THE TOBIAS HOFFMANN QUARTET: Musik, Minimalismus, Miles & mehr

Seit fast zwei Dekaden veröffentlicht der in Köln lebende Gitarrist Tobias Hoffmann eigene Alben. Angefangen hat der 1982 in Remscheid geborene Musiker mit der Formation „Tobias Hoffmann’s Fallschirme“, deren Debüt 2007 auf dem Label JazzHausMusik erschienen ist. Es folgten weitere Releases mit der Band Expressway Sketches, dem Tobias Hoffmann Trio und im Fall von ,Italy‘ 2023 auch mal nur unter seinem Namen. Als Sideman war Tobias unter anderem an Aufnahmen der Formationen Shake Stew, Max Andrzejewski’s Hütte, dem Frederik Köster Quartett und des Jan Phillip Trio beteiligt. Seit 2014 erscheint seine Musik beim Kollektiv-Label Klaeng Records, das Kölner Musiker in Eigenregie betreiben. Gegründet wurde das Klaeng-Jazzkollektiv von Pablo Held, Jonas Burgwinkel, Robert Landfermann, Frederik Köster, Niels Klein, Tobias Christl und Tobias Hoffmann – alles bekannte Jazz-Musiker aus der Kölner Musikszene.

TRIO PLUS

Tobias Hoffmann © Lothar Trampert

Nach der großartigen Veröffentlichung ,Start/Stop‘ (Klaeng Records, 2024) des Tobias Hoffmann Trio mit seinen langjährigen Weggefährten, dem Bassisten Frank Schönhofer und Schlagzeuger Jan Philipp, erscheint am 23.Oktober 2026 mit ,Makes You‘ ein Album von „The Tobias Hoffmann Quartet“. Der österreichische Keyboarder Benjamin Omerzell ist der vierte Mann dieser Besetzung. Tobias schreibt dazu: „Benjamin und ich kennen uns seit vielen Jahren aus anderen Projekten und waren uns musikalisch und persönlich immer sehr verbunden. Ich bin sehr glücklich über unsere Zusammenarbeit und wie sein außergewöhnlicher Zugang zur Hammond-Orgel den Sound dieses Albums prägt.“

Die Musiker haben dieses Album übrigens schon vor gut vier Jahren in der Fattoria Musica in Osnabrück aufgenommen. Wieso hat es so lange gedauert bis zur Veröffentlichung?

Tobias: „Die Aufnahmen haben sich sehr gut angefühlt und ich war mir sicher, dass ich die Musik als Album veröffentlichen möchte. Ich hab zu dem Zeitpunkt aber erstmal das Album ,Slow Dance‘ rausgebracht, dass auch schon, Pandemie bedingt, ein bißchen verspätet veröffentlicht wurde. Also habe ich mir erstmal unheimlich lange Zeit gelassen die Quartett-Takes auszuwählen und mit dem Mischen zu beginnen. Den richtigen Sound für den Mix zu finden war dann doch schwieriger als vermutet, und meine anderen Alben ,Italy‘ und ,Start/Stop‘ hatten das Quartett-Album in der Zwischenzeit überholt. Dann war ich mir eine Zeit lang garnicht mehr sicher, ob ich es überhaupt noch rausbringe, bis ich angefangen habe, es selbst zu mischen. Das hat mir dann noch mal Antrieb gegeben. Ich bin unheimlich froh, das noch gemacht zu haben, denn ich glaube, die Musik hat es verdient, auch wenn ich jetzt schon wieder an einem anderen Punkt bin. Aber ich habe auf jeden Fall unheimlich viel gelernt in diesem langen Prozess.“

MUSIC MAKES YOU

Bassist Frank Schönhofer © Lothar Trampert

Zur Musik: Sieben Tracks, 49 Minuten Spieldauer und ein buntes Digipak mit absolut KiKa-kompatibler Cover-Gestaltung – das sind die Eckdaten von ,The Tobias Hoffmann Quartet makes you …‘ – und das lässt schon mal vermuten, dass diese Jazz-Künstler nicht ganz humorfrei unterwegs sind.

Ganz schwerfällig beginnt der erste Track. Zu eigenwillig groovendem Schlagzeug und einer sich wiederholenden Tonfolge von der Hammond soliert der originellste Bassist Kölns (mindestens!), Frank Schönhofer, mit seinem knochigen Trademark-Sound. Sein roter Jolana Bass, ein altes tschechisches Instrument, ist ein Unikum. Frank hat auf dem ganzen Album nur diesen semiakustischen Jolana-Bass eingesetzt, den er seit dieser Zeit auch immer im Trio spielt.

Frank Schönhofers Bass-Gear

Die E-Gitarre, mit Flatwound-Saiten und Slapback-Delay, stellt das Thema vor, das Tobias Hoffmann dann gleich noch ein bisschen durch den Wolf dreht, in Akkorde wechselt, um dann den Mann an der Hammond, Benjamin Omerzell, die Tasten schmatzen zu lassen. Und dann kommt das eigentliche Gitarrensolo: ,Tumble‘ heißt purzeln oder straucheln, und die Vintage-Krimi-Atmosphäre lässt bei mir unwillkürlich Kommissar 00 Schneider durchs Bild schlurfen …

,Drown‘, also „Ertrinken“, ist da erfahrungsgemäß schon ein ernsteres Thema. Tobias Hoffmanns Intro in diesem zweiten Album-Track ist unglaublich laidback und zeigt sehr schön den warmen, dezent knochigen Sound seiner Gitarre. Und wieder schleicht sich die Orgel mit nur wenigen, stehenden Tönen von hinten an. Keyboarder Benjamin Omerzell passt perfekt zu dieser Band, deren zarten Minimalismus mit gelegentlichem Explosions-Potenzial er verstanden hat, mitträgt und bereichert.

Old Craftsman Swingmaster von 1960

Zuletzt habe ich Tobias Hoffmann mehrfach mit seiner skurrilen Old Craftsman Swingmaster von 1960 gesehen, einer semiakustischen Gitarre, made in USA, die von Kay gebaut wurde. War dieses Instrument auch bei ,Drown‘ im Einsatz?

„Nein, auf dem ganzen Album hört man nur meine blaue Fender Jaguar“, erzählt Tobias. Die Fender Jaguar ist auch im Video zu sehen. „Erstaunlich eigentlich wie ähnlich sich diese Gitarren dann doch klingen, obwohl sie so unterschiedlich gebaut sind. Ich glaube das liegt hauptsächlich an den uralten Flatwound-Saiten die ich spiele. Die machen einfach sehr viel von dem Klang aus; und natürlich, dass das immer ich bin, der da spielt. Auch auf ,Start/Stop‘ war die Jaguar bei zwei Stücken zu hören und man hört wenig Unterschied zur Old Craftsman.“

Und welche Gitarren, Amps und Effekte waren auf dem neuen Album sonst noch im Einsatz?

„Wie gesagt nur die Fender Jaguar, mein geliebter Fender Deluxe Reverb aus den 70ern. Ein Combo-Amp mit dem Weber 12A125A Speaker, meinem Lieblings-Speaker! Und meine üblichen Pedals: Boss Tuner, Greer Amps Lightspeed als Booster, der immer an ist, Vemuram Jan Ray Overdrive, Lehle Volume Pedal, Red Panda Tensor Looper, Ibanez Tonelock Delay und ein Strymon Flint Tremolo & Reverb.“

Tobias Hoffmanns Live-Effekte I
Tobias Hoffmanns Live-Effekte II
Schlagzeuger Jan Philipp © Lothar Trampert

Zurück zum neuen Album: Das neunminütige ,Dance‘ beginnt wie ein hypnotischer Miles-Davis-Track aus der ,Bitches Brew‘-Phase. 1970/71 werden sich Tobias‘ Eltern noch nicht gekannt haben, daher musste John McLaughlin den Gitarristen-Job übernehmen. Seit ,… makes you‘ wissen wir, mehr oder weniger, wie das legendäre Zeitenwende-Album mit Surf-Gitarre geklungen hätte. Die Band improvisiert sich hier immer mehr in düstere Untiefen, und rückblickend auf den vorigen Track weiß man jetzt, dass Ertrinken halb so schlimm ist wie dieser Tanz am Abgrund. Was für ein cooles Stück! Haben Miles Davis & ,Bitches Brew‘ bei ,Dance‘ irgendeine Rolle gespielt, als Inspiration?

Tobias: „Definitiv! Dieses Album ist unheimlich wichtig für mich und nach wie vor eine große Inspiration. Und klar, ,Dance‘ ist genauso ein Riff/One-Chord Stück mit dem wir sehr frei einfach jammen konnten. Jan kam dann mit diesem tollen, fetten Schlagzeug-Groove, und das hat einfach Spaß gemacht.“

Es folgt ,Cry‘, eine sehr harmonische Ballade, wieder eingeleitet von einem schönen Gitarrenthema mit etwas Folk-Touch, das dann aber doch harmonisch anspruchsvoll abbiegt. Wie die Minimalistischen Vier hier mit wenigen Töne extrem tiefgehende, berührende Atmosphären schaffen, irgendwo zwischen den Stilen, ist absolut beeindruckend.

An der Hammond: Benjamin Omerzell © Salon De Jazz

Verspielt und von einem merkwürdigen Effekt-Sound durchzogen leitet das 95 Sekunden kurze ,Reappear‘ dann weiter zu ,Believe‘, mit knapp zehn Minuten der längste Track dieses Albums. Der baut sich langsam auf, zwischen den Instrumenten ist ganz viel Raum, und ungefähr in der Mitte des Tracks mutiert ,Believe‘ passend zum Titel, zu einem souligen Gospel-Stück, mit Reverend Tobis Gitarre als improvisierendem Prediger und der Orgel als Gemeinde-Chor, der immer wieder „Oh yeah!“ wiederholt. Dieses Stück hat eine unglaubliche Intensität und Wärme. Wo kam die Idee zu ,Believe‘ her?

Tobias: „Ungefähr zur Zeit von ,Slow Dance‘ (2022) habe ich einige harmonische Ideen gefunden, nach denen ich lange gesucht hatte. Im Grunde könnte man sagen eine Art Blues-Harmonik im weitesten Sinne, aber im Grunde Akkordfolgen die sowohl im älteren Jazz, als auch im Gospel, oder Soul vorkommen könnten. Und so habe ich ab Mitte 2020 angefangen, unheimlich viele eigene Ideen und Stücke aus diesen harmonischen Entdeckungen zu entwickeln. Diese Stücke hört man hier auf dem Quartett Album, als auch bei ,Italy‘ (2023) und ,Start/Stop‘ (2025). Und ,Believe‘ geht natürlich definitiv in diese soulige Richtung mit einigen Akkord-Klischees, aber auch einigen abwegigen Chords, die aber immer die Bluesiness behalten. Ich arbeite übrigens auch an einem Buch über diese Blues-Harmonik.“

Das fast so lange Finale heißt ,Happy‘: Ich höre da ein Beatles-Fragmente raus, kurze Motive von ,Please Please Me‘ und ,Eleanor Rigby‘, dann, im furiosen crunchigen Gitarrensolo, John Scofield und Michael Landau, Robben Ford und Bill Frisell und (in homöopathischer Dosis) Derek Trucks – also alles, was glücklich macht.

TOBIAS HOFFMANN & DIE GITARREN

Tobias mit Stratocaster © Lothar Trampert

Tobias Hoffmann hat schon einige Auszeichnungen für seine Arbeit bekommen und ist seit 2021 Professor für Jazz/Pop Gitarre & Ensemble an der Staatlichen Musikhochschule Trossingen. Und für den YouTube-Channel „Vintage Guitar Oldenburg“ hat er schon einige hundert Videos produziert, in denen man neben sehr interessanten alten Instrumenten auch seine Art des Gitarrenspiels, im Duo mit sich selbst, genießen kann. Dabei hat er einige Erfahrungen gesammelt, was alte Gitarren angeht – und sicher auch gelernt, wie man Zugang zu unterschiedlichsten Instrumenten findet. Frage an Tobias: Wenn du, wie in diesen Videos, eine dir bisher unbekannte Gitarre ausprobierst, was sind dann die wichtigsten Kriterien, damit sie dir gefällt – oder nicht gefällt: Haptik, Schwingungsverhalten, Sound …?

Tobias mit Telecaster im Frederik Köster Quartett © Lothar Trampert

„Das kann ich so pauschal nicht sagen, und die einzelnen Parameter sind für mich auch nicht entscheidend, sondern nur, ob das Instrument mich anspricht, inspiriert und mit mir macht, dass ich es gerne spielen möchte“, antwortet Tobias. „Dann passieren im weiteren Verlauf im besten Falle Dinge wie: mir kommen gute oder andere Ideen, ich spiele besser, klinge besser, oder glaube zumindest ich tue es, wodurch ich mich besser fühle und vielleicht dann wirklich besser spiele. Und dann braucht man bei der Auswahl eines Instruments vielleicht auch ein bißchen Glück, oder auch Geduld, weil bestimmte Dinge sich erst nach ein paar Tagen, Wochen, Monaten zeigen, oder erst im Zusammenspiel mit anderen Musiker*innen und anderen Instrumenten zum Tragen kommen.“

Für viele Gitarristen sind ja Telecasters mit 3,9 kg untragbar, Les Pauls mit 3,9 kg aber ein Traum. Ähnliche individuelle „Ausschlusskriterien“ gibt es ja bei der Halsdicke. Meiner Meinung nach verhindert so ein hypersensibler Dogmatismus oft die Entdeckung großartiger Instrumente. Wie denkst du darüber?

Tobias mit Jazzmaster © Lothar Trampert

Tobias: „In Oldenburg kommen wir dieser Tage beim eintausendsten Video an. Mir war am Anfang garnicht bewusst, wie viel ich selber bei dieser Arbeit lerne, an Erfahrung sammle, und wie diese Arbeit auch meine Einstellungen zu Instrumenten verändert hat. Mir ist dann im Verlauf der Jahre erst klar geworden, wie flexibel ich geworden bin und wie ich mich mit vielen unterschiedlichen Gitarren recht schnell ,anfreunden‘ kann. Zum einen natürlich, weil ich gelernt habe mit unterschiedlichen Instrumenten in kurzer Zeit klarkommen zu müssen und zum anderen, und ich vermute das ist der eigentliche Grund, weil ich mich über die Jahre als Gitarrist verbessert habe und eine viel genauere Vorstellung von Sound und Ton bekommen habe. Das hat mich auch viel freier und entspannter gemacht. Ich glaube auch nicht mehr, dass es absolut ,großartige Instrumente‘ gibt, aber es gibt vielleicht ein großartiges Instrument genau für dich, oder eins für mich. Und ich habe bei mir selber gemerkt: Ich mag Instrumente, die eher unperfekt sind, die mir etwas abverlangen, die auf irgendeine Art eigen, oder sogar eigenwillig sind.“

Tobias mit seiner Old Craftsman Swingmaster von 1960

„Neulich habe ich meine Old Craftsman eine Zeit lang nicht gespielt und mich dann doch wieder gewundert, wie dick dieser Hals ist. Aber egal, nach fünf Minuten war es wieder bestens. Und klar, leichte Instrumente machen irgendwie einen schönen ersten Eindruck und bei extrem schweren wird es vielleicht wirklich schwierig, aber solang das alles im Rahmen ist , ist meine Toleranz da auf jeden Fall sehr hoch.“

Toleranz, Flexibilität, die Bereitschaft neue Wege zu entdecken und zu gehen, oder auch unterschiedliche Meinungen und Sichtweisen zu akzeptieren, ist ja momentan nicht gerade Zeitgeist. Und oft werden technische Neuheiten nicht nur extrem gehyped, sondern gleichzeitig alles andere, was letzte Woche noch der hot shit war, parallel dazu runtergeredet.

„Ich verfolge ja ein bisschen, wie da in der Gitarrenszene gerade heiß diskutiert wird, um die einzelnen Parameter und was alles beim Klang eine Rolle spielt, oder auch nicht“, erzählt Tobias weiter. „Das finde ich auch klasse, denn es zeigt ja, wie groß das Interesse an Gitarre und gutem Gitarrenklang ist. Trotzdem kam mir dann mal in den Sinn, es wäre ja so, als würden beim Fußball alle über die Beschaffenheit des Balles und dessen Material, berechnete Flugkurven etc. reden. Wenn man aber mal ein Tor schießen will, muss man noch ganz viele andere Dinge beachten, die ggf. auch entscheidender sind … Aber klar: Einen Ball brauchst du auf jeden Fall. Er ist wie die Gitarre ein Instrument. Wenn du eine Art findest, sie zu ,instrumentalisieren‘, zu deinen Zwecken zu nutzen, dann klingt es hoffentlich schön.“

„Mittlerweile hab ich ja das Gefühl, dass mich die meisten Leute über diese vielen Vintage-Videos kennen“, meinte Tobias in einem früheren Interview. „Ich denke, dass das echt eine schöne Sache ist, diese ganzen Instrumente und damit ja auch ein Stück Gitarrenhistorie dort zu verewigen. Außerdem ist der Channel einer der wenigen, wo ohne viel Gerede Musik auf Vintage-Instrumenten gemacht wird.“

Über das neue Album von The Tobias Hoffmann Quartet sollten jetzt ganz schnell noch einige Fans dazukommen. Denn diese CD ist einfach großartig. Makes me … happy!

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tobias-hoffmann.com
klaengrecords.de

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