Kirchentonleitern einfach erklärt – und wie du sie einsetzt

Kaum ein Thema schreckt Gitarristinnen und Gitarristen so sehr ab wie die Kirchentonleitern, auch als Modes bekannt. Dorisch, Phrygisch, Lydisch oder Mixolydisch – schon die Namen wirken kompliziert, und nicht selten endet der erste Kontakt mit den Modes in einem Berg aus Theorie, den man dann doch schnell wieder vergisst.

Dabei sind Kirchentonleitern eigentlich gar nicht so schwer. Noch wichtiger: Sie sind kein Selbstzweck. Niemand spielt einen Modus, bloß weil er einen komplizierten Namen hat. Vielmehr sind sie ein Werkzeug, das seine ganz eigenen Möglichkeiten mit sich bringt, um Melodien und Soli interessanter zu gestalten.

In diesem Artikel verzichten wir bewusst auf komplizierte Musiktheorie und erklären die Kirchentonleitern so, wie sie im Musikeralltag wirklich funktionieren.

Was sind Kirchentonleitern?

Zunächst einmal zur wichtigsten Frage, was Kirchentonleitern überhaupt sein sollen. Übrigens vorab: Nein, sie werden nicht nur für Sakralmusik in der Sonntagsmesse gebraucht 😉

Die Kirchentonarten sind verschiedene Tonleitern, die sich – genau wie eine Dur- oder Moll-Tonleiter – aus bestimmten Tönen zusammensetzen. Sie können ganz eigene Emotionen hervorrufen und bieten oft eine gute Abwechslung zu den sonst üblichen Dur- und Moll-Tonarten. Die Kirchentonarten bilden sich übrigens genau wie Dur und Moll auch aus jeweils sieben verschiedenen Tönen. Allerdings sind die Intervalle zwischen den einzelnen Tönen anders angeordnet. Im Grunde sind Kirchentonleitern also nichts anderes als verschiedene Klangfarben derselben Tonleiter.

Kirchentonarten herleiten leicht gemacht

„Puh, heißt das etwa, dass ich jetzt noch mehr Skalen büffeln muss?“ Die Antwort ist ein ganz klares: Nein! Wenn du eine Dur- oder Mollskala spielen kannst, kannst du im Endeffekt schon automatisch alle Kirchentonleitern spielen. Um zu verstehen, wie das funktioniert, schauen wir uns folgendes Beispiel an:

Nehmen wir zunächst die Töne der C-Dur-Tonleiter:

C – D – E – F – G – A – H – C

Wenn wir die Töne von C bis C spielen, hören wir ganz klar eine C-Dur-Tonleiter, die natürlich super passt, wenn wir eine Lead-Stimme über ein Stück in C-Dur spielen. So weit, so gut. In dieser Tonskala steckt allerdings weit mehr als nur die C-Dur-Tonleiter. Wir können nämlich auch dieselben Töne nehmen, sie allerdings etwas anders anordnen, sodass beispielsweise der Ton A unser Start- und Endpunkt wird:

A – H – C – D – E – F – G – A

Und schon haben wir A-Moll. Die beiden Tonarten C-Dur und A-Moll teilen sich also denselben Tonvorrat.

Unser Griffbild für die A-Mollskala in der 5. Position und die C-Durskala an gleicher Stelle sind also völlig identisch:

C-Dur auf dem Griffbrett
A-Moll auf dem Griffbrett

Das heißt in der Praxis: Wer eine Durskala spielen kann, kann automatisch auch Moll spielen. Man muss die Skala nur zwei Töne vorher anfangen und beenden.

Was passiert allerdings, wenn wir alle anderen Töne aus der Skala als Bezugstöne ausprobieren? Richtig, wir erhalten unsere Kirchentonarten. Wenn du also bereits die Dur- oder Moll-Skala ganz gut beherrschst, kannst du dich ab hier ganz entspannt zurücklehnen und in Ruhe die exotischen Klangfarben der Kirchentonarten erkunden, ohne neue Skalen lernen zu müssen 😉

D, wie Dorisch

Fangen wir mit der zweiten Stufe von C-Dur an, nämlich dem Ton D, um Dorisch zu erhalten:

D –E – F – G – A – H – C – D

Wenn wir die Töne hintereinander von D bis D spielen, klingt es fast schon wie eine Mollskala. Allerdings ist ein Ton unterschiedlich: Das H. D-Dorisch passt also sehr gut zu D-Moll, bringt durch diesen einen Tonunterschied allerdings auch Anleihen der D-Dur-Skala mit sich. Dorisch lässt sich aus klanglicher Sicht daher ganz gut als ‚etwas optimistischer klingendes Moll‘ beschreiben.

D-Dorisch auf dem Griffbrett
D-Dorisch in 5. Position

Tipp: D-Dorisch kannst du gut mit einem D-Moll-Akkord und einem G-Dur-Akkord begleiten. Vor allem, wenn der Ton H der Skala zum G-Dur-Akkord gespielt wird.

Berühmte Beispiele für Dorisch:

  • Scarborough Fair – Simon & Garfunkel
  • Riders on the Storm – The Doors
  • What Shall We Do with the Drunken Sailor – traditionelles Shanty

Phrygisch – Zwischen Orient und Metal

Die nächste Tonart, die sich ergibt, wenn wir unsere C-Dur-Skala von E bis E spielen, nennt sich Phrygisch:

E – F – G – A – H – C – D – E

Phrygisch zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass zwischen dem Grundton E und dem zweiten Ton F nur ein Halbtonschritt liegt. Das gibt Phrygisch seine ganz besondere Würze, die der Tonart etwas Orientalisches und Geheimnisvolles gibt. Kein Wunder, dass vor allem die Metalheads Phrygisch gerne nutzen, um ihren Leads einen dunklen und exotischen Touch zu verleihen. Aber auch spanisch anmutende Melodien greifen gerne auf diesen Modus zurück.

E-Phrygisch auf dem Griffbrett
E-Phrygisch in 5. Position.

Tipp: Da Phrygisch – bis auf den Halbtonschritt am Anfang – viele Überschneidungen mit der Mollskala aufweist, passt es besonders gut zu Moll-Akkorden. In E-Phrygisch kannst du gut die Akkorde E-Moll und F-Dur gut verwenden.

Berühmte Beispiele in Phrygisch:

  • A Place for My Head – Linkin Park
  • Candy Shop – 50 Cent
  • Wherever I May Roam – Metallica

Lydisch – Dur in der Schwebe

Von F bis F ergibt sich als nächstes dann Lydisch. Lydisch ist im Endeffekt eine Durskala, allerdings mit einer übermäßigen vierten Stufe, die man auch die „lydische Quarte“ nennt:

F – G – A – H – C – D – E – F

Dadurch ergibt sich ein sogenannter Tritonus zwischen dem Grundton F und dem Ton H, der den lydischen Modus so besonders macht. Lydisch hat einen verträumten und schwerelosen Charakter, daher nutzen Filmkomponisten diesen Modus gerne, um weite, offene und große Klangfarben zu erzeugen.

F-Lydisch auf dem Griffbrett.
F-Lydisch in der 5. Position.

Tipp: Lydisch ist eng mit der jeweiligen Dur-Tonart verwandt. Allerdings verändert die erhöhte vierte Stufe die Verwendung der anderen Akkorde. Ein gute Ansatz ist es, den Grundakkord F-Dur und den der zweiten Stufe G-Dur zu spielen, da im G-Dur der lydische Ton H enthalten ist.

Berühmte Beispiele in Lydisch:

  • Jurassic Park Theme – John Williams
  • Maria aus West Side Story – Leonard Bernstein
  • The Riddle – Steve Vai

Mixolydisch – Der Rock-Klassiker

Von G bis G ergibt sich dann Mixolydisch auf G:

G – A – H – C – D – E – F – G

Mixolydisch ist nach Dur und Moll eine der am häufigsten verwendeten Tonarten in der Rockmusik. Der mixolydische Modus ist im Endeffekt eine Dur-Skala ohne Leitton, da der letzte Schritt vom siebten Ton zum G ein Ganzton, also zwei Bünde weit ist. Das verleiht ihm seinen offenen und rauen Charakter, der ideal zu Rock, Jazz und Blues passt.

G-Mixolydisch auf dem Griffbrett.
G-Mixolydisch in der 5. Position.

Tipp: Mixolydisch kann problemlos über die entsprechenden Dur-Akkorde gespielt werden. Durch die kleine Sieben passt der Septakkord des Grundtons – in unserem Fall G7 –besonders gut.

Berühmte Beispiele in Mixolydisch:

  • Norwegian Wood –The Beatles
  • Wild Thing – The Troggs
  • Watermelon Man –Herbie Hancock

Lokrisch – der sonderbare Exot

Da wir bereits wissen, dass sich von A bis A die Mollskala ergibt und über die Mollskala sicherlich bereits genug gesagt worden ist, kommen wir direkt zur nächsten und letzten Skala: Lokrisch. Lokrisch ergibt sich, wenn wir die C-Durtöne von H bis H spielen:

H – C – D – E – F – G – A – H

Lokrisch wird tatsächlich nur sehr selten verwendet, da es sehr instabil ist und auch klanglich eher als ‚acquired Taste‘ zu bezeichnen ist. Während die anderen Kirchenmodi noch ganz klare Verwandtschaft zu den jeweiligen Dur- oder Moll-Skalen aufweisen und sich lediglich in einem Ton von ihnen unterscheiden, verändert H-Lokrisch gleich zwei Töne im Vergleich zur H-Moll-Skala. Dadurch ist diese Tonart sehr schwer in unsere Dur/Moll-Gewohnheiten zu implementieren und findet allenfalls Anwendung im Jazz oder Progressive Metal.

H-Lokrisch auf dem Griffbrett.
H-Lokrisch in der 5. Position.

Tipp: Wenn du Lokrisch begleiten möchtest, funktionieren am ehesten Mollakkorde mit verminderter Quinte. Das heißt, dass du beispielsweise den H-Mollakkord nicht als H – D – F# spielst, sondern stattdessen H – D – F.

Berühmte Beispiele in Lokrisch:

  • Army of Me –Bjärk
  • Duality –Slipknot
  • YY – Rush

Ionisch & Äolisch –altbekannte Klassiker

Zwei Modes haben wir bewusst ausgelassen, da du sie sicherlich schon kennst: Ionisch und Äolisch. Ionisch erhältst du, wenn du die C-Dur-Skala von C bis C spielst. Äonisch ergibt sich, wenn du sie von A bis A spielst. Ionisch ist also lediglich ein anderer Name für Dur, und Äolisch ein anderer für Moll.

Muss ich die Kirchentonleitern alle auswendig kennen?

Auch hier ein klares: Nein! Wie du bereits gemerkt hast, reicht die Kenntnis über eine gewöhnliche Dur- oder Mollskala völlig aus, um alle Kirchentonarten spielen zu können. Du musst dir lediglich merken, von welchem Ton der Skala aus du spielen musst, um die jeweilige Kirchentonart zu erreichen. Und auch hier lohnt es sich, wenn du dich zunächst auf die einfacheren Tonarten konzentrierst, die am häufigsten Anwendung finden:

  • Dorisch
  • Mixolydisch
  • Lydisch

Mache dich mit den jeweiligen Klangwirkungen der Skalen vertraut und experimentiere ein wenig mit ihnen. Beispielsweise mithilfe eines Looper-Pedals, um Skalen zu bestimmten Akkorden zu testen. So kannst du gut herausfinden, ob ein gewisser Modus für deine eigene Musik geeignet ist oder nicht.


Affiliate Link:

Fame Looper

Fazit

Kirchentonleitern sind nicht nur weitaus simpler als gedacht. Sie eignen sich auch wunderbar, um die überwiegend durch Dur und Moll geprägte Musiklandschaft um einige interessante Klangfarben zu bereichern und das nächste Solo oder den nächsten Song etwas interessanter zu gestalten. Wenn du die einzelnen Modes ausprobierst, wirst du nämlich schnell merken, dass jede Tonart ihren ganz eigenen Charakter hat. Selbstverständlich solltest du hier immer mit den Ohren voran gehen und nicht allzu verkopft arbeiten: Spiele entspannt zu Backing Tracks, experimentiere mit den Skalen und finde deinen eigenen Ausdruck in ihnen, um der nächsten Improvisation das gewisse Etwas zu verleihen.

Auch interessant:

Kirchentonleitern einfach erklärt – und wie du sie einsetzt

Kaum ein Thema schreckt Gitarristinnen und Gitarristen so sehr ab wie die Kirchentonleitern, auch als [...]

> WEITERLESEN
10 häufige Fehler beim Kauf einer Akustikgitarre

Du spielst Akustikgitarre und möchtest dir nun dein erstes Instrument kaufen? Glückwunsch, denn nun startet [...]

> WEITERLESEN
Gitarrenpflege im Sommer: So schützt du deine Akustikgitarre

Der Sommer lockt mit Gartenpartys, Lagerfeuern und entspanntem Urlaub am Strand. Die ideale Gelegenheit also, [...]

> WEITERLESEN
Dicke oder dünne E-Gitarren-Saiten? So beeinflusst die Saitenstärke Sound & Spielgefühl

E-Gitarren-Saitenstärken erklärt: Dünne Saiten, dicke Saiten und der richtige Satz für deinen Sound Kaum ein [...]

> WEITERLESEN
Passive vs. aktive Tonabnehmer: Mythen, Fakten und die wichtigsten Unterschiede

Aktive oder passive Tonabnehmer? Unterschiede, Vorteile und Mythen im Faktencheck Wer sich früher oder später [...]

> WEITERLESEN
Riff Lab: LENNY KRAVITZ „Always On The Run“ (Noten + Tabs)

Als 1991 die erste Single von Lenny Kravitz’ zweitem Album ‚Mama Said‘ erschien, war schnell [...]

> WEITERLESEN
Wie du schneller Barré-Griffe lernst

Wenn du gerade Gitarre lernst, kommt früher oder später dieser eine Moment, der alles verändert. [...]

> WEITERLESEN
Hall, Room, Spring, Plate & Shimmer – die wichtigsten Reverb-Typen erklärt

Einer der ersten Effekte, mit denen wir Gitarristinnen und Gitarristen meist direkt nach der Zerre [...]

> WEITERLESEN
Riff Lab: JOHN MAYER „Who Did You Think I Was“ (Noten + Tabs)

Mit der Gründung des John Mayer Trio wagte John Mayer Mitte der 2000er-Jahre einen deutlichen [...]

> WEITERLESEN

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert