Mit 79 Jahren veröffentlicht Lenny Kaye, seines Zeichens langjähriger Gitarrist der Patti Smith Group, sein erstes (!) Soloalbum. Dass er so lange auf diesen Schritt gewartet hat, wirkt zunächst verwunderlich. Wer ‚Goin‘ Local‘ hört, versteht jedoch schnell, warum dieses Album erst jetzt entstehen konnte.
Lenny Kaye gehört zu den prägenden Figuren der Rockgeschichte, auch wenn er selten im Rampenlicht stand. Seit einem halben Jahrhundert ist er Gitarrist an der Seite von Patti Smith, kuratierte mit Nuggets eine der einflussreichsten Garage-Rock-Compilations überhaupt, produzierte unter anderem Suzanne Vega, Soul Asylum und Jessi Colter und machte sich auch als Autor einen Namen. Mit Büchern wie ‚Lightning Striking‘ oder der Autobiografie von Waylon Jennings blickte er immer wieder auf die Geschichte der populären Musik zurück. Nun richtet er den Blick erstmals konsequent auf sich selbst.

Persönliche Sammlung von Songs
Dabei versteht Kaye ‚Goin‘ Local‘ ausdrücklich nicht als späten Nachtrag seiner Karriere. Im Gegenteil: „Ich fühle mich wie ein neuer Künstler“, sagt er. „Ich glaube, dieses Album wird diejenigen überraschen, die meinen, sie würden mich aufgrund meiner bisherigen Arbeit kennen. Die Songs sind sehr persönlich. Sie sind über viele Jahre hinweg entstanden, und ich habe sie all die Zeit für mich behalten.“
Diese persönliche Herangehensweise zieht sich durch alle zwölf Stücke. Viele Songs entstanden über Jahre hinweg, einige reichen bis zu frühen Sessions mit Produzent Tony Shanahan zurück, dem langjährigen Bassisten der Patti Smith Band. Andere schrieb Kaye erst, als er sich entschloss, das längst begonnene Album endlich fertigzustellen. Das Ergebnis ist kein Gitarrenalbum im klassischen Sinn, sondern eine sehr persönliche Sammlung von Songs, in denen Folk, Rock, Americana und Singer-Songwriter-Traditionen selbstverständlich ineinanderfließen.
Eine Reise nach innen
Prominente Unterstützung erhält Kaye dabei von langjährigen Weggefährten. Patti Smith schrieb gemeinsam mit ihm den Titel ‚Solstice‘ und setzt damit eine Zusammenarbeit fort, die bereits Klassiker wie ‚Free Money‘, ‚Ghost Dance‘ oder ‚Radio Ethiopia‘ hervorgebracht hat. Weitere Gäste sind unter anderem Jazzpianist Matthew Shipp, David Mansfield, Tim Carbone und John Jackson von den Jayhawks.
Auch der Albumtitel beschreibt Kayes Haltung. Über den eigenwilligen Titelsong sagt er: „Ich habe das Lokale schon immer geliebt – seine Nähe und seinen Gemeinschaftssinn. Für mich bedeutet ‚Goin‘ Local‘ vor allem das Privileg, in meinen eigenen Gedanken einzutauchen und zu hören, wie ich für mich selbst klinge.“ Die eigentliche Reise führt also nicht an einen geografischen Ort, sondern nach innen – zu den eigenen Erinnerungen, Erfahrungen und Geschichten.
Dass Kaye erst mit 79 Jahren ein Solodebüt veröffentlicht, erscheint deshalb fast folgerichtig. Über Jahrzehnte definierte er sich vor allem als Begleiter, Produzent, Kurator und Chronist. ‚Goin‘ Local‘ ist nun der Moment, in dem all diese Erfahrungen zu einer eigenen musikalischen Stimme zusammenfinden. Gitarrist setzt Kaye diese für gewöhnlich übrigens über eine spezielle Fender Stratocaster, die nur über den Mittel-Pickup verfügt, in Kombination mit einem Marshall JCM900 um. Für Gitarristen ist das Album dabei weniger wegen virtuoser Soli interessant als wegen der Persönlichkeit, die in jedem Song hörbar wird. – und wegen eines Musikers, der nach einem halben Jahrhundert im Dienst anderer Künstler quasi noch einmal ganz von vorne beginnt.
Tracklist
01. Goin‘ Local
02. This Love
03. If I Were You
04. Let’s Make a Memory
05. A Friend Like You
06. Be That As It May (May Day)
07. Solstice
08. World Book Night
09. Pennsylvania Girls
10. Poppy
11. The Things You Leave Behind
12. Yes I Will
Album-VÖ: 17.07.2026
Label: Yep Roc
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