„Ideen, die irgendwo hinwollen“: DEE DAMMERS im Interview

Dee Dammers Aufmacher

Sechs Jahre ist „Bubbly Joyride To Utopia“, das Debütalbum von Dee Dammers bereits alt, und hat nun mit ‚Beyond The Shadows‘ einen wahrlich anderen, aber würdigen Nachfolger erhalten. Der Gitarrist, der seit 2018 an der Seite von Udo Dirkschneider weltweit auf Tour ist und an mehreren erfolgreichen U.D.O.- und Dirkschneider-Veröffentlichungen als Songwriter und Musiker beteiligt war, nutzt sein zweites Soloalbum erneut als Gegenentwurf zum klassischen Metal-Kontext seines Hauptjobs. Statt Virtuosität oder Härte steht diesmal allerdings vor allem Atmosphäre im Mittelpunkt.

Im Gespräch beschreibt der 34-Jährige das Album als bewusst melodischer und filmischer angelegt als seinen Vorgänger. Die zehn Stücke bewegen sich zwischen AOR-geprägten Harmonien, cineastischen Klanglandschaften und modernen Instrumental-Rock-Elementen, ohne sich dabei klar einem Genre unterzuordnen. „Beyond The Shadows“ verstehe sich dabei weniger als lose Song-Sammlung denn als zusammenhängend, abwechslungsreiche Reise durch eine düstere, teilweise dystopische Klangwelt, deren Ausgang bewusst offen bleibt.

Beyond The Shadows CoverAuch klanglich verfolgt Dammers einen eigenen Ansatz. Statt auf maximalen High-Gain setzt er häufig auf dynamische Crunch-Sounds, die stark auf Anschlag und Spielweise reagieren. Im Interview spricht er ausführlich über seine Vorliebe für Vox-artige Break-up-Sounds, den Einsatz von Kemper-Profiling im Touralltag und darüber, warum ihn extreme Verzerrung inzwischen weit weniger reizt als nuancierte Dynamik zwischen clean und angezerrt.

Daneben geht es um künstliche Intelligenz in der Musikproduktion, die Realität des Musikerlebens zwischen Tourbus, Webshop und Videoschnitt sowie die Frage, warum kleine Clubshows manchmal intensiver sein können als Festivals vor zehntausenden Menschen. Man merkt: Der im Ruhrgebiet beheimatete Dee Dammers hat seine Karriere bewusst breit aufgestellt und reduziert kreatives Arbeiten längst nicht mehr nur auf das reine Gitarrenspiel.

„Beyond The Shadows“ ist am 15. Mai 2026 digital, als Digipak sowie in streng limitierten Vinyl-Varianten erschienen.

Interview

Metal und Melodie

Dein Album ist jetzt seit ein paar Tagen draußen. Wie fällt das Feedback bisher aus?

Ich habe bisher echt nur Positives gehört. Man muss sich natürlich bewusst sein, dass ich mich absolut in einer Nische bewege. Das ist kein Taylor-Swift-Album, ich fülle damit keine Stadien. Aber in der kleinen Gitarren-Bubble kommt es wirklich super an. Spannend finde ich aber vor allem das Feedback von Leuten, die eigentlich gar nichts mit Instrumentalmusik anfangen können. Von denen höre ich oft: „Ich habe mir das angehört, die Augen geschlossen und plötzlich lief da wie ein Film vor meinem inneren Auge ab.“ Oder: „Eigentlich ist das gar nicht meine Musik, aber ich kann trotzdem etwas damit anfangen“. Das freut mich total, vor allem wenn Mainstream-Hörer so etwas sagen.

Wobei die Platte ja auch deutlich zugänglicher wirkt als vieles aus dem Metal-Kontext, in dem du dich sonst bewegst. Sehr melodisch, fast schon filmisch komponiert.

Melodie war tatsächlich einer der zentralen Aspekte bei dem Album. Auf meinem ersten Solo-Album ging es mir vor allem um Vielfalt. Da war alles drauf: Country, Jazz, Metal – einmal komplett querbeet, weil mich das als Musiker auch definiert. Bei den ersten Live-Shows habe ich dann aber gemerkt, dass ich wieder stärker zu meinen Wurzeln zurückwill. Und das sind diese klassischen AOR- und 80er-Hardrock-Sachen, bei denen die Refrains einfach nach großen Melodien schreien. Wenn ich ehrlich bin, ist auch die Musik, die ich privat höre, fast immer sehr melodisch. Deshalb war der Schritt für mich logisch: Beim ersten Album habe ich mich komplett ausgetobt, beim zweiten wollte ich bewusst zeigen, dass das Ganze auch stark über Melodie funktionieren kann.

Trotzdem ist die Musik schon auch komplex.

Tatsächlich hatte ich beim Schreiben diesen Gedanken im Hinterkopf: Wenn AI-Musik gerade immer stärker wird, dann möchte ich eine Platte machen, bei der die AI erstmal denkt: „Hä, wie macht man das denn?“ Das war fast schon eine kleine Challenge.

Was mir auf ‚Beyond The Shadows‘ aufgefallen ist: Für instrumentale Gitarrenmusik ist dein Sound relativ clean. Satriani oder Steve Vai würden wahrscheinlich deutlich mehr Gain benutzen.

Das stimmt. Das war auch eine bewusste Entscheidung. Die Sounds auf dem Album basieren größtenteils auf meinen echten Amps, kombiniert mit dem Kemper. Ich spiele unglaublich gerne Stratocaster, vor allem diese Zwischenpositionen mit Singlecoils. Und ich liebe diesen leicht crunchigen Vox-Charakter. Mich reizen extrem verzerrte Sounds inzwischen gar nicht mehr so sehr. Wenn ich irgendwo „Instrumental-Gitarrenalbum“ lese und sofort ein riesiger High-Gain-Metal-Sound kommt, finde ich das zwar beeindruckend – aber das ist nicht die Welt, in der ich mich selbst sehe.

Ich mag diese Crunch-Sounds, die fast clean sind, aber auf Anschlag trotzdem ordentlich reagieren. Genau das reizt mich. Wahrscheinlich ist das inzwischen einfach die Klangästhetik, die ich im Kopf habe. Selbst bei U.D.O. sind meine Sounds eigentlich gar nicht so stark verzerrt, wie viele vielleicht denken würden. Ich muss schon richtig hart anschlagen, damit das wirklich ordentlich sättigt. Genau das gefällt mir daran.

Auf ‚Beyond The Shadows‘ habe ich viel Telecaster gespielt. Teilweise waren die Rhythmusgitarren sogar so clean, dass ich in den Refrains zusätzlich eine Les Paul gedoppelt habe, einfach damit der Chorus etwas mehr Masse bekommt. Das sind genau die Dinge, an denen ich wahrscheinlich noch jahrelang weiterarbeiten werde: Wie bekomme ich diesen fetten Sound hin, ohne meinen Crunch-Charakter zu verlieren?

Würdest du sagen, dass du eigentlich zwei verschiedene Gitarristen bist? Einerseits der Solo-Künstler, der komplett frei arbeiten kann, und andererseits der Metal-Gitarrist, der sich stärker an Genre-Konventionen orientieren muss?

Spannende Frage. Ich würde erstmal sagen: Ich bin einfach Gitarrist. Und ich habe verstanden, dass Musik in manchen Situationen eben auch etwas Dienstleistungsartiges haben kann – allerdings innerhalb eines riesigen kreativen Spielfelds. Wenn ich bei U.D.O. ein Solo spiele, das zu weit weg vom Stil der Band ist, kann natürlich Feedback kommen wie: „Kling bitte ein bisschen mehr nach Metal.“ Aber selbst innerhalb dieses Rahmens habe ich immer noch wahnsinnig viele Möglichkeiten. Bei schnellen Läufen zum Beispiel würde wahrscheinlich niemand sagen: „Da war jetzt aber ein chromatischer Ton drin.“ Solange das musikalisch zum Zielton führt und Sinn ergibt, funktioniert das.

Ich glaube auch gar nicht, dass ich kompliziert spielen möchte, nur um kompliziert zu sein. Manchmal höre ich innerlich einfach etwas und denke: Das könnte spannend klingen. In kommerzielleren Projekten muss man sich vielleicht hier und da ein bisschen bremsen, aber ich glaube, ich kann ganz gut einschätzen, was gerade passend ist. Und alle paar Jahre kommt dann offenbar diese Stimme im Kopf zurück, die sagt: „Jetzt musst du wieder Instrumentalmusik machen.“ Dann entstehen plötzlich Ideen, die irgendwo hinwollen. Das fühlt sich aber überhaupt nicht nach zwei Persönlichkeiten an, die miteinander kämpfen. Es passiert total natürlich. Auf einem klassischen Rocksong möchte ich auch klassisch Rock spielen. Wenn die Akkorde interessanter werden, habe ich Lust, diese Akkorde auch im Solo aufzugreifen.

Das Material selbst gibt letztlich vor, wie ich spiele. Ich sehe oft Gitarristen, denen du einen Metal-Track, einen Blues oder einen Rocksong vorspielen kannst – und sie spielen immer dieselben Licks darüber, als würde der Song gar nicht existieren. Mich interessiert dagegen eher: Was verlangt der Song? Welches Genre ist das? Kann ich das Genre bedienen oder vielleicht bewusst brechen? Gibt es Akkordwechsel, die ich hervorheben kann? Das sind die spannenden Fragen. Über einen AC/DC-Track würde ich natürlich anders spielen als über einen komplexeren Blues. Wobei es auch wieder spannend sein kann, genau dort etwas völlig Unerwartetes zu machen.

Gibt es auf dem neuen U.D.O.-Material solche unerwarteten Momente?

Ja, absolut. Auf der neuen U.D.O.-Platte, die 2027 erscheinen soll, gibt es einen Song – den Titel darf ich noch nicht nennen – bei dem die Band explizit gesagt hat: „Wir wollen etwas komplett Verrücktes im Solo.“ Ich hatte schon etwas ziemlich Abgefahrenes eingespielt, und trotzdem kam zurück: „Noch crazier.“ Das Zitat war tatsächlich: „Wir wollen eine Achterbahn.“ Dann habe ich angefangen, völlig wilde Sachen einzubauen, mit Bendings am Headstock und extremen Pitch-Effekten. Ich dachte zwischendurch selbst: Kann ich das wirklich abschicken? Aber genau das fanden sie dann perfekt. Es gibt also durchaus Situationen, in denen explizit nach mehr Wahnsinn verlangt wird.

Die Gitarren auf dem ‚Beyond The Shadows‘ (v.l.n.r.): ESP Eclipse II, ESP Vintage Plus, GIBSON Les Paul Custom, FENDER Telecaster JV Modified 50s

KI vs. Kreativität

Du hast eben deine Challenge mit der KI erwähnt. Hast du schon mal mit Suno oder ähnlichem gearbeitet?

Wir haben Suno irgendwann mal aus Spaß im Tourbus ausprobiert. Da hat sich einer beim Essen eines Sandwichs die Lippe verbrannt, und wenige Minuten später lief schon ein Song darüber. Das war natürlich super lustig. Aber gleichzeitig ist es erschreckend, wie gut das inzwischen funktioniert und wie schnell es geht. Klar, wenn man schlecht promptet oder die ersten zehn Ergebnisse nimmt, kommt auch viel Murks dabei heraus. Trotzdem ist es scary, was inzwischen möglich ist. Und ich glaube auch, dass KI irgendwann komplexe Musik überzeugend hinbekommen wird. Vielleicht war genau das auch ein Grundgedanke hinter dem Album: etwas sehr Handgemachtes und Eigenwilliges zu schaffen, an dem sich KI erstmal die Zähne ausbeißt.

Du bist Kemper-Endorser. Ist ein Kemper nicht eigentlich auch schon eine Art KI?

Spannende Frage. Für mich ist der Kemper eher eine Art Snapshot-System. Ich habe gerade angefangen, mein erstes eigenes Kemper-Pack zu erstellen, basierend auf Sounds vom Album. Ich habe hier eine riesige ISO-Cab mit beweglicher Mikroschiene aufgebaut und die Sounds bis ins kleinste Detail ausgearbeitet – wirklich millimetergenau bei der Mikrofonposition. Der Kemper macht davon letztlich einen Snapshot, den ich später wiederverwenden kann, auch live.

KI wäre für mich eher, wenn ich einfach nur einen Prompt eingebe wie: „Mach mir einen Gitarrensound wie auf dem neuen Album.“ Das wäre für mich der eigentliche KI-Aspekt. Aber klar: Diese technische Komponente steckt natürlich schon auch im Kemper drin.

Abgesehen von der Kreativität bedeutet KI in Musik ja vor allem: Man spart sich Arbeit. Beim Kemper spart man sich eben die Arbeit, zehn verschiedene Amps im Studio aufzubauen und auszuprobieren…

Fairer Punkt. Ich mache mir die Arbeit ja trotzdem einmal. Hier stehen mehrere Engl-Boxen, eine Mesa-Box, eine mikrofonierte Marshall-Box, dazu meine ISO-Cab. Ich liebe Röhren-Amps. Für mich ist das immer noch das Geilste überhaupt. Aber sobald man wirklich tourt, sieht die Realität anders aus. Mit Udo Dirkschneider spiele ich ungefähr 50 Shows im Jahr. Die erste Tour habe ich noch komplett mit echten Amps gespielt – und der Sound war jeden Abend anders. Klar, das ist anfangs spannend. Aber irgendwann willst du einfach eine konstante Qualität liefern.

Mit In-Ear-Monitoring und Kemper komme ich jeden Abend sehr nah an meinen Idealsound heran. Vielleicht nicht zu 100 Prozent, aber konstant zu 90 Prozent. Und das funktioniert im Touralltag einfach hervorragend. Auf Festivals sieht man inzwischen kaum noch echte Amps, weil der Aufwand zu groß geworden ist. Trotzdem liebe ich diese Geräte weiterhin. Mein Vox AC30 ist aktuell wahrscheinlich mein Lieblings-Amp. Gerade diese Crunch-Sounds und dieser Übergang zwischen clean und verzerrt – dieser Break-up-Point – sind für mich extrem wichtig. Und genau da höre ich bei vielen digitalen Geräten noch Unterschiede. Der Kemper kann das erstaunlich gut, ToneX und Fractal Audio ebenfalls. Viele andere Geräte können zwar clean und High-Gain, aber genau diesen speziellen Break-up-Sound höre ich dort oft noch nicht richtig. Wobei ich sicher bin, dass das mit den nächsten Updates irgendwann komplett verschwimmen wird.


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U.D.O. und das davor

Du spielst ja mit Udo Dirkschneider weltweit. Spielt man auf dem Wacken anders als beispielsweise in Bogotá?

Spannende Frage. Ich habe 2022 meine erste Wacken-Show gespielt. Vorher hieß es immer: Das ist die größte Bühne überhaupt, da hast du unendlich Platz. Judas Priest spielten nach uns als Headliner und hatten schon so viel aufgebaut, dass wir am Ende effektiv nur den Bereich zwischen ihrem Setup und der Bühnenkante hatten. Das war teilweise enger als manche Clubshow. Aber natürlich ist Wacken emotional besonders. Da sind Freunde da, die Familie schaut vielleicht zu. Aber wenn du in Bogotá spielst und die Leute genauso laut schreien wie in Wacken, macht das für mich keinen Unterschied.

Mein Vater sagt immer: „Du spielst vor 80.000 Leuten, ist das nicht irre?“ Ehrlich gesagt finde ich es schwieriger, vor 20 Leuten zu spielen. Bei 80.000 tragen dich die Energie und die Stimmung automatisch. Bei 20 Leuten merkst du sofort jede einzelne Reaktion.

Ich habe mal mit der englischen Band The Treatment gespielt. Dafür bin ich damals sogar nach England ausgewandert. Eigentlich wollte ich Musik studieren, aber dann kam der Anruf: „Wir suchen einen Gitarristen, spielen mit Aerosmith und die erste Show ist Rock am Ring.“ Da war die Entscheidung schnell getroffen. Wir haben dann riesige Shows gespielt, unter anderem vor 30.000 Leuten in Mailand als Aerosmith-Support.

Die letzte Show der Tour sollte eigentlich abgesagt werden, weil nur 15 Tickets verkauft waren. Wir haben sie trotzdem gespielt. Am Ende waren vielleicht 20 Leute da – und das war mit das beste Publikum, die ich je erlebt habe. Diese 20 Leute hatten so eine unglaubliche Energie, dass ich lieber vor ihnen gespielt habe als vor 30.000 Menschen. Gleichzeitig gibt es natürlich auch kleine Shows, bei denen 20 Leute gelangweilt vor dir stehen. Dann wird es anstrengend. Bei einer riesigen Menge kannst du den Blick schweifen lassen, aber bei zehn Leuten siehst du jede einzelne Reaktion. Je mehr Menschen da sind, desto einfacher wird es meistens.

Dirkschneider Band (© Linda Florin)
Dirkschneider Band (© Linda Florin)

Laut deiner selbst veröffentlichten Vita begann deine Karriere mit Udo Dirkschneider 2018. Was hast du davor gemacht?

Eigentlich hat das alles schon sehr früh angefangen. Mit zwölf oder dreizehn habe ich meine erste Gitarre bekommen und seitdem praktisch nicht mehr aus der Hand gelegt. Mit 15 hatte ich meine erste Band. Zwei der Musiker waren bereits Profis, und das war für mich ein Schlüsselmoment. Bis dahin dachte ich als Jugendlicher: Wenn man Musiker werden will, muss man zu DSDS oder so. Mir war gar nicht bewusst, dass es noch diese ganze andere Welt von Berufsmusikern gibt.

Dann kamen die ersten Auftritte, später erste Schüler. Während des Abiturs habe ich schon als Gitarrenlehrer gearbeitet. Danach ging es weiter mit Coverbands, Gala-Geschichten und ersten eigenen Projekten.
Ich war dann bei The Other, einer Horror-Punk-Band, die auf größeren Festivals gespielt hat. Danach kam The Treatment aus England und ich bin ausgewandert. Später bin ich mit einem amerikanischen Künstler durch Europa getourt, habe in Tribute-Bands gespielt wie John Diva oder Just Pink, eigene Musik geschrieben – es ging immer einfach weiter.

Als 2018 die Dirkschneider-Geschichte kam, war ich eigentlich schon hauptberuflich Musiker. Ich habe mehr unterrichtet als heute, kleinere Touren gespielt und eigene Musik gemacht. Im Grunde mache ich bis heute dasselbe: Ich schreibe Musik, gehe auf Tour, arbeite im Studio, mache Workshops.

Das Spannende ist, dass jeder Tag komplett anders aussieht. Vor dem Album-Release habe ich tagelang Videos geschnitten. Danach war ich plötzlich Webshop-Betreiber und habe Vorbestellungen verarbeitet. Wenn eine Tour ansteht, bin ich wieder Vollzeit-Gitarrist. Genau dieses Jonglieren macht den Beruf für mich spannend.

Theorie lernen

Du hast ja auch einen Online-Theoriekurs entwickelt. Wie kam es dazu?

Irgendwann habe ich gemerkt, dass unglaublich viele Leute Probleme mit Musiktheorie haben. Also habe ich versucht, in einem Kurs alles unterzubringen, was man meiner Meinung nach wissen sollte. Der Kurs beginnt wirklich bei null. Viele Leute scheitern schon an den absoluten Basics. Wenn du zum Beispiel nicht verstanden hast, was ein Intervall ist, wird später alles kompliziert. Deshalb habe ich gerade diese Grundlagen extrem ausführlich erklärt.

Du gehörst also eher zu den Gitarristen, die sagen: Theorie ist wichtig?

Absolut. Wenn jemand eine Gitarre in die Hand nimmt, einen Blues-Backing-Track anmacht und sofort intuitiv geil klingt – super. Dann soll er genau das machen. Bei mir war das aber nicht so. Ich habe als Jugendlicher lange damit gekämpft, über bestimmte Sachen wirklich musikalisch spielen zu können. Einer der entscheidenden Schritte war für mich tatsächlich Theorie. Irgendwann habe ich verstanden: Akkorde und Melodie gehören zusammen. Das ist wie bei einem Gericht – du isst ja auch nicht erst das Fleisch und danach separat das Salz. Dieses Verständnis hat mir extrem geholfen.

Und ich habe bis heute keinen einzigen Theorie-Aspekt erlebt, bei dem ich dachte: „Das hätte ich lieber nie gelernt.“ Alles davon war irgendwann nützlich. Damals wollte ich eigentlich Musik studieren und habe deshalb intensiv Notenlesen gelernt. Danach brauchte ich das jahrelang nicht mehr – bis plötzlich der Anruf kam: „Kannst du morgen bei einem Musical aushelfen?“ Da war das Wissen sofort wieder da. Deshalb denke ich: Theorie schadet nie.

Die Frage ist aber, wie viel muss man wissen. Ich habe mal monatelang meine Zeit mit dem Lernen von Harmonisch Dur in allen Modes vergeudet, und das Wissen in den letzten inzwischen 20 Jahren praktisch nicht gebraucht.

Das kann ich total nachvollziehen. Harmonisch Dur habe ich selbst auch nie extrem intensiv verfolgt. Dafür hatte ich irgendwann eine Phase mit Augmented Scales, die mich komplett fasziniert haben. Dann beschäftige ich mich zwei Wochen obsessiv damit und irgendwann landet es wieder in der Schublade. Aber ich glaube trotzdem, dass irgendwann vielleicht der Moment kommt, wo ich genau das brauche. Oder ich schreibe plötzlich Musik, in der solche Dinge perfekt funktionieren.

Ich habe als Teenager unglaublich viel Europe gehört, besonders die Alben mit Kee Marcello. Damals dachte ich immer: Diese Läufe müssen irgendwelche ultra-komplexen Skalen sein. Wenn man das dann langsam analysiert, merkt man oft: Vieles ist eigentlich komplett diatonisch. Dadurch lernt man irgendwann, dass Zieltöne und Phrasierung oft viel wichtiger sind als die eigentliche Skala. Timing, Spannung, Auflösung – das macht am Ende den Unterschied.

Wenn Leute Skalen lernen wollen, würde ich immer sagen: Konzentriert euch erstmal auf Dur und Moll und lernt die wirklich bis ins kleinste Detail. Viel spannender finde ich es dann später, kleine Modifikationen einzubauen. Zum Beispiel in einer Dur-Tonleiter die kleine Terz einzustreuen oder bei Moll die große Sexte hervorzuheben. Daraus entstehen oft viel interessantere Klangfarben als aus irgendeiner exotischen Super-Skala.

Endorsement und Selbständigkeit

Du warst als Endorser erst bei Ibanez und bist dann zu ESP gewechselt. Warum?

Vor Ibanez war ich tatsächlich auch schon bei ESP. Als ich bei UDO eingestiegen bin, habe ich irgendwann bewusst darüber nachgedacht, mit welcher Marke ich mich langfristig identifizieren möchte. Ich bin grundsätzlich ein Stratocaster-Typ, denn auf einer Strat spiele ich einfach anders als auf einer Les Paul – obwohl ich Les Pauls optisch wunderschön finde. Ibanez hatte damals genau diese modernen Strat-artigen Modelle, die AZ-Serie zum Beispiel. Außerdem haben viele meiner Helden Ibanez gespielt. Deshalb fühlte sich das erstmal total richtig an. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass das für UDO einfach nicht perfekt passt. 2024 bin ich deshalb zurück zu ESP gegangen. Diese Gitarren funktionieren einfach unglaublich gut im Touralltag. Sie sind stabil, halten die Stimmung, machen jede Temperatur mit. Für dieses Umfeld sind sie perfekt. Ich habe meine Ibanez-Gitarren immer noch und mag sie total. Aber bei UDO sehe ich mich einfach klar mit ESP.

Du bist außerdem Endorser von Kabeln der Firma Klotz. Wie wichtig ist ein Kabel wirklich für den Sound?

Das Wichtigste an einem Kabel ist erstmal, dass es funktioniert. Wenn das Kabel kaputt ist, kommt gar nichts mehr raus. Ich bin ehrlich: Ich gehöre nicht zu den Leuten, die stundenlang Kabel vergleichen und behaupten, dass Kabel X jetzt magischer klingt als Kabel Y. Mir ist wichtig, dass ich mich darauf verlassen kann. Ich habe irgendwann gelernt: Lieber einmal etwas Vernünftiges kaufen und Ruhe haben, statt ständig billiges Zeug ersetzen zu müssen. Gerade wenn man wie ich permanent zwischen Tour, Studio, Videoschnitt und tausend anderen Dingen jongliert, möchte man möglichst wenige zusätzliche Probleme haben. Deshalb mag ich Equipment, das einfach funktioniert, ohne dass ich ständig darüber nachdenken muss. Und mit Klotz hatte ich einfach nie Probleme. Mir ist noch nie eines kaputtgegangen. Deshalb war ich auch total happy, als die Zusammenarbeit entstanden ist.


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Welche Fähigkeit außerhalb des Gitarrenspiels hat deine Karriere am meisten beeinflusst?

Wahrscheinlich die Bereitschaft, ständig neue Dinge zu lernen. Als wir mit 16 unsere erste Band hatten, konnten wir uns keine Musikvideos leisten. Also haben wir uns irgendeine günstige Kamera besorgt und angefangen, selbst zu filmen. So bin ich überhaupt erst in die Videowelt gekommen. Dann brauchten wir plötzlich eine Website oder einen Webshop – also haben wir das eben auch gelernt. Im Laufe der Zeit entsteht dadurch ein riesiges Skillset aus ganz verschiedenen Bereichen, mit dem man heute als Einzelperson praktisch eine komplette Band organisieren kann.

Und Video ist tatsächlich neben Musik wahrscheinlich meine größte Leidenschaft geworden. Ich liebe es, eine visuelle Idee im Kopf zu haben und zu versuchen, sie umzusetzen. Für das Beyond-The-Shadows-Video saß ich zum Beispiel mit einem brennenden Buch und Halloween-Make-up im Schlafzimmer, weil ich genau dieses Bild im Kopf hatte. Und irgendwann sieht das Ergebnis dann tatsächlich fast genauso aus wie die Idee vorher. Das finde ich unglaublich spannend – egal ob musikalisch oder visuell.

Ist diese breite Aufstellung heutzutage vielleicht sogar die einzige Möglichkeit, als selbstständiger Musiker zu überleben?

Wahrscheinlich schon. Viele Leute sagen: „Ich wäre auch gern Profimusiker.“ Was sie oft eigentlich meinen, ist: „Ich würde gerne mit meiner eigenen Band und meinen eigenen Songs auf Tour gehen.“ Aber das ist erstmal kein Geschäftsmodell, sondern meistens ein Kostenapparat. Bei mir funktioniert es nur, weil viele verschiedene Dinge zusammenkommen: Touren, Unterricht, Workshops, Spotify, Musik für Film und Fernsehen, Online-Kurse, Studiojobs. Das ist wie ein Aktienportfolio. Wenn du nur eine einzige Einnahmequelle hast und die bricht weg, wird es schwierig. Wenn du breit aufgestellt bist, bleibt es stabiler. Und gerade eigene Musik kostet oft erstmal Geld. Viele unterschätzen das. Aber genau deshalb ist es wichtig, mehrere Standbeine zu haben.

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