Vom Fehler zum Welterfolg: Wie berühmte Gitarrensounds wirklich entstanden

Marshall Gitarrenlautsprecherbox mit Verstärker in Tonstudio. Samuel Jerónimo

„Happy little accidents“ – so nannte Kultmaler Bob Ross all die kleinen Unwägbarkeiten, die einem Künstler in kreativen Prozessen häufig begegnen. Ein ungewollter Pinselstrich oder ein falsch gewählter Farbton müssen nicht unbedingt das große Unglück sein, stattdessen vielmehr Anlass zu neuen kreativen Perspektiven, die einem Kunstwerk ihren ganz eigenen Charakter verleihen können. Mit diesem Ansatz lehrte Bob Ross nicht nur mit Farben und Leinwänden, sondern auch mit Fehlern richtig umzugehen.

Selbstverständlich sind auch wir Gitarristinnen und Gitarristen vor solchen Eventualitäten nicht gefeit. Vielmehr ist so manche Legende im Laufe ihrer Karriere über ihre ganz eigenen „Happy little accidents“ gestolpert, die den Weg zum einen oder anderen ikonischen Sound ebneten. Im folgenden Betrag schauen wir uns die berühmtesten Beispiele an, die eindrucksvoll zeigen, dass der perfekte Sound nicht immer von Anfang an im Kopf entstehen muss!

Dire Straits – „Money for Nothing“ und der Zufall vor dem Lautsprecher

Das Intro-Riff von „Money for Nothing“ der Dire Straits gehört ganz klar zu den bekanntesten Gitarrensounds der 1980er-Jahre. Als Mark Knopfler und Engineer Neil Dorfsman im Studio auf der Karibikinsel Montserrat nach dem passenden Gitarrensound suchten (und hier auch zufälligerweise Besuch von Sting bekamen), schwebten ihnen ursprünglich Sounds im Stile von ZZ Tops Billy Gibbons vor. Das Geheimnis hinter dem ikonischen Intro-Sound lag jedoch weniger in akribischer Equipment-Planung und mehr im Zufall begründet.

Mark Knopfler und Neil Dorfsman
Mark Knopfler und Neil Dorfsman im Studio auf Montserrat. (Bild: neildorfsman.com)

Während der Session waren die Mikrofone zum Zeitpunkt der Aufnahme nämlich noch nicht richtig vor dem Gitarrenlautsprecher positioniert. Wie Dorfsman im Interview mit Sound on Sound die Szene beschrieb, zeigte ein Mikrofon auf den Boden, das andere „irgendwo anders hin“. Diese Anordnung sorgte allerdings für eine ganz bestimmte Phasenverschiebung, das Resultat ein markant nasaler Gitarrenton, der fast schon wie ein festgestelltes Wah-Wah klang, aber doch mit ganz eigenem Charme daher kam. Dorfsman berichtete später, dass der charakteristische Sound bei späteren Sessions trotz dokumentierter Einstellungen nicht mehr exakt reproduziert werden konnte.

Damit wurde aus einem glücklichen Zufall ein Sound, der heute untrennbar mit den Dire Straits verbunden ist. Wer weiß, was aus dem Intro geworden wäre, hätte man die Mikrofone von Anfang an ‚korrekt‘ aufgestellt.

The Beatles – Verzerrung direkt aus dem Mischpult

Dass Gitarrenverzerrung nicht immer mit voll aufgerissenen Marshalls oder Fuzz-Pedalen zu tun hat, haben die Beatles mit „Revolution“ eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Für den extrem aggressiven Gitarrensound der Single-Version wurde nach der bekannten Darstellung von Abbey-Road-Engineer Geoff Emerick das Gitarrensignal direkt in das Mischpult geschickt und dessen Vorverstärker massiv übersteuert. Dadurch entstand ein ungewöhnlich harsches Clipping, das mit einem klassischen Röhrenamp nur schwer zu vergleichen ist. Die Beatles nutzten schließlich diesen brachialen Sound, um dem revolutionären Charakter des Tracks Ausdruck zu verleihen. Andere Beteiligte erinnerten sich später allerdings abweichend an die Verwendung übersteuerter Gitarrenverstärker. Da selbst die berühmtesten Studiosounds nicht immer eindeutig dokumentiert sind, lässt sich heute leider nicht mehr sicher sagen, was hinter dem einzigartigen Revolver-Sound tatsächlich stand.

Interessanterweise gingen einige Hörer damals davon aus, dass ihre Platte kaputt sein müsse und tauschten sie kurzerhand um. Dennoch ist die Zerre als solches bereits ein wunderbares Beispiel dafür, dass etwas, das ursprünglich allenfalls als Aufnahmefehler galt, irgendwann zum festen musikalischen Gestaltungsmittel wurde, das ganze Genres vom frühen Rock bis zum modernen Metal geprägt hat.

Dass die Beatles im Rahmen ihrer Kultsongs auch sonst gerne mit Fehlern, Zufällen und Imperfektionen spielten, beweisen übrigens auch die Vocals auf dem Track: Zur Betonung bestimmter Stellen sang John Lennon Dopplungen auf einer separaten Gesangsspur ein, die allerdings nicht immer ganz fehlerfrei waren. Dennoch fanden sie ihren Weg aufs Master Tape der Single-Version, um dem Song seine klangliche Spontanität zu verleihen.

Eddie Van Halen’s Brown Sound – Nährboden für zahlreiche Gerüchte

Eddie Van Halen
Der Mann hinter dem Sound: Eddie Van Halen (Bild: evhgear.com)

Apropos Zerre: ein weiterer unsterblicher Sound, der das Produkt ganz besonderer Umstände war, ist Eddie Van Halens einzigartiger Gitarrenton. Genauer genommen der Sound, der heute allgemeinhin als Brown Sound bekannt ist. Hierum rankten sich im Laufe der Jahre allerdings zahlreiche Mythen und Gerüchte, an deren Entstehung sein Erschaffer selbst teilweise nicht ganz unschuldig war.

Zunächst einmal zum Begriff selbst: Eddie Van Halens Brown Sound gibt es eigentlich gar nicht. Zumindest nicht als Gitarrensound. Den Begriff prägte Eddie zwar tatsächlich, bezeichnete damit allerdings ursprünglich den Drum-Sound seines Bruders Alex. Seine Snare-Drum klang für ihn nämlich so, als würde man gegen einen Holzklotz schlagen. Daher auch die Assoziation mit der Farbe Braun. Dennoch verfing der Begriff und wandelte sich in den folgenden Jahren zur allgemeingültigen Bezeichnung für Eddies ikonischen Gitarrensound.

Overvolten oder Undervolten?

Ein anderes Gerücht, das sich um den Brown Sound rankt, wurde tatsächlich vom Meister selbst in die Welt gesetzt. Eines, das für viele Gitarristen und ihr Equipment tatsächlich leider nicht ganz folgenlos war.

Und zwar geht es um die Frage, wie Eddie Van Halen seinen Brown Sound überhaupt erschuf. Die tatsächlich wahre Geschichte dahinter geht so: Eddie kaufte sich damals einen 100 Watt starken Marshall Super Lead, der allerdings für das britische Stromnetz ausgelegt war und eine Betriebsspannung von 240 Volt benötigte. Nach einigen missglückten Experimenten mit Lichtdimmern besorgte er sich schließlich einen Stelltransformator bzw. Variac, dessen ausgehende Spannung stufenlos einstellbar war. Durch das Herunterdrehen der Spannung auf 60 bis 90 Volt fiel Eddie auf, dass der ohrenbetäubend laute Amp trotz aufgerissenem Volume-Regler nicht nur leiser wurde, sondern auch einen weitaus satteren, dichteren Zerrsound erzeugte.

Marshall 1959 Super Lead
Marshall 1959 Modified Super Lead.

Die damals vorherrschende Rock-Mentalität des ‚Höher, schneller, weiter‘ passte aber nicht so ganz damit zusammen, dass ein Rockstar sein Equipment mit weniger Spannung betreibt. Also hörte er auf den Rat seines Bandkollegen David Lee Roth, die Wahrheit ein wenig zu beschönigen und erzählte daher in Interviews stolz: „Ich habe den Amp an den Variac angeschlossen, die Spannung auf 140 Volt hochgeprügelt und zugesehen, wie die Röhren schmelzen!“ Kein Wunder, dass nicht wenige Van-Halen-Fans dem Ratschlag folgten und durchgebrannte Marshall-Tops das Resultat waren. Eine Lüge, die Eddie in späteren Interviews bitter bereute: „Ich habe mich so verdammt beschissen gefühlt, Mann. Alle haben ihre Amps wegen mir gegrillt. Danach habe ich nie wieder gelogen.“


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Marshall 1959 Modified Super Lead

Black Sabbath – Tony Iommis folgenreicher Unfall

Der folgende Vorfall hätte die Karriere einer ganz bestimmten Band sicherlich abrupt beenden können, noch bevor sie überhaupt gestartet ist. Stattdessen gab er ihr ihren ganz besonderen Twist, der letztendlich zur Geburt des Heavy Metal führen sollte. Die Rede ist natürlich vom legendären Sound des Black-Sabbath-Gitarristen Tony Iommi.

Als Tony Iommi 1965 im Alter von 17 Jahren in einer Stahl- und Walzblechfabrik arbeitete, geriet er mit seiner rechten Hand in eine Blechpresse und verlor so die Fingerkuppen seines rechten Mittel- und Ringfingers. Da seine Greifhand als Linkshänder nun maßgeblich eingeschränkt war, konnte er nicht mehr auf herkömmliche Weise Gitarre spielen. Dennoch gab er nicht auf und fand stattdessen eine Lösung, die ihm nicht nur das Gitarrenspiel wieder ermöglichte, sondern auch zufällig den Weg zum einzigartigen Sabbath-Sound bereitet hat.

Tonys Inspiration, die Gitarre nach seinem Unfall nicht an den Nagel zu hängen, bezog er tatsächlich von einer Aufnahme der Gypsy-Jazz-Legende Django Reinhardt, die ihm ein Freund vorspielte. Obwohl Django durch einen Wohnwagenbrand nur noch zwei Finger seiner Greifhand benutzen konnte, ließ er sich keineswegs aufhalten, einer der größten Jazz-Gitarristen des 21. Jahrhunderts zu werden.

Um mit seiner verletzten Hand dennoch spielen zu können, wurde Tony also erfinderisch: Zunächst verwendete er künstliche Fingerkuppen aus Kunststoff, die er sich aus einer alten Spülmittelflasche und mithilfe eines Lötkolbens formte. Zusätzlich wechselte er zur Reduktion der Saitenzugkraft auf dünnere Banjo-Saiten, die er drei Halbtöne unter Standard-Stimmung stimmte. Das Resultat war der ikonisch schwere, düstere Sound, der nicht nur die Band Black Sabbath, sondern auch den Heavy Metal als solches bis heute nachhaltig geprägt hat.

Fazit – Gitarrensounds als Zufallsprodukt

Die genannten Beispiele zeigen recht deutlich, dass nicht jeder Sound immer vollständig planbar ist und am Reißbrett entstehen muss. Oft sind es nämlich die kleinen Zufälle, Unachtsamkeiten und sogar Unfälle, die überhaupt erst dafür sorgen, dass wir unsere Herangehensweise an das Gitarrenspiel anpassen müssen und so zu neuen Blickwinkeln gelangen, welche Sounds letztendlich möglich sind. Nicht zuletzt die Verzerrung als wohl berühmtester Gitarreneffekt begann zunächst als ‚technische Unzulänglichkeit‘ damaliger Verstärker und Mischpulte, bevor sie letztendlich zum ikonischen Stilelement der E-Gitarre wurde.

Insofern ist es also nie verkehrt, immer auch abseits der üblichen Wege und Herangehensweisen zu schauen und stattdessen ein wenig mehr zu experimentieren. Denn manchmal trennt einen Aufnahmefehler von einem legendären Gitarrensound nur, dass jemand rechtzeitig sagt: Lass es genau so!

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