Diesmal mit MAREILLE MERCK und ihrer Band LARUS, Kontrabassistin ATHINA KONTOU & MOTHER, dem niederländischen KIKA SPRANGERS QUINTET und dem Duo CLAUS BOESSER-FERRARI & ELLIOTT SHARP.
Die Gitarre im Hintergrund ist eine Gibson ES-125TC von 1961 mit originalem Koffer. TC steht für Thinline Cutaway.
MAREILLE MERCK LARUS: LIVE IN KÖLN 2026
Ein warmer E-Gitarrenton mit deutlichem Hall-Anteil, ein kraftvoller Kontrabass-Sound, der fast noch im Raum vor allem anderen steht, und darunter ein wirbelndes, leicht nervöses, treibendes Schlagzeug, das wie der Zug wirkt, in dem diese Band zusammenspielt. Der Zug war allerdings der Kölner Jazz-Tempel LOFT, eine statische Location im dritten Stock eines Hinterhofgebäudes im Stadtteil Ehrenfeld. Hier sind schon viele großartige Live-Aufnahmen entstanden, die aber nicht immer wie solche klingen. Die 1996 in Stralsund geborene und in der Schweiz lebende Gitarristin Mareille Merck hat ihre Band Larus nach zwei Studio-Alben vor einiger Zeit neu besetzt: Mit Louise Knobil (*1998) und Hendrik Eichler (*1993) an Kontrabass und Schlagzeug hat sie am 12. Mai 2026 sechs eigene Kompositionen eingespielt.
Diese Band kommt organisch rüber, und dass Track 3, ,Solarplexus‘, eine freie Improvisation ist, denkt man nicht. Vermutlich sind so einige Jazz-Rock-Kracher der 1970er-Jahre auf diese Art entstanden. Mareille Merck kontrastiert schwebende Flageoletts mit verzerrten, riffigen Gitarrenlinien. Louise Knobils Kontrabass klingt hier noch deeper, und Drummer Hendrik Eichler geht voll dynamisch mit nach vorne. Ob das die Stärke dieser Band ist, weiß ich nicht – aber es ist eine andere Farbe, die Spaß macht.
Die Kompositionen von Mareille Merck bieten ansonsten eher warme Stimmungen, mit schönen Harmonien, dezent retromethenyesken Voicings und Arpeggios, aus der Frühzeit dieser mehrere Generationen inspirierenden und später auch mal irritierenden Jazz-Ikone. Sorry, Pat. 😂 Track 5, ,Konturen‘, gefällt mir in seiner Transparenz mit am besten. Louise Knobils großartiger Bass steht wieder ganz vorne, das Schlagzeug sorgt absolut minimalistisch an den Cymbals für Hochspannung, und die Gitarristin versucht erst gar nicht, ihre Komposition mit einem hyperventilierenden Solo zu überbieten. Irgendwie macht das ihre Herangehensweise aus: Mareille Merck klingt in ihren Soli oft so, als wolle sie fragmentieren, die Zutaten offenlegen um darüber an die Essenz eines Stücks zu kommen.

Dann ist da noch ,Camel‘, eingeleitet von einem weiteren improvisierten Bass-Intro – und dann geht es ab: Die verzerrte Gitarre wechselt in einem Synth-ähnlichen Sound, und der großartige Hendrik Eichler groovt wie Billy Cobham auf Marschierpulver. ,Camel‘ ist für Mareille mit besonderen Erinnerungen verknüpft: 2020 hatte sie die Gelegenheit, diese Komposition gemeinsam mit John McLaughlin, live in Montreux zu spielen. Und dann riss ihr, kurz vor ihrem Solo, eine Saite … „Was für ein Schock!“, erzählt Mareille. „Mir blieb nichts anderes übrig, als John mit Handzeichen quer über die große Bühne zu signalisieren, dass ich nicht starten kann und zu hoffen, dass er die erste Improvisation übernimmt, damit ich in der Zwischenzeit meine Gitarre wechseln kann. Es hat alles knapp geklappt und ich war gerade rechtzeitig bereit, um mein Solo zu spielen. Natürlich voller Adrenalin und es gab keine Zeit mehr, um sich Gedanken darüber zu machen, dass John McLaughlin direkt vor mir ein fantastisches Solo gespielt hat. Ich habe also einfach drauflos gespielt, ohne zu viel nachzudenken. Und ich habe es überstanden! Schlussendlich war das ein tolles Erlebnis und hat mein weiteres Schaffen sehr geprägt.“
ATHINA KONTOU MOTHER: BERATI
Vier Jahre ist es her, dass die in Köln lebende Musikerin Athina Kontou mit ihrem Projekt „Mother“ und dem Debüt-Album ,Tzivaeri‘ (2022) Begeisterung auslöste. Jetzt hat sie ,Berati‘ veröffentlicht, und wieder stehen die Musiktraditionen Nordgriechenlands, Kretas und Armeniens dem Jazz gegenüber – und spielen miteinander.
Mother sind neben Kontrabassistin Athina Kontou, die Altsaxophonistin Luise Volkmann, Schlagzeuger Dominik Mahnig und Julius Windisch, der seinen Instrumentalklang mit Modifikationen am Piano erweitert. Alle ganz starke Stimmen der zeitgenössischen europäischen Improvisationsmusik.
Diesem formal klassischen Jazz-Quartet-Setting wurden aber noch weitere Farben geschenkt, einmal von der in zwei Stücken zu hörenden Sängerin Erini, und vom in vier der zehn Album-Tracks mitspielenden deutsch-kurdischen Bağlama- und Lavta-Spieler Koray Berat Sari. Seine klassischen Saiteninstrumente gehören zur Lauten-Familie; die Bağlama oder Saz ist eine Langhalslaute und aus der türkischen Musik bekannt, die Lavta oder Louta ist das Pendant als Kurzhalslaute und als Zupfinstrument vor allem in der klassischen türkischen und griechischen Musik verbreitet.
Der Titel des Albums – ,Berati‘ – bezeichnet einen traditionellen Tanz aus der Region Epirus und „steht symbolisch für die Ursprünglichkeit einer Musik, die sich nicht in starre Grenzen pressen lässt. ,Berati‘ verweist auf eine Landschaft, in der kulturelle Räume ineinander übergehen: Volkslieder, Eigenkompositionen und Improvisation verschmelzen zu einem organischen Ganzen“, lese ich im Info zum Album.

Dass es hier um kulturelle Begegnung geht, um die Auseinandersetzung mit eigenen familiären Wurzeln, Jazz-Identität, um kulturelle Mehrfachzugehörigkeit, ist offensichtlich. Athina Kontou hat aber auch diesmal wieder den sympathischen Ansatz, nicht über dieses Thema zu referieren, sondern eher die Hörenden als stille Busfahrerin mit auf eine Reise zu nehmen, die wunderbare Ausblicke und Klänge erleben lässt. Denn diese Musik ist absolut assoziativ, sofern man das zulässt – dann hat ,Berati‘ Soundtrack-Qualitäten. Man steigt ein, hört, fährt mit, sitzt am Fenster und staunt. Ein berührender, überwiegend ruhiger Trip durch unbekannte musikalische Landschaften, in denen man sich ganz schnell geborgen fühlt. Gelungen.
KIKA SPRANGERS: RIVER, RIVER
Ein anfangs undefinierbarer, sphärischer Raumklang, der sich langsam als eine Mischung aus Saxophon und extremem Delay und Reverb zu erkennen gibt – damit beginnt dieses Album: Vor Kika Sprangers‘ verfremdeten, repetitiven Licks improvisiert die Vokalistin Anna Serierse, und man denkt einen Moment lang an Pink Floyds ,The Great Gig In The Sky‘ von 1973, dann kurz an den Soundtrack zum französischen Kultfilm „Diva“ (1981), mit der berühmten Arie aus ,La Wally‘, gesungen von Wilhelmenia Wiggins Fernandez … Aber dann ist man schon im zweiten Album-Track, und jetzt sind die beiden Musikerinnen, begleitet von Koen Schalkwijk (p), William Barrett (b) und Wouter Kühne (dr), in einem konventionelleren Jazz-Klangbild zu erleben.
Die Musik der niederländischen Saxophonistin und Komponistin Kika Sprangers (*1994) hat Spektrum. 2025 hat sie den Edison Jazz Nationaal Award für ihr Album ,(In)finity‘ gewonnen. Das neue Album ,River, River‘ hat sie in den Wisseloord Studios mit Produzent Mete Erker und Toningenieur Ted Masseurs aufgenommen. Insbesondere die Kombination aus Gesangsstimme und Saxophon wurde sehr gelungen im Gesamtklangbild positioniert – immer irgendwo zwischen Lead-Stimme und dem weiten Raum. Ein zerbrechliches Meisterwerk, oft mit etwas Traurigkeit und ganz viel stillem Optimismus.

Und dann hat Kika Sprangers sich noch an den Klassiker ,Moon River‘ rangewagt, der von Henry Mancini & Johnny Mercer verfassten Ballade für den Film „Frühstück bei Tiffany“ – und daraus etwas Eigenes gemacht. Nicht ganz weit weg von der Vorlage, aber in eine andere Richtung schauend. Hier, und auch im Finale ,Dearest‘, spürt man die sehr eigene Handschrift dieser Band.
CLAUS BOESSER-FERRARI & ELLIOTT SHARP: IMMIGRANT’S NO SUITCASE
Claus Boesser-Ferrari, Jahrgang 1952, ist Gitarrist und Komponist, und hat seine Musik oft solo interpretiert. Er spielt bevorzugt akustische Gitarre, deren Sounds er aber häufig extrem verfremdet, einmal mit diversen Spiel- bzw. Anschlagtechniken, dann aber auch mit Hilfe von Tonabnehmern durch elektronische Effekte. Einige Geistesverwandte, mit denen Boesser-Ferrari bisher gearbeitet hat, waren Ralph Towner, Fred Frith, Marc Ribot, Marc Ducret, Eugene Chadbourne, Hans Reffert und zuletzt die Vokalartistin Jutta Glaser. Und Musik von Jimi Hendrix und Soundtracks von Martin Böttcher zu Karl-May-Filmen hat er auch schon interpretiert. Freigeist!
Der US-Amerikaner Elliott Sharp, geboren1951 in Cleveland, ist ohne Frage noch so ein freigeistiger Geistesverwandter, wenn es um extreme Gitarrenausflüge in die Abstraktion geht. Er gehört seit Ende der 1970er-Jahre zu den wichtigsten Playern der New Yorker Szene für experimentelle Klangkunst.
Jetzt haben die beiden Mittsiebziger sich zusammengetan um noch mal alles aus ihren Saiteninstrumenten rauszulassen. Ihr Alter ist hier insofern ein Thema, weil es belegt, dass Claus & Elliott ab den späten 1960er Jahren eine ganze Menge Umbrüche in der Musik bewusst miterlebt haben und damit sozialisiert wurden: Beat wurde Rock, swingender Jazz zu frei pulsierenden Experimenten, Miles Davis erfand den groovenden elektrischen Jazz-Rock-Funk und die europäische Szene fand Dank der Labels MPS, FMP, ECM, Enja, JazzHausMusik und ACT eigene Wege in wieder andere Freiheitsbegriffe.

Für ‚Immigrant’s NO Suitcase‘ haben sich Claus Boesser-Ferrari und Elliott Sharp mit Arbeiten des amerikanischen bildenden Künstlers und Autors Boris Lurie (*1924 +2008) beschäftigt. Der in Leningrad geborene Lurie wuchs in Riga auf und wurde nach der deutschen Besetzung Lettlands inhaftiert und in verschiedene KZs verschleppt. Er überlebte. Nach der Befreiung emigrierte Lurie 1946 mit seinem Vater in die USA und ließ sich in New York nieder, wo er seine Arbeit als Künstler begann.
Boesser-Ferrari und Sharp waren von dieser Biografie fasziniert und haben, inspiriert von einem Film von Rudij Bergmann, „The Art Of Boris Lurie“, einen Soundtrack zu Bildern und Collagen dieses Künstlers geschaffen. Ihren gemeinsamen Kompositionen und Er-Improvisationen haben sie in einem Track mit ,Morning Wind‘ Material des nationalsozialistischen Komponisten Hans Baumann gegenübergestellt, Autor eines Buchs mit martialischen Soldatenliedern – und mit ,Canon‘ des amerikanischen Jazz-Bassisten Charles Mingus, die Komposition eines Vertreters des Civil Rights Movement und Kämpfers gegen Rassismus und für die Menschenrechte. Statement!
Zwei akustische Gitarren, klanglich etwas erweitert durch Raumeffekte, no borders, no rules: Elliott Sharp und Claus Boesser-Ferrari zelebrieren hier die ganz große Gitarrenfreiheit, gelegentlich noch erweitert durch Sharps Saxophonspiel. Ein sehr eigenwilliger Free Music Trip. Aber intensiv.
