Mareille Merck ist eine Gitarristin, die sich nur schwerlich auf eine musikalische Richtung festlegen lässt. 1996 in Stralsund geboren und auf Rügen aufgewachsen, entdeckte sie als Jugendliche ihre Begeisterung für die Gitarre und den Jazz. Es folgten Studien in Weimar, Luzern und Zürich, unter anderem bei Wolfgang Muthspiel, Lionel Loueke und Frank Möbus. Inzwischen lebt die 30-Jährige in Zürich, unterrichtet Jazzgitarre an der Hochschule Luzern und hat sich längst auch international einen Namen gemacht. Sie stand mit John McLaughlin und Musikern von Snarky Puppy auf der Bühne, veröffentlichte 2024 ihr Soloalbum „Kaleidoskop“ und betreibt mit LARUS ein Trio, in dem Jazz, Fingerstyle und Rock ebenso selbstverständlich zusammenfinden wie ausgefeilte Kompositionen und freie Improvisation. Am 23. Oktober erschien mit „Live in Köln 2026“ die erste Veröffentlichung der neuen Triobesetzung mit Bassistin Louise Knobil und Schlagzeuger Hendrik Eichler. Merck ist eine ebenso neugierige wie reflektierte Musikerin, die sich intensiv mit Harmonielehre und ungewöhnlichen Spielkonzepten beschäftigt. Wir sprachen mit ihr über Perfektionismus, Spontaneität, die Suche nach neuen Klängen und ihre ungebrochene Faszination für die Gitarre.
INTERVIEW
Live-EP und Studio-Singles
Mareille, die neue Platte deines Trios ist eine Live-Platte in einer neuen Besetzung. Die Singles dazu habt ihr aber im Studio aufgenommen. Wie kam das?
Naja, es ist ja eine neue Besetzung einer Band, die es schon länger gibt. Da war es einfach an der Zeit, dass in dieser neuen Besetzung etwas veröffentlicht wird. Und die Frage ob live oder im Studio ist eine ästhetische Entscheidung. Für uns war es spannend, dieselben zwei Kompositionen sowohl im Studio als auch im völlig anderen Live-Setting aufzunehmen. Aber es klingt halt anders, und es hat sich besser angefühlt, auf der EP eine runde Livegeschichte zu haben und die beiden Studio-Singles separat zu veröffentlichen. Und die Arrangements sind zwar in beiden Fällen ungefähr gleich, aber die Versionen unterscheiden sich trotzdem. Erstens ist es ohnehin anders, wenn Leute zuhören, eine andere Energie, eine andere Atmosphäre, eine andere Soundsituation. Man geht es vielleicht auch etwas weniger perfektionistisch an, als wenn man im Studio sitzt und weiß: Hier kann ich noch einmal drüberspielen.
Ich finde immer, man spielt im Studio konzentrierter und dadurch ist es schwieriger diese Spontaneität, diese Energie im Studio hinzubekommen … Oder fällt dir das leicht?
Nein, ich empfinde das Studio als stressig. Ich finde es schwierig, mich davon zu lösen, an jede Kleinigkeit zu denken, die vielleicht anders war, als ich es geplant hatte. Mich darauf zu fokussieren und alles andere zu vergessen … Das ist eine sehr schwierige Situation. Live fällt mir das leichter. Aber ich habe mich mit den beiden so wohlgefühlt, dass es sich auch im Studio sehr musikalisch angefühlt hat.
Und andersherum: Wenn du einen Livemitschnitt hörst, denkst du dann: „Ach Mist, bei dem Solo geht die Energie flöten“ oder „Habe ich da danebengegriffen“?
Ich glaube, ich bin immer relativ kritisch mit mir selbst. Aber es hilft mir, wenn ich ein paar Wochen Abstand habe und noch einmal in Ruhe reinhöre. Dann fühlt sich vieles viel besser an, als ich im ersten Moment gedacht habe, als ich es gespielt habe. Ich denke, ein Livealbum oder eine Live-EP darf sich auch wie live anfühlen. Dann ist es sicher wichtig, dass man nicht ganz so streng perfektionistisch mit sich selbst ist, wie man es vielleicht bei einem Studioalbum wäre. Es soll ja schließlich live sein. Es wäre schade, wenn es komplett glattgebügelt und perfekt wäre, denn es soll wiedergeben, was dort passiert ist.
Unterricht und Inspiration
Was machst du abgesehen von diesem Trio musikalisch gerade?
Ich spiele nach wie vor viele Solokonzerte habe ja im letzten Jahr meine Soloplatte veröffentlicht. Und mit dem Trio arbeiten wir schon auf das nächste Studioalbum hin. Die Stücke fertigzuschreiben und in die Planung zu gehen, ist ein großer Teil dessen, was ich gerade mache. Das sind die zwei Hauptprojekte. Und ich unterrichte natürlich auch. Das macht mir viel Spass, kostet aber auch Zeit.

Wenn du die Stücke schreibst: Sind das dann lediglich Leadsheets wie im Real Book?
Nein, das sind sehr umfassende Noten, meistens mit einer ausgeschriebenen Bassstimme, Gitarrennoten und Gitarrentabulatur. Oft sind es ja Fingerstyle-Sachen, und die Melodien sind meistens ganz konkret ausgeschrieben. Dann ist es für mich am einfachsten, das in Tabs aufzuschreiben.
Kommst du eher von Tabulatur oder von Noten?
Ich liebe Notenlesen. Wenn man mir Noten hinlegt und sagt: „Zeig mir das mal“, dann bin ich glücklich und habe Spaß. Ich mag das total. Es ist mehr eine technische Sache: Wenn ich etwas ganz spezifisch komponiere, ist das für mich die genaueste Möglichkeit, es aufzuschreiben.
Du unterrichtest ja Jazzgitarre und ich vermute: Wenn man Dozentin ist, weiß man so ziemlich alles, was musiktheoretisch möglich ist oder gelehrt werden muss.
Das ist eine etwas gemeine Frage. Ich kann jetzt nicht Nein sagen. (lacht)

Das ist noch gar keine Frage. Du weißt wahnsinnig viel: Kann man sich dann noch mit neuen Akkordverbindungen überraschen?
Vielleicht nicht mit neuen Akkordverbindungen, aber mit neuen Konzepten. Es gibt ganz viele Konzepte, auch theoretische, von anderen Musikern, die ich total gerne mal auschecken würde. Ich habe das Gefühl, dass das nicht nur den spielerischen, sondern auch den musiktheoretischen Horizont enorm erweitern würde. Klar, die Basics sind begrenzt. Aber die verschiedenen Ansätze unterschiedlicher Leute werfen ein ganz anderes Licht darauf. Dann kann man wieder einen neuen Blick auf etwas bekommen, das man schon kennt.
Hast du dafür ein Beispiel?
Ich habe mir zum Beispiel schon länger vorgenommen, mich demnächst ein bisschen mit den Konzepten von Allan Holdsworth auseinanderzusetzen, mit seinen Soloideen und damit, wie er denkt und spielt. Es ist auch total spannend, die harmonischen Konzepte von Barry Harris auszuchecken.

Wie verhinderst du, dass du auf der Gitarre immer dieselben vertrauten Wege gehst, die dir gut in den Fingern liegen?
Ich versuche, von den Voicings wegzugehen, die ich kenne. Zum Beispiel überlege ich mir theoretisch: Ich möchte jetzt einen Moll-11-Akkord spielen. Kann ich die Reihenfolge anders aufbrechen, damit die Töne weiter auseinanderliegen? Wenn ich das mache, kann ich Umkehrungen bilden und finde vielleicht Griffe, auf die ich sonst nicht gekommen wäre.
Du bist ja nominell Jazzgitarristin, wenn auch mit erweitertem Horizont. Wie schätzt du das Verhältnis von Wissen und Musikalität ein? Im Jazz brauchst du beides, im Gegensatz zu Rock oder anderer Musik.
Ich denke, die Musikalität ist das Wichtigste. Man muss musikalisch sein, um mit anderen zusammen Musik zu machen. Doch man braucht auch Wissen. Je mehr ich mich weiterentwickeln möchte, desto mehr muss ich wissen. Das geht Hand in Hand. Aber ich muss das Wissen auch musikalisch umsetzen können. Wenn ich das nicht kann, mache ich keine Musik. Das ist also eng miteinander verzahnt, und darüber hinaus gibt es ja auch unbewusstes Wissen. Es gibt Situationen, in denen das Ohr mehr hört, als man selbst versteht, oder andersherum.

Marshall Bluesbreaker, Boss RC-5 Loop Station, Line 6 HX Stomp, Tone City Angel Wing, Boss CE-2W Chorus, TheGigRig QuarterMaster QMX2, Vemuram Jan Ray, 2x J. Rockett Audio Designs Archer, Boss OC-5 Super Octave, Dunlop Volume Pedal, Gamechanger Audio PLUS Pedal, Hotone Ampero Switch, Disaster Area Designs MIDI Baby 3 (Foto: Mareille Merck)
Du bist ja solo und im Trio unterwegs, also immer ohne weiteres Harmonieinstrument. Ist das eine bewusste Entscheidung?
Ich schließe andere Konstellationen nicht aus, aber die Triobesetzung ist schon eine bewusste Entscheidung. Ich glaube, ich bin wirklich ein Gitarrennerd und finde dieses Instrument einfach megatoll. Es macht mir Spaß, alles Mögliche auszuchecken, was man mit einer Gitarre machen kann. Und die Möglichkeiten sind besonders groß, wenn es Platz dafür gibt. Das mag ich.
Du hast, wie ich finde, für deine Spielweise und deinen musikalischen Kosmos die perfekt passende Gitarre für dich gefunden. Wie lange hast du die schon?
Seit ungefähr einem Jahr. Vorher habe ich meistens Strat gespielt, und jetzt eben Duesenberg. Ich hatte einen Gig auf Rügen, und ein Freund meines Vaters hat mir diese Duesenberg ausgeliehen, weil ich keine Gitarre mitnehmen konnte. Ich war total begeistert und habe danach immer überlegt, ob ich mir auch eine kaufe, aber noch ein bisschen gezögert. Irgendwann hat sich dieser Freund gemeldet und gesagt, er würde mir genau diese Gitarre verkaufen. Da habe ich sofort Ja gesagt. Seitdem fühle ich mich sehr wohl auf dem Instrument.
Mareille Merck Website

