Gläser mit Kunststoffdeckel perfekt geeignet. Auf keinen Fall Behälter mit Metalldeckel verwenden, denn der wird nach ein paar Monaten weggefressen sein.
- Auch ganz wichtig, da wir ja nicht genau wissen, wie böse dieser Feind ist: Nach der Behandlung, vor dem Essen, Händewaschen nicht vergessen! Und unbedingt die celluloidierten Schmutzfinger weit weg von Augen, Nase, Mund halten!

Reha-Maßnahmen
Nach dieser Behandlung und dem Schadstoff-Abbau geht es natürlich darum, für das geschundene Instrument, ein Ersatz-Schlagbrett zu beschaffen. Bei www.ibanez.com tut sich momentan garnichts, aber im Ibanez-Shop von www.meinlshop.de wird man fündig. Wobei man in Japan anscheinend das Problem kennt: Denn warum sonst liegen die meisten Pickguards für neuere Modelle preislich zwischen 20 und 50 Euro, aber ausgerechnet die für die problemanfälligen George-Benson-Modelle und die 2630-Nachfolgerin AS-200 kosten € 130 bis 210 Euro?! Auf dem riesigen freien Markt gibt es aber immer auch Alternativen, eventuell muss dann eben etwas angepasst werden. Daher ist es sinnvoll, das originale Schlagbrett vor seinem endgültigen Ableben zu fotografieren, zu scannen oder 1:1 auf Papier zu skizzieren. So kann später ohne Nachmessen ein perfekt passender Ersatz angefertigt werden.


Notfall-Seelsorge
Für alle, die nach dem Lesen dieses Artikels den ein oder anderen verstaubten Gitarrenkoffer öffnen und anschließend am Rande des Nervenzusammenbruchs ihre Mitmenschen und den Rest der Welt tyrannisieren, empfehlen wir das Sorgentelefon des Düsseldorfer Kunststoff-Museums-Verein e.V.: 0211 – 4560 413. Unter www.deutsches-kunststoff-museum.de erfährt man noch mehr zum Thema.
Aber zum Schluss noch mal Spaß beiseite: Man sollte dieses Phänomen im Hinterkopf behalten, wenn einem vielleicht mal ein verstaubter Gitarrenkoffer im Keller einer Band-Kollegin oder eines Musiker-Freundes auffällt. Einfach mal darauf hinweisen, was da hoffentlich nicht passiert sein könnte … Denn es ist erstaunlich, wie viele Musikerinnen & Musiker, sogar auch Japan-Gitarren-Fans, vom Thema „Celluloid Virus“ noch nie gehört haben. Spread the news! ■
FOTOS: LOTHAR TRAMPERT
